Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

Pflanzliche Helfer für die Akut- und Langzeittherapie

Pflanzliche Helfer für die Akut- und Langzeittherapie

Johanniskraut, Lavendel und Rosenwurz liefern effiziente und gut verträgliche Substanzen zur Behandlung von Depression, Angst und Stress. Zwei Übersichtsarbeiten haben etwa gezeigt, dass Hypericum bei milder und mäßiggradiger Depression gut eingesetzt werden kann. (CliniCum neuropsy 6/17)

„Fast ein halbes Jahrhundert nach dem Beginn der Entwicklung synthetischer Antidepressiva wurden die ersten systematischen Studien zur Wirkung von Johanniskraut initiiert“, berichtet O. Univ.-Prof. Dr.h.c.mult. Dr. Siegfried Kasper, Leiter der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universität Wien, bei einer Veranstaltung in Wien.

Johanniskraut

Inhaltsstoffe des Johanniskrauts (Hypericum perforatum), die mit der antidepressiven Wirkung in Zusammenhang gebracht werden, sind Hyperforin, Hyperosid, Hypericin und Amentoflavon. Ein für die Wirksamkeit bedeutender Anteil am Johanniskrautextrakt ist Hyperforin.1 „Hyperforin wirkt nicht so sehr durch Blockade am Serotonintransporter, sondern moduliert diesen mit hoher Wahrscheinlichkeit“, so Kasper. Daher fehlen beim Johanniskraut auch spezifische Veränderungen wie Sexualstörungen, Übelkeit etc. „Zwei Übersichtsarbeiten haben gezeigt, dass Hypericum bei milder und mäßiggradiger Depression gut eingesetzt werden kann“, berichtet Kasper.2,3 Zu beachten sei, dass ausschließlich qualitativ hochwertige Johanniskrautextrakte eingesetzt werden sollten.

Kasper: „Rosenwurzextrakt wirkt beruhigend und hat positive Effekte auf die Kognition und die psychomotorische Leistungsfähigkeit.“
Kasper: „Rosenwurzextrakt wirkt beruhigend und hat positive Effekte auf die Kognition und die psychomotorische Leistungsfähigkeit.“

Im Vergleich dreier europäischer placebokontrollierter Studien bei milder und mäßiggradiger Depression fand sich eine bessere Wirkung des Johanniskrautextrakts auf somatische Symptome, Stimmung und Schuldgefühle als auf Schlaflosigkeit und psychiatrische Symptome.4 Auch in einer Erhaltungstherapie über 46 Wochen erwies sich der Johanniskrautextrakt als dem Placebo signifikant überlegen.5 „Im Vergleich zu synthetischen Antidepressiva weist der Johanniskrautextrakt deutlich weniger Nebenwirkungen auf“, so Kasper.6 Allerdings führt Johanniskrautextrakt zur Induktion des Cytochrom- P450-Systems (v.a. CYP3A4 und/oder p-Glykoprotein-Transportersystem) und daher zu reduzierter Plasmakonzentration gleichzeitig verabreichter Medikamente, die über dieses System metabolisiert werden (z.B. Antikoagulanzien, bestimmte Zytostatika).

Lavendelöl

Natürliches Lavendelöl aus echtem Lavendel (Lavandula angustifolia) mit besonders hohem Estergehalt ist in Deutschland zur symptomatischen Behandlung von Unruhezuständen bei ängstlicher Verstimmung zugelassen. Wirksamkeitsrelevante Inhaltsstoffe sind Linalool und Linaylacetat, die zusammen bis zu 90 Prozent des Ölgehalts ausmachen. Zu diesem Lavendelöl sind insgesamt 15 klinische Studien an 2.200 Patienten durchgeführt worden. Eine doppelblind randomisierte Studie untersuchte 221 Erwachsene mit „subsyndromaler“ Angststörung (ICD-10: F 41.9) über zehn Wochen im Vergleich zu Placebo.7 Kasper dazu: „Solche Patienten finden sich sehr häufig in den ärztlichen Praxen.“ In der Hamilton Anxiety Scale (HAMA) fand sich unter Lavendelöl nach zehn Wochen im Vergleich zu Placebo eine statistisch signifikante Verbesserung. In einer weiteren doppelblind randomisierten Studie wurde Lavendelöl bei 539 Erwachsenen mit generalisierter Angststörung (ICD-10: F 41.1) mit Paroxetin verglichen.8 „Lavendelöl erwies sich als signifikant besser im HAMA verglichen zu Placebo“, so Kasper. Die Nebenwirkungsrate von Lavendelöl lag auf Placeboniveau und deutlich unter dem Niveau von Paroxetin. Lavendelöl hat keine sedierende Wirkung sowie kein Interaktions- und Abhängigkeitspotenzial. Kasper: „Das bedeutet, dass Lavendelöl für eine längerfristige Anwendung geeignet ist.“

Rosenwurz

„Stress bezeichnet ein sehr allgemeines Phänomen und wird auch mit Burnout-Syndrom in Zusammenhang gebracht“, sagt Kasper. Bei chronischem Stress kommt es zur Dysregulation der HypophysenHypothalamusNebennierenrindenAchse. Die regulierende Freisetzung von Stresshormonen versagt, und der Cortisolspiegel steigt. Es kommt in der Folge zu emotionalen, physischen, aber auch zu verhaltensbasierten Veränderungen. Zusammen mit anderen Pflanzen gilt Rhodiola rosea (Rosenwurz) als pflanzliches Adaptogen. Kasper erklärt: „Darunter versteht man natürliche Stoffe, die die Anpassung an Stressoren unterstützen, indem sie Körperfunktionen unter Stress normalisieren und die Stressresistenz erhöhen.“ Bei den wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffen von Rhodiola rosea handelt es sich um Phenylpropanoide, die sogenannten Rosavine.

„Rosenwurzextrakt wirkt beruhigend und hat positive Effekte auf die Kognition und die psychomotorische Leistungsfähigkeit“, so Kasper. Im Vergleich zu synthetischen Beruhigungsmitteln werden bei Rosenwurzextrakt keine Tagesmüdigkeit, keine Absetzeffekte und keine Abhängigkeit berichtet. „Die kognitiv stimulierende und gleichzeitig emotional beruhigende Wirkung von Rosenwurzextrakt stellt eine günstige Kombination gerade auch für BurnoutPatienten dar“, betont Kasper. Dies bestätigte eine multizentrische, offene, exploratorische klinische Studie.9 Es wurden 118 Patienten an vier österreichischen Zentren mit mittlerem BurnoutLevel eingeschlossen und erhielten Rosenwurzextrakt über einen Zeitraum von zwölf Wochen. Gemessen wurde eine Reihe von Parametern, wobei es zur Verbesserung emotionaler, seelischer und körperlicher Beschwerden sowie der Konzentrationsfähigkeit kam.

„Interdisziplinäres Herbstsymposium für Psychopharmakologie“, IHSP, Wien, 7.10.17

Referenzen:
1 Laakmann G et al., Phytomedicine 1998; 5:435–442
2 Linde K et al., Cochrane Database Syst Rev 2008; CD000448
3 Kasper S et al., Eur Neuropsychopharmacol 2010; 20:747–765
4 Kasper S & Dienel A, Psychopharmacology (Berl) 2002; 164:301–308
5 Kasper S et al., Eur Neuropsychopharmacol 2008; 18:803–813
6 Trautmann-Sponsel RD & Dienel A, J Affect Disord 2004; 82:303–307
7 Kasper S et al., Int Clin Psychopharmacol 2010; 25:277–287
8 Kasper S et al., Int J Neuropsychopharmacol 2014; 17:859–869
9 Kasper S & Dienel A, Neuropsychiatr Dis Treat 2017; 13:889–898

Von Dr. Michaela Steiner

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