{"id":2095,"date":"2017-06-01T14:52:40","date_gmt":"2017-06-01T12:52:40","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2095"},"modified":"2017-06-01T14:52:40","modified_gmt":"2017-06-01T12:52:40","slug":"mit-offener-tuer-politik-zwang-vermeiden","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2095","title":{"rendered":"Mit \u201eOffener-T\u00fcr-Politik\u201c Zwang vermeiden"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zwangsma\u00dfnahmen belasten die therapeutische Beziehung, gef\u00e4hrden die Adh\u00e4renz von Patienten und schaden dem Image der Psychiatrie, sie k\u00f6nnen mit Traumatisierung und Folgest\u00f6rungen von Patienten verbunden sein und zu deren Stigmatisierung beitragen. (CliniCum neuropsy 1\/17)<\/strong><\/p>\n<p>Es gibt keine randomisierten kontrollierten Studien \u00fcber den Nutzen und Schaden der jeweiligen Unterbringungspraxis, Gesetzgebung sowie durchgef\u00fchrten Zwangsma\u00dfnahmen (Muralidharan und Fenton 2006), entsprechend variiert deren Anwendung zwischen Stationen, Behandlungsteams und L\u00e4ndern erheblich (Husum et al. 2010, Martin et al. 2007, Lang et al. 2016).<\/p>\n<h2>Einflussfaktoren<\/h2>\n<p>Verschiedene Studien ergaben Hinweise darauf, dass die institutionellen Bedingungen einen erheblicheren Einfluss auf den Einsatz von Zwangsma\u00dfnahmen haben als der Krankheitszustand selbst (van der Schaaf et al. 2013, Kho et al. 1998, van der Merwe et al. 209, Chou et al. 2002, Dresler et al. 2015). Faktoren wie eine niedrige Bettenmessziffer, die \u00dcberbelegung psychiatrischer Stationen oder eine Konzentration von Akutpatienten auf einer Station erh\u00f6hen die Zahl gewaltt\u00e4tiger \u00dcbergriffe und erfordern in der Folge vermehrt Zwangsma\u00dfnahmen (Bak et al. 2012, Gaebel et al. 2007, Bak et al. 2014, van der Schaaf et al. 2013). In einem Review \u00fcber Pr\u00e4diktoren von Gewalt und korrespondierenden Zwangsma\u00dfnahmen war <strong>Crowding<\/strong> einer der drei wichtigsten Faktoren, der Aggressionen und damit konsekutiv Zwangsma\u00dfnahmen ausl\u00f6st (Bak et al. 2014, van der Schaaf et al. 2013).<\/p>\n<p>Der Platz pro Patient auf einer Station und die Anzahl der abschlie\u00dfbaren R\u00e4ume steuern die H\u00e4ufigkeit von Zwangsma\u00dfnahmen (van der Schaaf et al. 2015, Lang et al. 2016). Zwangsma\u00dfnahmen sinken zudem, wenn die Intimsph\u00e4re gewahrt wird, <strong>Normalit\u00e4t<\/strong> auf einer Station vorherrscht sowie ein liberales Klima herrscht (Gaebel et al. 2007, Blaesi et al. 2015, Boumans et al. 2012, Papadopoulos et al. 2012, Bak et al. 2012, Bak et al. 2014, Lang et al. 2016). Die bestehende Privatsph\u00e4re und empfundene Autonomie steuern die H\u00e4ufigkeit von Zwangsma\u00dfnahmen (Boumans et al. 2012, Lang et al. 2016). Durch eine Ver\u00e4nderung des Stationsmilieus kann eine Reduktion von Zwangsma\u00dfnahmen bewirkt werden, so zeigte eine Arbeitsgruppe, dass einzelne Verbesserungen in der <strong>Patientenorientierung<\/strong> starke Effekte auf H\u00e4ufigkeit von Zwangsma\u00dfnahmen haben (Espinosa et al. 2015).<\/p>\n<p>In dieser Studie wurde beispielsweise ein strukturierter Therapieplan vorgehalten, Aktivit\u00e4ten erm\u00f6glicht, Pl\u00e4ne mit Fotos des Behandlungsteams ausgestellt, Reminder erstellt, die das Team an eine Interaktion mit den Patienten erinnern, anstatt im Dienstraum zu verweilen, eine klare Vermittlung von Rechten und Erwartungen der Patienten geleistet, die Anwendung von Deeskalationsma\u00dfnahmen wie Musik und Entspannung, Ver\u00e4nderung der Kommunikation im Sinne von positiven R\u00fcckmeldungen, ein gemeinsames Teetrinken, die Puls- und Blutdruckmessungen nicht mehr um 6 Uhr am morgen mit verbundenem Wecken praktiziert, und mit sch\u00f6nen Farben und Naturholzm\u00f6beln dekorierte Komfortr\u00e4ume wurden f\u00fcr akut erkrankte Patienten geschaffen (Espinosa et al. 2015). Zwangsma\u00dfnahmen k\u00f6nnen reduziert werden durch bestehende Zielvereinbarungen, Bezugspflege, Shared Decision Making, Behandlungsvereinbarungen, Flexibilit\u00e4t in der Therapie und Angebote zur Wahrnehmung unabh\u00e4ngiger Beschwerdeinstanzen sowie Transparenz und Information (Gaebel et al. 2007, Blaesi et al. 2015, Boumans et al. 2012, Papadopoulos et al. 2012, Bak et al. 2012, Bak et al. 2014).<\/p>\n<p>Zwangsma\u00dfnahmen sinken zudem, wenn eine <strong>gute Stationsatmosph\u00e4re<\/strong> besteht, der Umgang mit den Patienten respektvoll ist sowie eine wertsch\u00e4tzende und nicht regelorientierte individualisierte Haltung beim Team besteht, Patienten positiv gew\u00fcrdigt werden, eine Wertlegung auf Pr\u00e4vention besteht, Reflexionsf\u00e4higkeit des Teams vorliegt und den Patienten so viel Kontrolle wie m\u00f6glich erhalten bleibt (Gaebel et al. 2007, Blaesi et al. 2015, Boumans et al. 2012, Papadopoulos et al. 2012, Bak et al. 2012, Bak et al. 2014). Im Auftreten von Zwangsma\u00dfnahmen spielen <strong>Nahbarkeit und Selbstreflexion des Behandlungsteams<\/strong> und die Auffassung \u00fcber den Ursprung der Aggression eines Patienten eine wichtige Rolle (Gaebel et al. 2007, Blaesi et al. 2015, Boumans et al. 2012, Papadopoulos et al. 2012, Bak et al. 2012, Bak et al. 2014, Lang et al. 2016).<\/p>\n<p>Aggression kann als internales, am ehesten biologisch bedingtes Korrelat einer Erkrankung gesehen werden, dem dann durch eine (Zwangs-)Medikation kausal begegnet wird. Diese Interpretation des Verhaltens entlastet zwar Patienten vor Verantwortung, kann aber weniger Empathie seitens des Therapeuten bewirken (Lebowitz und Ahn 2014). Wird Aggression dagegen als externale Reaktion gesehen, liefern Interaktionen mit dem Team, Restriktionen und Frustrationen eine wesentliche Erkl\u00e4rung f\u00fcr das Verhalten. Diese <strong>kontextabh\u00e4ngige Interpretation von Aggression<\/strong> erfordert mehr Empathie und wird Reflexions- und Ver\u00e4nderungsbedarf in der Art der Behandlung und der Team-Patient-Beziehung erzeugen.<\/p>\n<p>Patientencharakteristika spielen eine kleine Rolle beim Einsatz von Zwangsma\u00dfnahmen (Boumans et al. 2012), die zum gr\u00f6\u00dften Anteil von interpersonellen Faktoren und von der Haltung des Behandlungsteams abh\u00e4ngen. Wird die Haltung und Situationen, in denen Zwang erforderlich war, reflektiert, finden entsprechend weniger Zwangsma\u00dfnahmen statt, genauso wie \u201eNahbarkeit\u201c Zwangsma\u00dfnahmen reduziert (Gaebel et al. 2007, Blaesi et al. 2015, Boumans et al. 2012, Papadopoulos et al. 2012, Bak et al. 2012, Bak et al. 2014, Lang et al. 2016). <strong>Komfortr\u00e4ume<\/strong> k\u00f6nnen Zwangsma\u00dfnahmen reduzieren (Champagne &amp; Stromberg, 2004, van der Schaaf et al. 2015) sowie allgemein die r\u00e4umliche Umgebung einer Station. Die bestehende Privatsph\u00e4re und der Platz pro Patient auf einer Station steuern die H\u00e4ufigkeit von Zwangsma\u00dfnahmen genauso wie die Anzahl der abschlie\u00dfbaren R\u00e4ume (van der Schaaf et al. 2015, Lang et al. 2016).<\/p>\n<p>Die Beziehungsgestaltung auf Aufnahmestationen, die durch unvorhersehbare Eintritte, \u00dcberbelegungen und Verlegungen gepr\u00e4gt sind, kein aktives Therapiekonzept vorhalten und kurze Liegedauern aufweisen, ist erschwert. Aggressive \u00dcbergriffe treten vor allem auf in Zeiten, in denen keine Therapieangebote vorgehalten werden (Janner und Delaney 2012; Katz und Kirkland 1990); das <strong>Vorhalten von Stationsaktivit\u00e4ten<\/strong>, verhaltenstherapeutischen Angeboten und Therapieangeboten kann also Konflikte minimieren und Isolation, Zwang und \u00dcbergriffe reduzieren und eine schnellere Besserung bedeuten (Goodness, Renfro, 2002, Silverstein et al., 2002, Dodd und Wellman, 2000, Bak et al. 2015, Bowers et al. 2013, Tucker et al. 2001).<\/p>\n<h2>Weitere Faktoren<\/h2>\n<p>Faktoren, die die H\u00e4ufigkeit von Zwangsma\u00dfnahmen zu beeinflussen scheinen und Zeit erfordern, sind die fr\u00fche <strong>Identifikation von Krisen<\/strong> bei Patienten, die Erfahrung des Pflegepersonals und die Relation zwischen Patienten und Pflegepersonal (Bak et al. 2015). Wenn mit Patienten ihre Trigger f\u00fcr Krisen besprochen werden und ein Krisenplan erstellt wird, kann man Zwangsma\u00dfnahmen um die H\u00e4lfte reduzieren (Jonikas et al. 2004), genauso wie durch eine Methode, fr\u00fchzeitig Krisen vorherzusagen (Fluttert et al. 2010). Dieses Potenzial wird in Kliniken, wo bei Krisen die <strong>Beziehung<\/strong> abgebrochen und auf geschlossene Stationen verlegt wird, m\u00f6glicherweise nicht ausgesch\u00f6pft.<\/p>\n<p>Die geschlossenen Abteilungen wiederum erleben ausschlie\u00dflich Krisen und k\u00f6nnen das Potenzial, Krisen im Vorhinein zu definieren und das Vorgehen mit dem Patienten zu besprechen, gar nicht vorhalten. Die Beziehung zwischen Behandlungsteam und Patient ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr Aggression auf psychiatrischen Stationen (Chou et al. 2002, Papadopoulos et al. 2012), und die Anzahl der positiven Statements, die ein Team dem Patienten gegen\u00fcber w\u00e4hrend dem Aufenthalt \u00e4u\u00dfert, ist der st\u00e4rkste Pr\u00e4diktor f\u00fcr den Behandlungsverlauf nach der Entlassung (Coleman Paul 2001). Beziehungsaufbau steht in inversem Zusammenhang zu Zwangsma\u00dfnahmen (Sheehan und Burns 2011) und pr\u00e4diziert das Risiko aggressiver Eskalationen (Beauford et al. 1997).<\/p>\n<p>Verlegungen beenden jeweils die therapeutische Beziehung, und deren Anzahl k\u00f6nnte ebenfalls eine Aussage zur therapeutischen Beziehung darstellen. Die therapeutische Beziehung \u2013 insbesondere zum verschreibenden Facharzt \u2013 sagt ma\u00dfgeblich die weitere Adh\u00e4renz und Haltung zur Therapie voraus (Day et al. 2005, Frank und Gunderson 1990, Weiss et al. 2002). In einem aktuellen systematischen Review von 71 Studien zeigt sich, dass der st\u00e4rkste Pr\u00e4diktor von aggressivem Patientenverhalten mit 39 Prozent der F\u00e4lle die <strong>Interaktion von Team und Patient<\/strong>, und zwar eine Restriktion bzw. Verweigerung eines Patientenwunsches war (Papadopoulos et al. 2012). Zwang entsteht in fast der H\u00e4lfte der F\u00e4lle durch den Entzug von Privilegien und der Verweigerung von W\u00fcnschen der Patienten (Katz und Kirkland 1990, Papadopoulos et al. 2012).<\/p>\n<p>Gewalt und Zwang treten seltener auf, wenn ein therapeutischer Rahmen mit vorhersagbaren Aktivit\u00e4ten vorgehalten wird (Katz und Kirkland 1990) und Pflegepersonal sich au\u00dferhalb des Dienstzimmers aufh\u00e4lt, sich also im <strong>Patientenkontakt<\/strong> befindet (Katz und Kirkland 1990). Die Beziehung zwischen Behandlungsteam und Patient ist einer der Hauptgr\u00fcnde f\u00fcr Aggression auf psychiatrischen Stationen; eine autorit\u00e4re und unflexible Haltung oder unn\u00f6tig konfrontativer Stil erh\u00f6ht das Vorkommen von Gewalt (Chou et al. 2002, Papadopoulos et al. 2012). Des Weiteren scheint die Anzahl der <strong>positiven Statements<\/strong>, die ein Team dem Patienten gegen\u00fcber w\u00e4hrend des Aufenthalts \u00e4u\u00dfert, der st\u00e4rkste Pr\u00e4diktor f\u00fcr den Behandlungsverlauf nach der Entlassung zu sein (Coleman Paul, 2001). Verlegungen beenden jeweils die therapeutische Beziehung und sorgen beim Patienten f\u00fcr ein Gef\u00fchl, dass keiner f\u00fcr ihn zust\u00e4ndig ist und keiner an seiner Seite steht. Die therapeutische Beziehung \u2013 insbesondere zum verschreibenden Facharzt \u2013 sagt jedoch ma\u00dfgeblich die weitere Adh\u00e4renz und Haltung zur Therapie voraus (Day et al. 2005, Frank und Gunderson 1990, Weiss et al. 2002).<\/p>\n<h2>Empfohlene Ma\u00dfnahmen<\/h2>\n<p>In der Praxis werden die <strong>in den Leitlinien empfohlenen Ma\u00dfnahmen<\/strong> zur Vermeidung von Zwang (Ander-Doliwa et al. 2005) nicht verbindlich ausgesch\u00f6pft. Eine aktuelle Studie zeigt, dass etwa die H\u00e4lfte der \u00c4rzte zwei bis drei von 18 alternativen Ma\u00dfnahmen aussch\u00f6pft, ca. 40 Prozent der \u00c4rzte jedoch keine der empfohlenen Ma\u00dfnahmen anwendet, und die durchschnittlich investierte Zeit vor einer Zwangsma\u00dfnahme bei etwa 30 bis 40 Minuten liegt (Teichert et al. 2016). In einer Leitlinie f\u00fcr den Umgang mit Zwangsma\u00dfnahmen wurde vom Arbeitskreis der Chef\u00e4rzte und leitenden Pflegepersonen der psychiatrischen Kliniken Rheinland-Pfalz ebenfalls Aspekte aufgezeigt, die als wesentlichen Faktor Zeit des Personals mit den Patienten erforderlich machen (Ander-Doliwa et al. 2005): \u201e(\u2026) Zuh\u00f6ren, Interesse an und Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die Situation des Patienten signalisieren, Anbieten von Gespr\u00e4chen mit anderen (\u2026), eindeutige Benennung von Verhalten, welches unerw\u00fcnscht und nicht tolerabel ist, Anbieten eines Getr\u00e4nks oder einer S\u00fc\u00dfigkeit (\u2026), eines warmen Bads (\u2026)\u201c (Ander-Doliwa et al. 2005).<\/p>\n<p>Auch wenn man die Betroffenensicht betrachtet, spielen etliche genannte Faktoren eine erhebliche Rolle, so werden zur Vermeidung von Zwang bei eigen- oder fremdgef\u00e4hrdenden nicht selbstbestimmungsf\u00e4higen Menschen folgende Aspekte angegeben: hochfrequente therapeutische Einzelgespr\u00e4che (rund 57 Prozent), Bedenkzeiten gew\u00e4hren (rund 20 Prozent), Ausbildung des Personals in Gewaltpr\u00e4vention und Deeskalation (rund 46 Prozent), h\u00f6herer Personalschl\u00fcssel (rund 42 Prozent), Anweisungen des Personals befolgen (rund 15 Prozent), Schutz vor Mitpatienten (rund zehn Prozent), Provokation durch Personal vermeiden (rund zehn Prozent), Patientenw\u00fcnsche ber\u00fccksichtigen (rund 14 Prozent), dem Patienten zuh\u00f6ren (rund 30 Prozent), R\u00fcckzugsm\u00f6glichkeiten f\u00fcr Patienten (rund 38 Prozent) und Einzelbetreuung (rund 36 Prozent) (Mielau et al. 2016). Auch andere Untersuchungen kommen zu dem Schluss, dass hinsichtlich der M\u00f6glichkeiten der Pr\u00e4vention von Zwangsma\u00dfnahmen auf Patientenseite der Wunsch nach mehr Kommunikation und Kontakt sowie nach ablenkenden oder beruhigenden Behandlungsangeboten besteht (Armgart et al. 2013, Olofsson et al. 2001).<\/p>\n<h2>\u201eOffene-T\u00fcr-Politik\u201c<\/h2>\n<p>Dass eine <strong>\u201eOffene-T\u00fcr-Politik\u201c<\/strong> in der Psychiatrie Zwangsma\u00dfnahmen reduzieren kann, ist in den Leitlinien der DGPPN und einem Statement der zentralen Ethikkommission der Bundes\u00e4rztekammer formuliert worden und wurde mehrfach in kleinen Pilotstudien beschrieben (Wiesing 2013, Gaebel et al. 2007, Sollberger und Lang 2014, Blaesi et al. 2015, Jungfer et al. 2014, Lang et al. 2010). In einer aktuellen Arbeit zeigt sich bei ca. 350.000 untersuchten F\u00e4llen, dass Komplikationen wie Suizide und Entweichungen in offen gef\u00fchrten psychiatrischen Versorgungskliniken nicht h\u00e4ufiger vorkommen, d.h., dass diese durch T\u00fcrschlie\u00dfungen scheinbar nicht verhindert werden k\u00f6nnen (Huber et al. 2016).<\/p>\n<p>In den offenen Kliniken scheint jedoch mit weniger Zwangsma\u00dfnahmen ein h\u00f6herer Anteil von Patienten medikament\u00f6s erreicht und behandelt zu werden (Schneeberger et al., eingereicht). Ob eine offene Psychiatrie auch die Zwangsunterbringungen beeinflusst, ist bisher noch nicht untersucht worden (Schneeberger et al. 2016). Im europaweiten Vergleich trat in \u00d6sterreich die Mehrzahl der gerichtlich untergebrachten Patienten auf offenen Stationen ein, in der Slowakei wurde die Mehrzahl der freiwillig eintretenden Patienten auf geschlossenen Stationen behandelt (Rittmannsberger et al. 2004, Lang et al. 2016). Die Behandlungspraxis bzw. der Freiheitsgrad der Patienten ist mit dem gerichtlichen Unterbringungsstatus nicht zwangsl\u00e4ufig konform (Rittmannsberger et al. 2004, Lang et al. 2016).<\/p>\n<h2>Universit\u00e4re Kliniken Basel<\/h2>\n<p>In den Universit\u00e4ren Kliniken in Basel (UPK) wurden Patienten 2011 auf vier geschlossenen Stationen (zwei Stationen mit Suchtschwerpunkt, zwei Stationen Allgemeinpsychiatrie) aufgenommen, sechs Stationen waren durchgehend ge\u00f6ffnet und \u00fcbernahmen oder verlegten Patienten von\/ auf die geschlossenen Stationen. Ausgenommen von dem \u00d6ffnungsprojekt war die Alterspsychiatrie (zwei Stationen), die (halb)geschlossen blieb und die Privatklinik (zwei Stationen), die immer offen war (Blaesi et al. 2015, Jungfer et al. 2014, Lang et al. 2016, Lo et al. 2016). Bis 2012\/13 wurden zwei der vier Stationen ge\u00f6ffnet, zwei wei tere \u00f6ffneten seit 2014\/2015 fakultativ mit einem steigenden hohen Anteil von ca. 80 bis 90 Prozent der Zeit.<\/p>\n<p>Das Sicherheitserleben der Pflegeteams der neu ge\u00f6ffneten Stationen stieg an, es wurden signifikant weniger Zwangsma\u00dfnahmen erforderlich (Blaesi et al. 2015, Lang et al. 2016, Lo et al. 2016, Jungfer et al. 2014). Des Weiteren verbesserten sich im Rahmen des \u00d6ffnungskonzeptes Patientenzufriedenheit, Stationsatmosph\u00e4re, Behandlungsqualit\u00e4t und Betreuungsschl\u00fcssel f\u00fcr Akutpatienten (Blaesi et al. 2015, Lo et al. 2016, Lang et al. 2016). Neben den Zwangsma\u00dfnahmen sanken auch die Zahlen der Patienten, die gegen \u00e4rztlichen Rat die Klinik verlie\u00dfen (Lo et al. 2016), sowie die Zahl der Patienten, die gegen eine Unterbringung rekurrierten.<\/p>\n<p>Mit dem \u00d6ffnungskonzept waren eine Implementierung psychotherapeutischer, diagnosespezifischer Konzepte auf den ehemals geschlossenen Akutaufnahmestationen, Kriseninterventionspl\u00e4ne und Interventionsm\u00f6glichkeiten auf den offenen Stationen, Angleichung der Liegedauern auf allen Abteilungen (Eintrittsstation=Austrittsstati on), Einf\u00fchrung von M\u00f6glichkeiten der Intensivbetreuung, i.e. Sitzwachenpool, Aufnahme nach Einbezug neu eintretender Patienten vorrangig auf offenen Stationen, Reduktion der Verlegungen, st\u00e4rkerer Einbezug der Patientenw\u00fcnsche in die Therapie (Einf\u00fchrung Behandlungsbeirat, Zufriedenheitsmessungen, Beschwerdemanagement, Patientenverf\u00fcgung), Lobbying bei beteiligten Berufsgruppen und externen Beh\u00f6rden (Polizei, Kinder- und Erwachsenenschutzbeh\u00f6rde, Amts\u00e4rzte, Sozialarbeiter, Angeh\u00f6rige, Rekurskommission), t\u00e4glicher Einbezug der Patienten in \u00d6ffnungsplanung, Liberalisierung Ausgangsregelungen und Bewegungsspielraum auf den Stationen, Aggressions- und Deeskalationstraining f\u00fcr alle beteiligten Berufsgruppen, Mortalit\u00e4tskonferenzen, Schulung im Assessment von Eigen- und Fremdgef\u00e4hrdung, Definition klarer Prozesse bei Suizidalit\u00e4t und Fahndung etc. und eine Ver\u00e4nderung der Visitenkultur verbunden. Welche der Ma\u00dfnahmen, die im Rahmen der \u00d6ffnung erforderlich wurden, zu einer Reduktion der Zwangsma\u00dfnahmen gef\u00fchrt hat, ist nicht sicher zu beurteilen.<\/p>\n<h2>Zusammenfassung<\/h2>\n<p>Zwangsma\u00dfnahmen sinken, wenn eine gute Stationsatmosph\u00e4re und ausreichend Platz besteht, der Umgang mit den Patienten respektvoll ist sowie eine wertsch\u00e4tzende und nicht regelorientierte individualisierte Haltung beim Team besteht, Patienten positiv gew\u00fcrdigt werden, eine Wertlegung auf Pr\u00e4vention besteht, Reflexionsf\u00e4higkeit des Teams vorliegt und den Patienten so viel Kontrolle wie m\u00f6glich erhalten bleibt. Im Auftreten von Zwangsma\u00dfnahmen spielen Nahbarkeit und Selbstreflexion des Teams, Aktivit\u00e4t des Teams und vorgehaltene Therapieangebote sowie die Auffassung \u00fcber den Ursprung der Aggression eines Patienten eine wichtige Rolle.<\/p>\n<p><em>Literatur bei der Autori<\/em><\/p>\n<p><strong><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft size-full wp-image-2096\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Lang.jpg\" alt=\"Foto: UPK Basel\" width=\"123\" height=\"123\" \/>Prof. Dr. Undine E. Lang<br \/>\n<\/strong>Klinikdirektorin der Erwachsenen-Psychiatrischen Klinik UPK, Ordinariat Psychiatrie der Universit\u00e4t Basel<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zwangsma\u00dfnahmen belasten die therapeutische Beziehung, gef\u00e4hrden die Adh\u00e4renz von Patienten und schaden dem Image der Psychiatrie, sie k\u00f6nnen mit Traumatisierung und Folgest\u00f6rungen von Patienten verbunden sein und zu deren Stigmatisierung beitragen. 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