Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 1/2019

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasper

Im psychiatrischen Konsiliardienst ist man oft mit der Frage konfrontiert, ob dieses oder ein anderes Antidepressivum bei PatientInnen mit einer kardialen Vorerkrankung Verwendung finden kann.

In einem vor kurzem zusammengefassten Review (Kasper, 2019, International Journal of Psychiatry in Clinical Practice, DOI: 10.1080/13651501.2018.1519080) wurde darauf hingewiesen, dass die kardiovaskulären Nebenwirkungen von Antidepressiva der neueren Generation vorwiegend bei gesunden Kontrollen untersucht wurden und daher einer differenzierten Abklärung bei PatientInnen mit kardiovaskulären Erkrankungen bedürfen. Die praktische Aktualität ist dadurch gegeben, da eine depressive Erkrankung bei etwa 10 – 20 Prozent der PatientInnen nach einem Myocardinfarkt auftritt und etwa 15 – 30 Prozent der PatientInnen mit einer Hypertension an einer Depression leiden. Daraus kann man die Bedeutung der Fragestellung, ob die Gabe eines Antidepressivums mit einem kardiovaskulären Risiko behaftet ist, ablesen. Bekannterweise haben Antidepressiva der ersten Generation wie trizyklische und tetrazyklische Antidepressiva vor allem wegen der anticholinergen Wirkkomponente eine deutliche kardiovaskuläre Nebenwirkung. Neuere Antidepressiva können jedoch auch mit kardiovaskulären Nebenwirkungen wie z.B. einem erhöhten Puls, einer Hypotension oder einer Verlängerung des QT-Intervalls verbunden sein. Dies ist im Einzelfall zu prüfen.

Bei der Beurteilung der Sicherheit eines Medikaments sollte auch die Interaktion mit anderen, internistisch verordneten Medikamenten bedacht werden, da durch die Interaktion ev. erhöhte Blutspiegel dieser verordneten Medikamente auftreten können z.B. bei gleichzeitiger Gabe von Antiarrhythmika, Beta-Blockern, oder Calzium-Kanal-Blockern.

Zur positiven Wirkung der Antidepressiva der neueren Generation sei jedoch auch erwähnt, dass sich z.B. die Gabe eines Serotonin-Wiederaufnahmehemmers günstig auf das Fließgleichgewicht des Blutes auswirkt, durch Einflussnahme auf das serotonerge System der Blutplättchen.

Die Diskussion um kardiale Nebenwirkungen von Antidepressiva, auch der neueren Generation, erinnert uns an die nationalen (z.B. ÖGPB-Konsensus Depression, 2017, https://oegpb.at/2017/11/15/therapieresistente-depression-klinik-und-behandlungsoptionen/) bzw. internationalen Guidelines (z.B. WFSBP-Guidelines, 2017, Bauer et al., International Journal of Psychiatry in Clinical Practice, DOI: 10.1080/13651501.2017.1306082) dass bei Initiierung einer antidepressiven Psychopharmakotherapie auch eine körperliche Untersuchung mit Erhebung der medizinischen Anamnese und der aktuellen internistisch verordneten Medikation notwendig ist, um den/ die Patienten/ -in nicht unnötig einem Risiko auszusetzen. Eine Blutentnahme und regelmäßige Blutbild- und EKG-Kontrollen sind ebenso in den verschiedenen Guidelines empfohlen, da unabhängig von der Psychopharmakotherapie auch Veränderungen im kardiovaskulären Bereich, z.B. durch eine internistisch verordnete Ko-Medikation (cave Interaktion) auftreten können und dadurch ev. eine Modifikation der Antidepressivagabe notwendig wird. Diese Gesichtspunkte sind in dem aktuellen Review differenziert dargestellt und weisen darauf hin, dass eine antidepressive Medikation einer medizinischen Kontrolle bedarf.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c.mult. Dr. med. Siegfried Kasper,
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie
und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)