Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

Vorsicht & Sorgfalt bei der Ketamin-Therapie

Vorsicht & Sorgfalt bei der Ketamin-Therapie

Der Einsatz von Ketamin bei psychiatrischen Erkrankungen wie der Depression ist derzeit Gegenstand großer internationaler Studien. Diese Off-Label-Therapie wird teilweise bereits in der Praxis eingesetzt. Dabei ist jedoch größte Vorsicht geboten, warnen Vertreter der Österreichischen Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB).

In den letzten zehn Jahren hat sich ein rasch auftretender, für einige Tage anhaltender antidepressiver Effekt von Ketamin in ersten klinischen Studien gezeigt. Hierbei wurde Ketamin in niedrigen Dosen (ca. 0,2mg/kg KG) intravenös in stationären Settings verabreicht. Besonders für suizidale Patienten im Rahmen einer depressiven Erkrankung bietet diese neue Indikation des bewährten Anästhetikums mitunter rasche Abhilfe. Die intravenöse Ketamin-Gabe ist momentan für die Diagnose Depression nicht zugelassen und wird aber von vielen Kollegen national und international als Off-Label-Therapie verabreicht.

Dies bedeutet, dass besondere Sorgfalt bei Indikationsstellung und Überwachung während der Ketamin- Gabe und Therapieevaluation notwendig ist. Die Indikation zur Ketamin-Gabe setzt eine genaue psychiatrische Untersuchung voraus. Hierbei muss der Schweregrad und der Verlauf der Depression, etwaige Begleiterkrankungen wie Persönlichkeitsstörungen, Substanzabhängigkeiten oder Erkrankungen aus dem schizophrenen Formenkreis und eine Medikamentenanamnese erhoben werden, was fachärztlich psychiatrisches Wissen voraussetzt. Als Leitfaden zur Off-Label-Ketamin- Therapie darf ich auf eine rezente Publikation unserer Klinik verweisen (Kraus et al., International J of Psychiatry in Clinical Practice 2016), aus der auch ersichtlich ist, dass antidepressive Ketamin-Therapie ausschließlich in psychiatrischen Abteilungen stattfinden sollte.

Eine antidepressive Off-Label-Therapie mit Ketamin in anderen Fachabteilungen oder intravenös in ambulanten Arztpraxen ist nach dem aktuellen Stand der Wissenschaft nicht zu befürworten. Daher stellen wir uns als psychiatrische Fachgesellschaft strikt gegen eine unkontrollierte, inflationäre Ketamin-Behandlung in anderen Fachrichtungen. Die internationale und mittelweile auch österreichweit zunehmende Gabe von Ketamin in sogenannten „Ketamin-Kliniken“ oder „Ketamin-Ambulanzen“, wie sie mit zahlreichen Internet-Seiten beworben werden (z.B.: http://ketamintherapie. at), ist mit ärztlicher Behandlung nach bestem Wissen und Gewissen nicht vereinbar. Außerdem ist in diesem Fall auch zu prüfen, ob nicht auch Fahrlässigkeit oder eine falsche Heilbehandlung vorliegt.

Internationale Studien

Große internationale Studien (u.a. an den Universitätskliniken Wien und Innsbruck) prüfen derzeit Wirksamkeit und Nebenwirkungen bei Langzeitgabe von Ketamin als Antidepressivum, welche letztendlich Daten für eine mögliche Zulassung als Antidepressivum und klinische Leitlinien liefern werden. Etwaige Nebenwirkungen (u.a. Psychose, Zystitis) oder noch unbekannte Nebenwirkungen bei Langzeitgabe können hierbei ebenso evaluiert werden.

Exakte Patienteninformation

Wir bitten Sie daher im Namen unserer Patienten, vor einer Off-Label-Ketamin-Gabe die aktuelle wissenschaftliche Literatur zu studieren und besondere ärztliche Vorsicht walten zu lassen. Ebenfalls ist auf die exakte Patienteninformation zu achten und diese schriftlich einzuholen. Ein eigenes Einverständnisformular und ein Applikationsalgorithmus kann der oben angeführten Publikation entnommen werden. Unter Berücksichtigung dieser Maßnahmen kann Ketamin als schnell wirksames Antidepressivum die klinische psychiatrische Behandlung sinnvoll ergänzen.

Von o.Univ.-Prof. Dr. h.c.mult. Dr. Siegfried Kasper und Dr. Christoph Kraus

 

 

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