Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 4/2017

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperTrotz erfolgreicher, moderner, antidepressiver medikamentöser Behandlung kann man davon ausgehen, dass bei etwa einem Drittel der PatientInnen kein ausreichender Erfolg erzielt werden kann. Die Forschungsinteressen haben sich deshalb in den letzten Jahren vorwiegend auf diese PatientInnen konzentriert, die entweder ein ungenügendes Ansprechen auf die erste antidepressive Medikation zeigen, bzw. auf diese Gruppe, die auf zwei Behandlungen nicht ausreichend anspricht, bzw. auf PatientInnen, die auch auf mehrere Behandlungen einschließlich der Elektrokrampftherapie ungenügend ansprechen. Von diesen Gruppen sind die chronisch depressiven Erkrankungen abzugrenzen, die einen über zweijährigen Verlauf aufweisen. Klinisch-psychopathologische Studien wie die europäische Verbundstudie (GSRD), bei der die Medizinische Universität Wien einen wesentlichen Anteil hat, haben ergeben, dass PatientInnen mit einer Komorbidität von Angst und Depression einen ungünstigeren Verlauf zeigen und oft als behandlungsresistent eingestuft werden. Die Dauer der Erkrankung, d.h. der Abstand des Zeitpunkts des erstmaligen Auftretens der Erkrankung und des Zeitpunkts der jetzigen Erkrankung, auch wenn in der Zwischenzeit eine Remission erreicht wurde, ist dabei ebenso ein wichtiger klinischer Hinweis auf eine Behandlungsresistenz.

Von den verschiedenen Verfahren, die zurzeit untersucht werden, hat die Ketamintherapie einen wesentlichen Platz, wobei jedoch noch weiter untersucht werden muss, wie der rasch auftretende, antidepressive Effekt aufrechterhalten werden kann. Es wird diskutiert, ob mit der gleichen Substanz die Remissionsstabilität erreicht werden soll, oder ob andere Substanzen, die ebenso auf den Glutamatstoffwechsel eingreifen, diese Rolle übernehmen können. Diese und weitere Wirkprinzipien wurden z.B. bei dem letzten thematischen Kongress über behandlungsresistente Depressionen, der vom Collegium Internationale Neuro-Psychopharmacologicum (CINP) im Juli 2017 in Prag abgehalten wurde, diskutiert und erste Untersuchungsansätze für die Forschung empfohlen.

Die Zukunft der psychopharmakologischen Forschung wird sich auf Subgruppen spezialisieren, die neben klinischen auch molekularbiologische Charakteristika aufweisen in dem Sinne, dass PatientInnen mit einem spezifischen molekulargenetischen Profil in Verbund mit einer klinischen Symptomatologie eine präzisiertere Behandlung nach sich ziehen werden. Studien an „Depressionen“ oder anderen psychiatrischen Diagnosen werden demgemäß in Zukunft der Vergangenheit angehören, da sie ein zu breites Spektrum ohne nähere Präzision einschließen. Interessanterweise wird diese Entwicklung in der klinischen Praxis durch eine syndrom- bzw. symptomorientierte Therapie bereits vorweggenommen.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

neuropsy 04/2017
CliniCum neuropsy 4/2017

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