Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 03/2014

clinicum neuropsy e d i t o r i a l prof. kasper
Liebe Leserinnen, liebe Leser!
Aus der Physiologie wissen wir, dass Testosteron neuronale Funktionen beeinflusst, und darüber hinaus konnte für Testosteron bei gesunden Kontrollen eine modulatorische Rolle für soziale Interaktionen gefunden werden. Diese Ergebnisse legen nahe, dass bei Veränderungen der Plasmakonzentration von Testosteron bzw. der Aktivität der Hypothalamus- Hypophyse-Gonaden-Achse ein Zusammenhang zu psychiatrischen Erkrankungen wie z.B. affektiven Erkrankungen bzw. der dabei auftretenden Symptomatologie wie Aggression und Angst auftreten könnte.

Die Bedeutung von Testosteron bei psychiatrischen Erkrankungen ist bei der Depression beim Mann von besonderem Interesse, da die klinische Beobachtung zeigt, dass eine depressive Symptomatologie beim Mann durch eine kontinuierliche Testosterongabe verbessert werden kann. Nahezu alle epidemiologischen Studien weisen jedoch darauf hin, dass eine Depression bei Frauen angeblich häufiger auftreten solle als bei Männern, obwohl die mit der Depression zusammenhängenden Suizidraten bei Männern altersabhängig zumindest doppelt so hoch sind. Schließt man jedoch in die Klassifizierung einer Depression auch Symptome der Aggression, Hyperaktivität bzw. ein höheres Risikoverhalten mit ein, treten diese Geschlechtsunterschiede zurück, wie vor Kurzem durch eine Reanalyse der bekannten US-amerikanischen „National Comorbidity Survey“-Studie (NCS-R) gezeigt wurde. Da allerdings bei depressiven Männern häufig ein niedrigerer Testosteronspiegel gefunden wird, ist nicht einfach erklärbar, wieso depressive Männer eher hyperaktiv und aggressiv sind, was eigentlich einem höheren Testosteronspiegel entsprechen würde. Um dieses Paradoxon aufzulösen, ist bemerkenswert, dass gezeigt werden konnte, dass selektive Serotonin- Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) den Testosteronspiegel anheben. Es ist daher wahrscheinlich, dass durch eine Testosterongabe die Serotoninspiegel im synaptischen Spalt erhöht werden. Dafür sprechen auch die einzigartigen Befunde, einer vor Kurzem abgeschlossenen Studie an transsexuellen Patienten, die an der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie durchgeführt wurde, bei der dargestellt werden konnte, dass die im Rahmen einer Geschlechtsumwandlung erfolgte Testosterongabe die Dichte der Serotonintransporter und damit auch die Serotoninkonzentration im synaptischen Spalt signifikant erhöht. Es könnte daher sein, dass die charakteristische Symptomatologie der Depression beim Mann auch im Zusammenhang mit einem Serotoninmangel steht, der reziprok mit der Testosteronkonzentration positiv korreliert und die Symptomatologie der Ärgerattacken nicht direkter Ausdruck des Testosteronmangels ist. Durch neuere Messmethoden, wie sie die bildgebenden Verfahren der Positronen-Emissions- Tomographie (PET) in der Neuropsychiatrie darstellen, können daher klinisch relevante Einsichten in neuroendokrinologische Regelkreise und deren Wechselbeziehungen zu den Neurotransmittersystemen dargestellt werden, die die klinische Erfahrung der Verbesserung der depressiven Symptomatologie unter Testosterongabe bei Männern erklären. weiter

CliniCum neuropsy CliniCum neuropsy 2/2014 Das Medium für Psychiatrie und Neurologie.

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Der Schlaganfall ist eine der häufigsten Ursachen für eine vorzeitige Invalidität im Erwachsenenalter. Mehr als die Hälfte aller Schlaganfallpatienten benötigt nach dem Ereignis dauerhafte Hilfe bei den Aktivitäten des täglichen Lebens. Zudem ist der Schlaganfall hauptsächlich eine Erkrankung des höheren Lebensalters: Etwa 75 Prozent aller Schlaganfallpatienten sind älter als 65 Jahre, und vor allem bei… mehr

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Lithium war jahrelang der klassische Stimmungsstabilisierer. In den letzten Jahren kam eine Fülle an neuen Medikamenten mit potenziell stimmungsstabilisierenden Effekten auf den Markt und verdrängte sukzessive Lithium von diesem angestammten Platz. Dies ist umso bedauerlicher, da die Evidenz der Wirksamkeit von Lithium immer besser wird. (CC neuropsy 3/14, Univ.-Prof. Dr. Armand Hausmann) mehr

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Einen „Labortest“ zur Diagnose einer Depression werde es in Zukunft zwar nicht geben, bestimmte Marker könnten jedoch in ein „Staging“ der Depression einfließen, meint O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie, Wien. Aktuelle, an der Wiener Klinik gewonnene Forschungsergebnisse liefern neue Daten zum Zusammenhang zwischen Serotonin-Transporter-Mechanismen und… mehr

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In der psychosozialen Unterstützung sehen Betroffene genauso wie Fachleute den wichtigsten Aspekt in der Selbsthilfearbeit. Die Selbsthilfe-Organisation setzt zudem Initiativen, um mehr Aufmerksamkeit und damit Verständnis für die Erkrankung und ihre Folgen zu bewirken. Läutet das Handy von Sigrid Kundela, dann möchten die meisten Anrufer zunächst einmal ihre ganz persönliche Geschichte erzählen. Oder es werden… mehr

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Zum ersten Mal fand in diesem Jahr ein gemeinsamer Kongress der beiden europäischen neurologischen Gesellschaften EFNS und ENS statt. Von 31. Mai bis 3. Juni trafen sich Experten aus ganz Europa und vielen außereuropäischen Ländern in Istanbul zum Erfahrungsaustausch im Rahmen des ersten Joint Congress of European Neurology. mehr