{"id":2279,"date":"2017-12-14T12:58:26","date_gmt":"2017-12-14T10:58:26","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2279"},"modified":"2017-12-14T12:58:26","modified_gmt":"2017-12-14T10:58:26","slug":"epigenetik-der-angst","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2279","title":{"rendered":"(Epi)Genetik der Angst"},"content":{"rendered":"<p><strong>Auf Basis (epi)genetischer Befunde k\u00f6nnten  in Zukunft individuelle pr\u00e4diktive Profile hinsichtlich des Erkrankungsrisikos  sowie des Ansprechens auf eine anxiolytische Pharmako- oder Psychotherapie  generiert werden. (CliniCum  neuropsy 5\/17) <\/strong><\/p>\n<p>  Angsterkrankungen  stehen mit einer Zw\u00f6lf-Monats-Pr\u00e4valenz von 14 Prozent in Europa, einer hohen  Chronizit\u00e4t und einer entsprechend substanziellen individuellen wie  sozio\u00f6konomischen Belastung ganz zentral im Fokus der klinischen wie  wissenschaftlichen Aufmerksamkeit auf dem Fachgebiet der Psychiatrie,  Psychosomatik und Psychotherapie. Angsterkrankungen lassen sich in den meisten  F\u00e4llen hervorragend leitliniengerecht psychotherapeutisch wie  pharmakotherapeutisch behandeln, allerdings sprechend ca. 30 Prozent der  Patienten nicht oder nur unzureichend auf diese therapeutischen Optionen an. Angesichts  der wie oben ausgef\u00fchrt gro\u00dfen epidemiologischen und sozio\u00f6konomischen Bedeutung  und der nicht zu vernachl\u00e4ssigenden Therapieresistenzrate von Angsterkrankungen  gelten unsere Forschungsbem\u00fchungen daher der Identifikation von Risikomarkern  f\u00fcr die Pathogenese von Angsterkrankungen und f\u00fcr das Nichtansprechen auf  therapeutische Interventionen, um hieraus in einem &bdquo;precision medicine approach&ldquo;  targetierte und damit effektive pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen sowie individualisierte und  innovative Therapieans\u00e4tze ableiten zu k\u00f6nnen. Dabei fokussieren wir v.a. auf  genetische und epigenetische Marker in Synopse mit  bildgebenden, neurophysiologischen und psychometrischen Informationen (vgl. Domschke,  2014; Lueken et al., 2016). <\/p>\n<h2> Klinische  Genetik <\/h2>\n<p> Bisherige  Familienstudien zeigten, dass Angeh\u00f6rige ersten Grades von Panikpatienten ein  etwa drei- bis f\u00fcnffach h\u00f6heres Erkrankungsrisiko haben als die  Allgemeinbev\u00f6lkerung. Auch bei der generalisierten Angstst\u00f6rung und den  spezifischen Phobien findet sich eine Aggregation in Familien, die sogenannte &bdquo;Familialit\u00e4t&ldquo;.  Die auf Basis von Zwillingsstudien erhobene &bdquo;Heritabilit\u00e4t&ldquo;, d.h. der Anteil genetischer  Faktoren bei der Entstehung einer Erkrankung, liegt f\u00fcr die Panikst\u00f6rung bei  bis zu 48 Prozent, die Heritabilit\u00e4tsraten f\u00fcr die generalisierte Angstst\u00f6rung  und spezifische Phobien bei rund 30 Prozent, f\u00fcr die soziale Phobie bei 51  Prozent, f\u00fcr die Blut-Spritzen-Phobie bei 59 Prozent und f\u00fcr die Agoraphobie  bei 67 Prozent, wobei die verbleibende Varianz jeweils durch individuelle Umweltfaktoren  wie z.B. Lebensereignisse erkl\u00e4rt wird. <\/p>\n<h2> Molekulare  Genetik <\/h2>\n<p> Kopplungsuntersuchungen  weisen auf mehrere Risikoregionen (&bdquo;Risikoloki&ldquo;) im menschlichen Genom hin, die  in Familien mit Angsterkrankungen &bdquo;kosegregieren&ldquo;, d.h. bei betroffenen, aber  nicht bei gesunden Familienmitgliedern zu finden sind. F\u00fcr die Panikst\u00f6rung  wurden potenzielle Risikoloki auf den Chromosomen 1p, 4q, 7p, 9q, 11p, 15q und  20p, f\u00fcr die soziale und spezifische Phobien auf den Chromosomen 16q und 14p identifiziert.  Assoziationsuntersuchungen haben bislang mehrere einzelne Gene mit  Angsterkrankungen assoziiert gefunden: Bei der Panikst\u00f6rung wurden in  verschiedenen Studien Assoziationen mit Varianten in klassischen  Kandidatengenen wie f\u00fcr den Adenosin-A2A-Rezeptor (ADORA2A), den  Cholezystokinin B-Rezeptor (CCK-B), die Monoaminooxidase A (MAOA), die  Catechol-O-Methyltransferase (COMT) und den Serotonin-1A-Rezeptor (5-HT1A)  berichtet. In j\u00fcngster Zeit wird auf Basis von Tiermodellen das Neuropeptid-S- (NPS)-System  als vielversprechender neuer Kandidat bei der Pathogenese von Angst und &bdquo;Arousal&ldquo;  propagiert (zur \u00dcbersicht siehe Bandelow et al., 2016). <\/p>\n<p>Unter anderem im Rahmen  des Sonderforschungsbereichs SFB-TRR-58 &bdquo;Furcht, Angst, Angsterkrankungen&ldquo;  (http:\/\/sfb trr58.uni-muenster.de\/) wurde die Rolle genetischer Variation des  Neuropeptid- S-Systems bei der Entstehung von Angst beim Menschen auf verschiedenen  Ebenen untersucht. Hierbei konnten wir das aktivere T-Allel eines funktionell  relevanten Einzelnukleotid-Polymorphismus (rs324981) im Neuropeptid-S-Rezeptor(  NPSR1)-Gen mit Panikst\u00f6rung, mit Angstsensitivit\u00e4t, mit einer sich bereits in  der Adoleszenz auspr\u00e4genden dysfunktionalen kortikolimbischen Konnektivit\u00e4t und  verschiedenen anderen Angst-relevanten intermedi\u00e4ren Ph\u00e4notypen assoziiert finden.  In Zusammenschau mit Befunden im Tiermodell legen die oben genannten Studien  eine wesentliche Rolle von Neuropeptid S, das \u00fcber eine hohe Expression im Bereich  des Locus coeruleus eng mit der noradrenergen Transmission verkn\u00fcpft ist, bei  der Entstehung von Angst und Angsterkrankungen nahe. Dementsprechend k\u00f6nnte  Neuropeptid- S-System modulierenden Substanzen zuk\u00fcnftig eine Bedeutung bei der  Behandlung von Angsterkrankungen zukommen (zur \u00dcbersicht siehe Gottschalk und Domschke,  2016).<\/p>\n<h2> Gen-Umwelt-Interaktionen <\/h2>\n<p> Nachdem  klinisch-genetische Studien neben einem signifikanten Einfluss genetischer Faktoren  auf die Entstehung der Angsterkrankungen auch deutliche Hinweise auf die Rolle  von Umweltfaktoren erbracht haben, liegt ein weiterer Schwerpunkt der  genetischen Forschung auf Gen-Umwelt-Interaktionsstudien (&bdquo;gene x environment&ldquo;,  G x E). Als Risiko-erh\u00f6hende Umweltfaktoren bei der Entstehung von  Angsterkrankungen wurden sowohl kritische Lebensereignisse kurz vor  Erkrankungsbeginn (z.B. Erkrankungen\/Verletzungen, Todesf\u00e4lle, Trennungen\/ Scheidungen,  finanzielle Probleme etc.) als auch belastende Lebensereignisse w\u00e4hrend der Kindheit  (emotionaler und\/oder k\u00f6rperlicher Missbrauch, emotionale und\/oder k\u00f6rperliche Vernachl\u00e4ssigung,  sexuelle Gewalt) identifiziert. Einige genetische Varianten wie z.B. das  S-Allel der Serotonin-Transporter-<em>5-HTTLPR<\/em>Genvariante oder das T-Risiko-Allel des  Neuropeptid-S-Rezeptor-Gens (<em>NPSR1<\/em>) scheinen in Interaktion mit belastenden Kindheitserlebnissen oder  auch erst k\u00fcrzlich erlebten traumatischen Ereignissen das Risiko f\u00fcr eine  verst\u00e4rkte Angstsensitivit\u00e4t und damit ggf. auch Angsterkrankungen zu erh\u00f6hen  (zur \u00dcbersicht siehe Schiele und Domschke, 2017). <\/p>\n<h2> Epigenetik <\/h2>\n<p> Trotz  dieser ersten vielversprechenden Ergebnisse auf dem Feld der Genetik und der  Gen-Umwelt-Interaktionsstudien bei Angsterkrankungen muss festgestellt werden,  dass zu diesen Befunden in der Literatur auch Nichtreplikationen oder  gegens\u00e4tzliche Befunde vorliegen. Weiterhin scheinen die bereits  identifizierten Risikogene nur einen kleinen Teil der Gesamtheritabilit\u00e4t  auszumachen, so dass sich das Feld der psychiatrischen Genetik mit der  sogenannten &bdquo;hidden heritability&ldquo;, d.h. den unaufgekl\u00e4rten Anteilen der  genetischen Mechanismen, konfrontiert sieht. Neben einer mangelnden  statistischen Power der einzelnen Studien, Unzul\u00e4nglichkeiten des <em>a priori <\/em>Kandidatengenansatzes,  \u00e4tiologischer Heterogenit\u00e4t, Populations- Stratifikationen oder der hohen  Komplexit\u00e4t des untersuchten klinischen Ph\u00e4notyps werden in j\u00fcngster Zeit epigenetische  Prozesse als m\u00f6glicher &bdquo;missing link&ldquo; bei der &bdquo;hidden heritability&ldquo; vermutet. <\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Quelle: Dr. Miriam Schiele\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Rolle.jpg\" alt=\"Quelle: Dr. Miriam Schiele\" width=\"730\" height=\"472\" class=\"alignnone size-full wp-image-2281\" \/><\/p>\n<p>Eine  der epigenetischen Modifikationen stellt die Methylierung der Base Cytosin  (MeC) in Cytosin\/Guaninreichen Regionen (&bdquo;CpG Islands&ldquo;) der Steuerungsregion  eines Gens (&bdquo;Promotor&ldquo;) dar. Die Methylierung eines Gens durch  DNA-Methyltransferasen (DNMTs) f\u00fchrt meist dazu, dass die DNA nicht ablesbar,  d.h. nicht in Boten- RNA (&bdquo;messenger RNA&ldquo;) transkribierbar, ist und damit das  Gen in inaktiver Form vorliegt (&bdquo;silencing&ldquo;). Tierstudien konnten zeigen, dass  epigenetische Prozesse flexible und zeitlich dynamische Mechanismen darstellen,  die wesentlich von Umweltfaktoren beeinflusst sind. Epigenetische Prozesse  werden zunehmend mit Angsterkrankungen in Verbindung gebracht (zur \u00dcbersicht siehe  Schiele und Domschke, 2017). So konnten wir z.B. eine erniedrigte Methylierung  des <em>MAOA<\/em>-Gens, welche mit einer  erh\u00f6hten <em>MAOA<\/em>-Genexpression und damit  einer verminderten Verf\u00fcgbarkeit von Serotonin und Noradrenalin einhergeht, als  Risikofaktor f\u00fcr die Panikst\u00f6rung identifizieren. <\/p>\n<p>Dabei korrelierten negative Lebensereignisse  mit einer Risikoerh\u00f6henden Hypomethylierung, positive Lebensereignisse hingegen  mit einer wom\u00f6glich Resilienz-vermittelnden relativen Hypermethylierung. Interessanterweise  normalisierte sich die <em>MAOA<\/em>-Hypomethylierung bei Patienten mit Panikst\u00f6rung nach einer  erfolgreichen kognitivverhaltenstherapeutischen Behandlung \u00fcber sechs Wochen  wieder. Damit k\u00f6nnte die Restitution einer pathologisch ver\u00e4nderten  Methylierung von Risikogenen einen molekularen Wirkmechanismus von  Psychotherapie darstellen. <\/p>\n<h2> Fazit <\/h2>\n<p> Auf  der Basis (epi)genetischer Befunde k\u00f6nnten in Zukunft individuelle pr\u00e4diktive  Profile hinsichtlich des Erkrankungsrisikos sowie des Ansprechens auf eine  anxiolytische Pharmako- oder Psychotherapie generiert werden. Damit w\u00e4ren  targetierte pr\u00e4ventive Ma\u00dfnahmen sowie eine individuell angepasste, gezieltere Anwendung  von therapeutischen Interventionen (&bdquo;personalisierte&ldquo; oder &bdquo;stratifizierte  Medizin&ldquo;) bei Angsterkrankungen m\u00f6glich, die zu einer Senkung der Inzidenz  sowie zu einem rascheren Behandlungserfolg und damit einer signifikanten Verk\u00fcrzung  der Leidenszeit der Patienten bzw. einer deutlichen Kostenersparnis im  Gesundheitssystem f\u00fchren k\u00f6nnten. <\/p>\n<p>In ersten Studien wurde zudem eine ausgepr\u00e4gte  Plastizit\u00e4t von epigenetischen Mechanismen durch Lebensereignisse wie auch  durch psychotherapeutische Interventionen beobachtet, was epigenetische  Prozesse an einer entscheidenden Schnittstelle zwischen Adaptation und  Maladaptation, zwischen Resilienz und Risiko ansiedelt. Die vorliegenden epigenetischen  Befunde erlauben also eine Erweiterung des Vulnerabilit\u00e4ts-Stress-Modells im Verst\u00e4ndnis  der Pathogenese der Angstst\u00f6rungen um die Dimension der Epigenetik als &bdquo;biochemisches  Scharnier&ldquo; zwischen Umwelt- und genetischen  Faktoren und haben vielf\u00e4ltige Implikationen hinsichtlich pr\u00e4ventiver wie  therapeutischer Interventionen \u00fcber in Zukunft ggf. m\u00f6gliche gezielte  epigenetische Modifikationen.<\/p>\n<p> <em>Literatur <br \/>\n\u2022 Bandelow B, Baldwin D, Abelli M, Altamura  C, Deckert J, Dell&rsquo;Osso B, Domschke K, Fineberg N, Gr\u00fcnblatt E, Jarema M, Maron  E, Nutt D, Pini S, Vaghi M, Wichniak A, Zai G, Riederer P: Biological Markers  for Anxiety Disorders, OCD and PTSD \u2013 A Consensus Statement \u2013 Part I:  Neuroimaging and Genetics. World J Biol Psychiatry 2016; 17:321\u201365 <br \/>\n\u2022 Domschke K:  Pr\u00e4diktive Faktoren bei Angstst\u00f6rungen. Nervenarzt  2014; 85(10):1263\u20138 <br \/>\n\u2022 Gottschalk MG, Domschke K: Novel developments in genetic  and epigenetic mechanisms of anxiety. Curr Opin Psychiatry 2016; 29:32\u20138 <br \/>\n\u2022  Lueken U, Zierhut KC, Hahn T, Straube B, Kircher T, Reif A, Richter J, Hamm A, Wittchen  U, Domschke K: Neurobiological markers predicting treatment response in anxiety  disorders: a systematic review and implications for clinical application. Neurosci  Biobehav Rev 2016; 66:143\u201362 <br \/>\n\u2022 Schiele MA, Domschke K: Epigenetics at the crossroads  between genes, environment and resilience in anxiety disorders. Genes Brain Behav 2017; in Druck\u00a0<\/em><\/p>\n<p>\n  <em>Vortrag  im Rahmen der 19. Tagung der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Neuropsychopharmakologie  und Biologische Psychiatrie (\u00d6GPB), Wien, 10.11.17\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Foto: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2017\/11\/Domschke.jpg\" alt=\"Foto: Privat\" width=\"123\" height=\"127\" class=\"alignleft size-full wp-image-2282\" \/><\/p>\n<p><strong><em>Univ.-Prof. Dr.Dr. Katharina Domschke,  MA<\/em><\/strong><em> (Foto) <strong><br \/>\nDr. Christiane Ziegler <br \/>\nDr. Miriam  Schiele <\/strong><\/em><em><br \/>\nKlinik  f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Universit\u00e4tsklinikum Freiburg<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Auf Basis (epi)genetischer Befunde k\u00f6nnten in Zukunft individuelle pr\u00e4diktive Profile hinsichtlich des Erkrankungsrisikos sowie des Ansprechens auf eine anxiolytische Pharmako- oder Psychotherapie generiert werden. 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