Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

Ein Risikofaktor für Depression

Ein Risikofaktor für Depression

Bis zu zwei Drittel aller Patienten mit chronischen somatischen Erkrankungen leiden auch an psychischen Störungen. Diese können, müssen aber nicht mit der somatischen Grundkrankheit assoziiert sein. (CliniCum neuropsy 3/17)

Ein signifikanter Anteil der Patienten mit chronischen körperlichen Erkrankungen weist komorbide psychische Störungen auf, insbesondere depressive Beschwerden, wie in vielen Studien konsistent berichtet wird.1 Der zitierten Arbeit zufolge wird die Häufigkeit depressiver Störungen bei Patienten mit somatischen Erkrankungen je nach Untersuchungs- und Screeningmethode auf bis zu 70 Prozent geschätzt. Einer älteren Studie2 zufolge gab es bei Patienten mit acht häufigen chronischen Erkrankungen im Vergleich zu einer Stichprobe ohne diese Erkrankungen ein um 41 Prozent erhöhtes relatives Risiko für eine psychische Störung. Auch die Komorbiditätsrate zwischen einzelnen somatischen und psychiatrischen Erkrankungen ist inzwischen gut untersucht. So geht beispielsweise aus einer großen britischen Datenbankanalyse3 hervor, dass Patienten mit Psoriasis im Vergleich zur Allgemeinbevölkerung ein höheres Risiko für Depression (HR 1,39), für Angststörungen (HR 1,31) und für Suizidalität (HR 1,55) aufweisen, wobei die Zahl der Psoriasis-Patienten mit depressiver Komorbidität besonders hoch ist.

Erhöhte Vulnerabilität

Der Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, O. Univ.- Prof. Dr.h.c.mult. Dr. Siegfried Kasper, erläutert mögliche Ursachen dieser hohen Komorbiditätsraten. „Grundlage jeder depressiven Erkrankung ist jedenfalls eine erhöhte Vulnerabilität.“ Zur Manifestation der Erkrankung kommt es, wenn entsprechende Noxen (biologischer oder psychosozialer Art) auf das Gehirn einwirken, die mit der somatischen Grundkrankheit in Zusammenhang stehen können oder eben nicht, so Kasper.

Einwirken von Noxen

Kasper: „Wir gehen davon aus, dass diese gar nicht selten zu beobachtende pharmakogene Depression durch eine Dysbalance der Neurotransmitter entsteht.“
Kasper: „Wir gehen davon aus, dass diese gar nicht selten zu beobachtende pharmakogene Depression durch eine Dysbalance der Neurotransmitter entsteht.“
Der Wiener Experte veranschaulicht: „Spezifische Noxen können beispielsweise bestimmte Medikamente sein, die wegen der Grundkrankheit eingenommen werden müssen. Dazu zählen Substanzen wie Zytostatika, Immunsuppressiva oder bestimmte Aknemedikamente. Bei manchen Medikamenten, etwa bei wenigen älteren Antihypertensiva oder bei Steroiden, gibt es Hinweise, dass sie bei entsprechender Disposition eine depressive Erkrankung zum Ausdruck bringen können. Wir gehen davon aus, dass diese gar nicht selten zu beobachtende pharmakogene Depression durch eine Dysbalance der Neurotransmitter entsteht.“ Zudem gebe es somatische Erkrankungen, die per se Wegbereiter für eine neuropsychiatrische Erkrankung sein können. Häufig genannte Beispiele sind Hypertonie und Atherosklerose mit nachfolgenden Schädigungen auch der zerebralen Gefäße.

Ebenso kann die chronische Entzündung selbst, die vielen somatischen Erkrankungen zugrunde liegt, das Immunsystem im Gehirn und damit die Neurotransmitterbalance, insbesondere bezüglich Serotonin, negativ beeinflussen. Bei der Entstehung einer depressiven Erkrankung bei gleichzeitig vorliegender somatischer Erkrankung müssen auch Noxen berücksichtig werden, die nur indirekt mit der somatischen Grundkrankheit assoziiert sind. Kasper mit einem konkreten Beispiel: „Wenn ein junger Mensch an einer nicht ausreichend behandelten oder therapieresistenten Psoriasis leidet, wird er möglicherweise Aktivitäten im Freien meiden, etwa den Besuch eines Schwimmbades mit Freunden. Dadurch ist aber auch seine Sonnenlichtexposition vermindert, was wiederum depressionsfördernd wirkt.“

Schließlich führt Kasper aus, dass eine Reihe von Ursachen für eine depressive Erkrankung nicht unmittelbar mit der somatischen Grundkrankheit zusammenhängt, „auch wenn es nachvollziehbar ist, dass sich manche chronische Erkrankungen nicht gerade förderlich auf die Stimmungslage auswirken“, so Kasper. „Für die Diagnosestellung ist es aber wenig relevant, ob der Patient an einer Depression wegen belastender Lebensumstände durch eine chronische Erkrankung, die unter Umständen das äußere Erscheinungsbild verändert, oder wegen anderer Probleme leidet. Entscheidend ist, dass wir die Depression überhaupt diagnostizieren oder dass Hausärzte oder andere nicht psychiatrische Kollegen bei Verdacht auf Vorliegen einer depressiven oder anderen neuropsychiatrischen Erkrankung den Patienten zur weiteren Abklärung motivieren!“

Individueller Therapieplan

Die Wirksamkeit von pharmakologischen, psychotherapeutischen und psychosozialen Interventionen bei depressiver Erkrankung sei inzwischen durch zahlreiche Studien gut dokumentiert. „Genauso wie eine Psoriasis heilt auch eine Depression nicht von selbst“, erinnert Kasper, „und genauso wie eine Hypertonie ist auch eine Depression nicht immer einfach zu behandeln und bedarf eines individuellen Therapieplans.“ Dazu gehöre auch auszuloten, ob es indiziert sei, belastende Lebensumstände etwa im Rahmen eines psychotherapeutischen Gesprächs aufzuarbeiten.

Referenzen:
1 Baumeister H et al., Zeitschrift für Klinische Psychologie und Psychotherapie 2004; 33(1):33–41
2
Wells KB et al., American Journal of Psychiatry 1988; 145:976–981
3
Chosidow O et al., Arch Dermatol 2010; 146(8):891–895

Von: Dr. Uli Kiesswetter

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