Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 3/2016

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

Liebe Leserinnen, liebe Leser!

„Traumatische Erfahrungen spielen eine signifikante Rolle auch in der Entstehung, in der Auslösung und im Verlauf psychotischer Symptome und Störungen!“

Unilineare Kausalitätsannahmen sind im Denken der modernen Psychiatrie obsolet geworden und längst komplexen Interaktionsmodellen gewichen. Multiple genetische und Umwelteinflüsse werden als Risiko- und protektive Faktoren innerhalb eines biopsychosozialen Modells von psychischer Gesundheit, Vulnerabilität und Störung diskutiert. Eine geweitete ätiopathogenetische Perspektive wird auch auf psychotische Störungen angewendet. Dies soll am Beispiel eines postulierten Zusammenhangs von Trauma und Psychose illustriert werden und als orientierender Text für den Workshop im Rahmen der kommenden ÖGPB-Tagung dienen.

Was ist aus den mittlerweile zahlreichen klinischen Studien zu folgern, die eine hohe Rate an schwerwiegenden sexuellen und körperlichen Traumatisierungen während der frühen Entwicklung von Frauen und Männern festhalten, die im Erwachsenenalter an psychotischen, einschließlich schizophrenen Störungen erkranken? Unter welchen Bedingungen kann „frühkindlicher Missbrauch“ als ein Kausalfaktor für Psychose und Schizophrenie konzeptualisiert werden? Und wie ist die Diskussion zu führen?

Die klinische Relevanz der vorliegenden Befunde ist zunächst auch unabhängig von einer engeren Ursachendiskussion hoch. So kann empirisch gezeigt werden: Psychotische Patienten mit Kindheitstraumata in der Anamnese zeichnen sich im Vergleich zu Patienten ohne eine solche Exposition durch eine höhere Suizidalität, eine umfassendere psychiatrische Komorbidität von Depression, PTSD und Substanzmissbrauch, durch häufigere Hospitalisierungen, eine ungünstigere somatische Morbidität, eine nachteiligere Inanspruchnahme psychiatrischer, medizinischer und sozialer Versorgungssysteme sowie durch größere psychosoziale Defizite aus.

Welche konzeptuellen Aspekte sind vorab zu klären, um einen postulierten kausal-relevanten Zusammenhang von frühkindlicher Traumatisierung und psychotischer Vulnerabilität an Hand  empirischer Untersuchungen näher beleuchten zu können?

Mit den Begriffen von „Trauma“ und „Psychose“ werden zunächst zwei unterschiedliche Konzeptebenen miteinander verschränkt: Traumata stellen äußerliche Ereignisse dar, die eine Person existentiell bedrohen und tiefgreifende Gefühle von Angst, Panik, Horror und Ohnmacht auslösen. Plötzlichkeit, Unabwendbarkeit, Unkontrollierbarkeit und Ausweglosigkeit sind wichtige formale Charakteristika. Eine Differenzierung nach zeitlich begrenzter Einmaligkeit, kumulativer Wiederholung oder lang anhaltender Persistenz ist grundlegend. Auch die spezielle inhaltliche Art einer Traumatisierung spielt eine entscheidende Rolle. So unterscheiden sich durch natürliche Katastrophen ausgelöste Traumata signifikant von solchen in interpersonalen Beziehungskontexten. Körperliche, emotionale und sexuelle Missbrauchserlebnisse von Kindern wie auch körperliche, emotional-kognitive und soziale Vernachlässigungen durch Eltern müssen in ihren potentiell schädigenden Auswirkungen  eigenständig bewertet werden. Verhängnisvolle Effekte entstehen hierbei nicht nur durch die unmittelbare traumatische Einwirkung selbst, sondern auch durch die entwicklungsbedingt meist noch sehr eingeschränkten Verarbeitungsmöglichkeiten eines Kindes. Ein frühkindlicher Missbrauch kollidiert zudem mit den prinzipiellen Entwicklungsvoraussetzungen für den Erwerb einer vertrauensvollen Beziehungsfähigkeit und die Entfaltung des Selbstpotentials unvereinbar. Jede Traumatisierung geht mit evolutionär etablierten psychobiologischen Stressreaktionen einher. Die posttraumatischen Verläufe folgen wiederum sehr heterogenen Pfaden, die von vollständiger Erholung bis zu dauerhafter und schwerwiegender psychophysischer Vulnerabilität reichen können. Zahlreiche biologische, psychologische und soziale Faktoren bestimmen nicht nur das Risiko, traumatischen Erfahrungen ausgesetzt zu werden, sondern auch das Risiko einer Entwicklung von diversen psychopathologisch, aber auch somatisch relevanten posttraumatischen Belastungsstörungen nach solchen Trauma-Expositionen. Gerade kumulative oder lang anhaltende Traumatisierungen treten in frühen Entwicklungsjahren selten isoliert auf. Sie sind häufig mit weiteren nachteiligen sozialen Einflussgrößen wie z.B. Armut, ungünstigen Wohnverhältnissen, familiärer Zerrüttung, elterlicher Psychopathologie, Drogenkonsum etc. assoziiert.

Psychotische Symptome werden wiederum als psychopathologische Phänomene beschrieben. Sie  implizieren eine grundlegende Störung des subjektiven Realitätsurteils, wie dies durch Halluzinationen oder Wahnideen angezeigt wird, aber auch durch die Tiefe, Umfänglichkeit und Eigendynamik einer Affekt- bzw. Stimmungsstörung in ihren bestimmenden Negativeffekten auf die psychosoziale Adaptation erschlossen werden kann. Psychotische Symptome sind in der Allgemeinbevölkerung viel häufiger, als die relativ niedrigen Prävalenz- und Inzidenzzahlen von psychotischen Störungen in den psychiatrischen Versorgungseinrichtungen vermuten lassen. In einer epidemiologischen Perspektive können psychotische Symptome als oft nur passagere Einzelerfahrungen ohne bedeutsame Störungsrelevanz, als subklinische Störungen mit emotionalem Disstress, als Störungen gemäß definierter diagnostischer Kriterien und notwendiger Inanspruchnahme von fachspezifischer Hilfe sowie als Störungen mit chronischem Verlauf und hoher psychosozialer Behinderung innerhalb eines breiten „Psychose-Kontinuums“ erfasst werden. Dieses Kontinuum weist bidirektionale Entwicklungsvektoren in Richtung vollständiger Remission einerseits und schwerwiegender Chronizität und Behinderung andererseits auf. Sowohl genetische als auch psychosoziale Risikofaktoren bestimmen den letztlich eingeschlagenen Entwicklungspfad einer Person mit psychotischen Symptomen. Für eine Einsicht in diese vielfältigen Verlaufsmuster erweist sich eine kategoriale Auftrennung z.B. nach bipolar affektiven versus schizophrenen Störungen als sehr viel weniger nützlich als eine Charakterisierung entlang phänotypischer Dimensionen von affektiver Dysregulation, produktiv-psychotischer Symptomatik, Negativsymptomatik und kognitiver Dysfunktionalität.

Wenn empirische Studien eine Assoziation zwischen frühkindlicher Traumatisierung und psychotischer Störung im Erwachsenenalter nahelegen, dann handelt es sich zunächst um einen korrelativen Zusammenhang, der in einer Querschnittsuntersuchung keineswegs auch schon kausal interpretiert werden darf. Und diese Korrelation ist prinzipiell als unspezifisch anzusehen. Frühkindliche Traumatisierungen gehen epidemiologisch mit einer allgemeinen Risikoerhöhung für zahlreiche psychische und somatische Erkrankungen und dysfunktionale Verhaltensweisen einher.

Lässt sich überhaupt eine vernünftige Aussage über die Reliabilität und die Validität von retrospektiven Berichten erwachsener Personen, die zudem unter dem Einfluss relevanter psychopathologischer, speziell psychotischer Symptome stehen, zu weit in der biographischen Vergangenheit zurückliegenden kritischen Lebensereignissen treffen?

Angaben über traumatische Erlebnisse von erwachsenen Patienten, die unter dem Einfluss von aktuellen psychotischen Symptomen stehen, werfen zahlreiche schwierige Fragen nach Reliabilität und Validität dieser Berichte auf. Methodenkritische Studien sprechen dafür, dass den Schilderungen psychotischer Patienten über frühere traumatische Erfahrungen aber zumindest eine vergleichbar hohe Zuverlässigkeit, Stabilität und Glaubwürdigkeit zugesprochen werden muss, wie Angaben von Patienten mit nicht-psychotischen Störungen, z.B. Angst- oder depressiven Störungen. Der mögliche verzerrende Einfluss durch eine aktuelle Psychopathologie, aber auch durch sukzessiv vollzogene Transformationen der subjektiven Erinnerung über die Entwicklungsabschnitte hinweg, wie sie auch seelische gesunde Probanden durchmachen, lässt sich durch eine konvergente Betrachtung von Informationen aus unterschiedlichen Datenquellen eingrenzen, aber letztlich im Einzelfall nie vollständig ausschließen.

Wie sind die eindrucksvoll hohen Raten an schwerwiegenden Traumatisierungen in der frühen Entwicklung bei psychotischen Patientensamples in ambulanten oder stationären Behandlungskontexten in ihrer potentiellen Ursachenrelevanz orientierend einzuschätzen?

Das Ausmaß früher traumatischer Expositionen bei psychotischen Patienten muss zunächst in Beziehung zu einer bereits in der Allgemeinbevölkerung nachweisbaren, sehr hohen Grundrate an schwerwiegenden Traumatisierungen in den frühen Entwicklungsjahren gesetzt werden. So liegen die Häufigkeiten eines frühkindlichen sexuellen Missbrauchs unterschiedlichen Schweregrads allgemein bei ca. 10%, etwa im gleichen Bereich auch gravierende elterliche Vernachlässigungen, Formen körperlichen und emotionalen Missbrauchs scheinen im Vergleich hierzu etwas seltener zu sein. Epidemiologische Untersuchungen bestätigen eine empirisch gesicherte Assoziation früher Traumatisierungen mit einem erhöhten Risiko hinsichtlich einer allgemeinen psychiatrischen und somatischen Morbidität im Erwachsenenalter. Die Befunde stellen sich für Fälle eine sexuellen Missbrauchs am konsistentesten dar. Herausfordernd erscheint  aber auch, wie nachhaltig sich die negativen Effekte eines Mobbing in frühen sozialen Kontexten auf dieses allgemeine psychische wie somatische Morbiditätsrisiko darstellen.

Es existieren bisher nur wenige empirische Studien, in denen klinische Samples psychotischer Patienten mit geeigneten Kontrollgruppen aus der Allgemeinbevölkerung hinsichtlich frühkindlicher Traumatisierungen verglichen worden sind. Gerade jüngere Studien mit einem hohen methodischen Standard und auch größeren Stichproben belegen aber eindrücklich, dass psychotische Patienten in psychiatrischen Versorgungs- und Behandlungskontexten im Vergleich mit gematchten Personen aus der Allgemeinbevölkerung auf eine signifikant höhere Rate an solchen frühen Traumata zurückblicken. Querschnittsstudien mit einem retrospektiven Erhebungsansatz können einen potentiellen Zusammenhang von früher traumatischer Exposition und Psychoserisiko bei klinischen Stichproben aber selbst unter diesen speziellen Kontrollbedingungen nur allenfalls korrelativ beschreiben. Zudem ist zu beachten, dass Samples psychotischer Patienten mit klinischer Inanspruchnahme  in einer allgemeinen epidemiologischen Sichtweise bereits per se einen Index für Chronizität und krankheitsassoziierte Behinderung aufweisen. Die bei ihnen gefundenen hohen Raten an frühkindlichen Traumatisierungen könnten also weniger von einer primären kausalen Relevanz sein, sondern möglicherweise bevorzugt für spezielle Verlaufsmerkmale bedeutsam sein.

Wie sind empirische Studien anzulegen, um einerseits den Zusammenhang von frühkindlicher Traumatisierung und späterem Psychoserisiko näher fassen zu können und andererseits nach ätiopathogenetischer versus verlaufsbezogener Relevanz besser differenzieren zu können?

Diese Studien besitzen vorteilhaft ein prospektives Follow up – Design. Sie richten den epidemiologischen Fokus primär auf Zusammenhänge in der Allgemeinbevölkerung und vergleichen Kinder/Jugendliche mit und ohne frühe Traumata hinsichtlich ihres späteren Psychoserisikos. Sie verschieben hierbei den primären Outcome weg von klinisch definierten, nach diagnostischen Kriterien ermittelten Fällen einer schizophrenen oder affektiven Psychose hin zu einer Assoziation mit psychotischen Symptomen innerhalb eines breiteren Psychose-Kontinuums. In der wissenschaftlichen Literatur liegt bereits eine erstaunliche Anzahl von methodisch ausgefeilten und sorgfältig kontrollierten Studien vor, die für diese Fragestellung wertvolle Informationen bieten. Die empirischen Befunde zeigen:

Die Studien belegen mit großer Eindeutigkeit, dass während der frühen Entwicklungsjahre erlebte Traumatisierungen zu einer signifikanten Risikoerhöhung beitragen, in späteren Lebensabschnitten psychotische Symptome zu zeigen. Für mehrere Trauma-Typen kann dieser Nachweis empirisch überzeugend geführt werden. Es spricht wenig dafür, dass einzelne Trauma-Typen eine spezifische ätiologische Rolle spielen würden.  Traumatisierungen, die mit einer hohen Erschütterung der sich entwickelnden Selbstorganisation und der primären Beziehungsfähigkeit einhergehen, wie z.B. schwerwiegenden sexuellen Traumata, schlimmem körperlichem Missbrauch oder speziellen viktimisierenden Erfahrungen eines intensiven und anhaltenden Mobbing scheint aber eine besondere pathogenetische Relevanz zuzukommen. Traumatisierungen sowohl während früher kindlicher als auch während früher adoleszenter Entwicklungsjahre sind gleichermaßen bedeutsam. Ein steigender Risikoeffekt zeichnet sich dann ab, wenn Traumatisierungen gravierend und persistierend sind. In zahlreichen Studien lässt sich eine statistisch abgesicherte Dosis-Wirkungskurve aufzeigen, wonach mehrere gleichzeitig vorliegende oder sukzessiv auftretende Trauma-Typen sich in ihren Risikoeffekten addieren.

Die meisten Studien weisen darauf hin, dass frühe Traumatisierungen sehr häufig im Kontext anderer psychosozialer und soziodemographischer Risikovariablen in Familie und sozialem Umfeld der betroffenen Kinder und Jugendlicher erfolgen. Diese aversiven kontextuellen Entwicklungsbedingungen beeinflussen das Ausmaß des durch Traumatisierungen vermittelten Psychoserisikos, erklären es aber nicht grundlegend. Frühe Traumatisierungen sind als eigenständige pathogene Einflussvariablen in der Perspektive eines komplexen biopsychosozialen Modells der Entstehung psychischer Störungen im Allgemeinen, psychotischer Störungen im Speziellen anzusehen. Für eine psychopathologische Bewertung ist es grundlegend, dass der Zusammenhang früher Traumatisierungen mit einem erhöhten Psychoserisiko in erster Linie für produktiv-psychotische Symptome, also für wahnhafte und halluzinatorische Symptome belegt worden ist. Es erscheint aber vorteilhaft, diese positiven psychotischen Symptome nicht allein auf die Ebene schon voll ausgeprägter, nach konventionellen klinischen Kriterien diagnostizierter psychotischer Störungen zu beschränken, sondern in besonderer Weise auch auf subklinische psychotische Symptome zu beziehen. Letztere sind in der Allgemeinbevölkerung innerhalb eines breiten Psychose-Kontinuums sehr häufig und können im weiteren Verlauf sowohl mehrheitlich eine Remission in eine unauffällige psychosoziale Adaptation als auch in geringerem, aber bedeutsamem Umfang auch eine Progression zu klinisch ernsthaften psychotischen Störungen zeigen.

Was sind die biologischen, psychologischen und sozialen Mechanismen, welche die wahrscheinlich pathogenen Effekte von frühen Traumatisierungen in Entwicklungspfaden hin zu einer zunächst subklinischen psychotischen Symptombildung vermitteln, und welche Faktoren fördern die Persistenz und Progression hin zu klinisch diagnostizierbaren psychotischen Störungen?

Für diese Fragenkomplexe existieren theoretische Modellvorstellungen und in ersten Ansätzen auch einige empirische Forschungsdaten. In einer psychologischen Perspektive werden wichtige Aspekte der affektiven Regulation, der kognitiv-perzeptiven Verarbeitung sowie der Verhaltensorganisation als Folgen früher traumatischer Erfahrungen verstanden und als psychologische Prädiktoren für eine psychotische Symptombildung diskutiert. Im Hinblick auf ein späteres Psychoserisiko ist grundsätzlich keine Traumaspezifität  anzunehmen. Trotzdem kommt interpersonalen Traumatisierungen im Kontext früher Beziehungserfahrungen in ihren prekären Auswirkungen eine grundlegende Bedeutung zu. Empirisch sind zunächst die mehrheitlich entweder ängstlich-vermeidenden oder desorientiert -desorganisierten Bindungsmuster der schwer traumatisierten Kinder festzuhalten. Auch wenn diese unsicheren Bindungsmuster im Hinblick auf eine allgemeine psychische Vulnerabilität als unspezifisch zu werten sind, sind sie für den speziellen Fokus auf ein erhöhtes Psychoserisiko keineswegs  irrelevant. Posttraumatische Tendenzen zu unkontrollierbaren Angst-, Panik- und Horrorzuständen, aber auch tiefgreifende Affektdispositionen zu depressiver Bedrücktheit, Hilf- und Hoffnungslosigkeit, Ärger und Wut, Beschämung und interpersoneller Demütigung begründen eine heikle Organisation grundlegender Selbst- und Objektschemata. Als „innere Arbeitsmodelle“ fördern sie einerseits ein Erleben der sozialen und interpersonalen Welt als feindselig und in ihren Einwirkungen für das Subjekt als unkontrollierbar, andererseits ein Selbsterleben als schwach, verletzlich, angegriffen, entwertet, beschämt, gedemütigt. Mehrere potentiell Psychose-relevante posttraumatische Dispositionen resultieren: problematische interpersonale Adaptation, erhöhte Empfindsamkeit gegenüber interpersonalen Stressoren, allgemeine Hypervigilanz und übersensible Gefahrenbewertung, beschränkte Mentalisierung und affektive Dysregulation, mangelhaftes prosoziales Coping und Hilfesuchverhalten, vermehrter sozialer Rückzug. In dieser Forschungsperspektive können Übergänge zu einem paranoiden Denkstil plausibler nachvollzogen werden als jene zu einer verstärkten halluzinatorischen Vulnerabilität.

Einige Autoren diskutieren eine mögliche formale und inhaltliche Nähe von bestimmten Halluzinationen zu typischen posttraumatischen intrusiven Trauma-Erinnerungen im Sinne von Flashbacks. Empirisch scheinen die halluzinatorischen (akustischen, visuellen oder haptischen) Sensationen von  Personen mit früher Trauma-Anamnese aber nur selten konkrete Details aus traumatischen Szenen zu beinhalten. Sie greifen inhaltlich-thematisch vielmehr allgemeinere Aspekte  auf, die mit früheren Erfahrungen eines persönlichen Angriffs, einer feindseligen Beobachtung, Kritik, Beschämung oder Demütigung in Verbindung zu bringen sind. Eine psychopathologische Differenzierung zwischen Halluzination, Pseudohalluzination oder intrusiver Trauma-Erinnerung ist hierbei nicht immer möglich. Diese Wahrnehmungen werden von den Personen selbst meist als „dekontextualisiert“ geschildert, d.h. ihnen ist im Augenblick des konkreten Erlebens keine selbstreflexive Erinnerung und auch keine realitätsorientierte kognitive Zuordnung zu eigenen biographischen Erfahrungen zugängig. Eine grundlegende Störung der Informationsverarbeitung bewirkt, dass bei ihnen intern generierte Sensationen im Sinne eines falschen Quellen-Monitoring stärker an externe Ursachen attribuiert werden. Ein Stress-induziertes affektives Arousal kann diese halluzinatorische oder halluzinationsähnliche Aktivität bestärken. Koexistente Zustände einer posttraumatischen affektiven Dysregulation wie allgemeine Angstneigung, soziale Ängstlichkeit, Depressivität, Selbstentwertung und PTSD tragen hierzu bei. Eine zusätzliche psychopathologische Relevanz entsteht, wenn sich dieser spezielle Wahrnehmungs- und Erinnerungsmodus mit einem paranoiden Verarbeitungsstil verschränkt.

Auch in einer neurobiologischen Perspektive lässt sich eine Reihe von empirischen Befunden anführen, die konvergent ein besseres Verständnis der thematischen Assoziation von früher Traumatisierung und späterem Psychoserisiko ermöglichen. Zur Zeit überwiegen noch Studien zu neurobiologischen Konsequenzen von sogenannten „commission“ – Traumata, also nach aktiven, schädigenden Einwirkungen auf die kindliche Reifung und Entwicklung, z.B. durch emotionalen, körperlichen oder sexuellen Missbrauch, gegenüber neurobiologischen Konsequenzen von sogenannten „omission“ – Traumata, also durch Vorenthalten oder Nichtvermitteln adäquater sozialer und interpersonaler Kontextbedingungen für eine weitgehend ungestörte kindliche Entwicklung, z.B. durch emotionale Vernachlässigung, Deprivation oder Verwahrlosung.  Einige Studien betonen den Stellenwert einer Sensibilisierung der Stresshormonachse nach frühen Traumatisierungen. Dieser Befund scheint nicht nur für depressive, Angst-, somatoforme und posttraumatische Belastungsstörungen, sondern transdiagnostisch auch für psychotische Störungen pathogenetisch relevant zu sein. Eine resultierende pathophysiologische Endstrecke mit Sensitivierung des Dopaminsystems in mesolimbischen Arealen wird als grundlegend angenommen. Eine stressabhängige hyperdopaminerge Reaktionslage trägt einerseits zu verstärkten negativen, d.h. paranoiden Umweltbewertungen, andererseits zu einer figuralen Überbesetzung intern repräsentierter Wahrnehmungen und Erinnerungen bei und kann dadurch ein halluzinatorisches Erleben fördern. Sowohl bei PTSD als auch bei psychotischen (v. a. schizophrenen) Störungen gleichermaßen erhobene Befunde von strukturellen Defiziten in der Hippokampusformation sind mit beeinträchtigten deklarativen Gedächtnisleistungen assoziiert. Nach frühen Traumatisierungen kann die allgemeine Informationsverarbeitung unter aktuellen Stressbedingungen dauerhaft beeinträchtigt sein. Möglicherweise stellen sich die neuropsychologischen Befunde nach früher Misshandlung einerseits und nach emotionaler Vernachlässigung andererseits differentiell dar. Auch genetische Polymorphismen, die wesentlich die Affektregulation und die Stressreagibilität beeinflussen, sind an der Vermittlung von Effekten frühkindlicher Traumata und einem späteren Psychoserisiko beteiligt.

Übergänge der epidemiologisch mehrheitlich vorübergehenden subklinischen Formen von psychotischen Symptomen in persistierende klinische Störungen z.B. schizophrene Psychosen sind komplex organisiert und selbstverständlich nicht auf einen traumatologischen Kontext allein zu reduzieren. Zwei Aspekte erscheinen in diesem speziellen Zusammenhang aber als relevant: eine fortschreitende Sensitivierung gegenüber weiteren Stressoren des aktuellen Lebens einerseits, eine Verschränkung traumatologischer Variablen mit zusätzlichen Umwelt-bezogenen Variablen, die ein eigenständiges Psychoserisiko tragen. Unter letzteren wird vor allem ein schädlicher Konsum von Alkohol, Cannabis oder Amphetaminen hervorgehoben.

Besitzt der dargestellte Zusammenhang von Trauma und Psychose auch eine für die klinisch-psychiatrische Praxis bedeutsame Dimension?

Es ist bereits eingangs skizziert worden, dass psychotische Patienten mit der Anamnese  frühkindlicher Traumatisierungen im Vergleich zu jenen ohne eine solche Anamnese in zahlreichen Dimensionen einen signifikant negativeren Krankheitsverlauf und eine ungünstigere psychosoziale Adaptation aufweisen. Diese spezielle Gruppe psychotischer Patienten mit frühen und aktuellen Traumatisierungen stellt besondere Herausforderungen für die therapeutischen und rehabilitativen Bemühungen einer psychiatrischen Versorgung dar. Erste Studien zeigen, dass adaptierte Trauma-orientierte Psychotherapieverfahren auch bei dieser Patientengruppe Erfolg versprechend eingesetzt werden können. In einer Forschungsperspektive werden künftig Fragen aufzunehmen sein, ob vorliegende empirische Daten einen eigenständigen psychotischen Subtypus einer Posttraumatischen Belastungsstörung stützen und welche therapeutischen Konsequenzen hieraus zu folgern sind. Die klinische Relevanz einer PTSD-Komorbidität einer bei einer psychotischen Störung ist näher zu thematisieren. Nicht zuletzt ist auch allgemein zu fragen, ob und unter welchen Bedingungen dem aktuellen Erleben einer Psychose selbst ein potentieller traumatogener Einfluss auf den weiteren Verlauf zugesprochen werden kann, und wie hierauf therapeutisch adäquat zu antworten wäre.

Literaturverweise

Kapfhammer HP (2012) Trauma und Psychose – Teil 1. Zur Assoziation frühkindlicher Traumatisierungen bei psychotischen Patienten in klinischen Inanspruchnahmegruppen. Neuropsychiatrie 26: 171-178

Kapfhammer HP (2013) Trauma und Psychose – Teil 2. Zur Assoziation frühkindlicher Traumatisierungen und Psychoserisiko in der Allgemeinbevölkerung. Neuropsychiatrie 27: 21-37

Kapfhammer HP (2016) Trauma und Psychose – Teil 3. Zur klinischen Relevanz der Assoziation von Trauma und Psychose (in Vorbereitung)

Hans-Peter Kapfhammer,
Klinik für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin,
Medizinische Universität Graz

 
CliniCum neuropsy 3/2016

Das Medium für Psychiatrie und Neurologie.

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