Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 3/2017

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperSowohl das Vorliegen chronischer somatischer Erkrankungen als auch die Wirkung spezifischer Medikamente stehen im Zusammenhang mit dem Auftreten einer depressiven Erkrankung. Dies weist auf die Vulnerabilität hin, die bei Menschen zu einer Depression führen kann.

Verschiedene Noxen können bewirken, dass es zum Auftreten einer depressiven Verstimmung kommt, einerseits die Erkrankung selbst, bestimmte Medikamente, die wegen dieser Grunderkrankung eingenommen werden müssen, oder auch physikalische Veränderungen, wie sie durch die dunkle Jahreszeit gegeben sind. Der Wiener Psychiater Ernst Freiherr von Feuchtersleben hat dies bereits in seinem Lehrbuch 1845 beschrieben: „Der dunkle Monat November kann ein helles Gemüt nicht umnachten.“ Er bringt damit zum Ausdruck, dass eine gewisse Verletzlichkeit (Vulnerabilität) vorliegen muss, dass es zum Auftreten einer Depression kommt. Zu den verschiedenen depressiogen wirkenden Substanzen gehören Zytostatika, Immunsupressiva oder auch verschiedene Aknemedikamente, die bei einer entsprechenden Disposition eine depressive Erkrankung auslösen können. Dabei kommt es zu spezifischen Veränderungen im Neurotransmittersystem, wobei dem serotonergen und noradrenergen System, die zurzeit am besten erforscht sind, eine besondere Bedeutung zukommen.

Für die Praxis bedeutet dies, dass einerseits diese Nebenwirkung von Medikamenten bekannt sein sollte, und wenn diese Nebenwirkung auftritt, spezifisch durch Antidepressiva behandelt wird. Das vor Kurzem zur Behandlung der Psoriasis in Österreich eingeführte Medikament Apremilast verdeutlicht nochmals diese Vulnerabilität und die Möglichkeit der dabei auftretenden depressiven Verstimmung. Bei spezifischer Indikationsstellung und entsprechenden Behandlungen sollte dieses Medikament, wenn indiziert, dem Patienten jedoch nicht vorenthalten werden. Es kann in Analogie z.B. zur Lithiumbehandlung gesehen werden, wenn unter dieser Medikation eine Auffälligkeit der Schilddrüsenhormone besteht, die dann entsprechend zusätzlich zur Lithiumtherapie durch endokrinologische Behandlung eingestellt werden kann.
Die Frage der Vulnerabilität für das Auftreten einer Depression ist zurzeit Gegenstand intensiver molekularbiologischer Forschung. Dadurch kann in Zukunft mit hoher Wahrscheinlichkeit bereits frühzeitig eine Zusatztherapie angeboten werden, wenn Medikamente mit einer potenziellen Nebenwirkungsgefahr zur Behandlung einer somatischen Erkrankung notwendig sind.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

neuropsy 03/2017
CliniCum neuropsy 3/2017

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