Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 1/2015

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperLiebe Leserinnen, liebe Leser!

Betrachtet man die psychopharmakologischen Studien der letzten 40 Jahre, so zeigt sich das interessante Phänomen, dass die sogenannte „Plazebo-Response“ von Dekade zu Dekade ausgeprägter wird, mit anderen Worten, dass Plazebo eine immer größere Effektivität zeigt. Verschiedene Faktoren sind in diesem Zusammenhang in systematischen Untersuchungen evaluiert worden, und es stellte sich dar, dass sowohl das Jahr, in dem diese Studie durchgeführt wurde, als auch die Anzahl der unterschiedlichen Studienzentren, die Teilnahme von geringeren akademischen Zentren sowie jüngeres Alter, eine kürzere Erkrankungsdauer, kürzere Untersuchungszeit und eine geringere Schwere der Symptomatologie am Anfang der Untersuchung im Zusammenhang mit einer erhöhten Plazebo-Response stand. Interessanterweise haben auch Studien, die in den USA durchgeführt wurden, höhere Plazebo- Raten und damit die Schwierigkeit einer Differenzierung zwischen Medikation und Plazebo ergeben. Das konnte z.B. für das vor Kurzem eingeführte Antidepressivum Vortioxetin gezeigt werden. Der Umstand, dass nicht so schwere Erkrankungen in Studien eingeschlossen werden, wird auch als „Baseline-Inflation“ bezeichnet, und das höhere Ausmaß an klinischen Untersuchungen sowie die Zeit, die dem Patienten gewidmet wird, werden als unspezifischer Effekt angesehen.

Problematisch wird diese ansteigende Plazebo-Response dann, wenn Studien aus unterschiedlichen Zeitepochen herangezogen und z.B. zu Metaanalysen verarbeitet werden und plötzlich ältere Medikamente einen höheren Effekt aufweisen als modernere Vergleichspräparate. Der Frage, inwiefern man den Plazeboeffekt möglichst gering halten kann, wird auf internationalen Kongressen nachgegangen sowie bei dem im April stattfindenden CINP Summit Meeting in Tokio, bei dem führende Psychopharmakologen der Welt sich diesem Thema widmen werden.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

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