{"id":1378,"date":"2015-11-23T01:55:57","date_gmt":"2015-11-22T23:55:57","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1378"},"modified":"2015-11-23T01:55:57","modified_gmt":"2015-11-22T23:55:57","slug":"zwischen-kinderwunsch-und-seelenheil","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1378","title":{"rendered":"Zwischen Kinderwunsch und Seelenheil"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die  Chance, mithilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind zu bekommen, birgt f\u00fcr  werdende Eltern auch das Risiko f\u00fcr hohe seelische Belastungen.  <\/strong><\/p>\n<p>  Vor  33 Jahren kam \u00d6sterreichs erstes &bdquo;Retortenbaby&ldquo; \u2013 gezeugt durch  In-vitro-Fertilisation \u2013 zur Welt. Die seither erfolgte Weiterentwicklung der  Reproduktionsmedizin sorgt nicht nur f\u00fcr gesellschaftspolitischen Gespr\u00e4chsstoff,  sondern auch einen verst\u00e4rkten Fokus auf die psychischen Auswirkungen. Dr.  Dipl.-Psych. Christoph Joseph Ahlers, Sexualpsychologe an der Berliner Charit\u00e9,  warnt etwa in seinem k\u00fcrzlich erschienenen Buch &bdquo;Himmel auf Erden &amp; H\u00f6lle  im Kopf&ldquo; (Goldmann) davor, dass die Reproduktionsmedizin die Erf\u00fcllung des  Kinderwunsches von Liebe, Partnerschaft und Sexualit\u00e4t entkoppelt und mit hohen  emotionalen Kosten einhergeht. <\/p>\n<p>Frauen w\u00fcrden Beschwerden infolge der  Hormonbehandlung abh\u00e4ngig von der Vehemenz des Kinderwunsches &bdquo;mal besser, mal  schlechter&ldquo; tolerieren; f\u00fcr M\u00e4nner wiederum bedeute die Reduktion auf die Rolle  als &bdquo;Samenspender&ldquo; eine deutliche Belastung, wie Ahlers in seiner Praxis  erf\u00e4hrt. Betroffene mit dringendem Kinderwunsch verhielten sich allerdings &bdquo;tendenziell  irrationell&ldquo;, schreibt Ahlers. Aufkl\u00e4rungsgespr\u00e4che \u00fcber  Erfolgswahrscheinlichkeiten der Behandlung oder Risiken dringen zu den Paaren  oft nicht durch, die zum Zeitpunkt der Beratung in gro\u00dfer Anspannung und  Bed\u00fcrftigkeit sind. &bdquo;Informationen \u00fcber Risiken, Statistiken und  Schwierigkeiten gehen rechts rein und links wieder raus&ldquo;, so Ahlers. <\/p>\n<p><strong> IVF-Versuche <\/strong><\/p>\n<p> Auch  die Leiterin der Psychosomatischen Frauenambulanz (Konsiliar-Liaison-Ambulanz  der Uniklinik f\u00fcr Psychoanalyse und Psychotherapie an der  Universit\u00e4ts-Frauenklinik), Assoc. Prof. Priv.-Doz. Dr. Katharina Leithner-Dziubas,  berichtete k\u00fcrzlich in einem wissenschaftlichen Seminar an der Wiener  Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie \u00fcber die psychischen  Folgen der Kinderwunsch-Behandlung. <\/p>\n<div id=\"attachment_1380\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><a href=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Dziubas.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1380\" title=\"Foto: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Dziubas.jpg\" alt=\"Leithner-Dziubas: \u201eEs macht einen Unterschied, ob die psychologische Beratung als fixer Bestandteil der Behandlung gesehen wird oder ob es hei\u00dft: Schauen S&#039; halt einmal hin.\" width=\"150\" height=\"155\" class=\"size-full wp-image-1380\" \/><\/a><p id=\"caption-attachment-1380\" class=\"wp-caption-text\">Leithner-Dziubas: \u201eEs macht einen Unterschied, ob die psychologische Beratung als fixer Bestandteil der Behandlung gesehen wird oder ob es hei\u00dft: Schauen S&#039; halt einmal hin.<\/p><\/div>\n<p>Der medizinische Umgang rund um die  Reproduktionsmedizin verlagert sich aus Sicht der Psychiaterin zunehmend auf  eine Handlungsebene und lasse nur wenig Raum f\u00fcr die Bearbeitung psychischer Fragen:  &bdquo;Vor 20 Jahren sind noch sehr viele Frauen mit unerf\u00fclltem Kinderwunsch in die  Psychosomatische Frauenambulanz gekommen. Heute kommen die Frauen sehr viel  sp\u00e4ter, vielleicht erst nach dem vierten oder f\u00fcnften erfolglosen Versuch einer  IVF, weil sie mit der Entscheidung \u00fcberfordert sind, ob sie mit der Behandlung  weitermachen sollen oder nicht&ldquo;, schildert Leithner-Dziubas. <\/p>\n<p>Schwierige  Entscheidungsfragen werfen auch neuere Entwicklungen im Bereich der  Pr\u00e4nataldiagnostik auf, ebenso wie Mehrlingsschwangerschaften. &bdquo;Selbst wenn den  Frauen bei der Behandlung nur zwei Eizellen eingesetzt werden, sind dennoch Drillingsschwangerschaften  m\u00f6glich. Frauen, die nach einer langen Behandlung endlich schwanger sind, sind  dann mit dem Risiko und der Entscheidung f\u00fcr oder gegen eine Reduktion der  Drillingsschwangerschaft konfrontiert.&ldquo;<\/p>\n<p><strong>&bdquo;Reduktion&ldquo; oder Drillinge? <\/strong><\/p>\n<p>  Multiple  Pregnancy Reduction lautet der Fachbegriff daf\u00fcr und bedeutet den Fetozid eines  oder mehrerer Embryonen in der Fr\u00fchschwangerschaft &bdquo;Schon die Bezeichnung des  Fetozids als &bdquo;Reduktion&ldquo; weist auf die schwierige psychische Verarbeitung hin  und l\u00e4sst anmuten, dass es sich dabei um einen Teil der Reproduktionsmedizin handelt.&ldquo;  Angesichts des Risikos f\u00fcr Fr\u00fchgeburten bei Mehrlingsschwangerschaften gilt es  im Einzelfall, eine Nutzen-Risiko-Abw\u00e4gung f\u00fcr Mutter und Kinder zu treffen. <\/p>\n<p>&bdquo;Wenn  ein Fetozid n\u00f6tig ist, dann ist es im Hinblick auf die psychische Verarbeitung enorm  wichtig, die Eltern psychologisch zu unterst\u00fctzen und ihnen die M\u00f6glichkeit des  Abschiednehmens zu geben&ldquo;, betont Leithner-Dziubas. Im Rahmen eines  Forschungsprojektes am AKH Wien wurden von einem Team rund um Leithner-Dziubas  die Eltern nach Drillingsschwangerschaften unter anderem in qualitativen Interviews  retrospektiv \u00fcber ihre Entscheidungsfindung befragt; durchschnittlich zehn  Drillingsschwangerschaften werden pro Jahr   an der Wiener Universit\u00e4ts-Frauenklinik betreut. <\/p>\n<p>Zwar entschied sich nur  ein kleiner Teil der Paare (zw\u00f6lf Prozent) f\u00fcr eine Reduktion, wobei 80 Prozent  davon einen Hochschulabschluss haben: &bdquo;Das bedeutet, dass Bildung und  vermutlich auch die Einsch\u00e4tzung der Gefahren einer Drillingsschwangerschaft eine  Rolle bei der Entscheidungsfindung spielt. Frauen, die sich f\u00fcr eine Reduktion entschieden  haben, waren im Vorfeld an der Kinderwunschklinik zudem ausf\u00fchrlich dar\u00fcber  informiert worden&ldquo;, f\u00fchrt Leithner-Dziubas aus.<\/p>\n<p> <strong>Richtige Entscheidung? <\/strong><\/p>\n<p>  Entschieden  sich Eltern f\u00fcr eine Reduktion der Drillingsschwangerschaft, so wurden meist  Bef\u00fcrchtungen um die Gesundheit der Kinder und die dadurch entstehenden  Belastungen als Grund angegeben. Gegen die Reduktion sprachen meist Schuldgef\u00fchle  oder die empfundene Unf\u00e4higkeit, ein Kind ausw\u00e4hlen zu m\u00fcssen. Die  Folgeuntersuchungen ergaben, dass bei Drillingen der Geburtstermin signifikant  fr\u00fcher war als nach einer Reduktion (durchschnittlich 31. vs. 37.  Schwangerschaftswoche), auch mussten 93 Prozent der Drillinge gegen\u00fcber 30  Prozent der Zwillinge neonatologisch behandelt werden. <\/p>\n<p>Leithner-Dziubas: &bdquo;Die  meisten Paare erlebten die Zeit in der Neonatologie als besonders belastend;  zudem sind ein Jahr nach der Geburt Drillingsm\u00fctter in einem schlechteren k\u00f6rperlichen  Zustand als Einlingsoder Zwillingsm\u00fctter. Beide Gruppen sagen allerdings im  Nachhinein, sie h\u00e4tten zu 100 Prozent die richtige Entscheidung getroffen.&ldquo;<\/p>\n<p><strong>Psychologische Beratung <\/strong><\/p>\n<p>&bdquo;Interessanterweise  wurde eine psychologische Betreuung vor allem jenen Paaren angeboten, die sich  f\u00fcr die Reduktion entschieden hatten. Dabei ist auch die Belastung durch eine  Drillingsschwangerschaft nicht so ohne Weiteres zu bew\u00e4ltigen&ldquo;, meint Leithner-  Dziubas. Paare, die eine psychologische Beratung in Anspruch genommen haben,  beurteilten sie in jedem Fall als \u00e4u\u00dferst hilfreich. <\/p>\n<p>Eine psychologische  Beratung bereits an der Kinderwunschklinik sollte laut Leithner-Dziubas daher &bdquo;genauso  selbstverst\u00e4ndlich sein wie der Ultraschall&ldquo;. Entscheidend f\u00fcr die Akzeptanz der  Beratung sei zudem die Einstellung der Reproduktionsmediziner dazu. &bdquo;Es macht  einen Unterschied, ob die psychologische Beratung als fixer Bestandteil der  Behandlung gesehen wird oder ob es hei\u00dft: Schauen S&#8216; halt einmal hin.&ldquo; <\/p>\n<p>\u00c4hnlich  wie der deutsche Sexualpsychologe Ahlers verweist Leithner-Dziubas zudem auf  die psychischen Folgen der seit Kurzem in \u00d6sterreich erlaubten Eizellspende:  Sie reichen von den Auswirkungen auf die Partnerschaft \u2013 &bdquo;das Kind einer  anderen Frau mit dem eigenen Mann?&ldquo; \u2013 bis zu den Auswirkungen auf die  Spenderin, die sich einer Hormonstimulation unterziehen muss. Auch  Eizellspenden innerhalb der Familie \u2013 etwa unter Schwestern \u2013 seien aus  psychischer Sicht als hochproblematisch anzusehen. <\/p>\n<p> <em>Vortrag  im Rahmen des wissenschaftlichen Seminares an der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie  und Psychotherapie, MedUni Wien, 11.6.2015  <\/em><\/p>\n<p> Autor: Mag. Christina Lechner <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die Chance, mithilfe der Reproduktionsmedizin ein Kind zu bekommen, birgt f\u00fcr werdende Eltern auch das Risiko f\u00fcr hohe seelische Belastungen. (CC neuropsy 5\/15)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1379,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[108,13],"tags":[16,38,109,110],"class_list":["post-1378","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-108","category-neuropsy","tag-aktuell-psychiatrie","tag-depression","tag-psychologie","tag-reproduktionsmedizin"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1378","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1378"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1378\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1378"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1378"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1378"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}