{"id":1117,"date":"2015-04-19T22:12:30","date_gmt":"2015-04-19T20:12:30","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1117"},"modified":"2015-04-19T22:12:30","modified_gmt":"2015-04-19T20:12:30","slug":"schizophrenie-aktuelle-behandlungsleitlinien","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1117","title":{"rendered":"Schizophrenie: aktuelle Behandlungsleitlinien"},"content":{"rendered":"<p><strong>Schizophrenie als schwerste Form chronisch  psychotischer St\u00f6rungen ist ein auffallend heterogenes Krankheitsbild mit  Unterschieden bei \u00c4tiologie, Symptomatik und Verlauf. Der Begriff &bdquo;Schizophrenie&ldquo;,  gerade einmal 200 Jahre alt, ist durch seinen Eingang in die Umgangssprache und  die damit verbundenen negativen Konnotationen mittlerweile selbst zum Stigma  und damit zu einer Belastung f\u00fcr Betroffene und Behandler geworden. Im  Gegensatz zum asiatischen Raum haben sich aber in Europa noch keine brauchbaren  Alternativbezeichnungen durchgesetzt, weshalb in diesem Text neben der  Bezeichnung &bdquo;psychotische St\u00f6rung&ldquo; der historische Begriff weiter verwendet  wird. <\/strong><\/p>\n<p> Die  Lebenszeitpr\u00e4valenz der Schizophrenie betr\u00e4gt weltweit bei engsten  Diagnosekriterien zwischen 0,3 und 0,66 Prozent, mit einer Inzidenz von 10,2\u201322,0  per 100.000 Personenjahre (McGrath et al., Epidemiol Rev 2008). F\u00fcr \u00d6sterreich  bedeutet dies mehr als 1.000 Neuerkrankungen pro Jahr. Weiter gefasste  Diagnosekriterien, die unter anderem wahnhafte, kurze, polymorphe und nicht  n\u00e4her bezeichnete (NNB) psychotische St\u00f6rungen mit einbeziehen, erh\u00f6hen die  Pr\u00e4valenz auf 2,3 Prozent, bei Inklusion von affektiven und substanzinduzierten  Psychosen auf 3,5 Prozent (Perala et al., Arch Gen Psychiatry 2007). M\u00e4nner sind  mit 1,4\u20132:1 etwas h\u00e4ufiger betroffen als Frauen, erkranken fr\u00fcher und schwerer. <\/p>\n<h3> Risikofaktoren <\/h3>\n<p> Das  Erkrankungsrisiko steigt mit dem Vorliegen bestimmter genetischer, sozialer und  Umweltfaktoren (Stress-Vulnerabilit\u00e4tsmodell). Zwillingsstudien weisen auf eine  hohe Heritabilit\u00e4t von 80 Prozent, mit Konkordanzraten bei homozygoten Zwillingen zwischen 40 und 60  Prozent (van Os und Kapur, Lancet 2009). Das  Erkrankungsrisiko steigt f\u00fcr Verwandte ersten Grades um mehr als das Zehnfache.  Ein kleiner Teil der Erkrankten weist strukturelle Ver\u00e4nderungen (CNVs) auf  (International Schizophrenia Consortium, Nature 2008), beim gr\u00f6\u00dferen Teil  summieren sich genetische Vulnerabilit\u00e4t und epigenetische Faktoren, wie z.B.  h\u00f6heres Alter des Vaters (Wohl und Gorwood, Eur Psychiatry 2007). <\/p>\n<p>Bei einem  gro\u00dfen Teil der Erkrankten k\u00f6nnen hirnorganische (strukturelle,  elektrophysiologische, entz\u00fcndliche) Ver\u00e4nderungen nachgewiesen werden,  intrauterine und perinatale Komplikationen sowie der Konsum psychotroper Substanzen  stellen weitere Risikofaktoren dar. Der Begriff &bdquo;(Ultra) High Risk Mental State&ldquo;  beschreibt Personen, die zus\u00e4tzlich zu Risikofaktoren auch kurzzeitige, abgeschw\u00e4chte  psychotische Symptome und eine Konversionsrate in eine klinisch manifeste  Psychose von 20\u2013 40 Prozent innerhalb von zwei Jahren aufweisen. Die Abgrenzung von  einer Prodromalphase ist daher unklar  (Barnes and the Schizophrenia Consensus Group of the British  Association for Psychopharmacology, Journal of Psychopharmacology 2011). <\/p>\n<h3> Soziale  Folgen <\/h3>\n<p> Weil  Schizophrenie meist im fr\u00fchen Lebensalter beginnt und oft chronisch verl\u00e4uft,  sind die direkten Kosten der Erkrankung f\u00fcr Betroffene und Familien erheblich,  die indirekten f\u00fcr die Gesellschaft betragen aber ein Vielfaches davon. Die  Arbeitslosenrate bei an Schizophrenie erkrankten Menschen liegt bei &gt;80  Prozent, sie sind in h\u00f6herem Ausma\u00df obdachlos als ihre gesunden Mitb\u00fcrger und bilden  zehn Prozent aller dauerhaft schwer behinderten Menschen. <\/p>\n<h3> Verlauf <\/h3>\n<p> Die  Schizophrenie ist eine typische Erkrankung der Adoleszenz und des fr\u00fchen  Erwachsenenalters. Der Erkrankungsgipfel liegt bei M\u00e4nnern zwischen 20 und 25  Lebensjahren, bei Frauen um das 30. Lebensjahr. In zehn Prozent aller F\u00e4lle  gehen produktive &bdquo;positive&ldquo; Symptome den &bdquo;negativen&ldquo; Symptomen voraus, in 20  Prozent treten sie simultan auf, in 70 Prozent aller F\u00e4lle beginnt die  Erkrankung mit Negativsymptomatik. Die Erkrankung wird in Prodromal-, Akut- und  Stabilisationsphasen eingeteilt und kann von schubf\u00f6rmig remittierend bis  chronisch progredient verlaufen. Bei den Betroffenen kann die Symptomatik zu  erheblichen Beeintr\u00e4chtigungen vieler Lebensbereiche f\u00fchren, Suizidrisiko und  Mortalit\u00e4t sind erh\u00f6ht. <\/p>\n<h3> Pathophysiologie <\/h3>\n<p> Strukturelle  und funktionelle bildgebende Untersuchungsmethoden haben viel zum Verst\u00e4ndnis  der Symptomatik beigetragen. Neben diffusem Verlust an grauer Substanz und  erweiterter Ventrikel zeigen sich fokale St\u00f6rungen in den Bahnen der wei\u00dfen  Substanz als Hinweise f\u00fcr ver\u00e4nderte anatomische und gest\u00f6rte funktionelle Konnektivit\u00e4t.  Degenerative und (auto-)immunologische Prozesse k\u00f6nnen an diesen strukturellen  Ver\u00e4nderungen beteiligt sein. Elektrophysiologische Befunde weisen dabei auf  St\u00f6rungen der Informationsverarbeitung bereits auf basaler Ebene hin,  einerseits durch abgeschw\u00e4chte neuronale Aktivierung auf neue Stimuli (Bramon  et al., Neuroimage 2005), andererseits durch verminderte F\u00e4higkeit, die  Aktivierung durch repetitive Stimuli zu begrenzen (Patterson et al., Psychiatry  Res 2008). <\/p>\n<p> Diese  Befunde weisen auf die Bedeutung von Wahrnehmungsst\u00f6rungen f\u00fcr die Entwicklung  der psychotischen Symptomatik hin und st\u00fctzen sowohl die Hypothese einer &bdquo;Filterst\u00f6rung&ldquo;  mit nachfolgender \u00dcberlastung der kognitiven Funktionen als auch die Hypothese  einer &bdquo;Attributionsst\u00f6rung&ldquo;, bei der nicht relevanten Wahrnehmungen Bedeutung  zugeordnet wird, wodurch sich, beim Versuch diese Wahrnehmungen in ein  Erkl\u00e4rungsmodell einzuordnen, Wahngeb\u00e4ude und Verfolgungs\u00e4ngste entwickeln (Kapur,  Am J Psychiatry 2003). <\/p>\n<p> Neurochemische  Befunde zeigen, dass, besonders im Stadium der akuten Psychose, das klinische  Bild, das h\u00e4ufig von produktiver Symptomatik gepr\u00e4gt ist, mit einer erh\u00f6hten  Synthese, Freisetzung und Konzentration von Dopamin einhergeht (Kapur, Trends  Pharmacol Sci 2004). Dies spiegelt sich in der therapeutischen Effektivit\u00e4t von  Dopamin-Rezeptor-blockierenden Antipsychotika in der Akutphase der Erkrankung wider,  w\u00e4hrend die kognitiven und sozialen St\u00f6rungen im weiteren Verlauf weit weniger  durch diese Medikamentengruppe beeinflusst werden k\u00f6nnen. <\/p>\n<h3> Therapie <\/h3>\n<p> In  dieser Zusammenfassung werden lediglich Therapieempfehlungen mit hoher und  mittlerer Evidenz angef\u00fchrt, jene mit geringer oder fehlender Evidenz  entsprechen im Wesentlichen dem Standard der guten klinischen Praxis.  Empfehlungen, die nur in einer Leitlinie aufgef\u00fchrt werden, sind mit den  Anfangsbuchstaben der Leitlinie gekennzeichnet. <\/p>\n<h3> Behandlungsprinzipien <\/h3>\n<p> Wichtig  ist ein Gesamtbehandlungsplan mit multiprofessionellen Therapiema\u00dfnahmen, der  unter Beteiligung der Betroffenen und aller am Behandlungsprozess Beteiligten erstellt  werden sollte. Dabei sind der Zusammenarbeit mit Angeh\u00f6rigen, der Koordination  der Behandlungsinstitutionen und dem Einbeziehen des nicht professionellen Selbsthilfesystems  besonderes Augenmerk zu schenken.<\/p>\n<p> <strong>Behandlungsziele<\/strong> sind die rasche und  effektive Minimierung von H\u00e4ufigkeit, Schweregrad und psychosozialen Folgen von  psychotischen Episoden, zwischen den Episoden Maximierung des psychosozialen Funktionsniveaus: <\/p>\n<ul>\n<li> in der Akutphase: Etablierung einer therapeutischen Beziehung, Aufkl\u00e4rung \u00fcber  Krankheits- und Behandlungskonzepte, rascher Behandlungsbeginn, effektive Symptomreduktion,  Risikominimierung von Selbstund Fremdgef\u00e4hrdung, Suizidprophylaxe <\/li>\n<li> in der Stabilisierungsphase: Festigung der therapeutischen Beziehung, Remission  bzw. Behandlung der Negativsymptomatik, kognitiver und sozialer Defizite,  F\u00f6rderung von Partizipation, Krankheitseinsicht und Compliance, intensivierte  Psychoedukation (PE) \u00fcber Krankheits- und Behandlungskonzepte,  R\u00fcckfallprophylaxe, -fr\u00fcherkennung und -fr\u00fchintervention, Einbeziehung von  Bezugspersonen in PE, R\u00fcckfallpr\u00e4vention und Behandlung, rehabilitative  Ma\u00dfnahmen, Motivation zur Selbsthilfe <\/li>\n<\/ul>\n<p> Als <strong>Behandlungs-Setting<\/strong> soll das am wenigsten  restriktive (verf\u00fcgbare) Setting gew\u00e4hlt werden, initial kann eine ambulante Behandlung  versucht werden. Allgemeinmedizinische Probleme, Unf\u00e4higkeit, sich selbst zu  versorgen, und m\u00f6gliche Selbst- oder Fremdgef\u00e4hrdung erfordern  station\u00e4re Betreuung. Bei unfreiwilligen Aufnahmen sollten Zwangsma\u00dfnahmen wegen der  negativen Auswirkungen auf die weitere Therapieadh\u00e4renz soweit als m\u00f6glich  vermieden werden (NICE, \u00d6GPB). Soziotherapie: in der Akutphase fr\u00fchzeitig  &bdquo;erste Hilfe klinische Sozialarbeit&ldquo; zur Abwehr akuter sozialer Gefahren (Wohnen,  Arbeit). Bei chronischen Verl\u00e4ufen regelm\u00e4\u00dfiger Einsatz von klinischer  Sozialarbeit zur Unterst\u00fctzung von Familie und Angeh\u00f6rigen, zur Organisation  und Koordination psychosozialer Nachbetreuung und Rehabilitation (NICE, \u00d6GPB).<\/p>\n<p> <strong>Psychologische  Verfahren:<\/strong> Aufbau einer tragf\u00e4higen therapeutischen Beziehung zu  Betroffenen und Angeh\u00f6rigen und intensive Psychoedukation (PE) f\u00fcr Patienten  und Angeh\u00f6rige verbessern die Therapieadh\u00e4renz (+) und k\u00f6nnen durch  Fr\u00fcherkennung die R\u00fcckfallrate reduzieren helfen (+). Kognitive  Verhaltenstherapie (kVT) hilft bei der Entwicklung von Coping-Strategien zur  Krankheitsbew\u00e4ltigung und Stressreduktion; fakultativ helfen kognitives  Training, Ergotherapie und Training sozialer Kompetenzen. Bei erster Episode  sind mindestens 26 Stunden psychologische Therapie (16 Stunden kVT, 10 Stunden  PE) gefordert (NICE), dies bedeutet f\u00fcr psychiatrische Abteilungen etwa 1,5  Vollzeit\u00e4quivalente zus\u00e4tzliches therapeutisches Personal je 100  Neuerkrankungen pro Jahr.<\/p>\n<h3> Pharmakotherapie <\/h3>\n<p>  Eine medikament\u00f6se Intervention sollte in ein  Gesamtbehandlungskonzept unter Einschluss therapeutischer und psychosozialer  Ma\u00dfnahmen eingebettet sein. Patienten m\u00fcssen \u00fcber Wirkungen und Nebenwirkungen  der Medikamente aufgekl\u00e4rt und sollten in den therapeutischen Entscheidungsprozess  miteinbezogen werden. Die Pharmakotherapie sollte auf das klinische Zielsyndrom  abgestimmt werden, bei der Auswahl m\u00fcssen folgende Faktoren mit ber\u00fccksichtigt  werden: <\/p>\n<ul>\n<li>  fr\u00fcheres Ansprechen auf medikament\u00f6se Therapie und Patientenpr\u00e4ferenzen <\/li>\n<li> potenzielle oder bekannte Nebenwirkungen und individuelles  Risikoprofil <\/li>\n<li> Applikationsform und Dosierung, Begleitmedikation und  Interaktionen<\/li>\n<\/ul>\n<p> <strong>Pharmakotherapie mit  Antipsychotika (AP) \u2013 allgemeine Aussagen:<\/strong> AP sind die Therapie der Wahl in  allen unterschiedlichen Stadien schizophrener St\u00f6rungen. Sowohl AP der ersten  Generation (&bdquo;first generation AP&ldquo; FGA) als auch AP der zweiten Generation  (&bdquo;second generation AP&ldquo; SGA) verringern effektiv psychotische Symptome (++).  Einige SGA bieten m\u00f6glicherweise Vorteile bei der Gesamtwirksamkeit und in der  R\u00fcckfallprophylaxe (+). Wegen des erh\u00f6hten Risikos von neurologischen St\u00f6rungen  (EPMS) unter FGA sind bestimmte SGA zu favorisieren (+). Rasche  Dosissteigerungen (&bdquo;loading dose&ldquo;) sollten vermieden werden (+). Die niedrigste  effektive Dosis ist anzustreben (+). Bei jeder Auswahl von AP sollten  potenzielle Nebenwirkungen und individuelle Risikofaktoren (Geschlecht,  Gewicht, RR, Laborbefunde etc.) ber\u00fccksichtigt werden. Vor dem Wechsel auf ein  anderes AP sollte ein kontrollierter Behandlungsversuch unter optimaler Dosierung  und Adh\u00e4renz f\u00fcr mindestens vier bis maximal acht Wochen erfolgen (+).  AP-Kombinationen sollten vermieden werden (+).<\/p>\n<p> <strong>(Ultra) High Risk  Mental State:<\/strong> Wichtigste Ma\u00dfnahmen sind der Aufbau einer therapeutischen  Beziehung und regelm\u00e4\u00dfige Symptomerfassung, um bei Konversion in eine manifeste  Psychose rechtzeitig intervenieren zu k\u00f6nnen und so die Dauer der unbehandelten  Psychose (DUP) zu minimieren. Individuelle Verhaltenstherapie (kVT) kann Stress  und Symptome lindern. Anf\u00e4ngliche Erfolge von speziellen Fr\u00fchinterventionsprogrammen  scheinen sich nach f\u00fcnf Jahren Follow-up aber nicht mehr abzubilden (Bertelsen et  al., Arch Gen Psychiatry 2008). Antipsychotika (AP) sollten nur in  individuellen F\u00e4llen, zeitlich begrenzt, mit niedrigster Dosierung und engmaschigen  Kontrollen von Symptomen und UAW eingesetzt werden (=&bdquo;Off-label&ldquo;-Einsatz). Vermutlich  ist aber keine Ver\u00e4nderung der Konversionsrate durch den Einsatz von AP zu  erwarten.<\/p>\n<p> <strong>Akute Psychose, erste  Episode:<\/strong> Einige FGA und SGA sind gleicherma\u00dfen wirksam, sollten aber in  geringeren Dosierungen als bei chronisch Kranken zum Einsatz kommen (++). Wegen  des geringeren Risikos f\u00fcr neurologische UAW (+) und geringerer Abbruchrate  sollten SGA bevorzugt werden (+). Olanzapin, Risperidon und Quetiapin sind die  am besten untersuchten SGA, geringer Aripiprazol und Ziprasideon, Haloperidol  das am besten untersuchte FGA bei Ersterkrankten. Trotz guter Wirksamkeit wird  Clozapin wegen seiner potenziellen UAW nicht als Behandlung der ersten Wahl  empfohlen. Die Behandlungsdauer sollte zumindest 12 (+) bis 18 Monate betragen (BAP).<\/p>\n<p> <strong>Akute Psychose,  multiple Episode:<\/strong> Auch hier gilt: alle FGA und SGA sind gleicherma\u00dfen  wirksam, einige SGA aber m\u00f6glicherweise effektiver. Die Dosis kann dabei so rasch  als m\u00f6glich gesteigert werden, die geringste effektive Dosis ist anzustreben  (+), sonst bestehen mit Ausnahme der l\u00e4ngeren Behandlungsdauer keine  Unterschiede zu den Empfehlungen wie bei &bdquo;erster Episode&ldquo;.<\/p>\n<p> <strong>Erhaltungstherapie  und R\u00fcckfallprophylaxe:<\/strong> Bei etablierter Schizophrenie ist eine dauerhafte  Behandlung mit AP im empfohlenen Dosisbereich zu empfehlen (++) wobei einige  SGA Vorteile hinsichtlich Negativsymptomatik, Behandlungsdauer und  R\u00fcckfallsvermeidung bieten (+). Eine intermittierende AP-Therapie (&bdquo;drug holiday&ldquo;)  stellt keine Alternative zu kontinuierlicher Behandlung dar (++). Die  Behandlungsdauer sollte individuell geplant werden, bei Patienten mit multiplen Episoden  aber mindestens zwei bis f\u00fcnf Jahre betragen (+). Vor einem Wechsel der AP  sollte die laufende Therapie optimiert und \u00fcber einen ad\u00e4quaten Zeitraum  hinsichtlich Dosis und Adh\u00e4renz kontrolliert werden (+). <\/p>\n<p>Im Behandlungsplan  sollten reversible R\u00fcckfallsrisikofaktoren wie komorbider Substanzkonsum, schlechte  Therapieadh\u00e4renz und psychosoziale Probleme therapeutisch ber\u00fccksichtigt werden  (+). Tardive Dyskinesien und metabolische UAW \u00fcben den st\u00e4rksten negativen  Einfluss auf Wohlbefinden und Gesundheit der Patienten aus und m\u00fcssen bei einer  Langzeittherapie kontinuierlich erfasst und fr\u00fchzeitig behandelt werden (+).  Bei gleicher Wirksamkeit wie orale AP bieten Depot-AP bei bestimmten  Patientengruppen Vorteile in der R\u00fcckfallsprophylaxe (++) und k\u00f6nnen auch in der  Erhaltungstherapie nach einer ersten psychotischen Episode sinnvoll sein (+). <\/p>\n<h3> Spezielle  Probleme in der Therapie<\/h3>\n<p> <strong>Persistierende negative  Symptomatik<\/strong> \u00fcber  die Akutphase hinaus: Bei prim\u00e4ren negativen Symptomen, die Teil der  schizophrenen Kernsymptomatik sind, zeigen SGA als Gruppe bessere Wirksamkeit  als FGA (+), besonders Amisulprid und Olanzapin (++) sowie in geringerem Ma\u00df Quetiapin  und Ziprasidon (+). Bei sekund\u00e4ren negativen Symptomen, die durch  Nebenwirkungen (EPMS), depressive Syndrome (postpsychotisch oder AP-induziert),  sozialen R\u00fcckzug infolge von paranoiden \u00c4ngsten oder Hospitalismus hervorgerufen  werden k\u00f6nnen, sind FGA und SGA gleicherma\u00dfen effektiv (++). Eine weitere  Option stellt die Augmentation der AP-Therapie mit Antidepressiva (SSRI,  Mirtazapin) dar (+). Bei Patienten unter Clozapin sollte eine Augmentierung mit  Lamotrigin oder einem passenden SGA \u00fcberlegt werden (+).<\/p>\n<p> <strong>Persistierende kognitive  St\u00f6rungen:<\/strong> Hier  liegen Befunde f\u00fcr moderate Effekte von SGA vor (+).<\/p>\n<p> <strong>Depressive Symptome:<\/strong> Neben guter Wirksamkeit von  Antidepressiva sind auch moderate Effekte f\u00fcr SGA zu erwarten (+).<\/p>\n<p> <strong>Agitiertheit, Aggression:<\/strong> Lorazepam und FGA sind  gleicherma\u00dfen wirksam in der Akuttherapie von Aggression und psychomotorischer  Agitiertheit (+). Der Einsatz von niedrigpotenten AP (Chlorprothixen,  Levomepromazin) ist hinsichtlich Wirkung und Tolerabilit\u00e4t unterlegen und sollte  vermieden werden (+). Intramuskul\u00e4re Pr\u00e4parate (Aripiprazol, Olanzapin,  Ziprasidon) sind bei geringerem Risiko f\u00fcr EPMS gleich effektiv wie i.m.  Haloperidol (++). Katatone Symptomatik: unver\u00e4ndert bleiben Benzodiazepine die  erste Wahl (+). Im Notfall (maligne Katatonie) oder bei mangelnder Wirksamkeit  von Lorazepam sollte eine EKT-Behandlung durchgef\u00fchrt werden (+).<\/p>\n<p> <strong>Gewichtszunahme:<\/strong> Erste Ma\u00dfnahme sollte eine  psychologische Intervention (+) zur Verhaltens und Lebensstil\u00e4nderung (Ern\u00e4hrungsberatung,  Bewegung, Sport etc.) sein. Medikament\u00f6s wird die Umstellung auf Aripiprazol (++)  und Ziprasidon (+) empfohlen, wobei die Risiken, die mit Umstellung von  AP-Medikation verbunden sind, ber\u00fccksichtigt werden m\u00fcssen. Der Wirksamkeit von  Topiramat stehen potenzielle UAW (kognitive St\u00f6rungen) vor allen Dingen bei  h\u00f6herer Dosierung gegen\u00fcber (+), \u00e4hnlich wie beim l\u00e4ngeren Einsatz von H2- Antagonisten  (+), f\u00fcr andere Substanzklassen gibt es derzeit keine ausreichende Evidenz.<\/p>\n<p> <strong>Peri-\/postpartale Periode:<\/strong> Patientinnen sollten  dar\u00fcber informiert werden, dass es zwar nicht gesichert ist, dass AP f\u00fcr den  Embryo unbedenklich sind, aber auch dar\u00fcber, dass AP keine bedeutenden  Teratogene darstellen. M\u00f6glicherweise besteht ein geringf\u00fcgig erh\u00f6htes Risiko  f\u00fcr kardiovaskul\u00e4re Malformationen um 1\u20131,5 Prozent f\u00fcr die gesamte Gruppe von  AP (+). Fols\u00e4ure 5mg\/Tag f\u00fcr drei Monate vor und nach Konzeption ist zu  empfehlen (+). Bei ungeplanten Schwangerschaften ist die Periode mit der h\u00f6chsten  Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr Teratogenit\u00e4t meist bereits vor\u00fcber, weshalb die abrupte  Unterbrechung einer AP-Therapie wegen des damit verbundenen erh\u00f6hten  R\u00fcckfallrisikos vermieden werden sollte (+). Generell muss Polypharmazie vermieden  und die niedrigste Dosis angestrebt werden. Babys von M\u00fcttern, die w\u00e4hrend der  Schwangerschaft FGA erhalten haben, sollten auf EPMS gescreent werden (+).  Frauen unter Clozapin-Therapie sollten nicht stillen.<\/p>\n<p> <strong>Therapieresistenz (TR):<\/strong> Nach derzeitigem Konsens  liegt TR dann vor, wenn trotz Behandlung mit zwei AP aus unterschiedlichen chemischen  Gruppen, davon zumindest eines aus der Gruppe der SGA, keine ausreichende  Verbesserung der Psychopathologie oder anderer Zielsymptome erreicht werden  kann. Je nach Definition von Response und Remission sprechen zehn bis 30  Prozent kaum oder gering, weitere 30 Prozent partiell auf eine AP-Therapie an. Mangelnde  Therapieadh\u00e4renz und komorbider Substanzkonsum sollten als Ursache f\u00fcr TR (&bdquo;Pseudoresistenz&ldquo;)  ausgeschlossen werden (++). Der Wechsel von nicht wirksamen FGA auf andere FGA  ist ineffektiv (++), daher sollte auf SGA gewechselt werden (+). <\/p>\n<p>Bei Patienten  mit TR sollte Clozapin (++) f\u00fcr drei bis sechs Monate in einer Tagesdosis von  100\u2013900mg und einem Plasmaspiegel mehr als 350ng\/ ml eingesetzt werden (+).  Falls eine Clozapin-Therapie nicht m\u00f6glich ist, sollte auf Olanzapin oder  Risperidon gewechselt werden (+). Geringere Evidenz liegt f\u00fcr Amisulprid, Aripiprazol  und Quetiapin vor (+). Ebenfalls nur geringe Evidenz gibt es f\u00fcr Kombination  von Clozapin mit SGA (Amisulprid, Risperidon) (+), dabei m\u00fcssen Wirkung und  Nebenwirkungen in kurzen Intervallen erfasst werden. Geringe Evidenz auch f\u00fcr  die generelle Wirksamkeit von ECT bei TR, mit Ausnahme von bestimmten F\u00e4llen und  vor allem bei Katatonie (+). Erst wenn viele dieser Ma\u00dfnahmen versagt haben,  sollte eine hochdosierte und\/ oder kombinierte AP Therapie erw\u00e4gt werden (+).<\/p>\n<p> <strong>Augmentations-Strategien:<\/strong> Die Evidenzlage f\u00fcr den  zus\u00e4tzlichen Einsatz von Antikonvulsiva ist inkonklusiv, es gibt keinen Effekt  auf die psychotische Symptomatik; bei ausgepr\u00e4gter \u00c4ngstlichkeit scheint  Pregabalin wirksam (+), bei Aggression m\u00f6glicherweise Valproat. Bei TR kann die  Kombination von Clozapin mit Lamotrigin die Symptomatik verbessern (+). Bei  vorrangigen Stimmungsst\u00f6rungen und schizoaffektiven Psychosen kann eine  Augmentation mit Lithium effektiv sein. Dagegen gibt es wenig Evidenz f\u00fcr die  zus\u00e4tzliche Gabe von Antidepressiva, mit Ausnahme von Mirtazapin (+). Bei  Katatonie, Aggression und Akathisie kann die zus\u00e4tzliche Gabe von  Benzodiazepinen sinnvoll sein (+).<\/p>\n<p> <strong>Elektrokonvulsionstherapie  (EKT):<\/strong> F\u00fcr  die generelle Wirksamkeit von EKT bei Patienten mit oder ohne APTherapie besteht  mittlere Evidenz. Effektiv in bestimmten F\u00e4llen (z.B. Clozapin Non-Responder)  und vor allem bei katatonen Symptomen (+). EKT ist das Mittel der Wahl bei therapierefrakt\u00e4rer  und maligner Katatonie (+). <\/p>\n<h3> Schlussbemerkung <\/h3>\n<p> Der  Begriff &bdquo;Schizophrenie&ldquo; war in den letzten 100 Jahren entweder als biologische  Erkrankung, als psychologische Dysfunktion oder als soziales Konstrukt  definiert worden. Die Fortschritte in Genetik, Epidemiologie, Neuroimaging und  Pharmakologie erlauben uns heute, diese unterschiedlichen Perspektiven zu  vereinen. Zwar besteht eine eindeutige genetische Suszeptibilit\u00e4t, es wird aber  nicht die Krankheit selbst, sondern es werden St\u00f6rungen der Hirnentwicklung  vererbt, die auch bei anderen Erkrankungen, wie Autismus oder bipolaren  St\u00f6rungen, beobachtet werden. <\/p>\n<p> Die  damit verbundenen Verhaltens\u00e4nderungen f\u00fchren nur zu geringen funktionellen  Beeintr\u00e4chtigungen. Nur bei wenigen Menschen mit erh\u00f6hter Vulnerabilit\u00e4t f\u00fchren  z.B. Umwelteinfl\u00fcsse mittels epigenetischer Mechanismen in einen Zustand  ver\u00e4nderter Dopamin- Freisetzung und zum Auftreten von klinisch relevanten psychotischen  Symptomen. Die pharmakologischen Behandlungsverfahren, wie sie auch in dieser  aktuellen Leitlinien\u00fcbersicht dargestellt sind, konzentrieren sich bislang im  Wesentlichen auf die Regulation gest\u00f6rter Dopamin-Systeme und k\u00f6nnen die  Symptomatik unterdr\u00fccken, haben aber keinen Effekt auf die zugrunde liegende Vulnerabilit\u00e4t.  Dadurch kommt es bei Beendigung der Behandlung h\u00e4ufig zu R\u00fcckf\u00e4llen. <\/p>\n<p> Neue  therapeutische Konzepte zur Reduktion der neurobiologischen Vulnerabilit\u00e4t oder  zum Schutz vor Umweltrisiken m\u00fcssen entwickelt werden, um die Prognose dieser  so komplexen Erkrankung weiter zu verbessern. Nur dadurch kann es gelingen, das  mit dieser Diagnose nach wie vor verbundene Stigma zu verringern und den  Betroffenen und ihren Angeh\u00f6rigen Hoffnung zu geben.<\/p>\n<p> <em>Literatur  beim Autor  <\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Foto: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/04\/windhager.150.jpg\" alt=\"Foto: Privat\" width=\"150\" height=\"141\" class=\"alignleft size-full wp-image-1120\" \/><\/p>\n<p><em>Dr.  Elmar Windhager <\/em><em>Abteilung  f\u00fcr Psychiatrie und psychotherapeutische Medizin, klinische Psychologie und  Psychotherapie, Klinikum Wels-Grieskirchen<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Schizophrenie als schwerste Form chronisch psychotischer St\u00f6rungen ist ein auffallend heterogenes Krankheitsbild mit Unterschieden bei \u00c4tiologie, Symptomatik und Verlauf. Ein Beitrag von Dr. Elmar Windhager (CC neuropsy 1\/15).<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1118,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[72,13],"tags":[33,82,48],"class_list":["post-1117","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-72","category-neuropsy","tag-psychiatrie","tag-psychotische-stoerungen","tag-schizophrenie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1117","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1117"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1117\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1117"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1117"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1117"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}