Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 5/2015

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperLiebe Leserinnen, liebe Leser!

Sowohl in der Boulevardpresse als auch in wissenschaftlichen Zeitschriften wird immer wieder das Problem diskutiert, ob sich Psychopharmaka von einer Placebo-Medikation unterscheiden. In der letzten Ausgabe der international sehr angesehenen Zeitschrift „World Psychiatry“, dem offiziellen Journal der World Psychiatric Association (WPA) mit einem Impact Factor von 14,25 (Herausgeber: Univ.-Prof. Dr. Mario Maj), wurde dieses Thema anhand von mehreren Publikationen ausführlich behandelt. Von der Wiener Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie wurde dabei der Frage nachgegangen, wieso die Placebo-Response bei Antidepressiva bei Doppelblind-Untersuchungen in den vergangenen Jahren stetig angestiegen ist und dadurch eine Unterscheidung zur aktiven Medikation zum Teil verunmöglicht wurde. Dadurch hat man den Eindruck, dass die neueren Psychopharmaka, insbesondere die Antidepressiva, nicht so wirksam sind wie die älteren. Dies kann auch dazu führen, dass der geringe Medikation-Placebo-Unterschied zu inkonklusiven oder auch sogar negativen Ergebnissen führt und deswegen neuere Medikamente nicht zugelassen werden und dass diese potenziell wirksamen Medikamente somit für die Versorgung nicht zur Verfügung stehen. Man darf nicht vergessen, dass es darüber hinaus durch die nun sehr umfangreichen Studienanforderungen mit zahlreichen Messungen und Beurteilungssitzungen eine enorme Zuwendung für die Patienten bedeutet und dies dadurch auch zu einer erhöhten Placebo- Response führen kann. Dies ist insofern von Bedeutung, wenn man die Ergebnisse bei einer geringer ausgeprägten Depression statistisch betrachtet und eventuell daraus den Schluss ziehen möchte, dass Antidepressiva bei milden Depressionen nicht so gut wirken. Nicht vergessen werden sollte jedoch auch, dass Patienten, die wir täglich behandeln und die z.B. eine schwere Komorbidität mit einer Angsterkrankung oder einer körperlichen Erkrankung haben bzw. Probleme der Suizidalität aufweisen, in diese Studien nicht aufgenommen werden können. Interessanterweise hat sich in letzter Zeit auch gezeigt, dass Studien, die in den USA durchgeführt wurden, eine höhere Placebo-Response aufweisen, was damit zusammenhängen mag, dass in den USA in speziell ausgewiesenen Zentren sogenannte „professionelle Patienten“ rekrutiert werden, die durch die Teilnahme an der Studie eine kostenlose Behandlung erfahren. Trotz dieser Kritikpunkte können wir aufgrund der vorliegenden Studien davon ausgehen, dass die von den europäischen (EMA) und den nordamerikanischen (FDA) Gesundheitsbehörden eingeführten Medikamente eine ausreichende Wirksamkeit aufweisen. Die Kenntnis der oben angeführten Argumente ist sowohl für die KollegInnen, die in der Praxis tätig sind, als auch für die Beurteilung der Forschungsergebnisse von großer Wichtigkeit.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

neuropsy_05_05CliniCum neuropsy 5/2015 Das Medium für Psychiatrie und Neurologie.