{"id":1344,"date":"2015-11-17T02:30:23","date_gmt":"2015-11-17T00:30:23","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1344"},"modified":"2015-11-17T02:30:23","modified_gmt":"2015-11-17T00:30:23","slug":"orale-versus-depot-antipsychotika","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1344","title":{"rendered":"Orale versus Depot-Antipsychotika"},"content":{"rendered":"<p><strong>Depot-Antipsychotika sind den oralen Substanzen in Bezug auf die Wirksamkeit und Vertr\u00e4glichkeit nicht unterlegen und weisen dar\u00fcber hinaus eine Reihe von Vorteilen auf.  <\/strong><\/p>\n<p>Neben Positiv- und Negativsymptomatik stellen Beeintr\u00e4chtigungen der sozialen und kognitiven Funktionen (Hofer et al., 2010), der Leistungsf\u00e4higkeit und der Lebensqualit\u00e4t (Burton, 2006) typische Kennzeichen von schizophrenen St\u00f6rungen dar. Die Erkrankungen schreiten mit Anzahl und Dauer der florid-psychotischen Episoden fort, und parallel sinkt das Funktionsniveau der Betroffenen (Lieberman et al., 2001).<\/p>\n<p>Antipsychotika spielen in der R\u00fcckfallprophylaxe eine unumstrittene Rolle. Eine rezente Metaanalyse ergab eine j\u00e4hrliche R\u00fcckfallrate von 27 Prozent unter der Behandlung mit Antipsychotika, w\u00e4hrend im Vergleich dazu 64 Prozent der mit Plazebo behandelten Patienten im Laufe eines Jahres ein Krankheitsrezidiv erleiden (Leucht et al., 2012). Trotz der Entwicklung neuer Antipsychotika mit g\u00fcnstigeren Vertr\u00e4glichkeitsprofilen entstehen bei vielen Patienten mit schizophrenen St\u00f6rungen im Laufe der Erkrankung Compliance-Probleme: ca. 50 Prozent sind partiell oder non-compliant, d.h., sie nehmen weniger als 80 bzw. 50 Prozent der verordneten oralen Medikation ein.<\/p>\n<p>Dieses Verhalten erh\u00f6ht das Risiko f\u00fcr ein Krankheitsrezidiv und f\u00fchrt zu h\u00e4ufigeren und l\u00e4ngeren station\u00e4ren Aufenthalten, zu Therapieresistenz, einem herabgesetzten Funktionsniveau und insgesamt zu einer Verschlechterung der Prognose (Hofer und Fleischhacker, 2011). H\u00e4ufig wird die Compliance der Patienten von den behandelnden \u00c4rzten \u00fcbersch\u00e4tzt (Keith und Kane, 2003). Bereits im station\u00e4ren Setting sind 10\u201330 Prozent der Patienten non-compliant (Barnes et al., 1996). Nach der Entlassung steigt diese Zahl innerhalb eines Jahres auf 50 Prozent und nach zwei Jahren auf 75 Prozent an (Keith und Kane, 2003).<\/p>\n<p>Insbesondere sind auch von den Patienten mit der grunds\u00e4tzlich besten Prognose, also jenen mit Erstmanifestation der Erkrankung, bis zu 30 Prozent innerhalb des ersten Behandlungsjahres non-compliant (Kahn et al., 2008). Eine k\u00fcrzlich publizierte Metaanalyse konnte zeigen, dass unabh\u00e4ngig vom Stadium der Erkrankung (Erstmanifestation versus chronische Erkrankung) komorbider Substanzmissbrauch, hohes Aggressionspotenzial sowie geringe Krankheitseinsicht das Risiko f\u00fcr Non-Compliance wesentlich erh\u00f6hen (Czobor et al., 2015). Abh\u00e4ngig vom Studiendesign (Kishimoto et al., 2014) gibt es Hinweise, dass Depot-Antipsychotika (DAP) den oralen Substanzen (OAP) sowohl in der F\u00f6rderung der Compliance als auch in der R\u00fcckfallpr\u00e4vention \u00fcberlegen sind (Haddad et al., 2015).<\/p>\n<p>Dies wurde einerseits mit einer Reduktion der H\u00e4ufigkeit und Dauer der station\u00e4ren Aufenthalte (Lachaine et al., 2015) und andererseits mit einem besseren funktionellen Outcome in Verbindung gebracht (Schreiner et al., 2014). Durch die Reduktion der R\u00fcckfallrate (Leucht et al., 2011) werden auch die Kosten f\u00fcr das Gesundheitssystem deutlich herabgesetzt (Einarson et al., 2013). Die wenigen Studien \u00fcber den Einsatz von DAP bei Patienten mit Erstmanifestation der Erkrankung zeigen im Vergleich zur Behandlung mit OAP eine deutliche \u00dcberlegenheit in Bezug auf Compliance, Rezidivh\u00e4ufigkeit (Tiihonen et al., 2011), kognitive Funktionen (Bartzokis et al., 2011) und Outcome (Emsley et al., 2013) sowie eine Verbesserung der sozialen und beruflichen M\u00f6glichkeiten und eine Steigerung der Lebensqualit\u00e4t (P\u0159ikryl et al., 2012).<\/p>\n<p>Im Allgemeinen profitieren Patienten in fr\u00fchen Erkrankungsstadien mehr von einer Depotbehandlung als im sp\u00e4teren Verlauf (MacFadden et al., 2010a). Dementsprechend wird auch empfohlen, diese Therapieoption so fr\u00fch wie m\u00f6glich einzusetzen (Viala et al., 2012). Im klinischen Alltag erfolgt die Verordnung eines DAP jedoch \u2013 wenn \u00fcberhaupt \u2013 h\u00e4ufig erst im sp\u00e4teren Verlauf der Erkrankung (Heres et al., 2006). Dies ist weniger durch die ablehnende Haltung vonseiten der Patienten als durch die Zur\u00fcckhaltung der Behandler bedingt (Heres, 2014). Obwohl 81 Prozent an eine h\u00f6here Compliance-Rate unter Depot-Medikation glauben (Patel et al., 2003), gehen viele \u00c4rzte von der Annahme aus, die von ihnen behandelten Patienten w\u00fcrden die orale Medikation regelm\u00e4\u00dfig einnehmen, und halten DAP deshalb f\u00fcr nicht erforderlich (Heres et al., 2006; Samalin et al., 2013).<\/p>\n<p>Au\u00dferdem herrscht die Meinung, dass Patienten eine Behandlung mit einem DAP nicht akzeptieren (Graffino et al., 2014), obwohl lediglich mit einem Drittel die grunds\u00e4tzliche M\u00f6glichkeit besprochen wird (Heres et al., 2006). Im Folgenden wird zun\u00e4chst auf die m\u00f6glichen Vor- und Nachteile einer Depot-Behandlung und im Anschluss auf ausgew\u00e4hlte Vergleichsstudien \u00fcber OAP und DAP eingegangen.<\/p>\n<p><strong>Vor- und Nachteile der Depot-Antipsychotika <\/strong><\/p>\n<p>Verglichen mit OAP haben DAP eine Reihe von Vorteilen. An erster Stelle soll das Wegfallen der t\u00e4glichen Medikamenteneinnahme erw\u00e4hnt werden, was vor allem f\u00fcr Patienten mit kognitiven Defiziten eine deutliche Erleichterung darstellt. Au\u00dferdem k\u00f6nnen durch den Einsatz von DAP gleichm\u00e4\u00dfige Plasmaspiegelverl\u00e4ufe erzielt werden, was wiederum das Risiko f\u00fcr Nebenwirkungen reduzieren kann. Durch die intramuskul\u00e4re Verabreichung kommt es zur Umgehung der First-pass-Metabolisierung durch die Leber und dadurch zu einer geringeren Substanzbelastung.<\/p>\n<p>Nat\u00fcrlich ist durch den Einsatz von DAP die Wirkstoffzufuhr gesichert, so dass bei fehlender Wirksamkeit zwischen Non-Compliance und Therapieversagen unterschieden werden kann. Au\u00dferdem kann aufgrund der langen Halbwertszeit bei verabs\u00e4umter Injektion mit einem sp\u00e4ter auftretenden Krankheitsrezidiv gerechnet werden, und es ergibt sich die M\u00f6glichkeit, fr\u00fchzeitig Compliancef\u00f6rdernde Ma\u00dfnahmen zu setzen (Hofer und Fleischhacker, 2014). Als wesentlicher Nachteil einer Behandlung mit einem DAP ist die schlechte Steuerbarkeit zu nennen (verz\u00f6gertes Steady State, verz\u00f6gerte Besserung der Psychopathologie bei Dosissteigerung, Dauer der Elimination: Wochen bis Monate). Au\u00dferdem stellen die Scheu von Patienten vor Injektionen bzw. Injektions-assoziierte Nebenwirkungen (Schmerz, Schwellung etc.) limitierende Faktoren dar (Kasper et al., 2014).<\/p>\n<p><strong>Risperidon: oral versus Depot <\/strong><\/p>\n<p>In Bezug auf die Verbesserung der Psychopathologie besteht zwischen einer Behandlung mit oralem Risperidon und Risperidon-Depot kein Unterschied. Die beiden Applikationsformen sind auch hinsichtlich der Inzidenz und des Schweregrades von Nebenwirkungen zumindest miteinander vergleichbar (Chue et al., 2005), wobei Bai et al. (2007) einen deutlichen diesbez\u00fcglichen Vorteil der Depot- Form nachweisen konnten. Au\u00dferdem f\u00f6rdert die Depot- im Gegensatz zur oralen Applikationsform die Myelinisierung im Frontallappen und f\u00fchrt dadurch zu einer Verbesserung der Kognition (Bartzokis et al., 2011). Aus gesundheits\u00f6konomischer Sicht verursacht die Behandlung mit Risperidon-Depot deutlich weniger Kosten als jene mit oralen neuen Antipsychotika (einschlie\u00dflich Risperidon) und Haloperidol-Depot (herabgesetzte Anzahl und Dauer von Krankheitsrezidiven bzw. Hospitalisierung) (Edwards et al., 2005).<\/p>\n<p><strong>Olanzapin: oral versus Depot <\/strong><\/p>\n<p>In Bezug auf Wirksamkeit und Vertr\u00e4glichkeit unterscheiden sich orales und Depot-Olanzapin nicht voneinander (Kane et al., 2010). Beide Applikationsformen f\u00fchren zu einer deutlichen Reduktion von Anzahl und Dauer der station\u00e4ren Aufenthalte (Ascher-Savanum et al., 2013) und sind auch in der Verbesserung des Funktionsniveaus miteinander vergleichbar (Ascher-Savanum et al., 2014). Erw\u00e4hnenswert ist das Risiko eines Delirs bei intravasaler Applikation von Olanzapin-Depot (Postinjektionssyndrom), welches mit einer Inzidenz von 0,07 Prozent auftritt (Bushe et al., 2015).<\/p>\n<p><strong>Aripiprazol: oral versus Depot <\/strong><\/p>\n<p>Verglichen mit der Fortsetzung einer Behandlung mit oralem Aripiprazol f\u00fchrt der Einsatz von Aripiprazol-Depot zu einer gleichbleibenden (Ishigooka et al., 2015)  bzw. sogar zu einer Verbesserung der Psychopathologie (Fleischhacker et al., 2014). Die beiden Applikationsformen unterscheiden sich nicht in Bezug auf Rezidivprophylaxe und Sicherheitsprofil und f\u00fchren zu einer vergleichbaren Verbesserung des psychosozialen Funktionsniveaus (Fleischhacker et al., 2014).<\/p>\n<p><strong>Paliperidon-Palmitat versus orale Antipsychotika<\/strong><\/p>\n<p>Wenngleich keine direkten Vergleichsstudien vorliegen, scheint die Behandlung mit Paliperidon-Palmitat jener mit oralem Paliperidon sowohl hinsichtlich der Verbesserung der Psychopathologie und der R\u00fcckfallprophylaxe als auch in Bezug auf das psychosoziale Funktionsniveau \u00fcberlegen zu sein (Markowitz et al., 2013). Beide Applikationsformen sind mit einem geringen tardiven Dyskinesierisiko verbunden und unterscheiden sich diesbez\u00fcglich nicht voneinander (Gopal et al., 2014).<\/p>\n<p>Rezente Studien weisen auf ein geringeres Therapieversagen (definiert als Inhaftierung, Hospitalisierung, Suizid, inad\u00e4quate Wirkung, inad\u00e4quates Sicherheitsprofil, Inanspruchnahme von ambulanten Behandlungsstrukturen) und auf eine herabgesetzte Anzahl und Dauer von station\u00e4ren Aufenthalten unter der Behandlung mit Paliperidon- Palmitat gegen\u00fcber oralen Antipsychotika hin (Alphs et al., 2015; Baser et al., 2015).<\/p>\n<p><strong>Risperidon-Depot versus orales Aripiprazol <\/strong><\/p>\n<p>In einer von MacFadden et al. (2010) publizierten randomisierten, offenen Vergleichsuntersuchung unterschieden sich die Behandlungen mit Risperidon-Depot oder oralem Aripiprazol weder in der R\u00fcckfallh\u00e4ufigkeit noch in der Zeit bis zu einem Krankheitsrezidiv. Des Weiteren waren sowohl die Verbesserung der Psychopathologie als auch die Inzidenz von Nebenwirkungen in den beiden Gruppen vergleichbar.<\/p>\n<p><strong>Risperidon-Depot versus Quetiapin <\/strong><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: adaptiert nach dem Konsensus-Statement \u201eEinsatz von Depot-Antipsychotika\/-Neuroleptika\u201c Medizin Medien Austria 2011\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/tabelle.jpg\" alt=\"Quelle: adaptiert nach dem Konsensus-Statement \u201eEinsatz von Depot-Antipsychotika\/-Neuroleptika\u201c Medizin Medien Austria 2011\" width=\"730\" height=\"435\" class=\"alignnone size-full wp-image-1347\" \/><\/p>\n<p>In einer randomisierten, offenen Vergleichsuntersuchung war Risperidon-Depot Quetiapin sowohl bez\u00fcglich der R\u00fcckfallh\u00e4ufigkeit als auch hinsichtlich der Zeit bis zu einem Krankheitsrezidiv signifikant \u00fcberlegen. In Bezug auf die Inzidenz von Nebenwirkungen waren die beiden Gruppen miteinander vergleichbar, wenngleich durch die Dopamin-Rezeptorblockade induzierte Nebenwirkungen erwartungsgem\u00e4\u00df h\u00e4ufiger in der mit Risperidon-Depot behandelten Gruppe auftraten (Gaebel et al., 2010). In beiden Behandlungsgruppen kam es zu einer signifikanten Verbesserung des sozialen und beruflichen Funktionsniveaus und der Lebensqualit\u00e4t, wobei Risperidon-Depot das Funktionsniveau st\u00e4rker verbesserte als Quetiapin (Rouillon et al., 2013).<\/p>\n<p><strong>Zusammenfassung <\/strong><\/p>\n<p>Antipsychotika sind in der Behandlung von schizophrenen St\u00f6rungen Mittel erster Wahl und in ihrer Wirksamkeit Plazebo deutlich \u00fcberlegen. Viele Patienten haben jedoch Compliance-Probleme, die zu h\u00e4ufigen Krankheitsrezidiven und station\u00e4ren Aufenthalten und zu einem herabgesetzten Funktionsniveau f\u00fchren. Depot-Antipsychotika sind den oralen Substanzen in Bezug auf die Rezidivprophylaxe nicht unterlegen, haben ein mit der oralen Muttersubstanz vergleichbares Sicherheitsprofil und k\u00f6nnen oralen Antipsychotika in Bezug auf die Reduktion der Psychopathologie und die Verbesserung des psychosozialen Funktionsniveaus sogar \u00fcberlegen sein. Dennoch wird diese Behandlungsoption relativ selten eingesetzt, was in erster Linie durch die Zur\u00fcckhaltung der Behandler bedingt ist.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Fotos: Archiv\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/siedentopf_hofer.jpg\" alt=\"Fotos: Archiv\" width=\"290\" height=\"150\" class=\"alignleft size-full wp-image-1346\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Nursen Yalcin- Siedentopf, Assoz.-Prof. PD Dr. Alex Hofer<\/em><\/strong><em><br \/>\n<\/em><em>Department f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universit\u00e4t Innsbruck, E-Mail: nursen.yalcin@i-med.ac.at  <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p><em>Literatur bei den Autoren<\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Depot-Antipsychotika sind den oralen Substanzen in Bezug auf die Wirksamkeit und Vertr\u00e4glichkeit nicht unterlegen und weisen dar\u00fcber hinaus eine Reihe von Vorteilen auf. 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