{"id":1422,"date":"2015-11-23T02:28:53","date_gmt":"2015-11-23T00:28:53","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1422"},"modified":"2015-11-23T02:28:53","modified_gmt":"2015-11-23T00:28:53","slug":"vom-sinn-und-unsinn-praeklinischer-diagnostik","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1422","title":{"rendered":"Vom Sinn und Unsinn pr\u00e4klinischer Diagnostik"},"content":{"rendered":"<p><strong>Dank  genetischer Tests und Biomarker-Bestimmungen k\u00f6nnen gesunde Personen mit  famili\u00e4rem Risiko f\u00fcr eine neurodegenerative Erkrankung heute schon Jahre vor  der klinischen Manifestation erfahren, ob sie auch an dem Leiden erkranken werden.  Doch ist eine solche pr\u00e4klinische Testung \u00fcberhaupt von Nutzen und  verantwortbar? Hier die Zusammenfassung einer Pro- und Contra-Diskussion vom diesj\u00e4hrigen  DGN-Kongress in D\u00fcsseldorf.  <\/strong><\/p>\n<p>  Der  Grund, warum \u00fcber die Sinnhaftigkeit der pr\u00e4klinischen Diagnostik \u00fcberhaupt  diskutiert wird, ist das gro\u00dfe diagnostisch-therapeutische Ungleichgewicht bei  neurodegenerativen Erkrankungen: Diagnostisch kann man schon sehr viel machen,  krankheitsmodifizierende Therapie gibt es hingegen bis heute so gut wie keine.  In der Theorie ist die Prodromalphase zwar das ideale &bdquo;window of opportunity&ldquo;,  um durch therapeutisches Eingreifen den Beginn einer Krankheitssymptomatik  hinauszuz\u00f6gern. <\/p>\n<p>Bei den neurodegenerativen Erkrankungen ist dieser Ansatz, der  in vielen anderen Bereichen der Medizin schon ganz gut funktioniert, derzeit  jedoch noch Zukunftsmusik. Wie gro\u00df ist angesichts dieser Tatsachen der Wunsch  famili\u00e4r belasteter Personen, sich testen zu lassen? Aufschlussreiche Zahlen  gibt es bei der Chorea Huntington: Als die pr\u00e4diktive Testung 1992 auf den  Markt kam, rechnete man mit einer Beteiligung von 70 bis 80 Prozent.  Tats\u00e4chlich lie\u00dfen sich aber nur f\u00fcnf bis 20 Prozent der Betroffenen testen. In  einer gro\u00dfen Studie zeigte sich aber auch, dass die gef\u00fcrchteten katastrophalen  Outcomes bei positivem Testergebnis (Suizide, Einweisungen in die Psychiatrie, \u2026)  extrem selten sind. So kam es etwa nach 4.527 Huntington-Tests zu keinem  einzigen Selbstmord. <\/p>\n<div id=\"attachment_1424\" style=\"width: 133px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1424\" title=\"Foto: R\u00fcdiger H\u00f6flechner\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Weydt.jpg\" alt=\"Weydt: \u201eDie getesteten Personen wissen ja alle schon, dass sie Risikotr\u00e4ger sind und dass das Damoklesschwert der Erkrankung \u00fcber ihnen h\u00e4ngt.\" width=\"123\" height=\"123\" class=\"size-full wp-image-1424\" \/><p id=\"caption-attachment-1424\" class=\"wp-caption-text\">Weydt: \u201eDie getesteten Personen wissen ja alle schon, dass sie Risikotr\u00e4ger sind und dass das Damoklesschwert der Erkrankung \u00fcber ihnen h\u00e4ngt.&#8220;<\/p><\/div>\n<p>Der Test f\u00fchre vielfach zu einer Erl\u00f6sung von  Verunsicherung, gab sich Dr. Patrick Weydt, Klinik f\u00fcr Neurologie, Universit\u00e4tsklinikum  Ulm, \u00fcberzeugt. &bdquo;Die getesteten Personen wissen ja alle schon, dass sie  Risikotr\u00e4ger sind und dass das Damoklesschwert der Erkrankung \u00fcber ihnen h\u00e4ngt&ldquo;,  so der Neurologe, der im Argumente-Wettstreit den Part hatte, die Pro-Seite zu  vertreten. &bdquo;Selbst bei positivem Testergebnis sind viele dann erleichtert, weil  sie nun endlich erfahren, woran sie sind, und ihre Lebensplanung optimieren  k\u00f6nnen.&ldquo;<\/p>\n<p><strong>F\u00fcr wissenschaftliche Studien  unabdingbar <\/strong><\/p>\n<p>  Die  pr\u00e4diktive Diagnostik sei auch aus wissenschaftlicher Sicht wichtig: Sie biete  eine einmalige Gelegenheit, die Fr\u00fchphase der Neurodegeneration zu verstehen  und zu beeinflussen. Die Wirksamkeit von Medikamenten, die den Krankheitsbeginn  hinausz\u00f6gern sollen, kann aber nur getestet werden, wenn der Gen- oder  Biomarker-Status bereits pr\u00e4klinisch eruiert wird. Weydt stellte klar, dass  eine Studienteilnahme nicht automatisch eine Befundmitteilung bedeute: &bdquo;Wir  bieten den Verwandten ersten Grades von Patienten mit genetisch determinierter  ALS an, an unserer GPS-ALS-Studie teilzunehmen. <\/p>\n<p>Das Wesentliche dabei ist, dass  sie teilnehmen k\u00f6nnen, ohne das Testergebnis zu erfahren.&ldquo; Und vielleicht sind  ja auch die Tage des oft ins Treffen gef\u00fchrten therapeutischen Nihilismus schon  gez\u00e4hlt: Sowohl beim M. Huntington als auch bei der ALS laufen derzeit erste  Studien mit Antisense-Oligonukleotiden an, die erstmals zu einer  Krankheitsmodifikation f\u00fchren k\u00f6nnten. Ein weiteres Argument f\u00fcr die  pr\u00e4klinische Diagnostik durch den behandelnden Arzt: Wenn die Testung nicht  unter kontrollierten Bedingungen stattfindet, droht die Abwanderung ins  Internet. Immer mehr biotechnologische Unternehmen wie 23andme bieten online  an, genetische Analysen durchzuf\u00fchren. <\/p>\n<p>Einen Fragebogen ausf\u00fcllen, eine Speichelprobe  einschicken \u2013 und schon hat man das Ergebnis! Hilfestellung gibt es jedoch  keine. Wie der Patient das Testergebnis verarbeitet, bleibt ihm allein  \u00fcberlassen. Klar sei, dass bei einer pr\u00e4klinischen Diagnose schwerwiegender Erkrankungen  eine entsprechende Beratung und ad\u00e4quate psychologische Begleitung angeboten  werden m\u00fcsse, fasste Weydt seine Ausf\u00fchrungen zusammen. Das werde auch vom  Gesetzgeber so verlangt. &bdquo;Wichtig:  Die  Befunderhebung muss von der Befundmitteilung entkoppelbar sein. Die  Therapierbarkeit ist aus meiner Sicht aber keine unbedingte Voraussetzung f\u00fcr  eine sinnvolle pr\u00e4diktive Diagnostik.&ldquo;<\/p>\n<p><strong>Contra <\/strong><\/p>\n<p>  Unbestritten  ist, dass alle Menschen auch das Recht auf Nichtwissen haben. Aus Sicht von  Prof. Dr. Reinhard Dengler, Leiter des Neuromuskul\u00e4ren Zentrums der  Medizinischen Hochschule Hannover, bedeutet das aber auch, sich nicht vom  eigenen Ehrgeiz treiben zu lassen und den Patienten zu bedr\u00e4ngen, sich pr\u00e4klinisch  testen zu lassen. Dengler hob in seinem Diskussionsbeitrag noch einmal hervor,  dass den Getesteten derzeit weder eine Therapie der Erkrankung noch eine  Behandlung, die den Ausbruch der Erkrankung verz\u00f6gert, angeboten werden k\u00f6nne.  <\/p>\n<div id=\"attachment_1425\" style=\"width: 133px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-1425\" title=\"Foto: R\u00fcdiger H\u00f6flechner\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2015\/11\/Dengler.jpg\" alt=\"Dengler: \u201eSollen wir wirklich 20-J\u00e4hrige testen, ihnen mitteilen, dass sie eine ALS bekommen, auf die sie dann mit 80 immer noch warten?\u201c\" width=\"123\" height=\"123\" class=\"size-full wp-image-1425\" \/><p id=\"caption-attachment-1425\" class=\"wp-caption-text\">Dengler: \u201eSollen wir wirklich 20-J\u00e4hrige testen, ihnen mitteilen, dass sie eine ALS bekommen, auf die sie dann mit 80 immer noch warten?\u201c<\/p><\/div>\n<p>Eine pr\u00e4diktive Diagnose mache daher einfach keinen Sinn. &bdquo;Dazu kommen noch die  hohen finanziellen Kosten dieser Untersuchungen. Da man nur Kosten, aber keinen  Nutzen hat, ist die Kosten-Benefit-Analyse maximal negativ.&ldquo; Im Gegensatz zu  Weydt glaubt der Hannoveraner Neurologe sehr wohl, dass positiv getestete  Personen ein substanzielles Risiko f\u00fcr Depressionen und Suizidalit\u00e4t haben. &bdquo;Dazu  gibt es bei der Alzheimer-Erkrankung einige Studien und mit Gunter Sachs auch  ein prominentes Beispiel.&ldquo; <\/p>\n<p>Gef\u00e4hrlich sei vor allem eine Koinzidenz von  Selbstmordgedanken und Depressionen, ein gerade bei neurodegenerativen Erkrankungen  h\u00e4ufiges Zusammentreffen: &bdquo;Die Depression k\u00f6nnen ja nicht nur reaktiv, sondern  auch Teil der Erkrankung sein! Wir wissen, dass sowohl die Alzheimer- Erkrankung  als auch die Chorea Huntington manchmal mit einer Depression beginnt.&ldquo; Mit der  Testung k\u00f6nnte \u00fcberdies eine ganze Kettenreaktion von psychologischen Problemen  ausgel\u00f6st werden, weil das Ergebnis auch f\u00fcr andere Personen, deren  Untersuchung gar nicht zur Diskussion steht, Bedeutung hat. So werden etwa durch  die pr\u00e4klinische Diagnostik ungewollt auch die Kinder der getesteten Personen  mit dem Erkrankungsrisiko konfrontiert.<\/p>\n<p> <strong>Wie sicher ist das Ergebnis? <\/strong><\/p>\n<p>  Dengler  stellte auch die Sicherheit der pr\u00e4diktiven Diagnostik infrage: &bdquo;Ein positives  genetisches oder Biomarker- Ergebnis bedeutet noch lange nicht, dass der  Betreffende wirklich krank wird!&ldquo; Bei Weitem nicht alle Menschen, bei denen  Alzheimer-typische Biomarker gefunden werden, bekommen zu Lebzeiten tats\u00e4chlich  eine Alzheimer-Demenz. Selbst bei Gen-Mutationen mit hoher altersabh\u00e4ngiger  Penetranz erkrankt nicht jeder Gentr\u00e4ger automatisch: Etwa die H\u00e4lfte der  Menschen mit Mutationen im C9ORF72-Gen erkrankt bis zum 58. Lebensjahr an ALS.  Dieser Prozentsatz steigt bis zum 80. Lebensjahr auf 80 bis 85 Prozent. <\/p>\n<p>&bdquo;Sollen  wir wirklich 20-J\u00e4hrige testen, ihnen mitteilen, dass sie eine ALS bekommen, auf  die sie dann mit 80 immer noch warten?&ldquo; &bdquo;Nat\u00fcrlich ben\u00f6tigen wir f\u00fcr die  Entwicklung neuer Therapien auch Studien, in denen der Genstatus der Teilnehmer  pr\u00e4klinisch ermittelt wird&ldquo;, r\u00e4umte Dengler ein. &bdquo;Wenn wir aber nicht von  wissenschaftlichen Fragestellungen, sondern der klinischen Diagnostik sprechen,  bei der ein Patient dar\u00fcber informiert werden soll, ob er eine bestimmte  Krankheit bekommen wird, spricht derzeit aus meiner Sicht die \u00fcberwiegende Zahl  der Argumente noch dagegen.&ldquo;<\/p>\n<p><em>&bdquo;Die pr\u00e4klinische Diagnose einer neurodegenerativen Erkrankung  ist sinnvoll \u2013 Pro &amp; Contra&ldquo;, 88. Kongress der Deutschen Gesellschaft f\u00fcr  Neurologie, D\u00fcsseldorf, 25.9.15<\/em>  <\/p>\n<p>  Autor:  Mag. Dr. R\u00fcdiger H\u00f6flechner <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Dank genetischer Tests und Biomarker-Bestimmungen k\u00f6nnen gesunde Personen mit famili\u00e4rem Risiko f\u00fcr eine neurodegenerative Erkrankung heute schon Jahre vor der klinischen Manifestation erfahren, ob sie auch an dem Leiden erkranken werden. Doch ist eine solche pr\u00e4klinische Testung \u00fcberhaupt von Nutzen und verantwortbar? Beim diesj\u00e4hrigen DGN-Kongress in wurden Pro- und Contra diskutiert. (CC neuropsy 5\/15)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1423,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[108,13],"tags":[117,105,28],"class_list":["post-1422","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-108","category-neuropsy","tag-diagnostik","tag-genetik","tag-neurologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1422","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1422"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1422\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1422"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1422"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1422"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}