Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 2/2017

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperWir werden immer wieder von verschiedenen Terrorattacken, über die nun weltweit mittels verschiedener Medien rasch berichtet wird, schockiert. Dabei ist die Frage, wieso diese Terrorakte vorwiegend von Männern durchgeführt werden, eine Thematik, die von der Münchener Sozialwissenschaftlerin Prof. Anne-Maria Möller-Leimkühler umfassend bearbeite wird.

Aus diesen Arbeiten geht hervor, dass die Maskulinität nicht ausschließlich ein soziokulturelles Konstrukt ist, sondern Geschlechtsunterschiede auch in der Gehirnstruktur und -funktion verankert sind, die wiederum das Verhalten auf Stress beeinflusst. Hinsichtlich der Gehirnfunktion wurden genetische Charakteristika, z.B. Mutationen der Monoaminoxidase-A, beschrieben, die bei Männern häufiger mit einem antisozialen und gewalttätigen Verhalten verbunden sind, insbesondere dann, wenn das Individuum in der Kindheit mit Demütigungen und Frustrationserlebnissen konfrontiert war. Ergebnisse der Gehirnstruktur zeigen bei diesen Menschen Veränderungen im Mandelkern und im orbito-frontalen Kortex auf, Bereiche, die wichtig in der Emotionsverarbeitung und -ausgestaltung sind. Alle diese Veränderungen sind jedoch lediglich gruppenstatistische Unterschiede und nicht derartig ausgeprägt, dass sie z.B. auch in der forensischen Begutachtung herangezogen werden können.
Unabhängig von diesen biologischen Charakteristika kommt biografischen und soziokulturellen Parametern eine bedeutsame Rolle zu, die mit Zurücksetzungen in der Kindheit und
fehlenden positiven Identifikationsmöglichkeiten im Sinne der emotionellen Erfahrung zwischenmenschlicher Beziehungen im Zusammenhang stehen.

Ein Rückblick in die Geschichte zeigt, dass eine einseitige Betonung der Maskulinität von politischen Kräften instrumentalisiert und dabei das Individuum als Held dargestellt wird, mit verklärenden Versprechungen über den Tod hinaus.

Unter den verschiedenen Faktoren, die zum Terrorismus beitragen, ist eine vom Individuum erlebte bedrohte Männlichkeit wahrscheinlich entscheidend, um sowohl den individuellen als auch den kollektiven Terrorismus besser zu verstehen.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

neuropsy 02/2017
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