Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 6/2017

clinicum neuropsy

DER STELLENWERT DER ALTERSPSYCHIATRIE

In der Zwischenkriegszeit entwickelten sich in England die ersten spezialisierten Angebote für psychisch beeinträchtigte Senioren und Seniorinnen. In dieser Zeit wurde erstmals zwischen normalen physiologischen Alterungsprozessen und chronisch altersassoziierten Erkrankungen, zu denen auch neurodegenerative Erkrankungen und Altersdepressionen zählen, unterschieden. Eine Arbeitsgruppe Alterspsychiatrie entstand Anfang der 70iger Jahre und 1978 wurde die erste Schwerpunktausbildung für Alterspsychiatrie in England angeboten, die 1986 in einer eigenen Facharztausbildung mündete. Ähnliche Zusatzqualifikationen sind seit ca. 2 Jahrzehnten in Deutschland und der Schweiz zu erlangen. In Österreich werden zwar sehr viele Alterspatienten mit psychischen Problemen in spezialisierten alterspsychiatrischen Stationen behandelt, jedoch gibt es keine spezielle und universitäre Ausbildung und auch kein Additivfach. Innerhalb der österreichischen Gesellschaft für Geriatrie hat die Alterspsychiatrie mit einem eigenen Modul im Geriatriediplom und bei den jährlichen Geriatriekongressen einen hohen Stellenwert erlangt. Außerdem gibt es die seit ca. 5 Jahren bestehende Österreichische Gesellschaft für Alterspsychiatrie (ÖGAP) unter der rührigen Leitung von Herrn Prim. Dr. Christian Jagsch an der Sigmund Freud Klinik in Graz.

Die Gerontopsychiatrie ist ein eigenständiger Teilbereich der Psychiatrie, die im Unterschied zur „Erwachsenenpsychiatrie“ eigene differenzierte präventive, diagnostisch, therapeutische und rehabilitative Strategien entwickelt hat. Diese Entwicklung basiert auf Forschungsergebnissen der Gerontologie und Geriatrie und ist somit auch ein Teilbereich der Altersmedizin. Dadurch ist die Alterspsychiatrie auf jeden Fall nicht nur eine Extrapolation der Erwachsenenpsychiatrie. Zielgruppe sind zumeist ältere Menschen über 60ig bzw. 65ig Jahren, wobei manchmal bei präsenilen Formen die Altersgrenze von Demenzen auch nach unten verschoben sein kann. Frontotemporale Demenzen treten typischerweise zwischen dem 50. und 60. Lebensjahr auf und werden zumeist in der Alterspsychiatrie behandelt. Die volkswirtschaftliche Bedeutung und der Bedarf an alterspsychiatrischen Angeboten wachsen durch die demographische Entwicklung ständig an.

Zwei Patientengruppen werden vor allem von der Alterspsychiatrie behandelt:

Zur ersten Gruppe gehören Patienten, die während ihres Erwachsenenlebens an rezidivierenden psychischen Erkrankungen, wie z.B. bipolaren affektiven Störungen oder Schizophrenien litten und auch im Seniorenalter Rezidive entwickelten. Diese Patienten haben spezifische Bedürfnisse und sie benötigen fachärztliche Hilfe – vor allem während ihrer Krankheitsschübe vor Ort in ihren eigenen Wohnungen oder in Heimen.

Zur zweiten Gruppe zählen Patienten, die im Senium erstmals psychisch erkranken. Die Prävalenz psychischer Erkrankungen ist im höheren Alter nicht geringer, als im Erwachsenenalter und es zählen dazu vor allem Altersdepressionen, Angsterkrankungen, neurodegenerative Erkrankungen mit einer oftmals das klinische Bild dominierenden Begleitpsychopathologie, Demenzen, Delirien und Suchterkrankungen mit zu hohem Konsum von Alkohol oder Benzodiazepinen. Werden diese speziellen alterspsychiatrischen Erkrankungen nicht rechtzeitig erkannt, diagnostiziert und behandelt, kommt es zumeist zu vorzeitigen Instutionalisierungen. Da die Multimorbidität, die Pflegebedürftigkeit und die psychischen Erkrankungen von Heimbewohnern steigen, wird auch immer mehr alterspsychiatrische Kompetenz ambulant und stationär benötigt. Die Comorbidität von psychischen Alterserkrankungen und chronischen somatischen Erkrankungen ist sehr hoch und erfahrene Gerontopsychiater müssen deshalb immer auch gut über körperliche Krankheiten, medikamentöse Therapie und Nebenwirkungen und Interaktionen Bescheid wissen. . In vielen Studien ist dokumentiert, dass psychische Alterskrankheiten die Prognose von somatischen Erkrankungen verschlechtern und sogar die Mortalität erhöhen.

Österreichweit ist die Anzahl von spezialisierten Gerontopsychiatern relativ gering, sodass die Gerontopsychiatrie wegen der begrenzten Ressourcen zumeist eine tertiäre Versorgungsstruktur ist. Als gerontopsychiatrische Station  ist sie supportiv in Polykliniken oder somatischen Spitälern und sie unterstützt niedergelassene praktische Ärzte und Fachärzte. Durch die Dezentralisierung der sektorisierten Psychiatrie in Wien, wird es in den nächsten Jahren in allen Schwerpunktspitälern eine eigene alterspsychiatrische Station als Teil der psychiatrischen Abteilung geben. Dadurch werden die wichtigsten Wiener Schwerpunktspitäler mit ausreichender gerontopsychiatrischer Kompetenz versorgt sein. Da die meisten alterspsychiatrischen Erkrankungen aber am Wohnort oder in Pensionisten- und Pflegeheimen auftreten und der 1. Grundsatz lautet „Die alterspsychiatrische Diagnose und Therapie sollte am Aufenthaltsort der Patienten erfolgen“ sind die dzt. vorhandenen ambulanten Ressourcen schnell erschöpft. Ein engagiertes gerontopsychiatrisches Zentrum des Psychosozialen Dienstes soll diese herkulische Aufgabe für ganz Wien übernehmen! Leider gibt es zu wenig ausgebildete Alterspsychiater, die auch Hausbesuche durchführen. Alterspsychiatrische Tageskliniken wären ein sinnvolles Versorgungsangebot zusätzlich.Die notwendigen Angebotsstrukturen sind auch in den Bundesländern noch nicht aufgebaut.

Dadurch wird der zweite Grundsatz „ambulant vor stationär“ durch mangelnde Ressourcen oftmals konterkariert. Nicht erkannte oder unbehandelte psychische Alterserkrankungen sind wesentliche Kostentreiber in unserem Gesundheitssystem. Auch künftig wird durch die Verbreiterung der Alterspyramide der Bedarf  alterspsychiatrischen Angeboten zunehmen.

Der dritte Grundsatz besagt, dass „stationäre Aufenthalte wegen des Schreckgespenstes des Hospitalismus möglichst kurz gehalten werden sollten“. Nach Möglichkeit unter 4-6 Wochen! Da die vom österreichischen Oberpfleger Böhm an der Baumgartner Höhe so erfolgreich ins Leben gerufene Übergangspflege nicht mehr existiert, wird die angestrebte frühzeitige Spitalsentlassung oftmals verunmöglicht. Durch die Übergangspflege sollte die Lücke zwischen intra- und extramuraler Pflege geschlossen werden und eine bessere gemeindenahe Reintegration ermöglich werden. Viele Patienten werden deshalb ohne ausreichende Rehabilitationsversuche, in Pflegeheime eingewiesen. Andererseits sollten Heime attraktiver gemacht werden und Anreizsysteme aufgebaut werden, damit Schwellenängste bei jenen die eine Instutionalisierung notwendig haben, abgebaut werden.

Die Prävalenz psychiatrischer Erkrankungen ist in Heimen besonders hoch und betrifft v.a. Demenzen mit Verhaltensstörungen, Altersdepressionen und Delirien. Eine konsiliarische alterspsychiatrische Beratung und regelmäßige Visiten wären besonders sinnvoll. Alterspsychiatrische Konsilien werden oftmals von Pflegenden oder Angehörigen initiiert, wobei sich immer wieder die Frage der Finanzierbarkeit stellt.

15% der Dementen leben alleine und werden oftmals erst als Notfälle im Rahmen von Verwirrtheitszuständen, durch auffälliges irrationales Verhalten oder soziale Übelstände an die Fachabteilung eingewiesen. Ein proaktives Vorgehen ambulanter gerontopsychiatrischer Einrichtungen mit Hausbesuchen wäre diesbezüglich wünschenswert. Ein weiteres wichtiges Angebot könnte der Aufbau einer eigenen universitären Alterspsychiatrie mit spezifischer Lehre und Forschung sein. Die dzt. geringen Ressourcen an alterspsychiatrischer Kompetenz und Finanzierungsbereitschaft lassen einen vollen Aufbau von ambulanten und teilstationären alterspsychiatrischen Angeboten leider häufig nicht zu. Moderne alterspsychiatrische Einrichtungen sollten immer in der Nähe vom somatischen Spitälern oder in diese integriert sein, damit psychische Alterserkrankungen oder psychische Begleiterkrankungen nicht chronifizieren und zu frühzeitigen Heimeinweisungen führen.

M.Rainer, psychiatrische Abteilung und Karl Landsteiner Institut für Gedächtnis- und Altersforschung im SMZ-Ost


CliniCum neuropsy 6/2017

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