{"id":1809,"date":"2016-09-14T02:43:40","date_gmt":"2016-09-14T00:43:40","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=1809"},"modified":"2016-09-14T02:43:40","modified_gmt":"2016-09-14T00:43:40","slug":"hirndoping-oder-therapie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=1809","title":{"rendered":"Hirndoping oder Therapie?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Ist  es vertretbar, pharmakologisch wirksame Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung  einzusetzen? Orientierungshilfen aus Sicht von Psychiatrie, Psychologie und  Philosophie lieferte eine vom Alumni Club der MedUni Wien veranstaltete  Podiumsdiskussion.  <\/strong><\/p>\n<p>  Uralt ist  der Traum der Menschheit, durch die Einnahme bestimmter Substanzen oder  neuerdings auch durch technische Tricks die F\u00e4higkeiten unseres Gehirn zu  optimieren: Kann es mittels Neuro-Enhancement (auch: Neurocognitive  Enhancement) gelingen, praktisch im Schlaf zu lernen, mit Leichtigkeit Projekte  zu entwickeln oder zu bahnbrechenden Forschungsergebnissen zu gelangen? Das  Thema wird aktuell europaweit als so bedeutsam eingesch\u00e4tzt, dass die  EU-Kommission in ihrem 7. Rahmenprogramm das Forschungsprojekt NERRI  (Neuro-Enhancement: Responsible Research and Innovation) finanziert. Forschung  und Innovation in Zusammenhang mit den als &bdquo;Hirndoping&ldquo; bezeichneten  M\u00f6glichkeiten sollen damit in &bdquo;ethisch akzeptable und sozial erw\u00fcnschte  Richtungen f\u00fchren&ldquo; (<a href=\"http:\/\/www.nerri.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.nerri.eu<\/a>). <\/p>\n<p>&bdquo;Europaweit sind wir nun dabei, die Debatte  \u00fcber Neurocognitive Enhancement zu erfassen&ldquo;, erkl\u00e4rt dazu Assoc.-Prof. Mag Dr.  Nicole Kronberger von der Abteilung Sozial- und Wirtschaftspsychologie der  Johannes- Kepler-Universit\u00e4t Linz und eine der heimischen Forscherinnen und Forscher,  die sich im Projekt NERRI engagieren. Auf die Frage, was Neurocognitive Enhancement  so verf\u00fchrerisch macht, meint Kronberger: &bdquo;Lebensstilfaktoren wie ausreichend Schlaf  oder gesunde Ern\u00e4hrung wirken sich erwiesenerma\u00dfen g\u00fcnstig auf die Hirnfunktion  aus. Allerdings wirken Lebensstil\u00e4nderungen nicht auf Knopfdruck, was  Neuro-Enhancement allerdings verspricht.&ldquo;<\/p>\n<h2><strong>Selbstoptimierer, Mutmacher <\/strong><\/h2>\n<p>  Im  Prinzip gibt es zwei grundlegende Motive f\u00fcr Neuro-Enhancement: &bdquo;Da gibt es eine  Gruppe von Personen, die sich gewisserma\u00dfen selbst optimieren und das Beste aus  sich herausholen m\u00f6chten. Eine zweite Gruppe macht Neuro-Enhancement eher aus  einer defensiven Haltung heraus und setzt es ein, um sich angesichts  schwieriger Aufgaben Mut zu machen&ldquo;, erkl\u00e4rt Kronberger. Werbestrategien f\u00fcr  Neuro-Enhancement im World Wide Web zielen auch in diese Richtung und machen  etwa glaubhaft, dass es Grund daf\u00fcr g\u00e4be, auf die Erh\u00f6hung der  Leistungsanforderungen in Schule, Studium und Beruf entsprechend zu reagieren.  Sch\u00fcler und Studierende sollen demnach ebenso von verbesserten Konzentrations- und  Ged\u00e4chtnisleistungen profitieren wie Manager oder Schichtarbeiter. <\/p>\n<p>Konkrete  Ergebnisse zu Anwendung und Einstellungen in Bezug auf Neuro- Enhancement  liefern zwei aktuelle Untersuchungen an Schweizer Studierenden, die von der  Universit\u00e4t Basel in Zusammenarbeit mit dem Institut f\u00fcr Suchtforschung der  Universit\u00e4t Z\u00fcrich durchgef\u00fchrt wurden. Jeder F\u00fcnfte gibt dabei an, bereits  einmal gezielt &bdquo;Hirndoping&ldquo; eingesetzt zu haben, einen regelm\u00e4\u00dfigen Konsum von  beispielsweise Methylphenidat vor Pr\u00fcfungen geben jedoch nur ein Prozent jener  zu, die den ausgesandten Fragebogen retourniert haben. &bdquo;Die Studierenden ziehen  in ihren Einstellungen zudem eine deutliche Grenze: Wenn jemand Amphetamin-artige Substanzen als Selbstmedikation einsetzt, so wird dies abgelehnt.  Werden sie dagegen per Rezept verordnet, dann wird es akzeptiert&ldquo;, berichtet  Univ.-Prof. Dr. Matthias Liechti, leitender Arzt an der Abteilung f\u00fcr Klinische  Pharmakologie und Toxikologie am Universit\u00e4tsspital Basel. <\/p>\n<p>Die Studierenden  ziehen zudem eine klare Grenze zwischen kompetitiven und nicht kompetitiven  Situationen: &bdquo;Wenn es darum geht, als Team etwas zu erreichen, dann wird  Neurocognitive Enhancement eher akzeptiert als in Wettbewerbssituationen.&ldquo;  Unter Hirndoping, so Liechti, werden \u00fcbrigens nicht nur Substanzen zur Erh\u00f6hung  der Aufmerksamkeit wie Methylphenidat oder Modafinil hinzugerechnet, sondern  auch jene, die es leichter machen, sich nach einem anstrengenden Tag wieder zu  entspannen \u2013 und da ist Alkohol der Renner&ldquo;, so Liechti. &bdquo;Im Prinzip braucht der  ausgeschlafene und intelligente Student aber sicher kein Neuro-Enhancement.&ldquo; <\/p>\n<p>Auf  die Schwierigkeit der exakten Grenzziehung zwischen &bdquo;gesund&ldquo; und &bdquo;krank&ldquo;  verweist jedoch Univ.- Prof. Dr. Matth\u00e4us Willeit von der Klinischen Abteilung  f\u00fcr Biologische Psychiatrie an der MedUni Wien: &bdquo;Gerade bei ADHS haben wir es  mit einer Gau\u00df\u00b4schen Verteilungskurve zu tun. Erwiesenerma\u00dfen profitieren Kinder  und Erwachsene mit der Diagnose ADHS von einer Behandlung mit Methylphenidat.&ldquo;  Auf die Frage nach m\u00f6glichen Risiken einer Selbstmedikation im Sinne von Hirndoping  meint Willeit: &bdquo;Mit Sicherheit kann die Einnahme von sogenannten Weckaminen  oder auch Alkohol das Risiko f\u00fcr sp\u00e4tere Suchterkrankungen erh\u00f6hen. Von  Patienten mit ADHS wissen wir allerdings, dass es das sp\u00e4tere Suchtrisiko  senkt, wenn sie rechtzeitig medikament\u00f6s behandelt werden.&ldquo; <\/p>\n<p>Willeit bringt  zudem einen weiteren Warnhinweis zum Neuro-Enhancement hervor: &bdquo;Wenn alle  danach trachten, ihre Ged\u00e4chtnisleistungen zu optimieren, kann dies auch  Nebenwirkungen haben. Von Personen mit per se sehr guten Ged\u00e4chtnisleistungen wissen  wir beispielsweise, dass sie zu depressiven Verstimmungen neigen \u2013 es stellt  sich also die Frage, ob wir das wirklich wollen.&ldquo; Wie sehr die Wirksamkeit von  Hirndoping mit den darauf ausgerichteten Erwartungshaltungen verkn\u00fcpft ist, wei\u00df  Univ.-Prof. Dr. Christoph Eisenegger als Leiter der Abteilung f\u00fcr  Neuropsychopharmakologie und Biopsychologie am Institut f\u00fcr Psychologische Grundlagenforschung  der Universit\u00e4t Wien. <\/p>\n<p>&bdquo;Von Modafinil hei\u00dft es, es kann zu l\u00e4ngerer Wachheit  verhelfen, in doppelblinden Untersuchungen ist dieser Effekt aber nicht sehr stark  ausgepr\u00e4gt.&ldquo; \u00c4hnliches kennt Eisenegger von Untersuchungen mit Testosteron, das  bis vor Kurzem in Zusammenhang mit aggressivem Verhalten stand. &bdquo;In Studien zum  Sozialverhalten zeigt sich, dass sich eher jene Personen asozial verhielten,  die glaubten, sie h\u00e4tten Testosteron bekommen. Jene dagegen, die tats\u00e4chlich Testosteron  bekamen und es nicht wussten, wurden kooperativer.&ldquo; Die Frage, wie in einer auf  Leistung, Ausdauer und Erfolg ausgerichteten Gesellschaft Neuro-Enhancement zu bewerten  ist, l\u00e4sst sich aus heutiger Sicht noch nicht eindeutig beantworten. <\/p>\n<p>&bdquo;Wir als  die Gesellschaft sind aufgerufen, technische Entwicklungen zu begreifen, nicht  als Selbstl\u00e4ufer zu verstehen und sich auch zu widersetzen&ldquo;, meint dazu  Univ.-Prof. Dr. Mona Singer, die sich am Institut f\u00fcr Philosophie der  Universit\u00e4t Wien auf die Auseinandersetzung mit philosophischen Fragen im  Kontext von Wissenschaft und Technologie spezialisiert hat. Ph\u00e4nomene wie die  Bewerbung von Neuro-Enhancement im Internet m\u00fcssten kritisch wahrgenommen werden,  so Singer: sie f\u00fchren schlie\u00dflich dazu, dass nicht mehr \u00fcber den &bdquo;Wert&ldquo; von  Leistung diskutiert werde, sondern Leistung selbst in der Gesellschaft zum  ausschlaggebenden Argument wird. <\/p>\n<h2> Psychopharmakologie  des Neuro-Enhancements<\/h2>\n<p> <strong>Wie Neuro-Enhancement genau zustande kommt,  ist eine noch weitgehend offene Forschungsfrage.<\/strong><\/p>\n<p>\nNeuro-Enhancement bedeutet,  durch die Einnahme von legalen oder illegalen Substanzen die Leistungsf\u00e4higkeit  des Gehirns zu steigern; also Aufmerksamkeit, Konzentrationsf\u00e4higkeit und  Ged\u00e4chtnisleistungen zu verbessern, erkl\u00e4rt Univ.-Prof. Dr. Harald Sitte,  Professor f\u00fcr Psychopharmakologie am Institut f\u00fcr Pharmakologie der MedUni Wien  und Pr\u00e4sident des AlumniClubs. &bdquo;Neuro- Enhancement bedeutet, dass Gesunde  Medikamente einnehmen, die zum Teil bei Erkrankungen indiziert sind. Wir gehen  davon aus, dass die Wirkung dieser Substanzen auf kranke und auf gesunde  Menschen nicht vollst\u00e4ndig vergleichbar ist&ldquo;, betont Sitte. <\/p>\n<p>Die Palette der  verwendeten Substanzen reicht von Koffein \u00fcber Amphetaminartige Substanzen  (Modafinil, Methlyphenidat) bis hin zu Betablockern, Antidementiva oder  Antidepressiva. Sitte warnt in diesem Zusammenhang allerdings vor einem  Umkehrschluss: &bdquo;Keinesfalls d\u00fcrften Menschen mit Depressionen oder ADHS in den  Ruf gelangen, lediglich Neuro-Enhancement zu betreiben.&ldquo; Beworben und  vertrieben werden Substanzen zum Neuro-Enhancement \u00fcber meist fragw\u00fcrdige  Quellen im Internet.<\/p>\n<p> <strong>Komplexe  neurobiologische Mechanismen <\/strong><\/p>\n<p>  Wie genau Neuro-Enhancement  auf neurobiologischer Ebene zustande kommt, ist eine derzeit noch weitgehend  offene Forschungsfrage. &bdquo;Sicher spielt das dopaminerge aber auch das  serotonerge System dabei eine Rolle. Die genaue Abstimmung dieser beiden  Systeme kann auch den Ausschlag geben, ob es zu verbesserten kognitiven  Leistungen oder zur Entwicklung von Suchtmechanismen kommt&ldquo;, betont Sitte  gegen\u00fcber CliniCum neuropsy. &bdquo;Beim Neuro- Enhancement spielt zudem sicher auch  das noradrenerge System eine Rolle, das zur Erh\u00f6hung der Aufmerksamkeit oder  Wachheit beitr\u00e4gt.&ldquo; Trotz des weltweiten Hypes um Neuro-Enhancement glaubt  Sitte allerdings nicht, dass es in \u00d6sterreich in absehbarer Zeit zu einem Boom  kommen k\u00f6nnte: &bdquo;Solange es keine bahnbrechende pharmakologischen Entwicklungen  auf diesem Gebiet gibt, rechne ich nicht damit, dass die Nachfrage stark  steigen wird. Die vorherrschende Einstellung in \u00d6sterreich d\u00fcrfte \u00e4hnlich  vorsichtig sein wie in der Schweiz, wo die Befragung von Studierenden gezeigt  hat, dass doch eine Trennlinie zwischen Therapie und Enhancement gezogen wird.&ldquo;<\/p>\n<p>  <em>Alumni-Standpunkt Neurocognitive Enhancement: Leistungssteigerung  durch Gehirndoping \u2013 Chance oder Fluch?, Wien, 2.3.16 <\/em><\/p>\n<p>Von  Mag. Christina Lechner<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Ist es vertretbar, pharmakologisch wirksame Substanzen zur geistigen Leistungssteigerung einzusetzen? Orientierungshilfen aus Sicht von Psychiatrie, Psychologie und Philosophie lieferte eine vom Alumni Club der MedUni Wien veranstaltete Podiumsdiskussion. 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