Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

DFP-Literaturstudium: Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter

DFP-Literaturstudium: Psychopharmaka im Kindes- und Jugendalter

Die psychopharmakologische Behandlung von kinder- und jugendpsychiatrischen Erkrankungen stellt eine unverzichtbare Säule in einem multimodalen Behandlungskonzept dar. Neben den wichtigen Entwicklungsaspekten müssen auch rechtliche Überlegungen – in/off label use – berücksichtigt werden.

Gemäß dem bio-psycho-sozialen Grundkonzept, das besonders in der Kinder- und Jugendpsychiatrie angewandt wird, müssen sämtliche Bereiche entsprechend beachtet werden (Gerlach, 2008; Herpetz-Dahlmann, 2008). Dies bedeutet einen hohen diagnostischen und therapeutischen Aufwand, der im Fachgebiet der Kinderund Jugendpsychiatrie Standard sein sollte. Entsprechend einem „diagnostischen Puzzle“ (Toifl, 1995) ergeben sich, nach der entsprechenden Diagnostik, Konsequenzen für den Einsatz von unterschiedlichen therapeutischen Mitteln in den unterschiedlichen Bereichen.

Unverzichtbare Bestandteile der Behandlung sind nicht medikamentöse Maßnahmen und Therapien. In der Regel müssen diese für den Patient und sein Umfeld angeboten werden. Dazu zählen pädagogische Interventionen und Schulungen, Psychoedukation, Psychotherapie, soziale Interventionen etc. Erfolgt die Behandlung evidenzbasiert und gemäß internationalen Leitlinien, ist oft ein gestuftes Model anzuwenden. Stufenabhängig wird dann zumeist auch die pharmakologische Behandlung miteingeschlossen. Ausschlaggebend für den zusätzlichen Einsatz von Psychopharmaka im Rahmen des Gesamtbehandlungskonzepts sind Art und Intensität der Erkrankung oder von Symptomen, Wissen über den Verlauf der Erkrankung (Gefahr der Chronifizierung oder des Wiederauftretens etc.), Komorbiditäten, Ausmaß der Einschränkung, Akuität (z.B. Vorliegen von Selbst- und Fremdgefährdung), Alter und Compliance von Patienten sowie rechtliche Überlegungen („Off label“-Problematik).

Darüber hinaus ergibt in vielen Therapiestudien bei unterschiedlichen Erkrankungen wie ADHS, Depression, (Reinecke, 2005; Clarke, 2005) die Kombination von nicht medikamentösen und medikamentösen Maßnahmen die besten Ergebnisse. Die Verfügbarkeit von notwendigen Ressourcen (z.B.ausreichende Behandlungsplätze mit ausreichendem qualifiziertem Personal, das Vorhandensein von kostengünstiger Psychotherapie, Psychoedukation, pädagogischer Unterstützung, Erziehungs- und Sozialberatung etc.) ist, wie aus vielen Studien bekannt, ebenfalls eng mit dem Ausmaß des Einsatzes von Psychopharmaka verbunden.

Die Verwendung und vor allem die Dosierung von Psychopharmaka entspricht dann vielfach nicht den internationalen Behandlungsrichtlinien, wird aber in der klinischen Praxis – aufgrund der beschränkten Ressourcen und der einschränkenden psychopathologischen Symptomatik – in Ermangelung von Alternativen durchgeführt. Dies ist zu hinterfragen und generell abzulehnen. Vonseiten der Behandler und vor allem der Fachgesellschaften sollten dann die benötigten Ressourcen von den gesundheitspolitischen Entscheidungsträgern eingefordert werden.

Besonderheiten der Psychopharmabehandlung

Der in der Pädiatrie seit der Gründung des Fachgebiets gültige Grundsatz „Kinder sind keine kleinen Erwachsenen und Jugendliche keine großen Kinder“ gilt ohne Einschränkung und selbstverständlich auch für die Kinderund Jugendpsychiatrie. Sowohl für das Verständnis von alters- und entwicklungstypischen psychopathologischen Symptomen als auch beim Einsatz von Psychopharmaka müssen Besonderheiten des kindlichen und jugendlichen Organismus Beachtung finden. Daten und Erfahrungen aus dem Erwachsenenbereich können nicht einfach auf Kinder und Jugendliche heruntergebrochen werden. Für die Pharmakotherapie bedeutet das, dass eine körpergewichts- oder körperoberflächenbezogene Umrechnung von Dosisempfehlungen für Erwachsene an den spezifischen Bedürfnissen der kindlichen/jugendlichen Patienten vorbeigeht.

Aufgrund der generell dünnen Datenlage und schwierigen Zulassungssituation ist die Berücksichtigung alters- und entwicklungstypischer Besonderheiten von Pharmakokinetik und Pharmakodynamik unerlässlich. Pharmakokinetik sowie Pharmakodynamik sind von physiologischen Besonderheiten im Organismus von Heranwachsenden abhängig (Seyberth, 2002). International werden fünf Entwicklungsstadien nach der International Conference of Harmonization (ICH) im Kindes- und Jugendalter unterschieden. Nur zwei davon (Kindesalter 2–11 Jahre sowie Adoleszenzalter 12–18 Jahre) sind für die Kinder- und Jugendpsychiatrie relevant. Im Vordergrund stehen die unterschiedlichen Verteilungsvolumina sowie Größenverhältnisse der inneren Organe, das sich entwickelnde Gehirn mit seinen Rezeptorsystemen und Neurotransmittern sowie, bei den Jugendlichen, die endokrinologische Umstellung in der Pubertät.

Pharmakokinetik: Veränderte Magenentleerungsgeschwindigkeit, „Gastric pH“, Gallensäure-Sekretion und Pankreasenzymfunktionen (Milsap et Jusko, 1994) führen zu einer deutlich erhöhten gastrointestinalen Resorption (Berlin, 2009; Gerlach et al., 2009), was vor allem bei oraler Medikation zu großen Divergenzen hinsichtlich „peak concentration“ sowie der dosisbezogenen Plasmaspiegeln führen kann. Die Speicherung lipophiler Substanzen ist im Kindesalter vermindert, wodurch sich z.B. die verkürzte Halbwertszeit für Benzodiazepine – HWZ Diazepam: Säuglinge ca. 12 Stunden, Kinder ca. 17 Stunden, Erwachsene ca. 24 Stunden (Morselli, 1978) – erklären lässt (Gerlach et al., 2009).

Die veränderte Arzneimittelverteilung im Körper wird durch die altersabhängigen erheblichen Verschiebungen der Verhältnisse Gesamtkörperwasser: Muskelmasse:Fett bedingt (Berlin, 2009; Seyberth, 2008). Außerdem unterliegt auch die Hirn/Körpergewicht- Ratio entwicklungsphysiologischen Veränderungen (Stephenson, 2005). Bei Kindern besteht eine erhöhte renale Exkretionsrate sowie ein effektiverer hepatischer Arzneimittelmetabolismus (größere Leber in Relation zum Körpergewicht). Dies führt zu einem rascheren Abbau der Substanzen und zu sehr niedrigen „Talspiegel“ (nachgewiesen bei Chlorpromazin, Nortriptylin, Clomipramin) (Rivera-Calimlin, 1979). Allgemein besteht im Kindesalter das Phänomen der gesteigerten „Ganzkörper-Clearance“ (Seyberth, 2008).

Gemeinsam mit teilweise überschießenden Entwicklungsprozessen führt dies zu einem insgesamt stark gesteigerten Arzneimittelmetabolismus (Gerlach et al., 2009; Seyberth, 2008). Das Protein-Bindungsvermögen ist bei Kindern niedriger ausgeprägt als bei Erwachsenen – dies führt zu einer erhöhten Bioverfügbarkeit und kann zu Überdosierung führen. Die Folgen des genetischen Polymorphismus des Cytochrom-P450-(CYP)-Systems sind „poor metabolizers“ und „extensive metabolizers“ (Schwab, 2002), die entsprechend langsam oder rasch Psychopharmaka abbauen. Es liegt auch eine altersabhängige Aktivität (Steigerung mit Alterszunahme) dieser unterschiedlichen Enzymsysteme vor.

Durch all diese Faktoren liegen sehr unterschiedliche Blutspiegel unterschiedlicher Psychopharmaka bei gleicher Dosierung vor (Bachmann, 2008). Eine individuelle Anpassung mithilfe von therapeutischem Drug-Monitoring (TDM) wird daher empfohlen. Von einer Korrelation der Blutspiegel mit der Wirkkonzentration im Gehirn und somit der klinischen Wirkung wird ausgegangen. Für die Trizyklika Nortriptylin, Imipramin und Desipramin konnte dies nachgewiesen werden (Baumann, 2004).

Pharmakodynamik (Tabelle 1): Die pharmakodynamischen Veränderungen sind geprägt durch die altersbezogene Hirnentwicklung: Im Kindesalter – als Ausdruck einer „Back-to-front“-Ausreifung – ist eine Volumenszunahme der grauen Substanz (Shaw et al., 2008) zu beobachten; im Jugendalter dagegen ein „pruning“ – also Abbau (Rapoport, 2009; Marsh, 2008). Erst im Erwachsenenalter stellt sich – regionsbezogen – eine relative Stabilisierungsphase ein (Gerlach et al., 2009). Parallel dazu findet sich durch die kontinuierliche Myelinisierung eine Massenzunahme der weißen Substanz (Marsh et al., 2008). Auch die Ausreifung der Transmittersysteme zeigt einen altersabhängigen Verlauf (Sharma, 2005; Anderson, 2005).

tabelle01

Rezeptorantworten und Rezeptordichte verändern sich ebenfalls im Laufe der Entwicklung (Gerlach et al., 2009). Bekannt ist auch, dass die GABAerge Inhibition im Kindesalter deutlich vermindert ist (Mall, 2007). Inwiefern Psychopharmaka das Ansprechen von sich entwickelnden Rezeptorsystemen beeinflussen (Sensibilisierung/ Desensibilisierung), bleibt zu diskutieren. Neurogenetische, neuroprotektive, aber auch neurotoxische Effekte einzelner Substanzen werden tierexperimentell beschrieben (Ludolph, 2006; Schaz, 2008). Während der ersten Lebensjahre findet sich zudem an der Blut-Hirn- Schranke eine erhöhte Permeabilität (Ginsberg, 2004).

Rechtliche Aspekte

Viele moderne Psychopharmaka können im Kindes- und Jugendalter, aufgrund der Zulassungssituation, nur „off label“ eingesetzt werden. Die fehlende Studien- und Zulassungssituation bedeutet generell, dass Kinder und Jugendliche einem erhöhtem Risiko für unwirksame Pharmakotherapie und unerwünschte Nebenwirkungen (UAWs) ausgesetzt sind. Mit der „Off label“-Anwendung entfällt die Haftung des Herstellers. Eine genaue und individuelle Kosten-Nutzen-Analyse muss erstellt werden (auf Basis von vorhandenen kinder- und jugendpsychiatrischen Studien, Leitlinien von Fachgesellschaften, Kasuistiken, klinischen Erfahrungen, Studien im Erwachsenenbereich etc.), um den Bezugspersonen und Betroffenen entsprechende Empfehlungen abgeben zu können (Fegert, 1999).

Rechtlich ist eine „erweiterte“ Aufklärung notwendig, die auch entsprechend dokumentiert werden muss. Anzuraten sind strukturierte engmaschige somatische Kontrollen (Blutparameter, EKG, RR, Puls, ev. EEG) vor und nach der medikamentösen Einstellung.

Neuroleptika/Antipsychotika

Antipsychotika (Tabelle 2) werden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie in unterschiedlichen Indikationen eingesetzt: bei Schizophrenie und generell bei psychotischen Zuständen, bei Zustandsbildern mit Affektlabilität und gesteigerter Irritabilität (PTSD, Persönlichkeitsstörungen), bei bipolaren Störungen, bei impulsiven Erregungszuständen, zur Sedierung und Beruhigung sowie als schlaffördernde Medikation. Grundsätzlich wird die Verwendung moderner Atypika (SGA) bevorzugt, ältere Substanzen werden, trotz zuweilen aufrechter Zulassungssituation, wegen dem ungünstigen Nebenwirkungsprofil nicht mehr empfohlen. Ausnahmen stellen die kurzfristige Verabreichung von Chlorprothixen (zugelassen ab dem 3. Lebensjahr, jedoch nur bei „zwingender Indikation“) bei Aggression und Raptuszuständen (zur Beruhigung und Sedierung) dar.

tabelle02

Einige wenige Substanzen können, weil (nach entsprechenden Studien) eine Zulassung für Kinder/Jugendliche vorliegt, „in label“ verwendet werden. Zulassung für Patienten unter 18 Jahren mit der Diagnose „Schizophrenie“ bestehen nur für Aripiprazol (ab 15 Jahren), Amisulprid (ab 14 Jahren), Clozapin (ab 14 Jahren – bei Therapieresistenz auf zwei unterschiedliche Antipsychotika). Die primäre antipsychotische Wirkung beruht auf der hohen Affinität zu D2- und 5-HT2A-Rezeptoren. Die antipsychotische Wirksamkeit der Atypika im Kindes- und Jugendalter ist vergleichbar – mit Ausnahme der besseren Wirkung von Clozapin (Anwendungsrichtlinien s.o.).

Die Wirksamkeit von Atypika bei bipolaren Erkrankungen – vor allem bei zusätzlicher psychotischer Symptomatik – ist für viele Substanzen belegt. Amerikanische Diagnosegewohnheiten, Zustände von erhöhter Reizbarkeit und Irritierbarkeit („Temper dysregulation disorder“) bereits bei Vorschulkindern zum Spektrum der BP-Störungen zu zählen, haben sich in Europa nicht durchgesetzt und werden sehr kontroversiell diskutiert. Die Zulassungen von Ziprasidon (ab dem 10. Lebensjahr) und Aripiprazol (ab dem 12. Lebensjahr) für BP-Störungen ist unter diesem Aspekt zu sehen. Betrachtet man die Wirkung von Atypika auf aggressivimpulsives Verhalten (bei Störungen des Sozialverhaltens, oppositioneller Störung, ADHS etc.) – eine in der klinischen Kinder- und Jugendpsychiatrie häufige und sehr einschränkende Problematik –, so gibt es gute Evidenz von Risperidon bei intellektuell eingeschränkten Kindern/Jugendlichen (dafür besteht auch eine Zulassung: Medikation für sechs Wochen; Dosis, altersabhängig: 0,25–1,5mg/d) und bei Kindern/Jugendlichen mit Störungen aus dem Autismusspektrum.

Nur mäßige Evidenz (keine validen randomisierten kontrollierten Studien (RCT) und keine Zulassungen) existiert zu anderen Atypika bei Patienten mit eingeschränkter Intelligenz und generell zu impulshafter Aggressivität bei normalbegabten Kindern/Jugendlichen (McKinney, 2011; Loy, 2012). Am häufigsten wird – alternativ – aufgrund des recht günstigen Nebenwirkungsprofils – Aripiprazol angewandt. Es existieren jedoch nur einige wenige „offene“ Studien mit nur kleinen Fallzahlen und signifikanten Ergebnissen (Findling, 2003; 2008; Kupermann, 2011) und keine validen RCTs (es besteht auch keine Zulassung).

Atypika zeigen starke Unterschiede in den Nebenwirkungen (Fragas, 2011; McKinney, 2011; Zudas, 2011), basierend auf den unterschiedlichen Rezeptorprofilen: Gewichtszunahme: Olanzapin>Clozapin>Risperidon> Quetiapin>Aripiprazol Prolaktinerhöhung: Risperidon>Olanzapin; neutral: Clozapin, Quetiapin, Aripiprazol EPS: Risperidon>Olanzapin>Aripiprazol – alle SGA besser als FGA Sedierung: Clozapin>Olanzapin>Risperidon>Quetiapin> Ziprasidon>Aripiprazol Somit muss sich die Verwendung unterschiedlicher Substanzen am klinischen Zustandsbild und dem Wirk- und Nebenwirkungsprofil orientieren. Die Zulassungssituation ist dabei allerdings auch zu beachten!

Antidepressiva

Stimmungsaufhellende, antidepressive Substanzen werden in der Kinder- und Jugendpsychiatrie vor allem in Form von selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRIs) bei Depressionen, Zwangserkrankungen, Angststörungen und PTSD verwendet. Als gut wirksam erwiesen sich Sertralin (Wagner, 2003), Citalopram (Wagner, 2004) und Fluoxetin (Emslie, 2002). Metastudien (Whittington, 2004; Hammad, 2006) haben ein (leicht) erhöhtes Risiko für Suizidalität („suicidal idiation“) bei depressiven Jugendlichen ergeben – mit Ausnahme von Fluoxetin (diese Substanz ist auch „in label“ anzuwenden).

antidepressiva

Erklärt wird dies unter anderem mit einer leicht aktivierenden, antriebssteigernden Eigenschaft – vor Einsetzen der antidepressiven Wirkung. Eine vorsichtige Nutzung mit zu Beginn engmaschigen (1x wöchentlichen) Kontrollen wird empfohlen. Sertralin ist für Zwangserkrankung im Kindes- und Jugendalter zugelassen, nicht jedoch für die Behandlung von Depressionen („off label use“). Zu beachten sind unbedingt Halbwertszeit und Interaktionen der SSRI. So blockiert z.B. Fluoxetin, ein SSRI mit langer Halbwertszeit (4–6 Tage), eine Reihe von hepatischen CYP-450-Enzymen und kann dadurch zu massiver Interaktionsproblematik führen.

Trizyklische Substanzen sind – aufgrund der Toxizität und der Nebenwirkungen – nicht mehr indiziert. Auch wird deren Einsatz bei Enuresis nocturna nicht mehr empfohlen. Moderne Antidepressiva mit dualen Wirkmechanismen sind trotz erster Wirknachweise (Trazodon, Venlafaxin) wenig untersucht (Rynn, 2002; Emslie, 2004; Mandoki, 1997). Phytopharmaka wie Johanniskraut (Wirkstoff: Hyperforin) sind trotz unbefriedigender Studienlage und beachtenswerten Nebenwirkungen (z.B. Photosensibilität oder Wechselwirkungen, wie abgeschwächte Wirkung der Kontrazeptiva etc.) bei leichter bis mittlerer Depression für Jugendliche zugelassen. Ein regelhaftes klinisches Monitoring in Bezug auf Wirkung/Nebenwirkungen ist auch hier indiziert.

Mood-Stabilizer

„Stimmungsstabilisierende“ Medikamente werden vor allem in der Indikation „bipolare Störungen“ angewandt. Dieses Krankheitsbild kann ab dem 12. Lebensjahr auftreten, sehr häufig beginnend mit depressiven Episoden. Die Diagnostik ist dann schwierig. Bei Hinweisen auf eine vorangegangene (hypo-)manische Phase und/oder positive Familienanamnese sollten antidepressive Substanzen sehr zurückhaltend eingesetzt werden (Gefahr des Auslösens von affektiven Schwankungen, wie manischen Phasen). Empfohlen wird dann der Einsatz von Mood-Stabilizern, wie Lithium (zugelassen ab 12 Jahren) oder atypische Neuroleptika (s.o.). Weiters werden antiepileptische Substanzen wie Valproinsäure und Carbamazepin (beides „off label“ in der Indikation BP-Störung bei Kindern/Jugendlichen) und auch Lamotrigin (keine Evidenz bei manischen Phasen, ebenfalls „off label“) eingesetzt.

Unbedingt beachtenswert ist das Ausmaß der Compliance der Patienten, das den Einsatz des mit hoher Evidenz (Geller, 1998; Kowatch, 2000) wirksamen Lithiums einschränkt. Non-Compliance mit plötzlichem Absetzen, Überdosieren oder mangelhaften Flüssigkeitsregime kann zum Auslösen von affektiven Phasen und zu schweren Intoxikationen führen. Die Evidenz hinsichtlich Wirksamkeit von Mood-Stabilizern bei impulshaftem aggressivem Verhalten bei Kindern/ Jugendlichen ist nicht gut belegt. So ergibt eine Metastudie (Hunband, 2014) lediglich für eine randomisierte kontrollierte Studie mit Valproinsäure signifikante Ergebnisse (Donovan, 2000). Eine Studie von Masi (2009) zeigt dies auch für Lithium, allerdings wird auch von Nebenwirkungen wie Polydipsie und Schilddrüsenstimulation berichtet.

ADHS-Medikamente

Medikamentöse Therapie (Tabelle 3) von ADHS (in Kombination mit nicht medikamentösen Maßnahmen) gehört zu den langjährig gut etablierten und hochwirksamen Therapien in der Kinder- und Jugendpsychiatrie. „In label“ stehen Substanzen aus der Gruppe der Stimulantien (Methylphenitat, Amphetamin) und Nicht-Stimulantien (Atomoxetin) zu Verfügung. Beide Substanzen zeigen gute Wirksamkeit auf die Kernsymptomatik von ADHS (Hyperaktivität, Aufmerksamkeit, Impulsivität). Die Wirkung wird über eine Verstärkung der Wirkung von Noradrenalin (NA) und Dopamin (DA) – über zentrale Blockade der Transporter/präsynaptischen Rezeptoren – erreicht.

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Zusätzlich findet eine Stimulation des Vegetativums statt. Stimulantien gelten aufgrund ihrer guten Wirksamkeit als „First-line“-Medikation bei ADHS. Sie fallen aufgrund ihres Missbrauchspotenzials unter die Suchtgiftverordnung und müssen mittels Suchtgiftrezept verordnet werden. Eine bestehende Suchtproblematik stellt eine Kontraindikation dar. Neben den kurzwirksamen Substanzen (mehrmals tägliche Verabreichung nötig), existieren seit einigen Jahren Retard- Formulierungen. Diesen sollte (nach der Einstellungsphase und Dosisfindung mit den kurzwirksamen Substanzen) der Vorzug gegeben werden. Atomoxetin ist ein NA-Wiederaufnahmehemmer mit indirekter Wirkung auf das DA-System. Es hat kein Suchtpotenzial, ist langwirksam, benötigt allerdings 6–10 Wochen, bis die völlige Wirkung einsetzt. Es gilt als „Second-line“- Therapie.

Bei Appetitstörungen, Schlafstörungen, komorbider Angst und Depression sowie bei Tic-Störungen ist eine Umstellung zu überlegen. Generell können bei beiden Substanzen ähnliche Nebenwirkungen (Kopfschmerzen, Appetitstörungen, Übelkeit, Schlafstörungen, RR/Puls-Erhöhung etc.) auftreten, wobei diese bei Patienten – substanzbezogen – sehr individuell ausgeprägt sein können. Zusätzlich werden „Off label“-Substanzen wie Clonidin, Guanfacin (zentrale Alpha-2-Agonisten) als „Reservepräperate“ bei Therapieversagen angewandt, Nebenwirkungen wie Müdigkeit und Blutdrucksenkung müssen dabei beachtet werden. Inwiefern Stimulantien auch bei impulshafter Aggression (bei Störung des Sozialverhaltens, oppositioneller Störung etc.) eingesetzt werden sollen (es bestehen diesbezügliche Empfehlungen, Leitlinien der DGKJP), sollte diskutiert werden.

Benzodiazepine

Benzodiazepin sollten nur unter engmaschiger ärztlicher Kontrolle und kurz (einige Tage/Wochen) in bestimmten Indikationen eingesetzt werden. Sie sind unverzichtbare Medikamente der Akutpsychiatrie (Angstlösung, Beruhigung). Hier werden vor allem Diazepam, Lorazepam und Clonazepam oral/parenteral angewandt. Zu beachten sind mögliche paradoxe Reaktionen vor allem bei Kindern und bei Patienten mit zerebraler Vorschädigung – es kann dann zu verstärkter Agitation kommen. Bedarfsmäßig eingesetzt und niedrigdosiert kann das kurzwirksame Alprazolam bei Angststörungen und Panikattacken (in Kombination mit SSRI) gute Ergebnisse erbringen („off label use“!).

benzodiazepine

Generell zu beachten sind das potenzielle Suchtpotenzial sowie eine mögliche Kumulation (vor allem langwirksame Benzodiazepine). Als „in label“ für psychische Erkrankungen gilt Diazepam (ab sechs Monaten) bei Angst und Erregungszuständen sowie (eingeschränkt) Lorazepam bei Angstzuständen (ab drei Jahre). Diese beiden und einige zusätzliche Benzodiazepine haben auch eine Zulassung für Epilepsie im Kindes- und Jugendalter.

Zusammenfassung

Die psychopharmakologische Behandlung von kinderund jugendpsychiatrischen Erkrankungen stellt eine unverzichtbare Säule in einem multimodalen Behandlungskonzept dar. Neben den wichtigen Entwicklungsaspekten müssen auch rechtliche Überlegungen – „in/off label use“ – berücksichtigt werden. Die Zulassungssituation ist aufgrund fehlender Initiativen der Hersteller und der Gesundheitssysteme unbefriedigend! Kinder und Jugendliche werden dadurch erhöhten Risiken ausgesetzt.
Die individuelle medikamentöse Therapie basiert auf exakter Diagnostik mit Identifizierung der Zielsymptome, beachten von Wirk- und Nebenwirkprofil sowie auf einer fundierten Aufklärung von Patienten und Angehörigen. Nur die notwendige Compliance sichert eine erfolgreiche Therapie.

Literatur beim Autor

Foto: Barbara Krobath

Prim. Dr. Ralf Gößler
Kinder- und Jugendpsychiatrie Rosenhügel mit Behindertenpsychiatrie für Erwachsene, Neurologisches Zentrum Rosenhügel, Krankenhaus Hietzing, Wien E-Mail: ralf. goessler@wienkav. at

 

 

Lecture Board: Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz, Univ.-Prof. Dr. Kathrin Sevecke

Ärztlicher Fortbildungsanbieter: Klinische Abteilung für Biologische Psychiatrie, Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien

 

 

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