{"id":1659,"date":"2016-05-25T17:30:56","date_gmt":"2016-05-25T15:30:56","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1659"},"modified":"2016-05-25T17:30:56","modified_gmt":"2016-05-25T15:30:56","slug":"symptomwandel-im-lebensverlauf","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1659","title":{"rendered":"Symptomwandel im Lebensverlauf"},"content":{"rendered":"<p><strong>Das  Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit\u00e4tssyndrom ist eine St\u00f6rung, die nicht auf das  Kindes- und Jugendalter beschr\u00e4nkt ist. H\u00e4ufige Konfliktfelder erwachsener ADHS-Patienten  sind Substanzmissbrauch, Probleme mit Partnerschaft und Sexualit\u00e4t sowie  Delinquenz. <\/strong> <\/p>\n<p> Der  zunehmenden Besch\u00e4ftigung der Erwachsenenpsychiatrie mit dem ADHS tr\u00e4gt auch  das DSM-5 Rechnung. So wurde etwa in der neuesten Auflage des diagnostischen  und statistischen Leitfadens psychischer St\u00f6rungen das Alterskriterium f\u00fcr die Erstmanifestation  von ADHS-Symptomen vom siebenten auf das zw\u00f6lfte Lebensjahr angehoben. Gleich  geblieben ist im aktuellen Klassifikationssystem die Unterscheidung von drei ADHS-Typen:  Der unaufmerksame Typ begegnet einem im Alltag als Tagtr\u00e4umer, Chaot oder  desorganisierter Mensch. <\/p>\n<p>Beim zweiten Typ stehen \u00dcberaktivit\u00e4t und Impulsivit\u00e4t  im Vordergrund. F\u00fcr beide Typen werden je neun Kernsymptome beschrieben, von  denen f\u00fcr die Diagnose mindestens sechs vorhanden sein m\u00fcssen. Der  ADHS-Mischtyp zeigt Auff\u00e4lligkeiten in allen drei Kernsymptombereichen. Neu im  DSM-5 ist, dass die Zahl der f\u00fcr die Diagnose erforderlichen Symptome f\u00fcr  Patienten ab 17 Jahren von sechs auf f\u00fcnf reduziert wurde. Zus\u00e4tzlich werden  die im DSM-IV beschriebenen Kernsymptome noch um Kriterien, die in der  Erwachsenenwelt st\u00e4rker von Belang sind, erg\u00e4nzt: &bdquo;Als ADHS-Symptom gilt nun  nicht mehr nur die die Unf\u00e4higkeit, in der Schule ruhig sitzen zu k\u00f6nnen,  sondern auch Rastlosigkeit im B\u00fcro oder an anderen Arbeitspl\u00e4tzen&ldquo;, erkl\u00e4rt OA  Dr. Wolfgang Kaschnitz, Klinische Abteilung f\u00fcr Allgemeine P\u00e4diatrie,  Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Kinder- und Jugendheilkunde, Graz. <\/p>\n<p>Man wei\u00df heute, dass  in der \u00c4tiologie des ADHS verschiedene neurobiologische Prozesse  zusammenspielen. Eine wichtige Rolle spielen strukturell und funktionell  ver\u00e4nderte Hirnregionen, insbesondere der pr\u00e4frontale Cortex (unter anderem  zust\u00e4ndig f\u00fcr Aufmerksamkeit und Handlungsplanung) und der vordere Bereich des Gyrus  cinguli (reguliert Verarbeitung von Emotionen und Impulsivit\u00e4t). Die Tatsache,  dass auch die Neurotransmittersysteme von den Ver\u00e4nderungen betroffen sind,  bietet die M\u00f6glichkeit, hier auch psychopharmakologisch intervenieren zu  k\u00f6nnen. Zu den bildgebenden Verfahren, in denen sich die ver\u00e4nderte  Neurobiologie widerspiegelt, z\u00e4hlt die funktionelle Magnetresonanztomographie: Werden  gesunden Kindern Aufgaben gestellt, bei denen es um die emotionale Verarbeitung  von Entscheidungen geht, sieht man im fMRI eine massive Erregung dopaminerger  Zentren im vorderen Gyrus cinguli. Bei ADHSKindern bleibt eine vergleichbare  Aktivierung weitgehend aus.<\/p>\n<p> <strong>Wandel der Symptome <\/strong><\/p>\n<p>  Im  Kindergartenalter sind das Hauptproblem noch die klassischen Kernsymptome. Eltern  berichten \u00fcber Schwierigkeiten in sozialen Systemen, Beziehungsprobleme mit  Gleichaltrigen, Konflikte mit P\u00e4dagoginnen und teilweise aggressive  Verhaltensweisen. In der Schule k\u00f6nnen betroffene Kinder h\u00e4ufig die erwarteten  Leistungen nicht erbringen, dazu kommen soziale Probleme, die meist in der  Pubert\u00e4t kulminieren. Bei jugendlichen ADHSPatienten zeichnen sich dann mit  beginnendem Substanzmissbrauch und ersten Verkehrsdelikten bereits die Probleme  im Alltag ab, die vielfach dann auch noch das Erwachsenenalter bestimmen.<\/p>\n<p> <strong>Substanzmissbrauch <\/strong><\/p>\n<p>  Die  hohe Komorbidit\u00e4t von ADHS und Suchtverhalten zeigt sich eindrucksvoll in den  Untersuchungen von Joseph Biederman: Der amerikanische ADHS-Experte fand bei  Jugendlichen mit unbehandeltem ADHS eine im Vergleich zu einer gleichaltrigen  Kontrollgruppe mehr als dreimal so hohe Rate von Substanzmissbrauch (33 vs. 10  Prozent). Zugleich ist dieses Problem aber auch ein gutes Beispiel f\u00fcr die  Effektivit\u00e4t der Therapie: Wurden die Jugendlichen mit Stimulantien behandelt, sank  das Risiko f\u00fcr eine Suchtentwicklung auf 13 Prozent. <\/p>\n<p>&bdquo;Besonders gro\u00df ist die  Gefahr eines illegalen Drogenkonsums, wenn noch zus\u00e4tzliche Komorbidit\u00e4ten, wie  eine Sozialverhaltensst\u00f6rung in der Kindheit oder eine dissoziale  Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rung, vorliegen&ldquo;, berichtet Kaschnitz. Zu den bevorzugten  Drogen geh\u00f6ren Marihuana, Stimulantien, Kokain und Halluzinogene. Eine wichtige  Rolle d\u00fcrfte in diesem Zusammenhang die Tatsache spielen, dass diese Substanzen  bei ADHS-Patienten oft eine andere Wirkung haben als bei Gesunden. Betroffene erfahren  durch den Drogenkonsum eher eine Beruhigung, ein &bdquo;Herunterkommen&ldquo;.  <\/p>\n<p>&bdquo;Man kann den Substanzmissbrauch daher auch  als eine Art Selbsttherapie sehen&ldquo;, so der Grazer Kinder- und Jugendpsychiater.  \u00c4hnliches gilt f\u00fcr Nikotin, das bei ADHS ebenfalls beruhigend und entspannend wirkt.  Gef\u00e4hrdet sind daher vor allem Patienten, bei denen die Hyperaktivit\u00e4t im  Vordergrund steht. Problematisch ist in vielen F\u00e4llen auch der Alkoholkonsum,  der bei Jugendlichen mit ADHS im Schnitt wesentlich fr\u00fcher beginnt und deutlich  exzessiver ist. Erkl\u00e4rbar ist das unter anderem durch die zum St\u00f6rungsbild geh\u00f6rende  Impulsivit\u00e4t. Die Langzeitfolgen k\u00f6nnen fatal sein: Epidemiologische Daten  zeigen, dass mindestens 20 Prozent der Alkoholkranken ein manifestes ADHS  haben.<\/p>\n<p> <strong>Partnerschaft und Sexualit\u00e4t <\/strong><\/p>\n<p>  Die  Impulskontrollst\u00f6rung und die mangelnde F\u00e4higkeit, sich l\u00e4ngere Zeit einer  Sache oder einem anderen Menschen widmen zu k\u00f6nnen, sind nicht die allerbeste  Voraussetzung f\u00fcr eine Partnerschaft. Beziehungsprobleme k\u00f6nnen auch dadurch  entstehen, dass ein ADHS Auswirkungen auf die Sexualit\u00e4t der Patienten haben kann.  Sex dient h\u00e4ufig dem Spannungsabbau und wird zur Stabilisierung des emotionalen  Gleichgewichts eingesetzt. Die vielfach beobachtbare Hypersexualit\u00e4t korreliert  weniger mit der Hyperaktivit\u00e4t als mit dem reduzierten Selbstwertgef\u00fchl, unter  dem viele Betroffene leiden. <\/p>\n<p>Aus der Literatur ist bekannt, dass Menschen mit  ADHS nicht nur fr\u00fcher mit sexueller Aktivit\u00e4t beginnen, sondern ihre  Sexualpartner auch dreimal h\u00e4ufiger wechseln. Da Verh\u00fctung oft ausgeblendet  wird, gibt es in den Beziehungen eine hohe Rate an unerw\u00fcnschten Schwangerschaften,  zugleich auch eine erh\u00f6hte Inzidenz von sexuell \u00fcbertragbaren Krankheiten. Kaschnitz  hebt jedoch hervor, dass ein ADHS f\u00fcr Partnerschaften nicht nur eine Belastung  sein kann: &bdquo;Vielfach findet man eine deutlich gr\u00f6\u00dfere Offenheit gegen\u00fcber  anderen. Menschen mit ADHS akzeptieren h\u00e4ufiger auch Partner, die nicht unbedingt  den g\u00e4ngigen Normen und Idealen entsprechen.&ldquo;<\/p>\n<p>  <strong>Delinquenz <\/strong><\/p>\n<p>  Die  explosive Mischung von Schwierigkeiten am Arbeitsplatz, Beziehungsproblemen, Substanzmissbrauch  und Impulsivit\u00e4t erkl\u00e4rt, warum jugendliche und erwachsene ADHS-Patienten  dreimal h\u00e4ufiger mit dem Gesetz in Konflikt geraten als gesunde  Vergleichsgruppen. Oft bleibt es nicht bei den klassischen Vorstrafen  Jugendlicher wie Alkohol am Steuer und K\u00f6rperverletzung im Zuge eines  Raufhandels. Untersuchungen in den USA kamen zu dem Ergebnis, dass jeder vierte  Gef\u00e4ngnisinsasse unter einem diagnostizierten ADHS leidet. <\/p>\n<p>Dabei d\u00fcrfte es noch  eine hohe Dunkelziffer geben: Im Jahr 2000 ergab eine Studie, dass sogar 50 bis  80 Prozent der Strafgefangenen deutliche Symptome eines ADHS aufweisen. Hier  sieht Kaschnitz noch einen erheblichen Mangel an Problembewusstsein bei den  Verantwortlichen: &bdquo;Es w\u00e4re sicher sinnvoll, diese Menschen genauer zu  untersuchen, damit ihnen auch die therapeutischen M\u00f6glichkeiten, die wir heute  f\u00fcr die Behandlung des ADHS haben, zur Verf\u00fcgung gestellt werden k\u00f6nnen.&ldquo; <\/p>\n<p> <em>&bdquo;ADHS  \u2013 Auf- und Erregung ein ganzes Leben lang&ldquo;, 11. Grazer Psychiatrisch- Psychosomatische  Tagung, Graz, 22.1.16<\/em><\/p>\n<p> Von  Mag. Dr. R\u00fcdiger H\u00f6flechner<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Das Aufmerksamkeitsdefizit-\/Hyperaktivit\u00e4tssyndrom ist eine St\u00f6rung, die nicht auf das Kindes- und Jugendalter beschr\u00e4nkt ist. H\u00e4ufige Konfliktfelder erwachsener ADHS-Patienten sind Substanzmissbrauch, Probleme mit Partnerschaft und Sexualit\u00e4t sowie Delinquenz. Ein Beitrag von Mag. Dr. R\u00fcdiger H\u00f6flechner (CliniCum neuropsy 1\/16) <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":1660,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[127],"tags":[69],"class_list":["post-1659","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-127","tag-adhs"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1659","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=1659"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/1659\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=1659"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=1659"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=1659"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}