{"id":2188,"date":"2017-11-02T18:49:01","date_gmt":"2017-11-02T16:49:01","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2188"},"modified":"2017-11-02T18:49:01","modified_gmt":"2017-11-02T16:49:01","slug":"update-demenz","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2188","title":{"rendered":"Update Demenz"},"content":{"rendered":"<p><strong>Demenzerkrankungen geh\u00f6ren zu den h\u00e4ufigsten  psychiatrischen Erkrankungen im Alter. Das Wissen um die Ursachen und die  Behandlungsm\u00f6glichkeiten hat sich in letzter Zeit deutlich erh\u00f6ht. (CliniCum  neuropsy 4\/17) <\/strong><\/p>\n<p> In \u00d6sterreich leiden ca. 130.00 Patienten an einer Demenz. Gesundheits- und Pflegekosten in \u00d6sterreich betrugen 2007 1,7 Milliarden Euro und werden \u2013 nach Sch\u00e4tzungen der Wiener  Gebietskrankenkasse  \u2013 im Jahr 2050 4,6 Milliarden Euro betragen. Bei den \u00fcber 75-J\u00e4hrigen fallen ca. 20 Prozent aller Hauptoder Nebendiagnosen auf internen Abteilungen auf Demenzerkrankungen. Die Pr\u00e4valenzraten in Pflegeheimen  betragen f\u00fcr Demenzen 39 bis 87 Prozent. Da diese enorme Anzahl von Patienten zu 90 Prozent von Haus\u00e4rzten behandelt wird, ist eine exakte Diagnosestellung und optimale Therapie essenziell notwendig. Jedoch werden Demenzerkrankungen bei 40 bis 60 Prozent \u00fcbersehen. Eine Fr\u00fchdiagnose erscheint deshalb besonders wichtig und erm\u00f6glicht eine erfolgversprechende mehrdimensionale Therapie. <\/p>\n<h2> Diagnose und Differenzialdiagnose (DD) <\/h2>\n<p> Neben der Demenz bei Alzheimer-Krankheit (AD) unterscheidet das ICD-10 noch die vaskul\u00e4re Demenz (F01), die  Demenz bei andernorts klassifizierten Krankheiten, z.B. Demenz bei prim\u00e4rem Parkinson-Syndrom (F02), und die nicht n\u00e4her bezeichnete Demenz (F03). Im ICD-10 und im DSM-IV basieren alle  Begrifflichkeiten f\u00fcr  organische symptomatische psychische St\u00f6rungen auf dem zentralen\u00a0Begriff Demenz. Die kognitiven St\u00f6rungen, allen voran die  Abnahme der Ged\u00e4chtnisleistung, aber auch St\u00f6rungen im Bereich der Urteilsf\u00e4higkeit und des Denkverm\u00f6gens  wie auch eine verminderte Affektkontrolle und St\u00f6rung des Antriebs oder Sozialverhaltens, m\u00fcssen so ausgepr\u00e4gt\u00a0sein, dass sie zu einer Beeintr\u00e4chtigung der t\u00e4glichen  Aktivit\u00e4ten f\u00fchren. Dieses Kriterium wird in der ICD-10 in Form einer dreistufigen Einteilung des Schweregrades differenziert ber\u00fccksichtigt. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: Shulman K et al., 2006\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T1.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"406\" class=\"alignnone size-full wp-image-2193\" \/><\/p>\n<p>Im DSM-5 werden die Bezeichnungen &bdquo;Delir, Demenz, amnestische und andere kognitive  St\u00f6rungen&ldquo; durch die diagnostische  Gruppe &bdquo;neurokognitive St\u00f6rungen&ldquo; ersetzt.  St\u00f6rungen  in den  sechs kognitiven Dom\u00e4nen  (komplexe  Aufmerksamkeit,  exekutive  Funktionen,  Lernen  und Ged\u00e4chtnis, Sprache, perzeptuell-motorische F\u00e4higkeiten  und soziale Kognition) sind je nach dimensionaler Auspr\u00e4gung obligatorisch nachzuweisen. Die  Aufgabe der Fach\u00e4rzte f\u00fcr Psychiatrie\/Neurologie umfasst eine genaue Anamneseerhebung unter Einbeziehung der  Angeh\u00f6rigen, die organneurologische Untersuchung, das Erstellen des psychopathologischen Status sowie eine Untermauerung der Ergebnisse durch entsprechende testpsychologische Untersuchungen. F\u00fcr  das  Screening eignen sich die MiniMental-State-Examination (MMSE), das Montreal Cognitive Assessment (MOCA),  der Uhrentest, der &bdquo;Intracategorical Delayed  Selective Reminding&ldquo;(IDSR)-Ged\u00e4chtnistest  sowie der DemTec. Tabelle 1 zeigt die weltweit am h\u00e4ufigsten verwendeten kognitiven Screeningtests. Obligatorische und fakultative Zusatzuntersuchungen zeigt Tabelle 2. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T2.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"739\" class=\"alignnone size-full wp-image-2194\" \/><\/p>\n<p>W\u00e4hrend Betroffene  ihre Defizite h\u00e4ufig verleugnen, nehmen Angeh\u00f6rige oft erste Ver\u00e4nderungen wahr. Verleugnungsund Verdr\u00e4ngungsmechanismen  der Angeh\u00f6rigen verhindern die  tats\u00e4chliche  Wahrnehmung derartiger Symptome \u00fcber lange Zeit. Dazu geh\u00f6ren kognitive Beeintr\u00e4chtigungen (St\u00f6rung des Kurzzeitged\u00e4chtnisses) ebenso wie Wesens- und Verhaltens\u00e4nderungen,  z.B. sozialer R\u00fcckzug (vor allem von anspruchsvolleren, komplexeren sozialen T\u00e4tigkeiten), Antriebsschw\u00e4che,  Desinteresse und Angst. Diese Symptome nehmen mit  zunehmendem Schweregrad der Demenzerkrankung zu.  In  der DD geht es einerseits um die Abgrenzung zwischen  Demenz und Depression (Tabelle 3) sowie andererseits zwischen Demenz und Delir (Tabelle 4). Bei der DD zwischen Demenz und Delir ist zu bedenken, dass das Risiko,  ein Delir zu entwickeln, mit zunehmendem Alter ansteigt.  Eine vorbestehende Demenz erh\u00f6ht dieses Risiko. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T3.jpg\" alt=\"T3\" width=\"470\" height=\"487\" class=\"alignnone size-full wp-image-2195\" \/><\/p>\n<p>Delirante Zust\u00e4nde  werden bei \u00e4lteren Patienten h\u00e4ufig \u00fcbersehen, da die imponierende Verwirrtheit als Dauerzustand  angenommen wird. Somit ist neben der DD das Erkennen einer Komorbidit\u00e4t von Demenz und Delir von klinischer Bedeutung. Im  Liquor  k\u00f6nnen bestimmte Proteinkonstellationen  nachgewiesen werden (A\u00df-Amyloid-Peptid1-42 reduziert,  da in  den Plaques abgelagert  und phosphorylisiertes  TauProtein erh\u00f6ht, als Indikator des Neuronenuntergangs), die  mit \u00fcber 90-prozentiger Wahrscheinlichkeit f\u00fcr das Vorliegen einer Demenz vom Alzheimer-Typ sprechen. Daher kann diese Untersuchung bei Betroffenen,  die ein f\u00fcr eine DAT nicht typisches oder unklares Beschwerdebild  zeigen, zu einer genaueren Kl\u00e4rung der Ursache beitragen, z.B.  in der Abgrenzung der DAT zur depressiven Pseudodemenz.  Gerade  am Beginn einer demenziellen Erkrankung  sind Symptome einer depressiven  St\u00f6rung h\u00e4ufig, womit die  DD Demenz\/Depression oft schwierig ist. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: M. Rainer 2014, nach D\u00e4nischer Ges. f\u00fcr Allg.medizin\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T4.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"740\" class=\"alignnone size-full wp-image-2196\" \/><\/p>\n<p>&bdquo;Late-onset-Depressionen&ldquo;  sind  erstmalige  depressive  St\u00f6rungen im h\u00f6heren und hohen Lebensalter, welche in  der  Literatur als RF in der Entstehung demenzieller Erkrankung hervorgehoben werden. Der  in beiden F\u00e4llen gerechtfertigte Einsatz eines Antidepressivums  kann unter Umst\u00e4nden  bei diagnostischen Unklarheiten  hilfreich sein, da im Falle einer Depression  mit dem Abklingen der affektiven St\u00f6rung eine deutliche Verbesserung der kognitiven Leistungen einhergeht. Beweisend ist dies jedoch nicht, da umgekehrt auch depressive Symptome  bei Vorliegen einer DAT auf Antidepressivatherapie ansprechen. Zu den neuen diagnostische M\u00f6glichkeiten z\u00e4hlen Amyloid-PET und FP-CIT-SPECT. Ein Amyloid-PET, das mit F18-Tracern durchgef\u00fchrt wird, erm\u00f6glicht es, eine prodromale AD, atypische AD und unklare leichte kognitive  Beeintr\u00e4chtigungen zu verifizieren und dient auch zur Verlaufsdokumentation. Ein  FP-CIT-SPECT  kann  eine Lewy-Body-Demenz (LBD) sehr elegant von einer  AD unterscheiden, da die Dopamintransporter bei  LBD  reduziert sind und szintigraphisch erfasst werden k\u00f6nnen (Tabelle 5). <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T5.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"503\" class=\"alignnone size-full wp-image-2197\" \/><\/p>\n<p>Dar\u00fcber hinaus ist auch die Unterscheidung eines antipsychotika-induzierten Parkinsonoids  von einem Morbus Parkinson sehr hilfreich. Ein zweiter Schritt in der DD ist die \u00e4tiologische Zuordnung der Demenz. Bis zu 70 Prozent aller Demenzerkrankungen sind nach derzeitigem Wissensstand  degenerativer \u00c4tiologie, wobei wiederum mehr als die H\u00e4lfte dem  Alzheimer-Typ zuzuordnen ist. Der Rest verteilt sich auf vaskul\u00e4re, gemischte und sekund\u00e4re Demenzformen. Eine Vielzahl verschiedenster  neuropathologischer Ver\u00e4nderungen m\u00fcndet in der &bdquo;gemeinsamen Endstrecke&ldquo; Demenz. Abbildung 2 zeigt die H\u00e4ufigkeitsverteilung der  Demenzformen. <\/p>\n<h2> Verlauf und Symptomatik <\/h2>\n<p> Grunds\u00e4tzlich sind hinsichtlich des Verlaufs der DAT ein pr\u00e4symptomatisches und ein Fr\u00fchstadium, weiters eine leichte  bis mittlere und schlie\u00dflich  eine schwere Demenz  zu unterscheiden.  Im pr\u00e4symptomatischen Stadium lassen sich lediglich RF (etwa bestimmte Genmutationen)  definieren. Darauf kann das Stadium des Mild Cognitive Impairment (MCI) folgen. Patienten mit diagnostiziertem MCI haben ein deutlich erh\u00f6htes Risiko, sp\u00e4ter eine Demenz zu entwickeln (in der Literatur finden sich Werte zwischen vier und 25 Prozent). Eine leichte Demenz entspricht etwa einem MMSE von 26 bis 20, eine mittlere Demenz einem MMSE  von  19 bis 11, eine schwere einem MMSE von \u226410. <\/p>\n<p>W\u00e4hrend die DAT einen schleichenden Beginn und eine allm\u00e4hliche Verschlechterung zeigt, sieht man bei vaskul\u00e4ren Demenzen, die eine pathogenetisch sehr heterogene Gruppe darstellen,  h\u00e4ufig einen zeitlichen Zusammenhang zwischen isch\u00e4mischem Ereignis und Verschlechterung. Die Symptomatik der DAT im Zeitverlauf zeigt ganz bestimmte Muster. So beginnt sich h\u00e4ufig die Stimmung als erster  Parameter noch vor dem kognitiven Abbau zu ver\u00e4ndern, w\u00e4hrend Verhaltenssymptome oft sp\u00e4ter auftreten und motorische Symptome erst sehr sp\u00e4t im Krankheitsverlauf vorkommen. Die Art der kognitiven und auch der Alltagsfehlleistungen l\u00e4sst sich in gewissem Ausma\u00df dem Krankheitsstadium  zuordnen. Der Umgang mit Geld wird vermehrt an die Umgebung delegiert. Im  fr\u00fchen Stadium werden h\u00e4ufig Namen, Telefonanrufe und Verabredungen vergessen; die Betroffenen  versuchen sich mit dem Anlegen von Listen zu  helfen. Im mittleren Stadium werden auch Gesichter nicht mehr erkannt und sehr rezente  Ereignisse nicht  mehr erinnert. Die Betroffenen  sind unf\u00e4hig, Verabredungen  einzuhalten und k\u00f6nnen auch  keine Listen mehr verwenden. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: modifiziert nach Galasko D et al., 1997\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T6.jpg\" alt=\"\" width=\"640\" height=\"856\" class=\"alignnone size-full wp-image-2198\" \/><\/p>\n<p>Im sp\u00e4ten Stadium  leben Betroffene  komplett in der  Vergangenheit, erkennen auch zum Teil Familienmitglieder  nicht mehr, es kommt zu Missidentifikationen.  Der Begriff des BPSD (Behavioural and psychological symptoms of dementia) beschreibt eine heterogene Gruppe  psychischer Reaktionen, Symptome und Verhaltensst\u00f6rungen bei Demenzpatienten, unabh\u00e4ngig von der zugrunde liegenden \u00c4tiologie. Dazu geh\u00f6ren Verhaltensst\u00f6rungen wie Agitation, Aggression oder Schlafst\u00f6rungen, ebenso psychische Symptome  wie etwa Halluzinationen, Depression oder Angst. Die Pr\u00e4valenz  von BPSD\u00a0wird mit 60 bis 90 Prozent angegeben. Tabelle 6 zeigt St\u00f6rungen von Kognition, Funktion und Verhalten,  die mit  einer leichten, mittelschweren  und schweren Demenz einhergehen. W\u00e4hrend bei frontotemporalen Demenzen (FTD) Affektver\u00e4nderungen, Verflachung,  Depression, aggressive Durchbr\u00fcche und Verfall des Sozialverhaltens  im Vordergrund stehen, kommt es bei der LBD zu rezidivierenden persistierenden  szenischen Halluzinationen und systematisiertem Wahn. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: Reisberg B et al., 1999\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T7-e1507683776990.jpg\" alt=\"\" width=\"730\" height=\"509\" class=\"alignnone size-full wp-image-2199\" \/><\/p>\n<p>H\u00e4ufig tritt in einem fr\u00fchen Stadium der LBD ein Parkinson-Syndrom auf, und es besteht eine Hypersensitivit\u00e4t auf Antipsychotika mit einer stark Dopamin-blockierenden Wirkung. Die Retrogenese-Theorie von Reisberg (Tabelle 7) illustriert sehr anschaulich, dass die Entwicklung einer DAT  tats\u00e4chlich einer retrograden kindlichen Entwicklung entspricht sowie dass nach und nach F\u00e4higkeiten verloren gehen,  die Kinder und Jugendliche im Laufe ihres Heranwachsens erwerben. Dies geht bis hin zur Kontinenz und zum Spracherwerb. Vielleicht ist dieser Gedanke hilfreich dabei, das Verst\u00e4ndnis f\u00fcr Demenzkranke auch in der \u00d6ffentlichkeit und bei Angeh\u00f6rigen zu f\u00f6rdern.<\/p>\n<h2>  \u00c4tiologie und Risikofaktoren (RF) <\/h2>\n<p> Die \u00c4tiologie der DAT ist nach wie vor unbekannt. Genetische Faktoren spielen sicherlich eine Rolle (Konkordanzrate\u00a0bei homozygoten Zwillingen 40 Prozent), wobei jedoch famili\u00e4r geh\u00e4ufte Formen sehr selten sind und meistens vor dem 50. Lebensjahr auftreten. Urs\u00e4chlich wurden  Ver\u00e4nderungen auf den Chromosomen 1, 14, 19 und 21 nachgewiesen sowie auch entz\u00fcndliche  Vorg\u00e4nge im Gehirn als urs\u00e4chlich diskutiert. Ein h\u00f6heres Lebensalter,  geringere Schulbildung, fr\u00fchere Sch\u00e4del-Hirn-Verletzungen und vorausgegangene depressive  Episoden, insbesondere im Alter, stellen zumindest  Vulnerabilit\u00e4tsfaktoren dar, w\u00e4hrend eine hohe Schulbildung und ein geistig  aktives Leben protektive Faktoren sein k\u00f6nnen. Ob auch schwerwiegende Lebensereignisse einen pr\u00e4zipitierenden Faktor darstellen, wird unterschiedlich bewertet. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: Maier &#038; Barnikol, Nervenarzt 2014; 85:564\u2013570\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/A1.jpg\" alt=\"\" width=\"730\" height=\"669\" class=\"alignnone size-full wp-image-2201\" \/><\/p>\n<p>Pathogenetisch k\u00f6nnten Reduktionen im zerebralen Blutfluss sowie der  Glukoseund Sauerstoffutilisation eine Rolle spielen.  Letztlich kommt es auf dem Weg \u00fcber die  Bildung von extrazellul\u00e4ren Plaques (Beta-Amyloid) und intrazellul\u00e4ren Neurofibrillen (Tau-Protein) zum Absterben von Neuronen und zum Synapsenverlust  mit seinen klinischen Folgen. RF f\u00fcr eine DAT sind Alter, Atherosklerose, Hypercholesterin\u00e4mie, Diabetes, Hypertonie und \u00dcbergewicht (Tabelle 8). Wenn es im Rahmen dieses neurodegenerativen Prozesses zur Freisetzung initial intrazellul\u00e4rer Tauverbindungen in den Extrazellul\u00e4rraum kommt, f\u00fchrt dies zu einer  Beschleunigung des Zelluntergangs. Ein wesentlicher nicht beeinflussbarer RF f\u00fcr die Entwicklung der DAT ist der genetische Hintergrund. Nur bei einem sehr  geringen Anteil der Betroffenen besteht eine heredit\u00e4re Erkrankung mit autosomal-dominantem Vererbungsmuster  (&lt;1%o), wo es zu einer Mutation  im Amyloid-Precursor-Protein(APP)-Gen oder dem Pr\u00e4senilin-1oder -2-(PSEN1,  PSEN2)-Gen kommt. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: Nach L. Fr\u00f6lich 2005\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/A2-e1507684101255.jpg\" alt=\"\" width=\"731\" height=\"275\" class=\"alignnone size-full wp-image-2202\" \/><\/p>\n<p>Diese  famili\u00e4re  Form ist durch einen sehr fr\u00fchen Erkrankungsbeginn gekennzeichnet (zwischen 40 und 65 Jahren). Der weitaus  gr\u00f6\u00dfte Teil der DAT-Syndrome folgt jedoch einem polygenetischen Vererbungsmuster. Hier wurden in den vergangenen  Jahren zahlreiche Risikoallele verschiedener Gene  definiert, welche h\u00e4ufig mit dem Auftreten der DAT assoziiert wurden. Der st\u00e4rkste genetische RF f\u00fcr die sporadische DAT ist eine Variante des Apolipoproteins E (ApoE) auf Chromosom 19: ApoE4. Die \u00c4tiologie  der vaskul\u00e4ren VAD ist heterogen. H\u00e4ufig  finden sich Durchblutungsst\u00f6rungen durch atherosklerotische Ver\u00e4nderungen kleiner und mittlerer zerebraler Arterien, die zu kleinen multiplen  lakun\u00e4ren Infarkten  (&lt;5mm im kranialen CT) und Demyelinisierung f\u00fchren k\u00f6nnen.  Auch von pathologisch ver\u00e4nderten Herzklappen  ausgehende Emboli k\u00f6nnen zu zerebralen Infarzierungen f\u00fchren. <\/p>\n<p>Weitere \u00e4tiologische Unterformen der vaskul\u00e4ren Demenz sind die Multiinfarktdemenz, die  subkortikale arteriosklerotische Enzephalopathie (Morbus Binswanger) und die Demenz durch multiple intrazerebrale H\u00e4matome. Der \u00dcberlappungsbereich zwischen VAD und DAT ist wesentlich gr\u00f6\u00dfer als bisher angenommen. Eine VAD v\u00f6llig  ohne AD-Pathologie tritt relativ selten  auf.  Besteht eine DAT mit gleichzeitiger zerebrovaskul\u00e4rer Erkrankung (CVD), so spricht man heute  von &bdquo;DAT w\/CVD&ldquo;  (AD mit zerebrovaskul\u00e4rer Erkrankung). RF f\u00fcr VAD sind zu einem Gro\u00dfteil  die gleichen wie f\u00fcr DAT: Alter, genetische Faktoren, Atherosklerose, Diabetes, Rauchen, Vorhofflimmern und \u00dcbergewicht. Zu betonen  ist jedoch, dass das Vorhandensein von allen vaskul\u00e4ren  RF f\u00fcr die Diagnose VAD nicht ausreicht. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: Mayeux et al., 2012\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/T8.jpg\" alt=\"\" width=\"470\" height=\"428\" class=\"alignnone size-full wp-image-2200\" \/><\/p>\n<p>Die Rationale f\u00fcr eine antidementive Therapie nicht nur bei DAT, sondern\u00a0auch bei VAD und DAT w\/CVD besteht darin, dass beide Erkrankungen gemeinsame RF und pathologische Merkmale haben. Bei beiden Erkrankungen besteht eine cholinerge Dysfunktion und Excitotoxizit\u00e4t aufgrund einer exzessiven Glutamatfreisetzung mit \u00dcberstimulation des NMDA-Rezeptors  und nachfolgendem neurotoxischem Kalziumioneneinstrom. Im Falle der DAT sowie der Parkinson-Demenz und insbesondere der LBD existiert ein  cholinerges Neurotransmitter-Defizit. Vaskul\u00e4re L\u00e4sionen beeintr\u00e4chtigen cholinerge Signalwege.<\/p>\n<p><strong>Epidemiologie  und Pr\u00e4valenz <\/strong><\/p>\n<p>Die Anzahl \u00e4lterer Menschen  betr\u00e4gt weltweit derzeit ca. 900 Millionen, die vor allem in relativ armen  L\u00e4ndern leben. Da die Mortalit\u00e4tsraten \u00c4lterer st\u00e4ndig sinken, die  Lebenserwartung gleichzeitig erfreulicherweise ansteigt und kein Alterslimit in  Sicht ist, werden auch in Zukunft die Pr\u00e4valenzraten f\u00fcr neurodegenerative  Erkrankungen zunehmen. Nach einem Bericht von Alzheimer Disease International  (ADI) 2015 wird die Anzahl der \u00e4lteren Menschen in den einkommensreichsten L\u00e4ndern  zwischen 2015 und 2050 um 56 Prozent, in den einkommens\u00e4rmsten Regionen  hingegen um 239 Prozent steigen. W\u00e4hrend die Pr\u00e4valenzraten in Asien und Afrika  ansteigen, nehmen diese in Europa und Amerika ab, verglichen mit den Daten von  2009. 2015 leiden 46,8 Millionen weltweit an Demenz. Diese Zahl wird sich in den  n\u00e4chsten 20 Jahren verdoppeln, sodass 2030 mit 74,7 Millionen und 2050 mit  131,5 Millionen gerechnet wird. <\/p>\n<p>Die Inzidenzraten werden auf 9,9 Millionen  neuer Demenzf\u00e4lle pro Jahr weltweit gesch\u00e4tzt. Dies bedeutet, dass alle 2,3  Sekunden jemand dement wird. Diese Zahlen sind um 30 Prozent h\u00f6her, als von der  WHO und ADI 2010 und 2012 gesch\u00e4tzt wurde. Davon entfallen 4,9 Millionen (49%)  auf Asien, 2,5 Millionen (25%) auf Europa, 1,7 Millionen (18%) auf Amerika und  0,8 Millionen (8%) auf Afrika. Die Inzidenz der Demenz verdoppelt sich alle 6,3  Jahre, von 3,9 pro 1.000 Personen-Jahre zwischen 60 bis 64 Jahre zu 104,8 pro  1.000 Personen-Jahre im Alter von 90+. Erfreulicherweise wurden statistisch  signifikante Inzidenzreduktionen in zwei US-populationsbasierten Studien  (Afroamerikaner in Indianapolis (\u20135,5%), in der Framingham-Studie (\u20131,6%), in  einer franz\u00f6sischen Studie (\u20133,5%) und in der Rotterdam-Studie (\u20132,5%))  berichtet. \u00c4hnliche Ergebnisse zeigte auch eine Analyse von Versicherungsdaten  in Deutschland (\u20139%). Zur Demenzpr\u00e4valenz zeigen sich in drei von neun  analysierbaren Studien \u00e4hnlich erfreuliche Ergebnisse. Statistisch signifikante  Pr\u00e4valenzraten zeigen sich in der Medical Research Counsil Cognitiv function  and Ageing Study (MRC CFAS, \u20131,7%) in der spanischen Demenzstudie in Zaragoza (\u20133,6%)  und in der Health and Retirement Study (HRS, \u20133,2%) in den USA. <\/p>\n<p>In anderen  Studien war die Pr\u00e4valenzrate stabil, nur in einer japanischen Studie wurde ein  38-prozentiger relativer Anstieg der Demenzpr\u00e4valenzraten zwischen 1985 und  2005 dokumentiert. Der generelle Trend in vielen h\u00f6heren Einkommensl\u00e4ndern,  weniger zu rauchen, Blutdruck und Cholesterinspiegel zu reduzieren und  k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t zu steigern, d\u00fcrfte zu diesen positiven Effekten gef\u00fchrt  haben. Konterkarierend ist ein Pr\u00e4valenzanstieg bei \u00dcbergewicht und Diabetes  bei diesem Trend. Ein Indikator einer erfolgreichen Demenzrisikofaktorenreduktion  ist die Verschiebung der Demenzinzidenz in ein h\u00f6heres Lebensalter. Durch einen  versp\u00e4teten Demenzbeginn kann jedoch die Demenzmortalit\u00e4t steigen und die  \u00dcberlebenszeit an der Demenz fallen. Dieses Ph\u00e4nomen wurde als &bdquo;Kompression der  kognitiven Morbidit\u00e4t&ldquo; von Langa beschrieben und beinhaltet das Ziel, das  Demenzauftreten in Richtung des nat\u00fcrlichen Lebensendes zu verschieben. <\/p>\n<p><em> Quellen:  KonsensusStatement \u2013 State of the art 2014 und 2015; CliniCum neuropsy Sonderausgabe <\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Rainer_Kasper.jpg\" alt=\"Fotos: Archiv, MedUni Wien\/Matern\" width=\"250\" height=\"118\" class=\"alignleft size-full wp-image-2191\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Prof.  Priv.-Doz. Dr. Michael Rainer<\/em><\/strong><em> (links) Memory Klinik und Karl Landsteiner  Institut f\u00fcr Ged\u00e4chtnis- und Alzheimerforschung im SMZ Ost, Wien <br \/>\n  <strong>O. Univ.-Prof. Dr.h.c.mult. Dr.  Siegfried Kasper<\/strong> (rechts) Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien<\/em><\/p>\n<p><em>Lecture  Board: Prim. Dr. Christian Jagsch, Univ.-Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Kapfhammer, Prim.  Dr. Elmar Windhager, O\u00c4. Dr. Katharina Zauner <\/em><\/p>\n<p><em>\u00c4rztlicher  Fortbildungsanbieter: Klinische Abt. f\u00fcr Biologische Psychiatrie, Universit\u00e4tsklinik  f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien <\/em><\/p>\n<p><em>Wir  danken allen, die an den Konsensus-StatementsState of the Art 2014 und 2015 zu  Psychopharmakotherapie und den Demenzerkrankungen mitgearbeitet haben.<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Demenzerkrankungen geh\u00f6ren zu den h\u00e4ufigsten psychiatrischen Erkrankungen im Alter. Das Wissen um die Ursachen und die Behandlungsm\u00f6glichkeiten hat sich in letzter Zeit deutlich erh\u00f6ht. Ein Beitrag von Prof. Priv.-Doz. Dr. Michael Rainer und o. Univ.-Prof. Dr.h.c.mult. Dr. Siegfried Kasper (CliniCum neuropsy 4\/17) <\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2190,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[166,13],"tags":[169,170,28,33],"class_list":["post-2188","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-166","category-neuropsy","tag-alzheimer","tag-demenz","tag-neurologie","tag-psychiatrie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2188","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2188"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2188\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2188"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2188"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2188"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}