{"id":2129,"date":"2017-06-01T14:52:40","date_gmt":"2017-06-01T12:52:40","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2129"},"modified":"2017-06-01T14:52:40","modified_gmt":"2017-06-01T12:52:40","slug":"psychotherapie-auf-dem-pruefstand","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2129","title":{"rendered":"Psychotherapie auf dem Pr\u00fcfstand"},"content":{"rendered":"<p><strong>Moderne Metaanalysen ergeben f\u00fcr die Wirksamkeit der Psychotherapie bei Depressionen moderate Effektst\u00e4rken. Die Kombination aus Pharmako- und Psychotherapie scheint weiterhin der ideale Weg zu sein, wobei die Abstimmung von psycho- und pharmakotherapeutischer Begleitung eine wesentliche Rolle spielen d\u00fcrfte. (CliniCum neuropsy 2\/17) <\/strong><\/p>\n<p>Das wissenschaftliche Interesse daran, die Wirksamkeit der Psychotherapie gewisserma\u00dfen auf den Evidenz- basierten Pr\u00fcfstand zu stellen, ist in den vergangenen 30 Jahren deutlich gestiegen. So zeigte Prim. Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Martin Aigner, Vorstand der Abteilung f\u00fcr Erwachsenenpsychiatrie und Leiter der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie am Universit\u00e4tsklinikum Tulln, k\u00fcrzlich bei einer Fortbildung an der Wiener Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie eine Analyse, derzufolge zwischen 1985 und 2015 die Zahl der einschl\u00e4gigen auf Pubmed ver\u00f6ffentlichten Publikationen von rund 150 auf insgesamt 950 gestiegen ist.<\/p>\n<p>F\u00fcr die kognitive Verhaltenstherapie, eine der bei Depressionen am h\u00e4ufigs ten angewendeten Psychotherapieformen, liegen die ermittelten Effektst\u00e4rken im Bereich von 0,35. Doch Metaanalysen, die keine \u201enegativen Studien\u201c einschlie\u00dfen k\u00f6nnen, unterliegen m\u00f6glicherweise einem Reporting- Bias. \u201eIn renommierten Journalen werden nur erfolgreiche Studien ver\u00f6ffentlicht. F\u00fcr psychopharmakologische Untersuchungen gilt mittlerweile eine verpflichtende Registrierung zu Studienbeginn, sodass auch negative Studien verfolgt werden k\u00f6nnen. Bei psychologisch\/psychotherapeutischen Studien erfolgt bislang die Registrierung nur auf freiwilliger Basis\u201c, erkl\u00e4rt Aigner. Im Hinblick auf die Frage nach unterschiedlichen Effekten bei den Geschlechtern wurden bislang \u00fcbrigens noch keine Gender-Effekte gezeigt. Demnach d\u00fcrfte eine Psychotherapie bei M\u00e4nnern und Frauen etwa gleich wirksam sein, wenn auch Frauen im Allgemeinen eine h\u00f6here Motivation f\u00fcr psychotherapeutische Methoden aufbringen, meint Aigner. \u201eIn \u00e4hnlicher Weise sehen wir bei Psychopharmaka- Studien zu Depressionen bei Frauen und M\u00e4nnern vergleichbare Erfolgsraten.\u201c<\/p>\n<h2>Kombination am wirksamsten<\/h2>\n<p>Als Evidenz-basiert gilt heute auch das Paradigma, dass sich in der Depressionsbehandlung \u2013 unabh\u00e4ngig von der Schwere der Erkrankung \u2013 die Kombination aus Psychopharmaka und Psychotherapie gegen\u00fcber den jeweiligen alleinigen Behandlungsformen als wirksamer erweist, speziell im Hinblick auf Langzeiteffekte. \u201eDementsprechend wird heute bei der Entlassung aus einer station\u00e4ren Behandlung den Patienten eine weiterf\u00fchrende Kombinationstherapie empfohlen\u201c, betont Aigner. M\u00f6glichst zeit nahe ambulante Therapieangebote w\u00fcrden sich hier positiv auswirken. Zur \u00dcberbr\u00fcckung von \u201eTherapiel\u00fccken\u201c k\u00f6nnen Gruppentherapieangebote genutzt werden, meint Aigner: \u201eIn Tulln haben wir gute Erfahrungen mit Gruppentherapien zur Nachbehandlung gemacht, die von Psychotherapeuten in freier Praxis in gemieteten Klinikr\u00e4umen angeboten werden.<\/p>\n<p>F\u00fcr Gruppentherapien gibt es in der Regel ausreichend Kassenpl\u00e4tze, sodass L\u00fccken zwischen station\u00e4rer und ambulanter Therapie vermieden werden k\u00f6nnen.\u201c Zwischen Psychotherapie und medikament\u00f6ser Therapie k\u00f6nnen Interaktionen auftreten, die zur gegenseitigen Verst\u00e4rkung, aber auch zu gegenseitiger Behinderung f\u00fchren k\u00f6nnen. Passen die Grundkonzepte nicht zusammen, etwa wenn Therapeuten ihre Klienten\/Patienten nicht gen\u00fcgend zur Einnahme der Antidepressiva motivieren oder sogar eine negative Einstellung zur Pharmakotherapie \u00e4u\u00dfern, k\u00f6nnen Stressmomente f\u00fcr Patienten entstehen, sagt Aigner. \u201eG\u00fcnstig im Sinne der Adh\u00e4renz wirkt es sich dagegen aus, wenn die Therapeuten etwa bei der Frage nach Nebenwirkungen den Patienten raten, diese vor einem Absetzen mit dem behandelnden Psychiater zu sprechen \u2013 das w\u00e4ren ideale Synergieeffekte.\u201c<\/p>\n<h2>Zukunftsfragen<\/h2>\n<p>Trotz aller Bem\u00fchungen betragen die R\u00fcckfallraten bei Depressionen selbst bei Kombinationstherapie noch immer rund 40 Prozent. \u201eWir werden daher noch weitere und detailliertere Studien brauchen, um spezielle Fragen auch zur Wirksamkeit der Psychotherapie zu beantworten und den einzelnen Patienten zu besseren und anhaltenden Therapieerfolgen zu verhelfen\u201c, meint Aigner. Dazu geh\u00f6rt etwa die Frage nach einer pharmakologischen Unterst\u00fctzung von \u201eLerneffekten\u201c, wie sie bereits f\u00fcr eine Medikation im experimentellen Setting gezeigt werden konnte. Auch die Frage nach der Wirksamkeit der Psychotherapie bei chronisch therapierefrakt\u00e4ren Patienten kann heute noch ebenso wenig schl\u00fcssig beantwortet werden wie jene nach der optimalen Abstimmung von Psycho- und Pharmakotherapie: Sollen beide zeitgleich begonnen werden oder die Psychotherapie erst dann, wenn die Wirksamkeit des Antidepressivums eingesetzt hat? \u201eEs gibt sicher Situationen, in denen Patienten mit der Psychotherapie im engeren Sinn noch \u00fcberfordert sind. In einer Studie \u00fcber trauerinduzierte Depressionen schnitt die Gruppe mit Psychotherapie \u00fcberraschenderweise schlechter ab als die Placebo- Gruppe. Hier d\u00fcrfte es zu einer \u00dcberforderung der Patienten gekommen sein\u201c, berichtet Aigner.<\/p>\n<p><em>\u201ePsychotherapie bei affektiven Erkrankungen\u201c, Wissenschaftliches Seminar, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, 16.3.17<\/em><\/p>\n<h2><\/h2>\n<h2>\u201eEine Depression ist so normal wie Zahnprobleme\u201c<\/h2>\n<p><strong>Bei einem Vortrag in Wien sprach sich der international anerkannte Experte f\u00fcr affektive Erkrankungen, Prof. Dr. Jules Angst, f\u00fcr die Entstigmatisierung seelischer Erkrankungen und auch der Psychiatrie als Ganzes aus. <\/strong><\/p>\n<p>Genauso wie im organischen Bereich g\u00e4be es auch im psychiatrischen Bereich flie\u00dfende \u00dcberg\u00e4nge von \u201egesund\u201c zu \u201ekrank\u201c. \u201eNoch dazu haben wir gerade bei affektiven St\u00f6rungen sehr hohen Pr\u00e4valenzraten: Etwa 50 Prozent der Frauen erkranken einmal in ihrem Leben an einer Depression \u2013 sie ist also beinahe so normal wie Augen- oder Zahnprobleme\u201c, betont der Schweizer Psychiater Prof. Dr. Jules Angst. \u201eDas wahre Problem ist die Stigmatisierung der Erkrankung, und sie betrifft nicht nur die Patienten, sondern auch uns Psychiater.\u201c<\/p>\n<p><strong>Neueste Erkenntnisse der Hirnforschung, die biologische Korrelate seelische St\u00f6rungen immer detaillierter belegen, tragen mit Sicherheit dazu bei, das Stigma zu verringern <\/strong>und die Rolle der Psychiater als \u201e\u00c4rzte\u201c zu untermauern. \u201eAllerdings m\u00fcssen wir uns auch der eigenen Limits und Erkl\u00e4rungsm\u00f6glichkeiten bewusst werden. Wir k\u00f6nnen nicht alles biologisch erkl\u00e4ren und m\u00fcssen auch andere Erkl\u00e4rungsmodelle lebendig halten, sonst f\u00fchrt die Diskussion dazu, den Menschen alleine auf sein Gehirn zu reduzieren\u201c, sagte Angst in der Diskussion mit Kollegen an der Wiener Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie. Angst verwies in seinem Vortrag zudem auf das von Depression \u00fcber bipolare St\u00f6rungen bis zu Manien reichende Kontinuum der affektiven St\u00f6rungen und \u00fcbte zugleich Kritik daran, dass im Diagnosemanual DSM-5 die Manie als eigene Diagnose nicht mehr vorkommt. \u201eZudem wurden durch die neuen diagnostischen Kriterien im DSM-5 viele bipolare St\u00f6rungen gleichsam in Depressionen zur\u00fcckverwandelt, das macht keinen Sinn!\u201c Immerhin unterscheiden sich unipolare und bipolare Erkrankungen deutlich im Spektrum der Komorbidit\u00e4ten: \u201eBipolar erkrankte Patienten haben z.B. deutlich mehr Panikattacken oder \u00c4ngste, w\u00e4hrend bei unipolaren Depressionen etwa Schlafst\u00f6rungen h\u00e4ufiger sind.\u201c<\/p>\n<p><strong>Bei der Diagnose, so Angst, sollten sich die untersuchenden \u00c4rzte daher nicht zu strikt an den Kriterien von DSM-5 orientieren: \u201eUnterhalten Sie sich genau mit den Patienten, und bauen Sie langsam die Diagnose auf\u201c, lautet sein konkreter Rat. <\/strong>Gerade bei \u201eversteckter Bipolarit\u00e4t\u201c m\u00fcsse genau nach Anzeichen einer Manie geforscht werden, denn \u2013 so Angst \u2013 manische Zust\u00e4nde werden noch immer h\u00e4ufig untersch\u00e4tzt. \u201eWir brauchen zudem auch viel mehr Langzeitstudien, um genaue Aussagen \u00fcber seelische Erkrankungen und deren Verlauf gewisserma\u00dfen von der Geburt bis zum Tod treffen zu k\u00f6nnen.\u201c<\/p>\n<p><em>Wissenschaftliches Seminar \u201eAffektive Erkrankungen im Lichte meiner langj\u00e4hrigen Forschung\u201c, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, 23.3.17 <\/em><\/p>\n<p><strong><em><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignleft wp-image-2131 size-full\" title=\"Foto: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/06\/Angst.jpg\" alt=\"Foto: Privat\" width=\"123\" height=\"113\" \/>Prof. Dr. Jules Angst <\/em><\/strong><em>ist Honorarprofessor der Universit\u00e4t Z\u00fcrich, wo er bis 1994 als Professor f\u00fcr Klinische Psychiatrie und Direktor der Forschungsabteilung f\u00fcr Psychiatrie t\u00e4tig war. F\u00fcr seine wissenschaftlichen Leistungen erhielt Angst zahlreiche internationale Auszeichnungen, darunter den \u201eLifetime Achievement Award in Biological Psychiatry\u201c der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) oder die Wagner-Jauregg-Medaille der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (\u00d6GPB).<br \/>\nE-Mail: Jules.angst@uzh.ch <\/em><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Von Mag. Christina Lechner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Moderne Metaanalysen ergeben f\u00fcr die Wirksamkeit der Psychotherapie bei Depressionen moderate Effektst\u00e4rken. Die Kombination aus Pharmako- und Psychotherapie scheint weiterhin der ideale Weg zu sein, wobei die Abstimmung von psycho- und pharmakotherapeutischer Begleitung eine wesentliche Rolle spielen d\u00fcrfte. 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