Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

„Es gab noch nie so rasante Fortschritte“

„Es gab noch nie so rasante Fortschritte“

Univ.-Prof. Dr. Stefan Kiechl von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck ist seit Jänner 2016 Präsident der Österreichischen Schlaganfall-Gesellschaft (ÖGSF). Seine Forschungsschwerpunkte liegen in der Schlaganfallversorgung, Gefäßalterung, den Risikofaktoren und Pathomechanismen von Arteriosklerose und Herz-Kreislauf-Erkrankungen und der Entdeckung neuer Biomarker. Dem Tiroler ist unter anderem die flächendeckende Umsetzung der endovaskulären Thrombektomie in Österreich ein Anliegen.

CliniCum neuropsy: Was waren die Meilensteine in der Schlaganfallforschung der letzten Jahre, und wie hat sich das in der Versorgung niedergeschlagen?

Kiechl: In der Schlaganfallforschung hat es noch nie so rasante Fortschritte gegeben wie in den letzten zwei Jahren. Zu nennen sind:

  • die Etablierung der endovaskulären Thrombektomie als evidenzbasierte Akuttherapie des Schlaganfalls bei PatientInnen mit proximalen Verschlüssen der basalen Hirngefäße;
  • der Nachweis, dass im Rahmen einer integrierten Schlaganfallversorgung durch verbessertes Schnittstellenmanagement und Prozessoptimierung die Heilungschancen der PatientInnen verbessert werden können;
  • enorme Fortschritte in der Schlaganfallvorbeugung, insbesondere die Einführung der direkten Antikoagulantien und neue Strategien in der Behandlung der Hyperlipidämie.

Welche Ziele verfolgt die ÖGSF, und welche persönlichen Prioritäten haben Sie sich gesetzt?

Die ÖGSF ist eine kontinuierlich wachsende Gesellschaft mit nunmehr über 200 Mitgliedern. Die Ziele sind breit gefächert und reichen von der Förderung der Schlaganfallforschung in Österreich und Ausrichtung der jährlichen Wissenschaftlichen Tagung, über konsequente Öffentlichkeitsarbeit bis hin zu einer weiteren Optimierung der Schlaganfallversorgung in Österreich, die bereits als eine der besten in Europa gilt. Die Gesellschaft erstellt Versorgungskonzepte, unterstützt die Umsetzung neuer Therapiestrategien in der klinische Routine und engagiert sich in Fortbildungsaktivitäten und Qualitätskontrolle, zum Beispiel durch die Auswertungen des Stroke-Uni-Registers, Benchmark-Sitzungen und jährliche Stroke-Unit-Betreibertreffen und aktuelle Stellungsnahmen zu neuen Therapieverfahren (Positionspapier).

Die Gesellschaft versteht sich als Plattform nicht nur für Ärzte, sondern auch für andere Berufsdisziplinen, die an der Schlaganfallversorgung mitwirken (Pflege, Therapeuten, Rettungssanitäter) und richtet seit Jahren ein eigenes Pflegesymposium und rezent auch ein Therapeutensymposium aus. Ich möchte die erfolgreiche Arbeit der letzten Jahre fortsetzen und sehe besondere Herausforderungen in der flächendeckenden Umsetzung der endovaskulären Thrombektomie in Österreich, in weiteren Qualitätsverbesserungen im Bereich der Nachsorge von SchlaganfallpatientInnen (Disease-Management-Konzepte, Aufbau einer ambulanten Rehabilitation), in der Ausbildung von JungärztInnen und in einer noch intensiveren Zusammenarbeit mit den anderen Berufsdisziplinen. Es wäre auch sehr erfreulich, wenn aufbauend auf das hervorragende Stroke-Unit-Netzwerk in Österreich, landesweite Forschungsprojekte und Interventionsstudien umgesetzt werden könnten.

In welchen Bereichen wird am Forschungsstandort Innsbruck geforscht?

Highlights der Schlaganfallforschung in Tirol sind die rezente Publikation im „Lancet Neurology“ zum Tiroler Schlaganfallpfad (Lancet Neurol 2015; 14:48–56, siehe Kasten, Anm.) und die Durchführung des Stroke-Card-Projektes (gemeinsam mit dem KH der Barmherzigen Brüder in Wien), dem derzeit größten registrierten Post-Stroke-Disease- Management-Programm (NCT02156778) mit dem Ziel, Spätkomplikationen zu vermeiden und die Sekundärprävention zu optimieren. Im Jahr 2014 ist es uns gelungen, ein hoch dotiertes Forschungszentrum für Gefäßalterung nach Innsbruck zu holen (Exzellenzinitiative COMET der FFG), das zu einem der führenden Zentren in der Schlaganfall- und Gefäßforschung in Europa ausgebaut werden soll.

Was tut sich in der internationalen Schlaganfall-Community?

Nach dem großen Erfolg des ersten Kongresses der Europäischen Schlaganfall Organisation (ESO) 2015 in Glasgow mit mehr als 3.000 TeilnehmerInnen freuen wir uns auf den zweiten Kongress, der im Mai 2016 in Barcelona stattfinden wird. Zeitgleich mit dem Kongress wird ein eigenes wissenschaftliches Journal der ESO seine Arbeit aufnehmen und als breites Forum für die Schlaganfallforschung in Europa dienen. Mit Prim. Univ.-Prof. Dr. Dr. h.c. Michael Brainin wird ein Österreicher demnächst Präsident der Welt-Schlaganfall-Organisation (WSO).

Vielen Dank für das Interview!

Der Tiroler Schlaganfallpfad im internationalen Rampenlicht

Die weltweite Spitzenstellung der Tiroler Schlaganfallversorgung hat das „Lancet Journal“ bestätigt.
In Tirol erleiden 1.600 Menschen pro Jahr einen Schlaganfall. Die Heilungschancen haben sich seit der Einführung der innovativen Tiroler Schlaganfallversorgung im Jahr 2009 wesentlich verbessert. So werden 50 Prozent der Betroffenen wieder vollkommen gesund. „Im Tiroler Schlaganfallpfad konnte erstmals überzeugend belegt werden, dass eine integrierte Schlaganfallversorgung dem Patienten nützt und die Wahrscheinlichkeit einer kompletten Genesung erhöht. Darin liegt der große wissenschaftliche und praktische Wert unserer Arbeit“, informiert Univ.- Prof. Dr. Johann Willeit von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck bei einer Pressekonferenz Anfang Dezember.
Durch die perfekt abgestimmten Abläufe des Tiroler Schlaganfallprogrammes konnte auch die Thrombolyserate deutlich gesteigert werden.
„Der Anteil von Schlaganfallpatienten, die eine Thrombolysetherapie erhalten, ist in Tirol deutlich höher als anderswo in Europa oder Nordamerika. Dies wurde durch eine einzigartige Teamleistung aller, die im Tiroler Schlaganfall-Netzwerk beteiligt sind, ermöglicht und ist beispielgebend für andere Länder und Regionen“, hält Univ.- Prof. Dr. Stefan Kiechl von der Universitätsklinik für Neurologie in Innsbruck fest. Der Tiroler Schlaganfallpfad legt seit 2009 die Diagnose- und Behandlungsabläufe vom Akutereignis, Prähospital, im Krankenhaus bis hin zur ambulanten Rehabilitation fest.
Laut dem Editorial im „Lancet“ (Prof. Dr. Steven Levine, New York) sind das Versorgungsprogramm und die Tiroler Ergebnisse richtungsweisend für andere Länder.
Aufgrund der Tiroler Ergebnisse sollte diese integrierte Versorgungsform als „Klasse I, Level B“ in die Behandlungsrichtlinien der American Heart Association und American Stroke Associaton aufgenommen werden.

Ergebnisse der wissenschaftlichen Publikation:

  1. Höchste Thrombolyse-Rate in Tirol im Vergleich zu allen anderen europäischen und amerikanischen Ländern. Das ist der Anteil der Patienten, die eine medikamentöse Behandlung zur Auflösung des Blutgerinnsels (zeitkritisch „je früher, umso besser“, aber effektiv) im Gehirn erhalten.
  2. Bessere Heilungschancen seit Einführung des Schlaganfallpfades: 50 Prozent werden vollkommen gesund, zwei Drittel werden gesund oder haben nur geringe Defizite.
  3. Bei Auswertungen auf Bezirksebene besteht kein Unterschied im Behandlungsergebnis, d.h., dass unabhängig vom Wohnort für alle Betroffenen der gleiche Zugang zur bestmöglichen Versorgung in Tirol gegeben ist.
  4. Tirol weist eines der besten Versorgungsprogramme zum Schlaganfall weltweit auf.

Quellen: tirol.gv.at, http://www.thelancet.com/journals/laneur/article/PIIS1474-4422%2814%2970286-8/fulltext

 

 

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