{"id":1248,"date":"2015-08-26T11:24:03","date_gmt":"2015-08-26T09:24:03","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1248"},"modified":"2015-08-26T11:24:03","modified_gmt":"2015-08-26T09:24:03","slug":"mit-dem-trauma-auf-der-flucht","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1248","title":{"rendered":"Mit dem Trauma auf der Flucht"},"content":{"rendered":"<p><strong>Mit  dem zunehmenden Fl\u00fcchtlingsstrom in Richtung Europa r\u00fccken auch die  psychopathologischen Auswirkungen traumatischer Lebensereignisse verst\u00e4rkt in  den Mittelpunkt. <\/strong><\/p>\n<p>  Kaum ein  Tag vergeht, an dem nicht das Thema Fl\u00fcchtlinge f\u00fcr Schlagzeilen sorgt. Alleine  infolge des B\u00fcrgerkrieges in Syrien sind bereits mehrere Millionen Menschen aus  ihrer Heimat geflohen, die H\u00e4lfte davon Kinder, berichtet die Caritas. Wie  viele davon psychisch traumatisiert sind, l\u00e4sst sich nur erahnen. &bdquo;Die Folgen von  Menschen-verursachten traumatischen Ereignissen, sogenannten ,Man-made disaster&lsquo;,  sind viel schwerer zu behandeln als traumatische Erlebnisse infolge von  Naturkatastrophen&ldquo;, erkl\u00e4rt Dr. Barbara Zeman, Ober\u00e4rztin an der 3.  Psychiatrischen Abteilung am Otto-Wagner-Spital sowie Mitarbeiterin an der  Medizinischen Ambulanz\/Zentrum f\u00fcr Psychotraumatologie von ESRA (Hebr\u00e4isch f\u00fcr &bdquo;Hilfe&ldquo;),  bei einem wissenschaftlichen Seminar in Wien. <\/p>\n<p>Nach dem &bdquo;Man-made disaster&ldquo;, so Zeman,  fehle traumatisierten Personen meist das Gemeinschaftsgef\u00fchl; ihr  Basisvertrauen in andere ist zutiefst ersch\u00fcttert und Zukunftsperspektiven fehlen.  Bei etwa einem Drittel der Menschen, die ein traumatisches Erlebnis selbst  erlebt oder miterlebt haben, ist die Diagnose einer posttraumatische  Belastungsst\u00f6rung (PTSD) zu stellen, bei einem Viertel davon entwickelt sich  eine chronische PTSD. &bdquo;Gem\u00e4\u00df ICD-10 gibt es die Diagnose einer chronischen PTSD  allerdings nicht, wir haben hier nur die M\u00f6glichkeit, eine andauernde  Pers\u00f6nlichkeits\u00e4nderung nach Extrembelastung (F 62.0, Anm.) zu diagnostizieren,  das ist sicher nicht g\u00fcnstig gew\u00e4hlt&ldquo;, meint Zeman. <\/p>\n<p>An therapeutischen M\u00f6glichkeiten stehen neben  psychotherapeutischen Verfahren psychopharmakologische zur Verf\u00fcgung, speziell  SSRI bzw. SNRI und atypische Neuroleptika haben hier ihren Stellenwert. &bdquo;Auch  wenn Benzodiazepine nicht optimal sind, so kommt man nach traumatischen  Ereignissen oft kurzfristig nicht ganz ohne sie aus&ldquo;, erg\u00e4nzt Zeman. Unter den  psychotherapeutischen Verfahren bew\u00e4hrt sich neben EMDR auch die  Psychodynamisch Imaginative Traumatherapie (PITT) nach Reddemann, wenn eine  rasche Stabilisierung erzielt werden soll. Traumaopfer lernen damit unter  anderem, einen &bdquo;sicheren inneren Ort&ldquo; zu schaffen.<\/p>\n<p> <strong>Aktuelle Fl\u00fcchtlingsbetreuung <\/strong><\/p>\n<p>  Dass  traumatische Erlebnisse bis ins hohe Lebensalter nachwirken, zeigen die  Erfahrungen von ESRA. &bdquo;Auch heute noch befinden sich KZ-\u00dcberlebende in  Therapie, wobei zus\u00e4tzliche somatische und psychische Symptome die Traumafolgen  im h\u00f6heren Alter meist wieder verschlimmern.&ldquo; Auch mit den psychischen Folgen  der &bdquo;Spiegelgrund-\u00dcberlebenden&ldquo; setzten sich die Traumaspezialisten von ESRA  auseinander: &bdquo;Viele davon sind bereits verstorben: Besonders problematisch war  es jedoch f\u00fcr sie, dass sie lange um ihre Anerkennung k\u00e4mpfen mussten und in der  NS\u2013Zeit als &bdquo;asozial&ldquo; eingestuft wurden&ldquo;, betont Zeman.  <\/p>\n<p>Bei ESRA nutzt man die Erfahrung in der  Behandlung traumatisierter Menschen heute jedenfalls zunehmend in der Betreuung  von Fl\u00fcchtlingen. Es wurde ein Konsiliardienst f\u00fcr Fl\u00fcchtlingsheime eingerichtet,  und ein mobiles Team von ESRA betreut seit Jahren im Betreuungszentrum f\u00fcr  Folterund Kriegs\u00fcberlebende Hemayat (Persisch\/Arabisch f\u00fcr &bdquo;Schutz&ldquo;) Fl\u00fcchtlinge  und Asylwerber mit dem Ziel, die Behandlung und Betreuung von Migranten zu  verbessern. &bdquo;ESRA als eine j\u00fcdische Organisation stellt f\u00fcr die j\u00fcdische  Bev\u00f6lkerung Wiens einen sicheren Ort dar, und deshalb ist es unser Bestreben,  dass Konflikte von au\u00dfen nicht hereingetragen werden&ldquo;, erkl\u00e4rt Zeman.<\/p>\n<p> <strong>&bdquo;Es kommen immer mehr&ldquo; <\/strong><\/p>\n<p>  Langj\u00e4hrige  Erfahrung in der seelischen Betreuung von Fl\u00fcchtlingen hat auch Dr. Friedrun  Huemer, Psychologin und Psychotherapeutin sowie Obfrau von Hemayat. Rund 660  Menschen wurden von ihr und ihren Kolleginnen bei Hemayat 2014 behandelt, wobei  es &bdquo;erschreckend lange Wartelisten&ldquo; gebe. Aktuell bemerkt das Team von Hemayat  auch eine steigende Nachfrage von Fl\u00fcchtlingen aus den syrischen  Kriegsgebieten. Der Bedarf an psychosozialer Unterst\u00fctzung bzw. psychiatrischer  Therapie werde jedoch oft erst nach der Kl\u00e4rung der dringendsten Lebensfragen  deutlich: &bdquo;Zun\u00e4chst geht es den Menschen einmal darum, \u00fcberhaupt eine  Wohnm\u00f6glichkeit zu finden oder die Kinder versorgt zu wissen. Erst danach  machen sich die psychischen Symptome ihrer traumatischen Erfahrungen bemerkbar&ldquo;,  schildert Huemer.  <\/p>\n<p>Die PTSD mit all ihren  Spielarten sei bei Weitem die h\u00e4ufigste Diagnose; &bdquo;nicht zu vergessen, dass sie  sich sogar in psychotisch anmutenden Symptomen \u00e4u\u00dfern kann&ldquo;. Fast alle Klienten  werden zun\u00e4chst psychiatrisch behandelt, eine Reihe niedergelassener Fach\u00e4rzte  sowie der Psychosoziale Dienst kooperieren dazu mit Hemayat. &bdquo;Oft l\u00e4sst sich  erst durch die medikament\u00f6se Stabilisierung der Kreislauf aus Schlafst\u00f6rungen,  Nervosit\u00e4t und Gereiztheit so weit unterbrechen, dass \u00fcberhaupt eine  Psychotherapie m\u00f6glich wird.&ldquo; \u00dcberhaupt st\u00fcnden Schlafprobleme h\u00e4ufig im  Vordergrund \u2013 oft nicht nur infolge des Traumas, sondern auch durch die  schlechte Unterbringungssituation bedingt. <\/p>\n<p>In der Psychotherapie hat zun\u00e4chst die  Stabilisierung Priorit\u00e4t, an ein Aufarbeiten des Traumas sei mitunter lange  nicht zu denken, wie Huemer berichtet. Die Therapien finden dabei im  Hemayat-Zentrum oder in den Praxen der Therapeuten statt. &bdquo;In den Heimen selbst  gibt es meist keine entsprechenden R\u00e4umlichkeiten, zudem wollen viele  Fl\u00fcchtlinge nicht, dass es andere bemerken, wenn sie eine Psychotherapie machen&ldquo;,  erkl\u00e4rt Huemer.<\/p>\n<p> <strong>Minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge <\/strong><\/p>\n<p>  Im  Jahr 2014 erreichten auch rund 2.000 minderj\u00e4hrige Fl\u00fcchtlinge ohne Begleitung einer f\u00fcr sie  verantwortlichen erwachsenen Person \u00d6sterreich. Schon 2011 zeigte Ass.-Prof.  Dr. Julia Huemer (eine zuf\u00e4llige Namensgleichheit mit Dr. Friedrun Huemer) von  der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Kinderund Jugendpsychiatrie in Wien in einer gemeinsam  mit Kollegen ver\u00f6ffentlichten Studie, dass mehr als die H\u00e4lfte der untersuchten  unbegleiteten minderj\u00e4hrigen afrikanischen Fl\u00fcchtlinge in \u00d6sterreich zumindest eine  psychiatrische Diagnose aufweist: Anpassungsst\u00f6rungen, PTSD und Dysthymien  waren die h\u00e4ufigsten gestellten Diagnosen. <\/p>\n<p>Bei jenen, die traumatische  Kriegserlebnisse durchgemacht hatten, bestand erwartungsgem\u00e4\u00df eine Korrelation  mit dem Auftreten einer PTSD, \u00fcberraschend war jedoch die relative Breite des  Diagnosespektrums. &bdquo;Ber\u00fccksichtigt man, dass Asylverfahren mehrere Jahre in  Anspruch nehmen k\u00f6nnen, so bedeutet dies ein st\u00e4ndiges Leben in Unsicherheit  und eine erschwerte soziale Integration.&ldquo; Im Hinblick auf eine m\u00f6gliche Progression  in Richtung schwerwiegender sozialer Probleme oder psychopathologischer Entwicklungen  mit externalisierenden Symptomen w\u00e4re eine fr\u00fchzeitige Intervention und  Stabilisierung jedoch enorm bedeutsam. Interventionen m\u00fcssten allerdings in einem  &bdquo;kulturell sensiblen&ldquo; Umfeld erfolgen, wie Huemer auch in einem Beitrag im &bdquo;Lancet&ldquo;  (2009) beschreibt. <\/p>\n<p>Unter den Widrigkeiten, mit denen unbegleitete minderj\u00e4hrige  Fl\u00fcchtlinge konfrontiert sind, nennt Huemer das Fehlen sozialer Unterst\u00fctzung oder  famili\u00e4rer, st\u00fctzender Strukturen in einer besonders sensiblen  Entwicklungsperiode. In einer weiteren Untersuchung konnten f\u00fcr die  Jugendlichen individuelle Resilienzfaktoren \u2013 ein hohes Ausma\u00df an Repression, Leugnung  von Stress und emotionaler Regulation \u2013beschrieben werden, die in Bezug auf die  soziale Integration eine gro\u00dfe Rolle spielen. <\/p>\n<p> <em>Information:  <a href=\"http:\/\/www.esra.at\" title=\"www.esra.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.esra.at<\/a>; <a href=\"http:\/\/www.hemayat.org\" title=\"www.hemayat.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.hemayat.org<\/a>  <\/em><\/p>\n<p><em>&bdquo;Psychopathologie  bei Fl\u00fcchtlingen&ldquo;, Wissenschaftliches Seminar, Wien, 26.3.15  <\/em><\/p>\n<p>  <em>Autor: Mag. Christina Lechner<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Mit dem zunehmenden Fl\u00fcchtlingsstrom in Richtung Europa r\u00fccken auch die psychopathologischen Auswirkungen traumatischer Lebensereignisse verst\u00e4rkt in den Mittelpunkt. (CC neuropsy 3\/15)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1247,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[90,13],"tags":[91,33,92],"class_list":["post-1248","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-90","category-neuropsy","tag-posttraumatische-belastungsstoerung","tag-psychiatrie","tag-trauma"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1248","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1248"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1248\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1248"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1248"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1248"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}