Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 1/2016

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperLiebe Leserinnen, liebe Leser!

Bei der Erklärung psychiatrischer Erkrankungen stößt man auch heute noch häufiger auf „zwei Welten“, eine Welt der Biologie und der körperlichen Ursachen, zu der auch unser Gehirn gehört, und eine Welt der Bedeutungen, Symbole und zwischenmenschlichen bzw. sozialen Beziehungen.

Die Erklärung und der Umgang mit psychiatrischen Erkrankungen finden sich häufig in diesem oben skizzierten Dualismus, so dass die Erkrankungen entweder einseitig biologisch oder einseitig psychosozial beschrieben werden. Als Extrempositionen kann man diese beiden Ansichten unter einem Forschungsgesichtspunkt reduktionistisch geltend machen, in der Praxis spiegelt sich jedoch die Abhängigkeit beider Sichtweisen wider. Von der Weltgesellschaft für Psychiatrie (World Psychiatric Association, WPA) wurde in den vergangenen Jahren der Begriff der „Social Neuroscience“ bei psychiatrischen Erkrankungen ausführlich diskutiert, um das dynamische Zusammenspiel der oben beschriebenen „zwei Welten“ bei psychiatrischen Erkrankungen zu verdeutlichen. Dabei wird hervorgehoben, dass eine einseitige Sichtweise psychiatrische Erkrankungen nicht erklären kann und auch Termini wie „primär“ und „sekundär“ sich oft als Sackgasse erweisen. Als „Social Neuroscience“ findet ein Begriff Verwendung, der die neuralen, hormonellen, zellulären, molekularen und genetischen Mechanismen, die sozialen Strukturen und Prozessen zugrunde liegen, untersucht und in die Praxis unter Behandlungsaspekten integriert. Im Sinne der „Präzisions-Medizin“ ist es die Kunst eines Therapeuten herauszufinden, welche spezifischen neuralen Prozesse eine Rolle spielen und ob und in welchem Ausmaß Umweltelemente „stressful life circumstances“ eine Rolle spielen. Die beste Medikation kann eine Patientin/einen Patienten aus der Krankheit nicht herausführen, wenn psychosoziale Variablen nicht ausreichend bedacht werden. Umgekehrt können auch die besten psychosozialen Behandlungsmethoden nicht greifen, wenn die Medikation spezifische neurale Prozesse entweder ungenügend oder inadäquat berücksichtigt bzw. wenn durch eine gegebene Medikation z.B. neue psychosoziale Stressoren, wie es z.B. sexuelle Störungen durch Selektive-Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs) darstellen können, auftreten.

Die Sichtweise der „Social Neuroscience“ verspricht, der Komplexität des menschlichen Gehirns sowie der psychosozialen Umgebung und der sich darin widerspiegelnden psychiatrischen Erkrankungen adäquat Rechnung zu tragen.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

01_2016
CliniCum neuropsy 1/2016

Das Medium für Psychiatrie und Neurologie.