{"id":2228,"date":"2017-11-02T18:49:01","date_gmt":"2017-11-02T16:49:01","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2228"},"modified":"2017-11-02T18:49:01","modified_gmt":"2017-11-02T16:49:01","slug":"kopfschmerz-die-praevalenzen-liegen-im-zweistelligen-prozentbereich","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2228","title":{"rendered":"Kopfschmerz: \u201eDie Pr\u00e4valenzen liegen im zweistelligen Prozentbereich!\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zw\u00f6lf Prozent der Bev\u00f6lkerung leiden an  Migr\u00e4ne, ein Prozent an einer chronischen Form. Neu entdeckte Biomarker und  Befunde aus der Bildgebung liefern laufend neue Erkenntnisse f\u00fcr die  Optimierung von Diagnose und Therapie dieser Form von Kopfschmerz. Dabei gilt  es, alle Kopfschmerzpatienten bedarfsgerecht zu den entsprechenden  Versorgungseinrichtungen zu leiten, betont der Pr\u00e4sident der \u00d6sterreichischen Kopfschmerzgesellschaft  (\u00d6KSG) Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Gregor Br\u00f6ssner, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr  Neurologie, Innsbruck. (CliniCum  neuropsy 3\/17)<\/strong><\/p>\n<p><em><strong>CliniCum neuropsy: Warum  haben Sie sich als Neurologe auf das Thema Kopfschmerz spezialisiert? <\/strong><\/em><\/p>\n<p><strong>Br\u00f6ssner: <\/strong>Kopfschmerz geh\u00f6rt zu jenen neurologischen  Symptomen bzw. Erkrankungen, die eine gro\u00dfe Anzahl von Patienten betreffen \u2013  die Pr\u00e4valenzraten liegen beim prim\u00e4ren Kopfschmerz im zweistelligen  Prozentbereich mit steigender Tendenz. Hinzu kommt, dass wir gerade in den  letzten zehn Jahren wegweisende Entdeckungen auf dem Gebiet der  Pathophysiologie erringen konnten und es enorme therapeutische Fortschritte  gab. Kopfschmerz ist aus meiner Sicht daher in der niedergelassenen Praxis  genauso eines er wichtigsten neurologischen Themen wie hier an einer  Universit\u00e4tsklinik. <\/p>\n<p><em><strong>Welche sind  aus Ihrer Sicht die wichtigsten neuen Erkenntnisse, die in den letzten Jahren  gewonnen wurden? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Bis  vor Kurzem waren wir in der Diagnose des Kopfschmerzes ausschlie\u00dflich auf die  anamnestischen Angaben der Patienten angewiesen. Neu entdeckte Biomarker im  Blut, darunter das Calcitonin- Gen-assoziierte Peptid (Calcitonin Gene-related  Peptide; CGRP, Anm.) bei Migr\u00e4ne sowie Erkenntnisse aus der Bildgebung tragen dazu  bei, das pathophysiologische Verst\u00e4ndnis von Kopfschmerzerkrankungen verst\u00e4rkt  objektivierbar zu machen, auch wenn diese vorl\u00e4ufigen Ergebnisse bislang  vorwiegend von wissenschaftlichem Interesse sind. CGRP ist etwa bei Patienten  innerhalb der Migr\u00e4neattacke signifikant erh\u00f6ht. Bei der Bildgebung zeigt  wiederum die funktionelle Magnetresonanztomographie, dass bei Migr\u00e4ne  charakteristische Aktivit\u00e4ten im Kerngebiet des Trigeminus und im Hypothalamus bereits  vor dem Auftreten der Kopfschmerzsymptomatik erkennbar sind. Allerdings werden  auch diese Verfahren heute noch auf rein wissenschaftlicher Basis angewendet. <\/p>\n<p><strong><em>Welche Herausforderungen bestehen aus  neurologischer Perspektive bei der Differenzialdiagnose des Kopfschmerzes? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Angesichts von 200 verschiedenen Arten,  die wir beim Kopfschmerz unterscheiden, bedeutet die Differenzialdiagnose  tats\u00e4chlich eine gro\u00dfe Herausforderung. Bei allen Kopfschmerzen gilt es  zun\u00e4chst, prim\u00e4re Formen von anderen Erkrankungen mit dem Leitsymptom Kopfschmerz  zu unterscheiden. Es k\u00f6nnen etwa akut lebensbedrohliche Hirnblutungen dahinter  stecken wie auch Bluthochdruck. Neben der genauen Anamnese kommt dazu eine  breite Palette diagnostischer M\u00f6glichkeiten wie Bildgebung, Ultraschall,  Liquoruntersuchung oder Laborbefunde. <\/p>\n<p><em><strong>Welche  Rolle spielen Gender-Aspekte bei Kopfschmerz und speziell bei Migr\u00e4ne? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir wissen seit Langem, dass einige  Kopfschmerzformen, wie z.B. Migr\u00e4ne, bei Frauen deutlich h\u00e4ufiger vorkommen,  w\u00e4hrend beispielsweise Cluster-Kopfschmerzen bei M\u00e4nnern dominieren. Bei Frauen  spielen hormonelle Einfl\u00fcsse eine Rolle, denn vor der Pubert\u00e4t kommt Migr\u00e4ne  bei M\u00e4dchen und Buben gleich h\u00e4ufig vor, w\u00e4hrend sie danach bei Frauen h\u00e4ufiger  und auch zyklusabh\u00e4ngig auftritt. Schwangerschaft und Stillen f\u00fchren meist zu  einer Besserung von H\u00e4ufigkeit und Schwere. In der Postmenopause sinkt die  Migr\u00e4neh\u00e4ufigkeit bei Frauen wieder, bleibt jedoch insgesamt \u00fcber jener der M\u00e4nner.  Keinesfalls darf das h\u00e4ufigere Auftreten von Kopfschmerz bei Frauen jedoch dazu  f\u00fchren, dass es zu plakativen oder gar herabw\u00fcrdigenden Aussagen kommt, wie  dies in der gesellschaftlichen Diskussion mitunter der Fall ist. Kopfschmerz  ist immer ernst zu nehmen \u2013 von Patienten, Angeh\u00f6rigen und auch von \u00e4rztlicher  Seite! <\/p>\n<p><em><strong>Wie steht es aktuell um  die Versorgungssituation von Kopfschmerzpatienten in \u00d6sterreich? <\/strong><\/em><\/p>\n<div id=\"attachment_2230\" style=\"width: 160px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2230\" title=\"Foto: Barbara Krobath\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/10\/Broessner.jpg\" alt=\"Br\u00f6ssner: \u201eDie wichtigste Botschaft, die wir unseren Patienten mitgeben m\u00fcssen, ist jene, dass bei Kopfschmerz kein Nihilismus angesagt ist.\u201c\" width=\"150\" height=\"204\" class=\"size-full wp-image-2230\" \/><p id=\"caption-attachment-2230\" class=\"wp-caption-text\">Br\u00f6ssner: \u201eDie wichtigste Botschaft, die wir unseren Patienten mitgeben m\u00fcssen, ist jene, dass bei Kopfschmerz kein Nihilismus angesagt ist.\u201c<\/p><\/div>\n<p>Hier in \u00d6sterreich gilt genauso wie in  anderen Industrienationen, dass f\u00fcr eine ausreichende Versorgung auf allen  Ebenen eine enge Zusammenarbeit der beteiligten Institutionen erfolgen muss,  also von den Universit\u00e4tskliniken \u00fcber Standardkrankenh\u00e4user mit Spezialambulanzen  bis zu niedergelassenen Neurologen und Allgemeinmedizinern. Wenn wir bedenken,  dass alleine von Migr\u00e4ne rund zw\u00f6lf Prozent aller Personen in \u00d6sterreich  betroffen sind, dann wird deutlich, dass der Patientenstrom zielorientiert  geleitet werden muss und wir an den Universit\u00e4tskliniken haupts\u00e4chlich &bdquo;Spezialf\u00e4lle&ldquo;  wie therapieresistente Formen l\u00e4ngerfristig behandeln k\u00f6nnen. Aus dieser Sicht  sind sicher noch Verbesserungen m\u00f6glich, denn \u00e4hnlich wie beim chronischen  Schmerz haben l\u00e4ngst nicht alle Patienten eine genaue Diagnose und optimal  angepasste Therapie. <\/p>\n<p><em><strong>Welche Rolle  spielt dabei die \u00d6KSG? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Die  \u00d6KSG mit ihren aktuell rund 100 Mitgliedern ist eine Vereinigung von \u00c4rztinnen  und \u00c4rzten, die sich besonders f\u00fcr das Thema Kopfschmerz interessieren. Als  wissenschaftliche Gesellschaft sieht es die \u00d6KSG durchaus als eine ihrer  Aufgaben an, die Interessen der Kopfschmerzpatienten zu vertreten und durch die  Kooperation mit anderen Fachgesellschaften und der forschenden pharmazeutischen  Industrie die \u00e4rztliche Fortbildung voranzutreiben. Dazu sind wir \u00fcbrigens auch  in engem Austausch mit der Deutschen Migr\u00e4neund Kopfschmerzgesellschaft (DMKG)  und der Schweizerischen Kopfwehgesellschaft. Zudem sind \u2013 auch als ein Service  f\u00fcr Patienten \u2013 auf unserer Homepage spezialisierte Zentren und auf Kopfschmerz  spezialisierte \u00c4rzte angef\u00fchrt. Die Aufnahme in diese Liste erfolgt allerdings  freiwillig und erhebt keinen Anspruch auf Vollst\u00e4ndigkeit. <\/p>\n<p><strong><em>Kommen wir noch einmal zum Thema Therapie:  Chronischer Kopfschmerz wird h\u00e4ufig durch Selbstmedikation behandelt und birgt  daher ein hohes Risiko f\u00fcr falsche Therapie bzw. Analgetika-Abusus. <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Gerade in den letzten Jahren ist in  \u00e4rztlichen Kreisen die Sensibilit\u00e4t f\u00fcr dieses Thema deutlich gestiegen. Unter  den Patienten mit chronischer Migr\u00e4ne \u2013 wir sprechen hier wiederum von rund  einem Prozent der Bev\u00f6lkerung \u2013 besteht fast bei jedem  Medikamenten\u00fcbergebrauch. An der Innsbrucker Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Neurologie  ist chronische Migr\u00e4ne \u2013 meist mit Analgetikamissbrauch \u2013 bereits die dritth\u00e4ufigste  Diagnose; die Patienten haben einen extrem hohen Leidensdruck und bereits viele  verschiedene Stellen kontaktiert, bevor sie zu uns kommen. Insbesondere bei  diesen Patienten gilt es, multimodale Therapieans\u00e4tze zu w\u00e4hlen, also  medikament\u00f6se sowie nicht medikament\u00f6se Verfahren wie die Verhaltenstherapie. Auch  daran wird ersichtlich, wie wichtig die Information der breiten \u00d6ffentlichkeit  und die \u00e4rztliche Fortbildung sind, ebenso die Ausarbeitung von  Therapieleitlinien, um f\u00fcr jeden Patienten die geeignete Therapieform zu  finden. <\/p>\n<p><em><strong>Wie steht es um  Neuentwicklungen bei der Kopfschmerzund Migr\u00e4netherapie? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Auf medikament\u00f6ser Ebene gibt es unter  anderem bereits Phase-IIIStudien mit monoklonalen Antik\u00f6rpern gegen CGRP bzw.  den entsprechenden Rezeptor oder auch erste Therapiestudien mit anderen monoklonalen  Antik\u00f6rpern, die gegen Strukturen gerichtet sind, die in der Pathophysiologie  der Migr\u00e4ne eine entscheidende Rolle spielen. Zudem sind bereits neuronale  Stimulationstechnologien verf\u00fcgbar, die besonders beim chronischen  Cluster-Kopfschmerz mit gutem Erfolg eingesetzt werden. Dabei werden etwa  Mikroimplantate eingesetzt, die von den Patienten bei Symptomen extern durch  ein Ger\u00e4t \u2013 vergleichbar einer elektrischen Zahnb\u00fcrste \u2013 aktiviert werden und  das Schmerzgeschehen unterbinden. Bei allen medikament\u00f6sen und  medizintechnischen Fortschritten muss jedoch der Stellenwert von  Verhaltens\u00e4nderungen betont werden: Ausdauersport, Stressmanagement und  Biofeedback-Training sind ganz wesentliche S\u00e4ulen der Therapie, die  nebenwirkungsfrei sind und enorm viel zur Besserung beitragen. <\/p>\n<p><em><strong>Wie gehen Sie selbst mit Kopfschmerzen um;  leiden Sie auch darunter? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Ja,  ich bin selbst von Migr\u00e4ne betroffen, und vermutlich f\u00e4llt es mir daher leicht,  f\u00fcr die Patienten die n\u00f6tige Empathie aufzubringen. Die wichtigste Botschaft,  die wir unseren Patienten mitgeben m\u00fcssen, ist jene, dass bei Kopfschmerz kein  Nihilismus angesagt ist und dass sie aktiv werden und sich an einen  spezialisierten Arzt oder eine Spezialambulanz richten sollen. Gerade  angesichts der vielen Neuentwicklungen gibt es f\u00fcr jeden Einzelnen die  M\u00f6glichkeit, die optimale Therapieform zu finden! <\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch! <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Gregor  Br\u00f6ssner <\/em><\/strong><em>ist  Leitender Oberarzt an der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Neurologie, Medizinische  Universit\u00e4t Innsbruck, und bereits in zweiter Periode (2016 bis 2018) Pr\u00e4sident  der \u00d6sterreichischen Kopfschmerzgesellschaft (\u00d6KSG) <\/em><em><a href=\"http:\/\/www.oeksg.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.oeksg.at<\/a> <\/em><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Mag.  Christina Lechner<\/p>\n<p><a class=\"medonline-btn\" href=\"https:\/\/medonline.at\/schmerz\/\">Zum Infocenter Schmerz<\/a><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zw\u00f6lf Prozent der Bev\u00f6lkerung leiden an Migr\u00e4ne, ein Prozent an einer chronischen Form. Neu entdeckte Biomarker und Befunde aus der Bildgebung liefern laufend neue Erkenntnisse f\u00fcr die Optimierung von Diagnose und Therapie dieser Form von Kopfschmerz. 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