{"id":1112,"date":"2015-04-19T22:08:35","date_gmt":"2015-04-19T20:08:35","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1112"},"modified":"2015-04-19T22:08:35","modified_gmt":"2015-04-19T20:08:35","slug":"medikamentoes-induzierte-verdauungsstoerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1112","title":{"rendered":"Medikament\u00f6s induzierte Verdauungsst\u00f6rungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Trotz des h\u00e4ufigen Vorkommens von  gastrointestinalen unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen (UAW) werden diese bei  einer Reihe von Medikamenten sp\u00e4t oder gar nicht entdeckt. Dies f\u00fchrt dazu,  dass das Risiko von gastrointestinalen UAW bei h\u00e4ufig eingesetzten Medikamenten,  wie z.B. Metformin, einigen Antipsychotika oder Antidepressiva, vollkommen untersch\u00e4tzt  wird. <\/strong><\/p>\n<p> Mehrere  Medikamente k\u00f6nnen, im Sinne einer unerw\u00fcnschten Wirkung, zu verschiedenen  gastrointestinalen Symptomen oder sogar zur Sch\u00e4digung der Zellstruktur des  intestinalen Gewebes f\u00fchren (Philpott et al., 2014). Nun folgt die Darstellung eines  klinischen Falles, bei dem ein Zusammenhang zwischen der eingenommenen Psychopharmaka  und dem Vorkommen von Durchfall angenommen wird. <\/p>\n<p> <strong>Kasuistik<\/strong><\/p>\n<p> Eine  56-j\u00e4hrige Patientin wurde aufgrund einer schweren depressiven Episode  station\u00e4r in einer psychiatrischen Institution aufgenommen. Zu diesem Zeitpunkt  war die Patientin auf eine Kombinationstherapie mit Trazodon retard 150mg\/Tag,  Prothipendyl 80mg\/Tag und Oxazepam 15mg\/Tag eingestellt. Die  Oxazepam-Medikation erhielt die Patientin wegen einer Entzugssymptomatik bei  symptomatischem Alkoholkonsum. Zus\u00e4tzlich war die Patientin auf Pantoprazol 40mg\/Tag,  Vitamin-B12-Tabletten und Magnesiumkapseln eingestellt. Im Rahmen des  station\u00e4ren Aufenthaltes wurde die Patientin auf eine Therapie mit Duloxetin  eingestellt. Bei der Steigerung der Duloxetin-Dosierung von 30mg auf 60mg\/Tag,  sieben Tage nach Beginn der Duloxetin-Therapie, kam es bei der Patientin zu  Durchfall. <\/p>\n<p> Die  Patientin berichtete selber, dass sie normalerweise eher zu Verstopfung neige.  Im internistischen Konsilium wurde eine Infektion mit Clostridium difficile  vermutet und das Abnehmen einer Stuhlkultur verordnet. Bei negativer Stuhlkultur und weiterer Intensivierung des Durchfalls wurden von dem betreuenden \u00c4rzteteam  die Vitamin-B-Tabletten und die Magnesiumkapseln abgesetzt. Duloxetin wurde f\u00fcr  einen Tag pausiert, was jedoch zu keiner Ver\u00e4nderung der Symptomatik f\u00fchrte. Bei  einer Intensivierung der Symptomatik mit w\u00e4ssrigem Stuhlgang bis 15-mal pro Tag  erfolgte erneut ein internistisches Konsilium. Weitere Stuhlproben lieferten  negative Ergebnisse bez\u00fcglich einer Infektion mit Campylobacter, Salmonellen,  Shigellen oder Yersinien. Die Patientin erhielt eine Fl\u00fcssigkeitssubstitution  und wurde zus\u00e4tzlich auf Loperamidhydrochlorid eingestellt. <\/p>\n<p> Unter  dieser Therapie verbesserte sich die Symptomatik, es kam aber zu keiner  Remission. Durch die anschlie\u00dfende Umstellung von Loperamidhydrochlorid auf Lactobacillus  casei var. rhamnosus erfolgte eine weitere Verbesserung der Symptomatik. Eine  Rekto-Koloskopie wurde vom Durchf\u00fchrenden makroskopisch als unauff\u00e4llig befundet.  Die Histologie des entnommenen Gewebes wies aber eine entz\u00fcndlich alterierte  Colontransversum- Mucosa mit diskretem Umbau auf, welche gut mit einem M. Crohn  oder einer Infekt-assoziierten Ver\u00e4nderung vereinbar w\u00e4re. Eine Re-Biopsie bei  Fortbestehen der Symptomatik wurde in sechsw\u00f6chigem Abstand empfohlen. <\/p>\n<p> Die  Patientin konnte bei einem deutlich gebesserten Zustand, aber weiterhin  gelegentlich vorkommendem Durchfall mit einer Kombinationstherapie mit  Duloxetin, Trazodon retard, Mianserin, Prothipendyl,  Pantoprazol und Lactobacillus casei, vier Wochen  nach der Aufnahme, entlassen werden. Durchfall als UAW wird in der  Fachinformation (FI) von Duloxetin als &bdquo;h\u00e4ufig&ldquo; berichtet. Bei der FI von  Trazodon retard wird Durchfall als &bdquo;selten&ldquo; angegeben, wobei bei Pantoprazol  und Magnesiumkapseln als &bdquo;gelegentlich&ldquo; vorkommend angegeben wird. Da trotz  Absetzung von Magnesium die Durchf\u00e4lle persistierten und aufgrund des Verdachtes  auf eine M.-Crohn-Erstmanifestation, welche aber bis zum Zeitpunkt der  Entlassung der Patientin nicht best\u00e4tigt wurde, wurde ein m\u00f6glicher  Zusammenhang der Durchf\u00e4lle mit der Einnahme von Duloxetin, Trazodon retard und  Pantoprazol angenommen. <\/p>\n<p><strong> Medikament\u00f6s  induzierter Durchfall\/Verstopfung <\/strong><\/p>\n<p> Nach  der Einnahme einer Substanz ist die Dauer ihre Verdauung sowie Ausscheidung  sehr stark variabel. Durchschnittlich dauert die Passage einer eingenommenen Substanz  durch den D\u00fcnndarm zwei bis sechs Stunden und durch den Dickdarm zw\u00f6lf bis 36  Stunden an (Philpott et al., 2014). Eine Verk\u00fcrzung der Darmpassage liege bei  Diarrhoe vor, w\u00e4hrend eine Verl\u00e4ngerung oder Blockade der Darmpassage bei einer  Verstopfung vorliege. Kontrollierte randomisierte Studien zur Obstipation bzw. zum  Durchfall, unter Einnahme von Medikation, existieren kaum. Als beobachtete UAW  werden diese bei mehreren pharmakologischen Studien erw\u00e4hnt. Es sind jedoch haupts\u00e4chlich  publizierte Fallberichte bzw. Fallserien, welche zu der Verkn\u00fcpfung einer  bestimmten Medikation, mit Verstopfung oder Durchfall als m\u00f6gliche UAW, beitragen. <\/p>\n<p> Im  Allgemeinen ist der genaue pathophysiologische Wirkmechanismus unbekannt,  obwohl bei einigen Medikamenten, aufgrund ihres pharmakologischen Profils, die Ver\u00e4nderung  der Darmpassagezeit erkl\u00e4rt werden kann. Bei den Psychopharmaka werden  anticholinerge, antihistaminerge oder serotonerge Effekte als Ursache  angenommen (Philpott et al., 2014). Fosnes et al. (2011) untersuchten die  H\u00e4ufigkeit von Durchfall bzw. Obstipation in Verbindung mit einer  medikament\u00f6sen Therapie bei einem norwegischen Kollektiv, bestehend aus 4.622  Personen der Allgemeinbev\u00f6lkerung. 640 Personen (13,8 Prozent) berichteten \u00fcber  Verstopfung und 407 Personen (8,8 Prozent) \u00fcber Durchfall. <\/p>\n<p> Die  Einnahme von Medikamenten erh\u00f6hte die Inzidenz f\u00fcr Durchfall bzw. Verstopfung  beim Befragten, wobei eine Assoziation mit Polypharmazie nur f\u00fcr Durchfall  gefunden wurde. Die Autoren vermuteten, dass dies daran lag, dass mehrere  Medikamente Durchfall verursachen k\u00f6nnen und somit die gleichzeitige Einnahme  von mehreren Medikamenten, welche eventuell Durchfall als UAW verursachen k\u00f6nnen,  gleichzeitig ein h\u00f6heres Risiko f\u00fcr Durchfall bedeuten w\u00fcrde. Mit einer  Verstopfung wurden in ihrer Studie folgende Substanzen in Verbindung gebracht: Furosemid,  Levothyroxin und Ibuprofen. Mit Durchfall fand sich eine h\u00f6here Assoziation bei  Einnahme von Carbamazepin oder Lithium vor. <\/p>\n<p> <strong>Pr\u00e4valenz<\/strong><\/p>\n<p> DeHert  et al. (2011) untersuchten in einem retrospektiven Studiendesign die Pr\u00e4valenz  von Verstopfung unter Antipsychotika-Behandlung. Ihr Patientenkollektiv bestand  aus 273 schizophrenen Patienten, welche zwischen 2007 und 2009 in einer  Universit\u00e4tsklinik behandelt wurden. Sie fanden heraus, dass bei 36,3 Prozent  (99 Patienten) dieser Population eine Verschreibung von mindestens einem  Medikament gegen Verstopfung erfolgte. Durchschnittlich erhielten die Patienten  eine Medikation gegen Verstopfung f\u00fcr 273 Tage. Als m\u00f6gliche Ursachen f\u00fcr die  h\u00f6here Rate von Verstopfung bei dem schizophrenen Patientenkollektiv vermuteten  die Autoren folgende Faktoren: andere Ern\u00e4hrungsgewohnheiten, mangelnde  Bewegung sowie die Einnahme von anticholinergisch wirksamen Substanzen. <\/p>\n<p> In  einer anderen Studie berichteten DeHert et al., 2011, \u00fcber das Vorkommen von  Verstopfung bei 20 Prozent ihres untersuchten Kollektivs, bestehend aus  schizophrenen Patienten, welche mit Antipsychotika der zweiten Generation behandelt  wurden. Au\u00dfer Antipsychotika gibt es bez\u00fcglich des Vorkommens von Obstipation  auch mehrere Berichte unter trizyklischen Antidepressiva. Winstead und Winstead  (2008) empfahlen einen F\u00fcnf-Schritte-Algorhithmus zur Behandlung von  vorkommender Verstopfung bei psychiatrischen Patienten. Im ersten Schritt wird  die Erh\u00f6hung der k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t oder des t\u00e4glichen Gehens sowie eine  Erh\u00f6hung der Fl\u00fcssigkeitszufuhr angeraten, wobei im f\u00fcnften Schritt die  Verschreibung von Laxantien empfohlen wird. Selektive  Serotonin-Wiederaufnahmehemmer (SSRI) sind eher mit \u00dcbelkeit oder Durchfall als  Verstopfung assoziiert, wobei diese Ph\u00e4nomene meistens nur passager auftreten (Philpott  et al., 2014). <\/p>\n<p> Chial et al. (2003) fanden im Vergleich zu  Plazebo keine Ver\u00e4nderung bez\u00fcglich der Dauer der Dickdarmpassage f\u00fcr  Paroxetin, Venlafaxin oder Buspiron. Andererseits stellten sie aber eine  schnellere Passage im oberen gastrointestinalen Bereich f\u00fcr Paroxetin, im  Vergleich zu den anderen Substanzen und Plazebo, sowie eine vermehrte  Aussch\u00fcttung von Magensekret unter Venlafaxin fest. Eine sp\u00e4tere Untersuchung  zur Verwendung von Venlafaxin als Therapie f\u00fcr Dyspepsie zeigte aber keine  Ver\u00e4nderung bez\u00fcglich der sezernierten Magenfl\u00fcssigkeit. Unter den  phasenprophylaktischen Medikamenten ist besonders unter Carbamazepin und  Lithium eine h\u00f6here Inzidenz f\u00fcr Diarrhoe bekannt (Fosnes et al., 2011). <\/p>\n<p><strong> Empfehlungen  f\u00fcr die Praxis <\/strong><\/p>\n<p> Durchfall  und Verstopfung sind h\u00e4ufige Symptome, welche auch eine m\u00f6gliche UAW darstellen  k\u00f6nnen. Obwohl der genaue Pathomechanismus nicht bekannt ist, ist die Einnahme  von Psychopharmaka h\u00e4ufig mit dem Vorkommen von gastrointestinalen Symptomen  verbunden. W\u00e4hrend Antipsychotika eher mit Verstopfung assoziiert sind, sind  Carbamazepin, Lithium sowie SSRIs mit Durchfall assoziiert. Bei Polypharmazie  soll besonders auf einen m\u00f6glichen medikament\u00f6s induzierten Durchfall geachtet werden.  Da die Folgen von Verstopfung\/Durchfall auch lebensgef\u00e4hrlich sein k\u00f6nnen, ist  ein aktives Erfragen des Patienten bez\u00fcglich der Verdauung anzuraten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Foto: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/konstan.150.jpg\" alt=\"Foto: Privat\" width=\"150\" height=\"155\" class=\"alignleft size-full wp-image-1115\" \/><\/p>\n<p> <strong><em>Dr. Anastasios Konstantinidis<\/em><\/strong><em> <br \/>\n<\/em><em>Klinische Abteilung f\u00fcr Biologische  Psychiatrie, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien und Zentrum  f\u00fcr Seelische Gesundheit Muldenstra\u00dfe, BBRZMed, Linz E-Mail:  anastasios.konstantinidis@meduniwien.ac.at<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Trotz des h\u00e4ufigen Vorkommens von gastrointestinalen unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen (UAW) werden diese bei einer Reihe von Medikamenten sp\u00e4t oder gar nicht entdeckt. Ein Beitrag von Dr. Anastasios Konstantinidis, MSc. (CC neuropsy 1\/15). <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1113,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[72,13],"tags":[76,56,77,78,33,79,80,81],"class_list":["post-1112","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-72","category-neuropsy","tag-durchfall","tag-forschung","tag-interaktionen","tag-nebenwirkungen","tag-psychiatrie","tag-unerwuenschte-arzneimittelwirkungen","tag-verdauungsstoerungen","tag-verstopfung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1112","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1112"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1112\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1112"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1112"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1112"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}