{"id":6528,"date":"2021-07-01T14:27:22","date_gmt":"2021-07-01T12:27:22","guid":{"rendered":"https:\/\/oegpb.at\/?page_id=6528"},"modified":"2023-02-18T21:07:53","modified_gmt":"2023-02-18T20:07:53","slug":"2-ogpb-newsletter-2021","status":"publish","type":"page","link":"https:\/\/oegpb.at\/?page_id=6528","title":{"rendered":"2. \u00d6GPB Newsletter 2021"},"content":{"rendered":"<p>[et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; _module_preset=&#8220;a101c382-f6f4-4378-9eee-5c6c65b689e1&#8243; locked=&#8220;off&#8220;][et_pb_row _builder_version=&#8220;4.9.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; custom_padding=&#8220;||10px||false|false&#8220;][et_pb_column type=&#8220;4_4&#8243; _builder_version=&#8220;4.9.3&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;][et_pb_post_title _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; _module_preset=&#8220;7fd05a31-4b65-4680-8d87-3be606eca9dc&#8220;][\/et_pb_post_title][\/et_pb_column][\/et_pb_row][\/et_pb_section][et_pb_section fb_built=&#8220;1&#8243; admin_label=&#8220;section&#8220; _builder_version=&#8220;3.22&#8243; locked=&#8220;off&#8220;][et_pb_row column_structure=&#8220;2_3,1_3&#8243; use_custom_gutter=&#8220;on&#8220; gutter_width=&#8220;2&#8243; admin_label=&#8220;row&#8220; _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; background_size=&#8220;initial&#8220; background_position=&#8220;top_left&#8220; background_repeat=&#8220;repeat&#8220;][et_pb_column type=&#8220;2_3&#8243; _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; custom_padding=&#8220;30px|30px|30px|30px|true|true&#8220; box_shadow_style=&#8220;preset1&#8243; custom_padding__hover=&#8220;|||&#8220;][et_pb_team_member name=&#8220;H.P. Kapfhammer, Graz&#8220; image_url=&#8220;https:\/\/oegpb.at\/wp-content\/uploads\/2021\/07\/Kapfhammer__.jpg&#8220; _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;]<\/p>\n<p>Sport-bedingte Verletzungen des Gehirns und ihre neuropsychiatrischen Folgen<\/p>\n<p>Als Christoph Kramer am 13. Juli 2014 Nicola Rizzoli, den Schiedsrichter des Endspiels Deutschland gegen Argentinien um die Fu\u00dfballweltmeisterschaft im Maracan\u00e3-Stadium von Rio de Janeiro, in der 31. Minute zum 2. Mal kurz hintereinander etwas ratlos fragte, ob es sich bei der laufenden Partie um das Endspiel handele, registrierte auch Signore Rizzoli, dass mit dem jungen defensiven Mittelfeldspieler der deutschen\u00a0<\/p>\n<p>[\/et_pb_team_member][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;]<\/p>\n<p>Nationalmannschaft etwas nicht stimmte. Kramer hatte in der 17. Minute anl\u00e4sslich eines Zusammenpralls mit dem Argentinier Ezequiel Garay eine Gehirnersch\u00fctterung erlitten, war kurz bewusstlos gewesen, schien sich schnell zu erholen und spielte eine Viertelstunde durchaus noch recht ordentlich weiter. Kramer wurde ausgewechselt. Als nach fast 2 Stunden sp\u00e4ter endlich feststand, dass Deutschland zum 4. Mal Fu\u00dfballweltmeister geworden war, konnte auch Kramer in den umgebremsten Jubel miteinstimmen, zeigte sich aber immer noch etwas verwundert, als er damit konfrontiert wurde, dass er zumindest 31 Minuten lang an diesem Triumph auch aktiv Anteil hatte.<\/p>\n<p>Der wahrscheinlich weltbeste und technisch wohl eleganteste Boxer aller Zeiten, Muhammad Ali, durchbrach das als eisern geltende Gesetz des Boxsports im Schwergewicht \u201ethey never come back\u201c gleich zweimal. Nach den spektakul\u00e4ren K\u00e4mpfen des \u201eRumble in the Jungle\u201c (10.10.1974, Kinshasa, gegen George Foreman) und des \u201eThrilla in Manila\u201c (1.10.1975, Manila, gegen Joe Frazier) war er zum 2. Mal Boxweltmeister im Schwergewicht geworden. Er verlor \u00fcbergewichtig und untertrainiert am 15.2.1978 diesen Titel an Leon Spinks, um ihn am 15.9.1978 zum 3. Mal zur\u00fcckzugewinnen. Nach diesem Sieg wurde aber f\u00fcr jedermann offensichtlich, dass der 36-j\u00e4hrige Ali die Symptome seiner bereits sich entwickelnden Parkinsonschen Erkrankung nicht mehr verbergen konnte. Der Rest war ein Trauerspiel. Experten ermittelten, dass Muhammad Ali im Laufe seiner aktiven Box-Karriere insgesamt an die 29.000 Treffer gegen seinen Kopf hingenommen hatte.<\/p>\n<p>Etwa zur selben Zeit befand sich Gerd M\u00fcller noch auf dem H\u00f6hepunkt seiner sportlichen Karriere. Am 7.7.1974 hatte er in der 43. Minute mit seinem Treffer zum 2:1 gegen die Niederlande beim Finale in M\u00fcnchen den Grundstein zum nach 1954 erneuten Gewinn der Fu\u00dfballweltmeisterschaft f\u00fcr Deutschland gelegt. Der \u201eBomber der Nation\u201c blickt als Mittelst\u00fcrmer auf einzigartige Erfolge zur\u00fcck (365 Tore in 427 Bundesliga-Partien, mit dem FC Bayern M\u00fcnchen vier deutsche Meisterschaften, viermal den DFB-Pokal, dreimal den Europapokal der Landesmeister, einmal den Europapokal der Pokalsieger, einmal den Weltpokal, mit der deutschen Nationalmannschaft 1972 die Europa- und 1974 die Weltmeisterschaft gewonnen). Fu\u00dfballexperten haben zwar die Tore von Gerd M\u00fcller gez\u00e4hlt, Fu\u00dfballvernarrte haben bisher aber noch nicht ermittelt, wieviele Kopfb\u00e4lle er in seiner aktiven Laufbahn insgesamt gesto\u00dfen hat. Die Zahl d\u00fcrfte wohl jene Marke von Kopftreffern eines Muhammad Ali erreichen, wenn nicht gar bei weitem \u00fcbertreffen. Seit 2015 ist bekannt, dass Gerd M\u00fcller an einer Demenz leidet.<\/p>\n<p>Haben diese beispielhaft skizzierten Akutereignisse diskreter Verletzungen des Gehirns etwas gemeinsam und stehen sie m\u00f6glicherweise mit ihren Langzeitentwicklungen Jahrzehnte sp\u00e4ter in einer bedeutsamen Beziehung? Ist Sport, sind vor allem bestimmte Sportarten vielleicht doch nicht so gesund oder harmlos, wie gemeinhin angenommen wird? Sollte dem Ausspruch des ehemaligen britischen Premiers Winston Churchill, der Zigarren paffend und dem schottischen Whisky zugeneigt auf die Frage, wie er sein hohes Alter erreicht habe, nur trocken antwortete: \u201eno sports!\u201c vielleicht doch mehr Beachtung geschenkt werden? Und warum sollten sich nicht nur Sportmediziner, sondern auch Psychiater um bestimmte Sportverletzungen k\u00fcmmern, zumindest aber von ihnen wissen?<\/p>\n<p>Epidemiologischen Untersuchungen zufolge \u00fcben sch\u00e4tzungsweise 38 Millionen Kinder und 170 Millionen Erwachsene j\u00e4hrlich eine organisierte Sportart aus. Eine regelm\u00e4\u00dfige sportliche Bet\u00e4tigung kann mit einer Reihe von k\u00f6rperlichen und psychischen Gesundheitsvorteilen assoziiert werden und pr\u00e4ventiv zu einer Verringerung der endemischen, vor allem kardiovaskul\u00e4ren und metabolischen Krankheitsfolgen eines modernen westlichen Lebensstils beitragen [1]. Die Kehrseite dieser prinzipiell zu begr\u00fc\u00dfenden k\u00f6rperlichen Aktivierungsma\u00dfnahmen ist allerdings, dass sportliche Bet\u00e4tigung, insbesondere wettbewerbsm\u00e4\u00dfig betriebene Kontaktsportarten ein bemerkenswertes Risiko von Kopfverletzungen tragen [2]. Amerikanische Untersuchungen ermittelten, dass es j\u00e4hrlich zu 3.8 Millionen Sport-bedingten Hirnverletzungen (\u201etraumatic brain injuries\u201c, TBI) kommt [3]. Sportarten mit einer grundlegend h\u00f6heren Kollisionswahrscheinlichkeit, wie etwa American Football, Eishockey, aber auch Basketball, die an den US-amerikanischen High-Schools zu den beliebtesten Mannschaftssportarten z\u00e4hlen, weisen die h\u00f6chsten Raten an Kopfverletzungen auf. Interessant erscheint, dass M\u00e4dchen gegen\u00fcber Jungen hierbei ein h\u00f6heres Verletzungsrisiko mit resultierenden Gehirnersch\u00fctterungen zeigen. Aber auch scheinbar harmlosere Sportarten wie Radfahren, Fussballspielen oder Ski-Fahren weisen hohe Hirnverletzungsraten auf [4]. Es ist epidemiologisch festzuhalten, dass Sport-bedingte Traumatisierungen des Gehirns zu den Topursachen in der Mortalit\u00e4tsstatistik in Jugend und jungem Erwachsenenalter z\u00e4hlen [5]. Dieses spezielle zerebrale Verletzungsrisiko bereits im Amateursport wird im professionellen Sport noch signifikant \u00fcbertroffen.<\/p>\n<p>Eine 7 Jahre-Kohortenstudie registrierte beispielsweise im FIS World Cup f\u00fcr die Wettbewerbe im Alpinen Skisport, Snow-Boarding und Free-Styling in den Saisonen 2006 \u2013 2013 insgesamt 2.080 Sportverletzungen, davon 12% Kopf- und Gesichtsverletzungen (n = 245). Es handelte sich hierbei mehrheitlich (82%) um Gehirnersch\u00fctterungen (Konkussion), davon in einem Viertel aber auch um schwererwiegende Gehirnkontusionen (23.7%). Das Risiko war im Free-Style am h\u00f6chsten. Und erneut erstaunlich wiesen Skifahrerinnen gegen\u00fcber ihren m\u00e4nnlichen Kollegen insgesamt eine h\u00f6here Verletzungsstatitik auf [6]. Einem rezenten systematischen Review zufolge bewegten sich die j\u00e4hrlichen Inzidenzen von Sport-bedingten Hirnverletzungen in Studien, die auf Aufnahmeraten in Krankenh\u00e4usern beruhten, zwischen 3.5 und 31.5 auf 100.000 Patient*innen. Eine Bev\u00f6lkerungs-basierte Untersuchung identifizierte eine noch h\u00f6here Inzidenzrate von 170 auf 100.000 Personen pro Jahr. Sport-bedingte Hirnverletzungen nahmen einen Prozentsatz von 1.2 \u2013 30.3% unter allen Hirnverletzungen ein. Jugendliche und junge Erwachsene wiesen die h\u00f6chsten Inzidenzraten auf [7].<\/p>\n<p>L\u00e4ngst widmen nationale und internationale Gesellschaften der akademischen Sportmedizin sport-bedingten Hirnverletzungen, speziell dem Thema diskreter Gehirnersch\u00fctterungen eine zentrale Aufmerksamkeit und erkennen hierin ein grundlegendes Gef\u00e4hrdungsmoment f\u00fcr die Gesundheit der Bev\u00f6lkerung in modernen Gesellschaften [8, 9]. Das Thema hatte sp\u00e4testens durch den Beitrag Hollywoods mit dem Film \u201eConcussion\u201c (dt. \u201eErsch\u00fctternde Wahrheit\u201c, mit Will Smith, 2015) zu den Gesundheitsrisken in der US-amerikanischen Nationalsportart Nummer 1, des American Football auch eine breite popul\u00e4re Beachtung erlangt. Der Film bereitete die Forschungsergebnisse des Neuropathologen Bennet Omalu anl\u00e4sslich einer Serie unerwarteter Todesf\u00e4lle von Football-Spielern nach Sportverletzungen publikumswirksam auf und regte auch eine gro\u00dfe gesundheitspolitische Diskussion an [10].<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220;]<\/p>\n<p>\u00a0Was stellen akute Sport-bedingte Verletzungen des Gehirns medizinisch-diagnostisch dar?<br \/>Schwere hirntraumatische Verletzungen gehen stets mit dem Verlust des Bewusstseins und auff\u00e4lligen neurologischen Symptomen einher. Sie stellen jeweils neurologische bzw. neurochirurgische Notf\u00e4lle dar [11]:<\/p>\n<ul>\n<li>Ein epidurales H\u00e4matom wird meist durch eine Ruptur der mittleren meningealen Arterie infolge einer pl\u00f6tzlichen und heftigen Krafteinwirkung auf den Sch\u00e4del verursacht. In drei Viertel der F\u00e4lle liegt eine Sch\u00e4delfraktur im Temporalbereich vor. Das austretende Blutvolumen erh\u00f6ht den Hirndruck bis zu einer Herniation des Gehirns. Klinisch ist das h\u00e4ufige (ca. 50%), aber nicht regelm\u00e4\u00dfige Zeichen eines kurzen \u201eluziden Intervalls\u201c von diagnostischer Relevanz. Erst hierauf setzen Koma und Tod ein, wenn nicht eine eilige neurochirurgische Intervention zur Entlastung des Gehirndrucks erfolgt.<\/li>\n<li>Ein akutes subdurales H\u00e4matom ist die h\u00e4ufigste Form einer intrakraniellen Blutung bei sportlich bedingten Hirnverletzungen. Es stellt eine f\u00fchrende Ursache f\u00fcr Tod oder bleibende schwere Behinderung dar. Die Blutung ist Folge einer Ruptur der Br\u00fcckenvenen im Subduralraum. Das Blutvolumen sammelt sich zwischen Dura und Mater subarachnoidea und erh\u00f6ht den Hirndruck. Im Weiteren kommt es zu Isch\u00e4mie, irreversibler Hirnsch\u00e4digung und Herniation. Die Prognose ist insgesamt ung\u00fcnstig. Die Mortalit\u00e4t bei Patient*innen, die einen neurochirurgischen Eingriff ben\u00f6tigen, liegt bei ca. 60%. Der Outcome ist bei Vorliegen einer neurologischen Herdsymptomatik zum Zeitpunkt der medizinischen Erstdiagnostik insgesamt schlechter.<\/li>\n<li>Eine diffuse axonale Hirnverletzung (DAI) beruht auf einer Krafteinwirkung, die eine starke Akzeleration-Dezeleration auf das Gehirngewebe \u00fcbertr\u00e4gt. Destruktive Scherkr\u00e4fte entfalten sich vorzugsweise am \u00dcbergang von grauer und wei\u00dfer Hirnsubstanz. Die prim\u00e4re Sch\u00e4digung betrifft den zytoskeletalen Transport, der f\u00fcr die axonale Funktion grundlegend ist. Eine hierdurch ausgel\u00f6ste Schwellung bewirkt sekund\u00e4r eine Dissektion des Axons. Der proximale Teil des Axons zieht sich zum Neuronensoma (\u201eretraction ball\u201c) zur\u00fcck, f\u00fcr Neuropathologen ein wichtiges pathognomonisches Zeichen. Der Sch\u00e4digungsprozess wird durch Neuroinflammation, metabolische Dysregulation und axonales Absterben vermittelt. In ca. 50% Sport-bedingter Hirnverletzungen mit Bewusstlosigkeit finden sich zumindest einige Anzeichen einer diffusen axonalen Sch\u00e4digung. Deren Ausma\u00df korreliert mit der Chance auf eine funktionale Langzeiterholung.<\/li>\n<\/ul>\n<p><strong>Gemeinsames Kennzeichen<\/strong> all dieser schwerwiegenden Hirnverletzungen bei \u00dcberleben sind beibende neurologische Defizite, die sich trotz langwieriger Neurorehabilitation nur geringf\u00fcgig, wenn \u00fcberhaupt bessern. Und stets sind eingreifende neuropsychiatrische Langzeitkonsequenzen zu beachten. Diese k\u00f6nnen von distinkten neuropsychologischen Defiziten, Beeintr\u00e4chtigungen in den basalen kognitiven Funktionen der Sprache, des Denkens und Planens, der Aufmerksamkeit, des Ged\u00e4chtnisses und Neulernens, auff\u00e4lligen emotionalen Regulationsst\u00f6rungen mit prominenter Irritabilit\u00e4t, Aggressivit\u00e4t, Affektverflachung und Reiz-gebundener Affektinkontinenz sowie prominenter \u00e4ngstlicher und depressiver Affektlabilit\u00e4t bis hin zu organischer Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung und Demenz reichen [12].<\/p>\n<p>Deutlich schwieriger zu bewerten in ihren Auswirkungen ist die gro\u00dfe Mehrheit (95%) der leichten Sport-bedingten Hirnverletzungen (\u201emild traumatic brain injuries\u201c, \u201econcussion\u201c), die klinisch als \u201eGehirnersch\u00fctterung\u201c imponieren. Es kann, aber muss nicht obligatorisch eine kurzfristige Bewusstlosigkeit (ca. 10%) vorliegen. Die Bewusstseinslage sollte innerhalb von 30 Minuten sukzessiv aufhellen. W\u00e4hrend dieser Zeitspanne k\u00f6nnen affektive, kognitive und behaviorale Symptome (Desorientiertheit, Verwirrtheit, kognitive Verlangsamung, \u00e4ngstlich-depressive Verstimmung, psychomotorische Unruhe) oder auch fokale neurologische Symptome bestehen. Kopfschmerzen, Schwindel, \u00dcbelkeit oder Erbrechen sind h\u00e4ufig. Hinsichtlich der Umst\u00e4nde vor und nach dem Akutereignis kann eine Amnesie vorliegen, die aber in der Regel nicht l\u00e4nger als 24 Stunden w\u00e4hrt. Eine Gehirnersch\u00fctterung zeigt keine strukturellen Auff\u00e4lligkeiten in den bildgebenden Verfahren (CCT, MRI). Pathogenetisch pressen mechanische Kr\u00e4fte das Gehirn abrupt gegen die Sch\u00e4delkalotte. Ausgel\u00f6ste Scher- und Dehnungseffekte auf die neuronalen Axone bewirken eine Kaskade von diskreten pathologischen Prozessen mit erh\u00f6hter Freisetzung von Neurotransmittern, Hypermetabolismus und Bildung freier Radikale. Neuropathologisch wird eine Gehirnersch\u00fctterung als eine leichte Form der diffusen axonalen Hirnverletzung eingestuft. In der Regel wird therapeutisch eine 24-st\u00fcndige Beobachtungszeit in ruhiger Reizabschirmung empfohlen, um eine eventuell noch nachfolgende neurologische Verschlechterung rasch zu erfassen [13].<\/p>\n<p>Eine Subgruppe von sportverletzten Personen klagt aber nach einer scheinbar banalen Gehirnersch\u00fctterung \u00fcber l\u00e4ngere Tage bis Wochen und Monate persistierende Allgemeinsymptome wie Kopfschmerzen, Schwindel und \u00dcbelkeit. Es k\u00f6nnen depressive Verstimmungen, \u00c4ngste, Beeintr\u00e4chtigungen in Konzentration und Merkf\u00e4higkeit mit durchaus gravierenden Einbu\u00dfen in der Gesundheits-bezogenen Lebensqualit\u00e4t fortbestehen. Dieses postkontusionelle Syndrom kann nicht nur mit einem Verweis auf eine \u201esomatoforme Problematik\u201c abgetan werden, die in Faktoren der Pers\u00f6nlichkeit oder stressvollen Lebensumst\u00e4nden begr\u00fcndet sei. Detaillierte testpsychologische Untersuchungen decken nicht selten beachtenswerte neuropsychologische Defizite auf und legen einen m\u00f6glichen Zusammenhang zu einer speziellen Vulnerabilit\u00e4t in der posttraumatischen Erholung nach einer solchen diskreten Hirnverletzung nahe [14]. Mehrere Faktoren k\u00f6nnen f\u00fcr eine solche Entwicklung angef\u00fchrt werden, wie zu kurze Erholungszeit nach dem Trauma, repetitive diskrete Hirnverletzungen noch in der neuronalen Erholungsphase des vorausgehenden Traumas oder aber auch psychiatrische, vor allem affektive Vorepisoden [15]. Rezente molekulargenetische Untersuchungen betonen ferner auch einen bedeutsamen Einfluss von genetischen Polymorphismen auf die Erholung nach Hirntraumata (z.B. ApoE\uf0654; ApoE G-219T Promoter-Gen; Tau Exon 6; BDNF-Val\/Met-Polymorphismus) [16, 17, 18].<\/p>\n<p><strong>Sollten auch m\u00f6gliche langfristige neuropsychiatrische Konsequenzen nach diskreten Sport-bedingten Hirnverletzungen im Auge behalten werden?<\/strong><\/p>\n<p>1928 publizierte H.S. Martland in JAMA eine Fallserie \u00fcber ein auff\u00e4lliges Syndrom einer motorischen Verlangsamung und eines allm\u00e4hlich zunehmenden affektiven und kognitiven Abbaus bei ehemaligen Boxern, die w\u00e4hrend ihrer aktiven sportlichen Laufbahn zahlreichen repetitiven Kopftreffern ausgesetzt waren. Er titulierte dieses Syndrom als \u201epunch drunk\u201c [19]. In weiterer Folge erhielt diese neuropsychiatrische Langzeitfolge die Bezeichnung einer \u201eDementia pugilistica\u201c. McKee et al. (2009) pr\u00e4gten hierf\u00fcr die Diagnose einer \u201echronischen traumatischen Enzephalopathie\u201c (CTE) und identifizierten eine zugrunde liegende progressive Tau-Pathie als neuropathologisches Korrelat [20]. Gr\u00f6\u00dfte, auch breite \u00f6ffentliche Aufmerksamkeit erlangten Omalu und Ko-Autoren f\u00fcr ihre analogen neuropathologischen Befunde bei einem unerwartet verstorbenen Akteur aus dem American Football (siehe oben) [21]. 2016 definierte die TBI\/CTE-Gruppe erstmals verbindliche, neuropathologisch begr\u00fcndete Kriterien f\u00fcr die Diagnose einer chronischen posttraumatischen Enzephalopathie in einem Konsensus-Statement [22]. Die nachfolgende Landmark-Studie von Mez et al. (2017) best\u00e4tigte in einer klinisch-neuropathologischen Analyse von insgesamt 202 Gehirnen ehemaliger Football-Spieler, die nach deren Tod von den Angeh\u00f6rigen wissenschaftlichen Forschungszwecken zur Verf\u00fcgung gestellt worden waren, dieses diagnostische Konzept eindrucksvoll. Das Durchschnittsalter betrug bei Tod im Median 66.6 Jahre. Die Post mortem-Diagnose einer CTE konnte in 87% \u00fcber die Konsensus-Kriterien verifiziert werden. Diese diagnostischen Kriterien betonen prim\u00e4r den Nachweis phosphorylierter Tau-Proteinaggregate in Neuronen, Astrozyten und Zellprozessen um die kleinen Blutgef\u00e4\u00dfe herum, typischerweise in tiefen Bereichen der kortikalen Sulci. W\u00e4hrend auch andere neurodegenerative Krankheiten wie z.B. Alzheimer-Demenz oder frontotemporale Demenz ebenfalls eine Tau-Pathologie aufweisen, ist die besondere Verteilung in den perivaskul\u00e4ren Regionen und Tiefen der kortikalen Sulci einzig f\u00fcr die CTE. Der neuropathologische Schweregrad war mit der Dauer und Intensit\u00e4t des Spielengagements (Jahre des aktiven Sports) auf High-School-, College-, semi-professionellem und professionellem Niveau korreliert. Ehemalige Spieler an der High-School (21%) zeigten eine milde Auspr\u00e4gung der CTE, aber die Mehrheit der Spieler auf College-Niveau (56%), der semi-professionellen (56%) und der professionellen Spieler (86%) wiesen einen hohen Schwergrad der CTE auf. Eine detaillierte klinische Anamnese protokollierte bei 27 Spielern mit milder CTE in 96% behaviorale und\/oder affektive Symptome sowie in 33% eine Demenz nach der Zeit als Aktive in den Folgejahren. Unter den 84 Spielern mit hochgradiger CTE zeigten im Vergleich hierzu 89% behaviorale und\/oder affektive Symptome sowie 85% eine Demenz in der Krankheitsanamnese auf [23]. Von hoher klinischer Relevanz an diesem Befund waren die nach repetitiven Sport-bedingten diskreten Hirnverletzungen imponierenden \u00e4ngstlich-depressiv-irritablen Syndrome, die in hohen Prozents\u00e4tzen bereits viele Jahre symptomatisch eine chronische Enzephalopathie charakterisierten [24, 25]. Bedeutsam erschien ferner, dass die neuropathologische Untersuchung der Gehirne neben den typischen Merkmalen einer CTE auch noch zahlreiche andere pathologische Proteinaggregate aufdeckte, die mit Neurodegeneration assoziiert sind, wie Amyloid-\u03b2, \u03b1-Synuclein und Transactive Response DNA-Binding Protein 43. In nur 57% war die CTE isoliert nachweisbar. In einer Perspektive der Langzeitentwicklung von Sport-bedingten Hirnverletzungen musste die CTE als Risikofaktor f\u00fcr andere neurodegenerative Erkrankungen des Alters wie Alzheimer Demenz oder Parkinsonsche Krankheit eingestuft werden [26, 27].<\/p>\n<p>Die neuropathologische Studie von Mez et al. (2017) wurde an einem Konvenienz-Sample postmortem durchgef\u00fchrt und mochte daher eine Reihe von Faktoren beinhalten, die einen Bias auf die erhobenen Befunde aus\u00fcbten. Von h\u00f6chster klinischer Bedeutung sind daher Studien, die prospektiv bereits in fr\u00fchen Stadien nach Sport-bedingten Hirnverletzungen Zeichen diskreter Hirnverletzungen nachweisen und betroffenen Sportler*innen empirisch fundierte Empfehlungen einer ausreichenden neuronalen Erholung, einer eventuellen Neurorehabilitation, einer gestuften Wiederaufnahme der sportlichen Aktivit\u00e4t geben oder aber von der Fortf\u00fchrung der betreffenden riskanten Sportart ernsthaft abraten [28]. Beispiele f\u00fcr solche mit den Mitteln des modernen Neuroimaging angelegte prospektive Studien sind etwa die \u201eHeidelberger-Boxerstudie\u201c [29], analoge Untersuchungen an Spielern des American Football [30] oder des geliebten Fu\u00dfballs europ\u00e4ischen bzw. internationalen Reglements [31, 32].<\/p>\n<p>Viele dieser verdienstvollen Forschungen zu Sport-bedingten Verletzungen des Gehirns beruhten bisher auf relativ kleinen Untersuchungssamples, die zwar wertvolle neue Erkenntnisse erbrachten, deren Generalisierung aber noch viele Fragen offenlie\u00dfen. Es ist daher sehr zu begr\u00fc\u00dfen, dass sich j\u00fcngst auch internationale wissenschaftliche Kooperationen (z.B. ENIGMA) konstituiert haben, um nach standisierten Kriterien zu Diagnostik und Pathophysiologie mit sportmedizinischen und neurobiologischen Methoden auf breiter Basis empirische Daten zu generieren und innovative Therapieans\u00e4tze zu entwickeln [33, 34].<\/p>\n<p><strong>Sollte man Winston Churchill\u00b4s Rat des \u201eno sports\u201c befolgen?<\/strong><\/p>\n<p>Es ist empirisch unbestreitbar, dass ohne aktiven Sport sehr wahrscheinlich auch keine Sport-bedingten Verletzungen des Gehirns auftreten. Dies w\u00e4re sicherlich als maximale pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahme anzusehen. Sie w\u00fcrde aber auch inkludieren, dass alkoholische Getr\u00e4nke, insbesondere schottischer Whiskey, dem Winston Churchill in falsch verstandener antidepressiver, selbstheilender Applikation so eifrig zusprach, auch nicht unbedingt ohne hirntraumatische Verletzungsrisiken sind, also in gleicher Strenge ebenfalls zu vermeiden w\u00e4ren. Vermutlich sind beide Ratschl\u00e4ge, auf aktiven Sport und auf jeglichen Alkoholkonsum ganz zu verzichten, ziemlich unrealistisch. Beide bereichern unser Leben, unseren Genuss, unsere Freude, aber eben im richtig gelernten Umgang und mit Wissen um die Aristotelische Mitte. Auch wenn Sportp\u00e4dagogen eventuell die Stirn runzeln m\u00f6chten, ist etwas dran an der Erkenntis des ehemaligen Mittelfelspielers des FC Bayern M\u00fcnchen und der deutschen Fu\u00dfballnationalmannschaft, Paul Breitner, der gefragt, was das Wichtigste am erfolgreichen Fu\u00dfballspielen sei, antwortete: \u201edas gekonnte, das intelligente Foul-Spielen\u201c, im Hinblick auf Sport-bedingte Verletzungen des Gehirns bei n\u00e4herem Bedenken durchaus ein weiser Rat. Die Zeiten des rabiaten Verst\u00e4ndnisses von Fu\u00dfball, wie dies wohl am \u201ebeeindruckendsten\u201c Nobby Stiles \u201evertrat\u201c, sollten endg\u00fcltig vorbei sein. Man erinnert sich: London, Wembley, Finale der Fu\u00dfballweltmeisterschaft, 30. Juni 1966, England gegen Deutschland. Wir haben leider nicht gewonnen, und das ist nach wie vor unbew\u00e4ltigtes kollektives Trauma.<\/p>\n<p>[\/et_pb_text][et_pb_text _builder_version=&#8220;4.9.4&#8243; _module_preset=&#8220;default&#8220; text_font_size=&#8220;14px&#8220;]<\/p>\n<p><strong>Literatur<\/strong><\/p>\n<ol>\n<li>Eime RM, Young JA, Harvey JT, et al. (2013) A systematic review of the psychological and social benefits of participation in sport for children and adolescents: informing development of a conceptual model of health through sport. Int J Behav Nutr Phys Act 10: 98. doi.org\/10.1186\/1479-5868-10-98<\/li>\n<li>Daneshvar DH, Nowinski CJ, McKee AC, Cantu RC (2011) The epidemiology of sport-related concussion. Clin Sports Med 30: 1-17<\/li>\n<li>De Stefano F, Fiani B, Mayo T (2020) A foundational &#8222;survival guide\u201c overview of sports-related head injuries. 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Juli 2014 Nicola Rizzoli, den Schiedsrichter des Endspiels Deutschland gegen Argentinien um die Fu\u00dfballweltmeisterschaft im Maracan\u00e3-Stadium von Rio de Janeiro, in der 31. Minute zum 2. 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