{"id":1653,"date":"2016-05-25T17:27:56","date_gmt":"2016-05-25T15:27:56","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1653"},"modified":"2016-05-25T17:27:56","modified_gmt":"2016-05-25T15:27:56","slug":"evidenzbasierte-therapieoptionen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1653","title":{"rendered":"Evidenzbasierte Therapieoptionen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die klinische und wissenschaftliche Literatur zur Effizienz  verschiedener Therapien bei Alkoholabh\u00e4ngigkeit ist au\u00dfergew\u00f6hnlich  umfangreich. Es gilt als gesichert, dass Alkoholtherapien insgesamt erfolgreich  sind und spezifische Therapieans\u00e4tze aussichtsreicher als unspezifische.  <\/strong><\/p>\n<p>Alkoholbezogene  St\u00f6rungen sind in allen westlichen L\u00e4ndern sehr h\u00e4ufig (Pabst et al., 2013,  Soyka, 2013). Nach g\u00e4ngiger ICD-10-Klassifikation kann man Personen mit Alkoholmissbrauch  von denen mit Alkoholabh\u00e4ngigkeit unterscheiden. Alkoholmissbrauch nach ICD-10  ist durch eine erh\u00f6hte Trinkmenge und das Vorliegen k\u00f6rperlicher oder  psychischer Folgesch\u00e4den gekennzeichnet. Eine akute Intoxikation oder ein  sogenannter &bdquo;hang over&ldquo; (schwerer Alkoholkater) beweisen noch nicht das  Vorliegen eines &bdquo;Gesundheitsschadens&ldquo;, der f\u00fcr die Diagnose sch\u00e4dlicher  Gebrauch erforderlich ist. <\/p>\n<p>Bei der Alkoholabh\u00e4ngigkeit handelt es sich um eine Gruppe  k\u00f6rperlicher, Verhaltens- und kognitiver Symptome, bei denen der Konsum von  Alkohol f\u00fcr das Individuum Vorrang hat gegen\u00fcber anderen Verhaltensweisen, die fr\u00fcher  h\u00f6her bewertet wurden. Als entscheidendes Charakteristikum wird in ICD-10  (Dilling et al., 2013) der oft starke, gelegentliche \u00fcberm\u00e4chtige Wunsch,  Alkohol zu konsumieren, angesehen. <\/p>\n<p>Die sichere Diagnose einer Abh\u00e4ngigkeit kann  dann gestellt werden, wenn drei oder mehr der folgenden sechs Kriterien erf\u00fcllt  sind: <\/p>\n<ol>\n<li> Ein starker Wunsch oder eine Art Zwang, Alkohol zu konsumieren. <\/li>\n<li> Verminderte Kontrollf\u00e4higkeit bez\u00fcglich des Beginns, der Beendigung und des  Konsums von Alkohol. <\/li>\n<li> Ein k\u00f6rperliches Entzugssyndrom bei Beendigung oder Reduktion  des Alkoholkonsums. <\/li>\n<li> Nachweis einer Alkoholtoleranz, d.h., urspr\u00fcnglich hohe Dosen  werden besser toleriert als fr\u00fcher. <\/li>\n<li> Fortschreitende Vernachl\u00e4ssigung anderer  Vergn\u00fcgen oder Interessen zugunsten des Alkoholkonsums oder auch ein erh\u00f6hter  Zeitaufwand, um die Substanz zu beschaffen bzw. zu konsumieren und sich von den  Folgen zu erholen. <\/li>\n<li> Anhaltender Alkoholkonsum trotz Nachweis eindeutiger sch\u00e4dlicher  Folgen (z.B. Lebersch\u00e4digung, depressive Verstimmungen, kognitive  Einschr\u00e4nkungen). <\/li>\n<\/ol>\n<p>Dar\u00fcber hinaus gibt es eine gro\u00dfe Gruppe von Individuen mit  erh\u00f6htem, &bdquo;riskantem&ldquo; Konsum, die Alkohol in einem so erheblichen Ausma\u00df  konsumieren, dass er zu gesundheitlichen Beeintr\u00e4chtigungen f\u00fchren kann.  Folgesch\u00e4den oder gar eine Abh\u00e4ngigkeit liegen aber noch nicht vor.  Das neue DSM-5  (Soyka und Baumg\u00e4rtner, 2015) geht dagegen von einem dimensionalen Konzept aus  und definiert Alkoholst\u00f6rungen und andere Suchterkrankungen anhand von elf  Merkmalen. Beim Vorliegen von zwei bis drei Merkmalen liegt eine leichte, bei  vier bis f\u00fcnf eine m\u00e4\u00dfige, bei sechs oder mehr Symptomen eine schwere St\u00f6rung  vor (siehe Tabelle 1). <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"T1\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/T1-2.jpg\" alt=\"T1\" width=\"450\" height=\"386\" class=\"alignleft size-full img-border wp-image-177320\" \/><\/p>\n<p>Typische Symptome erh\u00f6hten Alkoholkonsums sind in  Tabelle 2 zusammengefasst. F\u00fcr den &bdquo;riskanten&ldquo; Konsum von Alkohol gibt es  verschiedene Definitionen. Die WHO war bei ihren Empfehlungen eher gro\u00dfz\u00fcgig  (M\u00e4nner bis 40g, Frauen bis 20g\/Tag). Neuere Therapieempfehlungen nennen  geringere Grenzwerte. Eine Analyse im Auftrag des Bundesministeriums f\u00fcr  Gesundheit ermittelte als Kriterium f\u00fcr einen gesundheitsriskanten Alkoholkonsum  eine Trinkmenge von durchschnittlich t\u00e4glich 10\u201312g reinen Alkohol oder mehr  f\u00fcr Frauen (entspricht ca. 0,25\u20130,30l Bier oder 0,125\u20130,15l Wein) und 20\u201324g  oder mehr f\u00fcr M\u00e4nner (Burger et al., 2004). <\/p>\n<p>Der Pro-Kopf-Konsum von Alkohol in  Deutschlang liegt aktuell bei 9,5l reinem Alkohol pro Kopf der  Gesamtbev\u00f6lkerung im Jahr 2012 aus (G\u00e4rtner et al., 2014). F\u00fcr alkoholbezogene  St\u00f6rungen (nach DSM-IV-TR) wurde bei M\u00e4nnern eine Pr\u00e4valenz von 7,5 Prozent,  bei Frauen von 2,0 Prozent ermittelt. Sch\u00e4tzungen f\u00fcr das Jahr 2002 zeigen, dass  in Europa Alkoholkonsum f\u00fcr den Verlust von ca. zehn Millionen DALYs  (disability-adjustet life years) verantwortlich ist (Rehm et al., 2006). Der  alkoholbedingte Verlust an Lebensqualit\u00e4t durch Krankheit und Behinderung wurde  mit sechs Millionen verlorenen Lebensjahren gleichgesetzt (B\u00fchringer et al.,  2000). <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"T2\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/T2-2.jpg\" alt=\"T2\" width=\"450\" height=\"850\" class=\"alignleft size-full img-border wp-image-177321\" \/><\/p>\n<p>J\u00e4hrlich 74.000 Todesf\u00e4lle werden auf Alkoholismus zur\u00fcckgef\u00fchrt  (Gaertner et al., 2014). Die Bedeutung von Alkoholfolgest\u00f6rungen f\u00fcr die  erw\u00e4hnten DALYs ist in der &bdquo;Burden of mental illness&ldquo;-Studie eindrucksvoll  gezeigt worden (Rehm et al., 2006, 2009). Daraus ist ersichtlich, dass  Alkoholfolgest\u00f6rungen bei M\u00e4nnern die h\u00e4ufigste Ursache f\u00fcr DALYs sind, bei  Frauen ist es die unipolare Depression. <\/p>\n<p><strong>Welche Therapieziele sind  realistisch? <\/strong><\/p>\n<p>F\u00fcr die Therapie alkoholbezogener St\u00f6rungen liegen zahlreiche Metaanalysen  und Empfehlungen internationaler Fachgesellschaften vor (Berglund et al., 2003;  Batra et al., 2008; Hester und Miller, 1995; Magill et al., 2009; Martin und  Rehm, 2012; NICE 2011; Prendergast, 2006). <\/p>\n<p>&nbsp; <\/p>\n<p>Die neue S-3-Leitlinie &bdquo;Screening,  Diagnose und Behandlung alkoholbezogener St\u00f6rungen&ldquo;, die im Februar 2015 ver\u00f6ffentlicht  wurde (siehe AWMF online, NR 076-001; Mann et al., 2016 ), setzte sich mit  verschiedenen Fragestellungen auseinander: <\/p>\n<ul>\n<li> Screening und Diagnostik, <\/li>\n<li> Kurzintervention, <\/li>\n<li> Entzugsbehandlung, <\/li>\n<li> Therapie bei Komorbidit\u00e4t und  spezifische Populationen <\/li>\n<li> Entw\u00f6hnung, Schnittstellen, Versorgungsorganisation. <\/li>\n<\/ul>\n<p>Zur Diagnostik von alkoholbezogenen St\u00f6rungen wird in der aktuellen  S-3-Leitlinie, z.B. der AUDIT (Alcohol Use Disorder Identifictaion Test)  empfohlen. Man kann eine gewisse Hierarchie von Therapiezielen formulieren (siehe  Tabelle 3). Die aktuelle S-3-Leitlinie &bdquo;Screening, Diagnose und Behandlung alkoholbezogener  St\u00f6rungen&ldquo;, die im Februar 2015 ver\u00f6ffentlicht wurde (Mann et al., 2016) nennt  neben der Abstinenz auch die Trinkmengenreduktion als legitimes Ziel der  Alkoholtherapie (siehe Tabelle 5). <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"T3\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/T3.jpg\" alt=\"T3\" width=\"450\" height=\"276\" class=\"alignleft size-full img-border wp-image-177322\" \/><\/p>\n<p>Klassische station\u00e4re oder ambulante  Therapien haben bei Alkoholabh\u00e4ngigen in Mehrjahres-Katamnesen Abstinenzraten von  40 bis maximal 50 Prozent ergeben (\u00dcbersicht in Soyka, 2013). Die  sozialmedizinische Prognose ist in den meisten F\u00e4llen recht gut. Optimal w\u00e4re  es aber, therapeutisch viele Patienten mit Risikokonsum oder Fr\u00fchf\u00e4lle von Abh\u00e4ngigkeit ansprechen zu k\u00f6nnen.  <\/p>\n<p><strong>Evidenzbasierte Therapieelemente <\/strong><\/p>\n<p>Bei der erw\u00e4hnten S3-Leitlinie werden, ausgehend von den auf  wissenschaftlicher Basis ermittelten Evidenzgraden, Therapieempfehlungen  abgeleitet (siehe Tabelle 4). Eine hohe Evidenzst\u00e4rke liegt vor, wenn Therapie-  oder Interventionsstudien, z.B. in Form von randomisierten klinischen Untersuchungen,  einen \u00fcberzeugenden Wirknachweis ergeben haben (siehe Tabelle 5). Aus diesen  Evidenzst\u00e4rken werden dann Therapieempfehlungen abgeleitet. Bei hoher  Evidenzst\u00e4rke wird die Therapieempfehlung A &bdquo;Soll&ldquo; (starke Therapieempfehlung)  im Regelfall abgeleitet, bei m\u00e4\u00dfiger Evidenzbasierung (Klasse 2) in der Regel  die Therapieempfehlung &bdquo;sollte&ldquo; (B), bei eher schwacher Evidenzbasierung die  Therapieempfehlung &bdquo;kann&ldquo; (0), oder es wird ein klinischer Konsens auf  Expertenmeinung herbeigef\u00fchrt. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"T4\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/T4.jpg\" alt=\"T4\" width=\"620\" height=\"351\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-177323\" \/><\/p>\n<p>F\u00fcr die Graduierung der Empfehlungsgrade spielen  die Konsistenz der Studienergebnisse, die klinische Relevanz der ermittelten  Endpunkte und Effektst\u00e4rken, das Nutzen-RisikoVerh\u00e4ltnis, ethische Aspekte,  die Patientenpr\u00e4ferenz sowie auch die praktische Anwendbarkeit und Umsetzbarkeit  eine gro\u00dfe Rolle. Wirksame psychotherapeutische oder psychosoziale  Interventionsformen mit hoher Evidenzbasierung sind demnach insbesondere: <\/p>\n<ul>\n<li> Motivationale Interventionsformen (A) <\/li>\n<li> Kognitive Verhaltenstherapie (A) <\/li>\n<li> Verhaltenstherapie (A) <\/li>\n<li> Kontingenz-Management (B) <\/li>\n<li> Paar- und Familientherapie  (A) <\/li>\n<li> Angeh\u00f6rigenarbeit (A) <\/li>\n<\/ul>\n<p>Nicht ganz so gut ist die Datenlage insbesondere  hinsichtlich randomisierter Therapieuntersuchungen bei psychodynamischer Kurzzeittherapie  (B), sogenannten Selbsthilfe- Einrichtungen\/Patientengruppen, neurokognitivem Training,  Cue-Exposure (Konfrontation mit Schl\u00fcsselreizen). Weiter gibt es auch eine gute  Evidenzbasierung f\u00fcr das soziale Kompetenztraining (Miller et al., 2002). Zu achtsamkeitsbasierten  Therapien, die in den letzten Jahren vermehrt an Bedeutung gewinnen,  systemischen Therapien und anderen Ans\u00e4tzen liegen deutlich weniger Untersuchungen  vor. <\/p>\n<p>Das motivationale Interviewing (Miller und Rollnick, 2001) wird als  Basismethode vor allem bei Kurzzeitinterventionen bei Personen mit  alkoholbezogenen St\u00f6rungen empfohlen (Smedslund et al., 2011). Das  Motivational-Interviewing (MI) bzw. die motivierende Gespr\u00e4chsf\u00fchrung steht im  Gegensatz zu den fr\u00fcher h\u00e4ufig angewandten eher konfrontativen Interventionen bei  Alkoholabh\u00e4ngigkeit. Angestrebt wird durch Vermittlung der Techniken der  motivierenden Gespr\u00e4chsf\u00fchrung eine wertfreie Kommunikation auf gleicher  Augenh\u00f6he. Konfrontative Interventionen werden vermieden, die empathische, akzeptierende  Grundhaltung des behandelnden Arztes und Therapeuten wird betont, ebenso die  M\u00f6glichkeit der Kl\u00e4rung von Ambivalenzen bez\u00fcglich des (weiteren)  Substanzkonsums. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"T5\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/T5.jpg\" alt=\"T5\" width=\"620\" height=\"350\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-177324\" \/><\/p>\n<p>Ein gutes Bild ist hierbei, dass der Patient vage beschreibt,  welche Faktoren dazu beitragen, dass er sich aus seinem bisherigen  Suchtverhalten l\u00f6st (Arbeit, Familie, Gesundheit), oder welche individuelle Faktoren  ihn im alten Suchtverhalten verhaftet lassen (Geselligkeit, Entspannung,  Gewohnheit etc.). Die meisten zumindest station\u00e4ren Entw\u00f6hnungstherapien bestehen  aus mehreren Therapiebausteinen, haben ein wissenschaftliches Therapiekonzept,  integrieren aber Elemente aus verschiedenen der genannten Therapierichtungen. Im  deutschen Sprachraum hat sich zum Teil f\u00fcr kombinierte Entw\u00f6hnungsbehandlungen  der sprachlich etwas holprige und international \u00fcbliche Begriff der &bdquo;Komplexbehandlung&ldquo;  eingeb\u00fcrgert. <\/p>\n<p>Darunter ist eine Kombination von verschiedenen Interventionen  gemeint, die durch ein multiprofessionelles Team durchgef\u00fchrt werden. Die Evidenz  hierf\u00fcr ist allerdings gering, ebenso der Empfehlungsgrad. Viele  Therapieangebote sind auf Gruppentherapien ausgerichtet. Sehr schwierig ist die  Frage, welche Therapien f\u00fcr welchen Patienten aussichtsreich sind. Sehr  ambitionierte Therapieprojekte wie das Project MATCH (1997) oder entsprechende deutsche  Untersuchungen (Mann et al., 2012; Berner et al., 2014) haben diese Frage nicht  kl\u00e4ren k\u00f6nnen. Wichtig ist es aber in jedem Fall, sich bei der Therapie  Alkoholabh\u00e4ngiger an evidenzbasierten Therapiebausteinen zu orientieren. <\/p>\n<p>Bei  Patienten mit komorbiden psychischen St\u00f6rungen und Alkoholabh\u00e4ngigkeit spricht  vieles f\u00fcr eine station\u00e4re Behandlung beider St\u00f6rungsbilder. Auch die aktuelle  S-3-Leitlinie empfiehlt dies, wenn auch mit nicht hoher Evidenz. Die  Effektivit\u00e4t von Psychotherapien bei komorbiden Patienten ist weniger gut  belegt, als bei &bdquo;reinen&ldquo; Alkoholabh\u00e4ngigen.  <\/p>\n<p><strong>Pharmakotherapie <\/strong><\/p>\n<p>Zu den neurobiologischen Grundlagen der Alkoholabh\u00e4ngigkeit liegen  zahlreiche Befunde vor (Koob und Le Moal, 2006; Noronha et al., 2014; Nutt und  Nestor, 2013). Zentrale Bedeutung hat die Aussch\u00fcttung von Dopamin im  mesolimbischen System, speziell im Nucleus accumbens. Sie vermittelt positiv  verst\u00e4rkende Effekte von Rauschdrogen. Manche Substanzen f\u00fchren direkt zu einer  Dopaminaussch\u00fcttung, andere Substanzen, wie z.B. Alkohol, indirekt \u00fcber  verschiedene Neurotransmitter, wie z.B. GABA oder das Opioid-Endorphin-System.  Einen spezifischen Alkoholrezeptor gibt es dabei nicht. <\/p>\n<p>In den letzten Jahren  wurden zahlreiche Substanzen getestet, nur wenige haben Bedeutung f\u00fcr die  klinische Praxis gefunden (\u00dcbersicht in Soyka und Lieb, 2015). Acamprosat wurde  lange als \u00fcber glutamerge Neurone wirkende Substanz angesehen (Littleton und  Zieglgansberger, 2003), der Wirkmechanismus ist aber nach neueren Befunden  fraglich und umstritten. Neuere Grundlagenarbeiten sahen nur den Kalziumanteil  als relevantes Agens (Spanagel et al., 2014). Dieser Befund ist aber sogar  innerhalb desselben Instituts der Universit\u00e4t Mannheim umstritten (Mann et al.,  2016; Spanagel et al., 2016). <\/p>\n<p>Die eingesetzte klinische Dosis liegt bei  Erwachsenen bei 3x 2 Tabletten \u00e0 333g (\u00fcber 60kg K\u00f6rpergewicht). Zu Acamprosat  existieren zahlreiche Placebo-kontrollierte randomisierte Therapiestudien  (\u00dcbersicht in R\u00f6sner et al., 2001). Die Substanz hat sich insbesondere  hinsichtlich der R\u00fcckfallprophylaxe als effektiv erwiesen mit mittelgradigen  Effektst\u00e4rken. Sie hat deswegen auch eine gute Evidenzbasierung (\u00dcbersicht in  Soyka, 2013). Nebenwirkungen bei Acamprosat betreffen vor allem den Gastrointestinaltrakt,  meist kann eine leichte Form von Durchfall in den ersten Tagen auftreten. <\/p>\n<p>Bei  Opiatantagonisten vom Typ Naltrexon (Tagesdosis eine Tablette \u00e0 50mg) treten  vor allem \u00dcbelkeit, Schwindel und Schlafst\u00f6rungen auf. F\u00fcr beide Substanzen  liegen mehrere aktuelle Metaanalysen vor (Maisel et al., 2013; Jonas et al.,  2014). Es besteht eine gute Evidenzbasierung. Weniger gut ist sie f\u00fcr  Disulfiram, das in Deutschland nicht mehr am Markt verf\u00fcgbar ist. Wenn  Disulfiram in supervidierten Therapiemodellen eingesetzt wird, haben sich etwas  bessere Ergebnisse abgezeichnet (Soyka, 2013). Die S-3-Leitlinie sieht f\u00fcr eine  pharmakotherapeutische Behandlung mit Acamprosat und Naltrexon im Rahmen eines  Gesamtbehandlungsplans nach Postakutbehandlung au\u00dferhalb der station\u00e4ren  Entw\u00f6hnung eine gute Evidenzbasierung (1A) und gab den Empfehlungsgrad B ab. <\/p>\n<p>F\u00fcr  Disulfiram wurde der Empfehlungsgrad 0 abgegeben. In den letzten Jahren wurde  ein weiterer Opioidantagonist, Nalmefen, eingef\u00fchrt. Nalmefen wirkt sowohl am My-  wie Kappa-Opioid-Rezeptor (hier aber als partieller Agonist). Hier betr\u00e4gt die  Tagesdosis eine Tablette \u00e0 18mg. F\u00fcr Nalmefen liegen zwei gro\u00dfe  Placebo-kontrollierte Doppelblindstudien vor (Gual et al., 2013; Mann et al., 2013).  Die Substanz wurde zur Trinkmengenreduktion eingesetzt (&bdquo;As a needed&ldquo;-Ansatz),  Patienten konnten selber entscheiden, an welchen Tagen sie das Medikament einnahmen.  Insgesamt zeigten die vorliegenden Untersuchungen trotz einer h\u00f6heren  Haltequote in der Placebogruppe eine deutliche Trinkmengenreduktion bei Gabe von  Nalmefen. Die Substanz ist mittlerweile in den meisten europ\u00e4ischen L\u00e4ndern  klinisch verf\u00fcgbar, <\/p>\n<p>Nebenwirkungen betreffen vor allem den  Gastrointestinaltrakt (\u00dcbelkeit), auch Schwindel kann auftreten. Der  Therapie-Einsatz mit Nalmefen ist neu und wird kontrovers diskutiert. Man muss  abwarten, wie sich diese &bdquo;Bedarfsmedikation&ldquo; in psychosozialen Therapien  integrieren l\u00e4sst und wie dauerhaft eine erreichte Trinkmengenreduktion ist. In  Therapiemodellen zum sogenannten &bdquo;kontrollierten Trinken&ldquo;, die auf die  Trinkmengenreduktion abzielen, wird dazu geraten, ein sogenanntes Trinktagebuch  (genaue Protokollierung der Trinkmenge) zu f\u00fchren im Sinne einer \u00fcberpr\u00fcfbaren  Selbstkontrolle. Auch in den NICE (2011) oder APA Guidelines (2006) werden Acamprosat  und Naltrexon mit guter Evidenzbasierung empfohlen. <\/p>\n<p>Die Pr\u00e4diktion von Behandlungserfolgen  aufgrund klinischer oder neurobiologischer Parameter bleibt allerdings  schwierig. Noch Zukunftsmusik ist die Pharmakogenetik. F\u00fcr Naltrexon wurde die  Bedeutung eines funktionellen Polymorphismus am My-Opioid-Rezeptor- Gen  (RS17999971, ASN40SASP) postuliert (\u00dcbersicht in Chamorro et al., 2012), die  aber nach neueren Ergebnissen wieder fraglich ist (Oslin et al., 2015). <\/p>\n<p><strong>Fazit <\/strong><\/p>\n<p>Die pharmakogest\u00fctzte R\u00fcckfallprophylaxe bei Alkoholabh\u00e4ngigkeit ist  eine noch junge Disziplin, und nur relativ wenige Medikamente haben es bislang  in die klinische Praxis geschafft. Zugelassen sind Acamprosat, Naltrexon, seit kurzem  Nalmefen sowie Disulfiram. F\u00fcr Acamprosat und Naltrexon liegen  Cochrane-Analysen vor, au\u00dferdem aktuelle Metaanalysen von Maisel et al. (2012),  Jonas et al. (2014) und Donoghue et al. (2015). F\u00fcr Acamprosat wurde ein  signifikanter Effekt zur Aufrechterhaltung im Therapiezeitraum von sechs bis  zw\u00f6lf Monaten gefunden, f\u00fcr Naltrexon ebenfalls signifikante Effekte auf den  Alkoholkonsum. <\/p>\n<p>Schlechter ist die Datenlage f\u00fcr Disulfiram, das in Deutschland  nicht mehr auf dem Markt verf\u00fcgbar ist. Die Evidenz ist hier schwach. Die  Wirksamkeit von Nalmefen wurde bislang in zwei doppelblinden randomisierten  Therapiestudien \u00fcberpr\u00fcft, Ziel war hier eine Trinkmengenreduktion, nicht die  Abstinenz. Begleitende psychosoziale Therapie war dabei obligat. Unter Nalmefen  war die Trinkmenge reduziert. <\/p>\n<p>Zusammenfassend sieht die S3-Leitlinie eine gute  Evidenzbasierung und Therapieempfehlung nur f\u00fcr Acamprosat und Naltrexon  (Empfehlungsgrad B), \u00e4hnlich wie in Therapieleitlinien der American Psychiatry  Association (2006) oder in der NICE-Leitlinie (2011). Die aktuellen Befunde und  Therapieempfehlungen zum Einsatz von sogenannten Anticraving-Substanzen bei  Alkoholabh\u00e4ngigkeit wurden dargestellt. <\/p>\n<p><strong>Klinische Empfehlungen <\/strong><\/p>\n<p>Die klinische und wissenschaftliche Literatur zur Effizienz verschiedener  Therapien bei Alkoholabh\u00e4ngigkeit ist au\u00dfergew\u00f6hnlich umfangreich. Es gilt als  gesichert, dass Alkoholtherapien insgesamt erfolgreich sind und spezifische Therapieans\u00e4tze  aussichtsreicher als unspezifische. Es gibt keinen absolut dominierenden &bdquo;Goldstandard&ldquo;,  nach der eine psychosoziale Therapiemethode besser ist als alle anderen; einige  (Verhaltenstherapie, Paartherapie etc.) sind aber aussichtsreicher als andere.  Der Autor pl\u00e4diert noch nachdr\u00fccklich f\u00fcr eine Individualisierung der Suchttherapie  unter Ber\u00fccksichtigung von Schweregrad der alkoholbezogenen St\u00f6rung und  m\u00f6glicher komorbider St\u00f6rungen.  <\/p>\n<p><em>Literatur beim Autor <\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Foto: Archiv\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/soyka.jpg\" alt=\"Foto: Archiv\" width=\"123\" height=\"119\" class=\"alignleft size-full img-border wp-image-177325\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Prof. Dr. Michael Soyka <br \/>\n  <\/em><\/strong><em>Psychiatrische Klinik, Universit\u00e4t M\u00fcnchen  und Privatklinik Meiringen, <br \/>\n    E-Mail: michael.soyka@privatklinik-meiringen.ch<\/em> <\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp; <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die klinische und wissenschaftliche Literatur zur Effizienz verschiedener Therapien bei Alkoholabh\u00e4ngigkeit ist au\u00dfergew\u00f6hnlich umfangreich. 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Ein Beitrag von Prof. Dr. Michael Soyka (CliniCum neuropsy 1\/16) <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1655,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[127,1],"tags":[130,131],"class_list":["post-1653","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-127","category-allgemein","tag-alkoholbezogene-stoerungen","tag-alkoholerkrankung"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1653","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1653"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1653\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1653"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1653"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1653"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}