Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

CliniCum neuropsy 6/2015

clinicum neuropsy

e d i t o r i a l

prof. kasperLiebe Leserinnen, liebe Leser!

In den vergangenen Jahren wurden auch in der Psychiatrie neue Therapieprinzipien etabliert, wie etwa durch die Einführung der selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRIs), der atypischen Antipsychotika für Schizophrenie und bipolare Erkrankungen sowie der Antidementiva aus der Gruppe Cholinesterasehemmer. Erfreulicherweise geht auch bei der Erforschung psychiatrischer Erkrankungen die Entwicklung weiter, jedoch müssen wir häufig zur Kenntnis nehmen, dass PatientInnen in der Psychiatrie Innovationen aufgrund von nicht erfolgten Rückerstattungen der Krankenkassenverbände vorenthalten werden. Man wird in diesem Zusammenhang an das erste melatonerge Antidepressivum Agomelatin erinnert, dass neben dem melatonergen Mechanismus auch einen Rezeptor-blockierenden Effekt auf das serotonerge System beinhaltet. In weiterer Folge denkt man an Vortioxetin, das einen multimodalen Angriffspunkt aufweist und nicht nur den Serotonin-Transporter, sondern weitere Rezeptoren des serotonergen Systems entweder blockiert oder aktiviert. In weiterer Folge muss Paliperidon erwähnt werden, das den großen Vorteil gegenüber der Muttersubstanz Risperidon aufweist, dass es nierengängig ausgeschieden wird. In Österreich ist nur die Depotmedikation von Paliperidon als vierwöchige Therapie verfügbar. Um den PatientInnen diese Therapie verabreichen zu können, wird der Patient nach wie vor auf das bereits sehr viel ältere Risperidon eingestellt, von dem man dann auf das Depotpräparat umstellt, ein Vorgehen, das als solches jedoch nicht untersucht wurde.

Interessanterweise sind die zuvor genannten Präparate zum größeren Teil in den Nachbarländern von Österreich verfügbar, Leomilnacipran und Vilazodane darüber hinaus auch in den USA. All diese Innovationen werden den PatientInnen in der Psychiatrie vorenthalten, und es bildet sich eine Art Zwei-Klassen-Medizin heraus, so dass die wohlhabenderen bzw. entsprechend zusatzversicherten PatientInnen diese Medikation erhalten, weil sie sie entweder selbst bezahlen oder eine Privatversicherung die Refundierung übernimmt. Der große Teil der PatientInnen, der lediglich eine gesetzliche Krankenversicherung hat, kommt jedoch nicht in den Genuss dieser modernen Medikamente. Es wäre wünschenswert, wenn ein Modus gefunden werden würde, um die Innovationen für alle PatientInnen in Österreich verfügbar zu machen.

O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper
für die Österr. Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB)

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CliniCum neuropsy 6/2015
Das Medium für Psychiatrie und Neurologie.