Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

Sind wir eine Müdigkeitsgesellschaft?

Sind wir eine Müdigkeitsgesellschaft?

Hinter den erregten Diskussionen über die Ursachen des Chronic Fatigue Syndroms (CFS) verbirgt sich ein Problem, das viel tiefer reicht: Immer mehr Menschen sind auch ohne CFS-Diagnose chronisch müde und erschöpft.

Wir alle sind irgendwann einmal müde. Auch Erschöpfung nach zuvor stattgefundener besonderer Anstrengung ist eine völlig normale physiologische Reaktion. Einen Krankheitswert haben Müdigkeit und Erschöpfung erst bei:

  • Anhalten trotz angemessener Erholung
  • Auftreten schon bei geringer geistiger und körperlicher Anstrengung
  • monatelanger Dauer

Epidemiologische Studien zeigen, dass sieben bis 15 Prozent der Bevölkerung unter einer solchen chronischen Müdigkeit – oft auch als Fatigue bezeichnet – leiden. Nur ein kleiner Teil davon (ca 0,5 Prozent) erfüllt jedoch die Kriterien eines chronischen Erschöpfungssyndroms der amerikanischen Gesundheitsbehörde CDC (Centers for Disease Control). Um ein CFS diagnostizieren zu können, müssen nämlich noch zusätzliche Bedingungen erfüllt sein: Die Müdigkeit muss seit mindestens sechs Monaten bestehen und andere organische Erkrankungen, die die Beschwerden erklären könnten, müssen ausgeschlossen sein. Zusätzlich müssen noch weitere Symptome vorliegen, insbesondere Muskelschmerzen und Schlafstörungen.

Begleitphänomen Fatigue

Wesentlich häufiger als ein isoliertes CFS sind Müdigkeit und Erschöpfung im Rahmen anderer Erkrankungen. Ein klassisches Beispiel dafür ist die multiple Sklerose (MS): „Bis zu 90 Prozent der MS-Patienten leiden unter Fatigue“, berichtet Prof. Dr. Peter Henningsen, Klinik und Poliklinik für Psychosomatische Medizin, Technische Universität München. „Hier ist das Phänomen zwar nicht wie beim CFS medizinisch unerklärt, eine klare Korrelation zur Anzahl und Lokalisation der Entzündungsherde im ZNS besteht aber nicht.“

Die funktionelle Beeinträchtigung der Patienten durch ihre Erkrankung (messbar mit EDSSScore) prädiziert nur in geringem Ausmaß die Stärke der körperlichen Ermüdung und überhaupt nicht das Ausmaß der geistigen Erschöpfung. „Die stärksten Prädiktoren für Fatigue bei multipler Sklerose sind psychosoziale Faktoren.“ Wichtiger als die rein biologischen Faktoren der Erkrankung sind also Dinge wie die Copingstrategien der Patienten, ein „Alles- oder-nichts-Verhalten“, Depressivität oder Katastrophisieren.

Besonders häufig findet man krankheitswertige Müdigkeit als Begleitsymptom bei anderen organisch nicht klar definierten Erkrankungen. Die Palette reicht dabei vom Burnout- Syndrom, der Fibromyalgie, dem Reizdarmsyndrom bis hin zu Patienten mit Depressionen oder Angst. In einer eigenen Untersuchung konnte der Neurologe und Psychotherapeut zeigen, dass selbst bei Patienten mit schmerzdominanten somatoformen Störungen Fatigue ebenso häufig auftritt wie die Schmerzsymptomatik. „Fatigue kommt selten allein“, fasst Henningsen seinen Streifzug durch die Welt der Medizin zusammen.

Zusammenhänge mit Erregung

Eines der Erklärungsmodelle für die Entstehung von Fatigue postuliert, dass anhaltende Erregungszustände des autonomen Nervensystems oder endokriner Systeme bei entsprechenden Dispositionsfaktoren in bestimmten Lebenssituationen unter anderem über eine vermehrte muskuläre Anspannung zum Gefühl der Erschöpfung führen können. Bisher gibt es allerdings kaum Evidenz für derartige physiologische Mechanismen. Empirisch belegt ist hingegen ein psychologischer Zusammenhang zwischen der Persönlichkeitsvariablen Ängstlichkeit, der damit einhergehenden Anspannung und Erschöpfbarkeit.

In Studien war der Einfluss von Angst auf die Erschöpfbarkeit sowohl bei Gesunden als auch bei psychiatrischen Patienten umso größer, je weniger die Menschen das Gefühl hatten, ihre eigene Verfassung beeinflussen zu können. Ein bemerkenswerter medizinsoziologischer Aspekt der Diskussion um die Ätiologie des CFS ist der erregte Kampf um die Akzeptanz der Erkrankung als moderne Krankheit. Brähler listet in seinem „Lexikon der modernen Krankheiten“ 130 derartige Krankheitsbilder auf. Modern ist dabei meist nicht die Symptomatik, sondern das Erklärungsmodell. Im Fall des CFS ist es die vor allem im angloamerikanischen Raum verbreitete Vorstellung, dass es sich beim chronischen Erschöpfungssyndrom um eine Autoimmunerkrankung handelt.

„In Großbritannien kämpfen CFS-Aktivisten ähnlich radikal wie militante Tierschützer für ihr Anliegen und scheuen nicht davor zurück, missliebige Forscher zu stalken oder die Reifen ihrer Autos zu zerstechen“, schildert Henningsen den erregten Kampf der Betroffenen um die Anerkennung ihrer Beschwerden als organische Erkrankung. „Die gleichen Menschen, die im Kontext von Lebenszielen, die als nicht erreichbar angesehen werden, chronisch müde sind, zeigen bei der Verfolgung eines anderen Ziels offenbar keine Anzeichen von Erschöpfung.“ Vergleichbare Anfeindungen sind hierzulande und in Deutschland kaum bekannt.

Henningsen erklärt sich das mit unterschiedlichen Diagnosetraditionen: „Deutschland ist ein Rückenschmerz-Land: Bei gleichen objektiven Risikofaktoren klagen Deutsche doppelt so häufig über chronische Rückenschmerzen wie Briten.“ Der klassische Rückenschmerzpatient ist zugleich aber auch ein erschöpfter Patient. Umgekehrt gehören zum CFS definitionsgemäß auch Schmerzen. Offenbar bekommen Menschen mit einem ähnlichen komplexen Beschwerdebild in Großbritannien eher das Label CFS mit entsprechender immunologischer Abklärung, während in Deutschland die Wirbelsäule im Zentrum der Explorationen steht.

Leistungsgesellschaft

In seinem Buch „Müdigkeitsgesellschaft“ führt Byung-Chul Han die Erschöpfung moderner Menschen auf die verinnerlichten Leistungsideale zurück: „Als ihre Kehrseite bringt die Leistung- und Aktivgesellschaft eine exzessive Müdigkeit und Erschöpfung hervor.“ Multitasking sei keine positive Weiterentwicklung von Fähigkeiten, sondern eine Regression auf die Ebene des Tiers in freier Wildbahn, das ständig auf der Hut sein muss. Dem stellt Han die alten Techniken der kontemplativen Aufmerksamkeit gegenüber, die in unserer Vergangenheit eine wichtige Voraussetzung für das Erreichen zivilisatorischer Ziele waren. Ganz so eindeutig ist es jedoch nicht, dass chronische Müdigkeit ein Phänomen des späten 20. und 21. Jahrhunderts ist. „Auch die Neurasthenie- Epidemie im 19. Jahrhundert wurde damals mit der modernen Arbeitswelt in Verbindung gebracht“, so Henningsen. Das CFS also vielleicht doch nur ein neuer Wein in alten Schläuchen?

Wege aus der Müdigkeit

Gute Evidenz gibt es mittlerweile für den individualtherapeutischen Zugang: Beim Vergleich der verschiedenen Behandlungsansätze für CFSPatienten im PACE Trial erwiesen sich im Wesentlichen zwei Therapien als erfolgreich: einerseits die kognitive Verhaltenstherapie, andererseits eine gestufte Aktivierung (Graded Exercise Therapy). Bei diesem Ansatz geht es darum, dass Menschen ihre Aktivität ausgehend vom bestehenden Aktivitätsniveau langsam steigern, ohne dabei jedoch in ein „Alles-oder-nichts-Verhalten“ zu verfallen. Ziel ist es also, ein bisschen über den Punkt der Erschöpfung hinauszugehen.

Zum Erfolg führt dabei nicht das physiologische Training, sondern das Erleben, doch etwas leistungsfähiger zu sein, als man glaubte. Nicht wirksam ist beim echten isolierten CFS die medikamentöse Therapie mit Antidepressiva, Cortison oder anderen Substanzen. Medikamente können jedoch eventuell bei bestehenden Komorbiditäten hilfreich sein. Ebenfalls wirkungslos ist die Adaptive Pacing Therapy, die auch gerne von Selbsthilfegruppen propagiert wird: Nur so weit zu gehen, wie man sich gerade noch gut fühlt, führt nicht zu einer Erweiterung des Aktivitätsniveaus. Eine andere wichtige Ebene ist der medizinisch-gesellschaftliche Zugang zum Problem der Müdigkeit und Erschöpfung. Durch die Förderung einer biopsychosozialen Perspektive auf Erschöpfungsphänomene kann verhindert werden, dass Patienten eine exzessive somatische Diagnostik über sich ergehen lassen müssen.

„Es ist sicher hilfreich, hinter der Müdigkeit schon früh nach nicht realisierten Lebenszielen zu suchen“, ist Henningsen überzeugt und zitiert einen englischen Autor: „To be tired is to be tired of!“ Für die Destruktion von Krankheitskonstrukten rund um Fatigue bedarf es natürlich einer entsprechenden kommunikativen Kompetenz. Last but not least ist auch die Arbeitswelt gefordert: Hier gilt es Konflikte zwischen Arbeitsund Privatleben zu reduzieren und die Notwendigkeit von Multitasking und ständiger Erreichbarkeit zu hinterfragen.

„Chronic Fatigue/chronische Müdigkeit“, 11. Grazer Psychiatrisch-Psychosomatische Tagung, Graz, 22.1.16

Von Mag. Dr. Rüdiger Höflechner

 

 

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