{"id":2547,"date":"2018-04-04T15:20:27","date_gmt":"2018-04-04T13:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2547"},"modified":"2018-04-04T15:20:27","modified_gmt":"2018-04-04T13:20:27","slug":"suizidpraevention-geht-jeden-etwas-an","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2547","title":{"rendered":"\u201eSuizidpr\u00e4vention geht jeden etwas an\u201c"},"content":{"rendered":"<p><strong>Seit 40 Jahren bietet das  Kriseninterventionszentrum in Wien ein einzigartiges psychosoziales und  medizinisches Angebot zur Bew\u00e4ltigung akuter Krisensituationen. Ein Schwerpunkt  liegt zudem auf der Suizidpr\u00e4vention, wo etwa durch Gatekeeper-Schulungen  verschiedene Berufsgruppen eingebunden werden, berichtet der \u00c4rztliche Leiter Dr.  Claudius Stein. (CliniCum neuropsy  6\/17)\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p><strong><em>CliniCum neuropsy: Seit  40 Jahren gibt es das Kriseninterventionszentrum im Status einer  Krankenanstalt. K\u00f6nnen Sie absch\u00e4tzen, wie viele Menschenleben seither gerettet  werden konnten? <\/em><\/strong><\/p>\n<p><strong>Stein: <\/strong>Das  l\u00e4sst sich schwer beziffern. Wir haben aber in diesen 40 Jahren \u00fcber 42.000  Menschen pers\u00f6nlich und mehr als 70.000 telefonisch beraten. Allein 2016 haben  wir \u00fcber 1.600 Menschen mit mehr als 8.000 therapeutischen Einzelkontakten  begleitet. Mit Sicherheit tr\u00e4gt unsere Arbeit also dazu bei, dass in \u00d6sterreich  und speziell in Wien die Suizidrate in den letzten 30 Jahren stetig gesunken  ist. (Anm: 2015 wurden \u00f6sterreichweit 1.251 Suizide erfasst, i.e. 14,1\/100.000,  1986 waren es 2.139 entsprechend 28,2\/100.000.) Das Kriseninterventionszentrum  ist allerdings nur ein Teil eines Gesamtpakets an suizidpr\u00e4ventiven Ma\u00dfnahmen,  bei denen verschiedene Einrichtungen und Initiativen zusammenarbeiten. Laut  Untersuchungen der Wiener Werkst\u00e4tte f\u00fcr Suizidpr\u00e4vention aus 2009 und 2011  sind in \u00d6sterreich die Suizidraten in jenen Regionen am niedrigsten, wo es eine  breite psychosoziale Versorgung gibt. Unser Angebot kann nur ein kurzfristiges  sein und erstreckt sich meist \u00fcber f\u00fcnf bis zehn Kontakte, bei Bedarf verweisen  wir aber an entsprechende Einrichtungen weiter. <\/p>\n<p><em><strong>Ihre Jubil\u00e4umstagung tr\u00e4gt den Titel &bdquo;Aufbruch  im Umbruch&ldquo; \u2013 was ist damit gemeint? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Wir wollen mit der Tagung auf die Herausforderungen in der  Krisenintervention in der gegenw\u00e4rtigen Phase des gesellschaftlichen und wirtschaftlichen  Umbruchs aufmerksam machen. Die derzeit vorherrschende Idee des Sparens und  damit die Gefahr, dass soziale Sicherheitsnetze abgebaut werden, trifft soziale  Schwache ganz besonders: Es sind Menschen an der Armutsgrenze, auf die wir in  der Suizidpr\u00e4vention noch mehr Augenmerk legen wollen. Hinzu kommt die  Herausforderung Flucht und Migration, wo wir aktuell ein spezielles Projekt zur  Krisenintervention beantragt haben. Gedanken machen wir uns auch dar\u00fcber, wie  wir M\u00e4nner bzw. V\u00e4ter in Krisen noch besser erreichen k\u00f6nnen. Diesbez\u00fcglich  l\u00e4uft aktuell das Projekt &bdquo;V\u00e4ter in Not&ldquo;. Eine weitere Herausforderung ist die  Digitalisierung: Hier sehen wir mit unserer E-Mail-Beratung seit mittlerweile  f\u00fcnf Jahren durchaus \u00fcberraschende Erfolge. Es gibt also viele neue, spannende  Herausforderungen in der Krisenintervention, denen wir uns gerne stellen. <\/p>\n<p><strong><em>Stichwort E-Mail-Beratung: Ein solches Angebot  war vor 40 Jahren noch kaum vorhersehbar \u2013 wie funktioniert dieses Angebot in  der Praxis?<\/em><\/strong><\/p>\n<p>Im  Prinzip funktioniert die E-Mail-Beratung ganz \u00e4hnlich wie eine pers\u00f6nliche  Beratung. Im Zentrum steht genauso ein \u2013 allerdings schriftliches \u2013  Beziehungsangebot. Wir versuchen, zun\u00e4chst vor allem Verst\u00e4ndnis f\u00fcr die akute  Krise und die damit verbundenen Gef\u00fchle zu vermitteln. Die Anonymit\u00e4t des  Internets scheint es f\u00fcr manche Menschen leichter zu machen, ganz offen \u00fcber  Suizidgedanken oder Suizidversuche zu sprechen. Mittlerweile finden bereits an  die 250 E-Mail-Beratungen pro Jahr statt, die sich \u00fcber drei bis vier Kontakte  erstrecken und wo wir meist eine Stabilisierung erreichen k\u00f6nnen. Sogar in ganz  schwierigen Situationen oder bei vermuteten chronischen St\u00f6rungen konnten wir  Personen erfolgreich zur weiteren Betreuung an entsprechende Einrichtungen  vermitteln. <\/p>\n<p><strong><em>In den vergangenen 40  Jahren gab es wesentliche neurobiologische Erkenntnisse. Wie wirken sich diese  auf Ihre Arbeit aus? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Auch  wenn wir grunds\u00e4tzlich Trauma von Krise unterscheiden, so verstehen wir nicht  zuletzt durch die Erkenntnisse der Traumaforschung heute viel besser, was bei  Stressbelastungen auf neurobiologischer und auf psychischer Ebene passiert und  warum Menschen in krisenhaften Situationen genauso wie bei akuten  Traumatisierungen ein hohes Ma\u00df an Sicherheit und Stabilit\u00e4t brauchen. Ein  gro\u00dfer Vorteil ist es \u00fcbrigens, dass wir hier in einem multiprofessionellen  Team arbeiten und etwa jeder zweite Klient die M\u00f6glichkeit einer zus\u00e4tzlichen \u00e4rztlich-psychiatrischen  Intervention in Anspruch nimmt. Bei Bedarf k\u00f6nnen wir auch medikament\u00f6se  Unterst\u00fctzung zumindest zur \u00dcberbr\u00fcckung der akuten Situation bereitstellen.<\/p>\n<p> <em><strong>Ein Teil ihres Angebotes ist eine Partner- und  Familienberatung: Wo liegen hier die Schwerpunkte? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Es kommen Menschen in akuten  Familienkrisen, etwa bei Trennungs-, Beziehungs- oder  Schwangerschaftskonflikten, zu uns. Allerdings sehen wir auch in diesem  Bereich, dass das Thema Arbeit immer wichtiger wird. Wir fungieren hier  durchaus als ein erg\u00e4nzendes Angebot zu anderen Familienberatungsstellen, die  bei Krisen und damit verbundener Suizidgefahr manchmal \u00fcberfordert sind und wir  durch unsere Erfahrung und Multiprofessionalit\u00e4t auf breiterer Basis agieren  k\u00f6nnen. <\/p>\n<p><strong><em>Was unterscheidet  dar\u00fcber hinaus das Kriseninterventionszentrum von anderen psychosozialen  Einrichtungen? <\/em><\/strong><\/p>\n<p>Eine  Besonderheit ist neben der Multiprofessionalit\u00e4t die Tatsache, dass alle  Mitarbeiter psychotherapeutisch ausgebildet sind, und dies in ganz  verschiedenen Schulen. Die gemeinsame Basis bildet das von Univ.-Prof. Dr.  Georg Sonneck entwickelte und laufend adaptierte Konzept der  Krisenintervention, in dessen Zentrum das Herstellen einer tragf\u00e4higen  Beziehung zu Menschen in Krisensituationen steht. Das braucht nat\u00fcrlich Zeit und  entsprechende Kapazit\u00e4ten. Hier in Wien erg\u00e4nzen wir uns zudem gut mit dem  Psychosozialen Dienst und k\u00f6nnen wechselseitig Kapazit\u00e4ten frei machen. Die  rasche Verf\u00fcgbarkeit und Kostenfreiheit setzt sicher f\u00fcr viele die Schwelle  herab, in akuten psychosozialen Krisen zu uns zu kommen. <\/p>\n<p><em><strong>Wo liegen aktuell die Schwerpunkte Ihrer Arbeit  im Bereich Suizidpr\u00e4vention? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Eingebunden in das Projekt Suizidpr\u00e4vention Austria \u2013 SUPRA  versuchen wir derzeit, durch geb\u00fcndelte Ma\u00dfnahmen besonders \u00e4ltere Menschen in  suizidalen Krisen zu erreichen. Obwohl sie die Altersgruppe mit dem h\u00f6chsten  Risiko bilden, wird dieses Thema sowohl gesellschaftlich als auch medizinisch  oft vernachl\u00e4ssigt. Wir suchen dabei vor allem die Zusammenarbeit mit  Haus\u00e4rzten, aber auch mit Mitarbeitern von Pflegeeinrichtungen oder Heimhilfen.  Mit der eigenen Website www.krisen-im-alter.at werden Betroffene, Angeh\u00f6rige oder  Betreuer auf jeweils eigenen Unterseiten angesprochen. Schwerpunktm\u00e4\u00dfig f\u00fchren  wir schon seit L\u00e4ngerem Gatekeeper- Schulungen durch \u2013 mit eigenen Konzepten  f\u00fcr verschiedene Zielgruppen. Wie zeigen darin etwa, worauf die Kollegen in der  Einsch\u00e4tzung suizidaler Gef\u00e4hrdung achten sollten und wo sie bei Bedarf selbst  Unterst\u00fctzung finden. Suizidpr\u00e4vention geht schlie\u00dflich jeden etwas an, und das  einzig Falsche w\u00e4re es, bei entsprechendem Verdacht unt\u00e4tig zu bleiben! Das  bedeutet, wenn man den Eindruck hat, jemand k\u00f6nnte daran denken, sich das Leben  zu nehmen, sollte man immer das Gespr\u00e4ch suchen und nach Suizidgedanken fragen. <\/p>\n<p><em><strong>Welche Erfahrungen in der Krisenintervention  haben Sie pers\u00f6nlich besonders gepr\u00e4gt? <\/strong><\/em><\/p>\n<p>Grunds\u00e4tzlich bedeutet f\u00fcr mich die Arbeit in der  Krisenintervention, sich stets auf ganz neue Situationen mit Klienten  einzustellen. Eine pers\u00f6nliche Herausforderung ist f\u00fcr mich besonders die  Begleitung von verwaisten Eltern, die durch Suizid, Unfall oder Krankheit ein Kind  verloren haben. Sie dabei zu unterst\u00fctzen, wieder Sinn im Leben zu finden, ist  durchaus m\u00f6glich, und es zeigt mir immer wieder aufs Neue, dass man bei  entsprechender Unterst\u00fctzung selbst mit den schwierigsten Situationen im Leben  zurechtkommen kann. <\/p>\n<p><strong>Vielen Dank  f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p><strong>40  Jahre &bdquo;Krise&ldquo;<\/strong><\/p>\n<p> Mit der Jubil\u00e4umstagung &bdquo;Aufbruch  im Umbruch \u2013 Neue Wege in der Krisenintervention&ldquo; feierte das  Kriseninterventionszentrum in Wien dieser Tage sein 40-j\u00e4hriges Bestehen. Die  Wurzeln der \u00f6sterreichweit einmaligen Einrichtungen reichen zur\u00fcck bis in das  Jahr 1948, als Univ.-Prof. Dr. Erwin Ringel im Rahmen der Caritas der Erzdi\u00f6zese  Wien die &bdquo;Lebensm\u00fcdenf\u00fcrsorge&ldquo; gr\u00fcndete. 1975 entstand daraus der Verein &bdquo;Kriseninterventionszentrum&ldquo;;  Mitglieder sind neben der Caritas das Gesundheitsministerium, die Gemeinde Wien  und der Hauptverband der \u00d6sterreichischen Sozialversicherungstr\u00e4ger sowie die  Bundesarbeitskammer und die Gewerkschaft Pro-GE. Seit 1977 ist das  Kriseninterventionszentrum eine selbstst\u00e4ndige Institution im rechtlichen  Status einer Krankenanstalt. Bis 2012 war Univ.-Prof. Dr. Gernot Sonneck  Vorstandsvorsitzender des Vereins Kriseninterventionszentrum; auf Basis des von  ihm entwickelten Konzepts der Krisenintervention arbeitet das Team der &bdquo;Krise&ldquo;  heute. <\/p>\n<p>Gegenw\u00e4rtig ist Ing. Harald Ettl, Bundesminister f\u00fcr Gesundheit a.D.  Vorstandsvorsitzender. Aktuell arbeiten 16 Personen (entsprechend neun VZ\u00c4) im  Kriseninterventionszentrum; neben Fach\u00e4rzten f\u00fcr Psychiatrie und Psychologen sind  es auch Sozialarbeiter, die alle Psychotherapeuten sind. 2016 wurden mehr als  1.600 Erwachsene mit \u00fcber 8.000 therapeutischen Einzelkontakten beraten. \u00c4rztlicher  Leiter des Kriseninterventionszentrums ist seit 1999 Dr. Claudius Stein, Arzt  f\u00fcr Allgemeinmedizin und Psychotherapeut und Lehrtherapeut (KIP) sowie Stv.  Vorsitzender der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Suizidpr\u00e4vention. Stein ist  Mitglied im Expertengremium der Kontaktstelle Suizidpr\u00e4vention bei der  Gesundheit \u00d6sterreich GmbH. zur Etablierung eines Nationalen  Suizidpr\u00e4ventionsprogramms in \u00d6sterreich (SUPRA); in diesem Rahmen hat er u.a. am  Projekt &bdquo;Entwicklung eines \u00f6sterreichweiten Curriculums f\u00fcr Suizidpr\u00e4vention \u2013  SUPRA Gatekeepertraining&ldquo; mitgearbeitet. 2009 ver\u00f6ffentlichte Stein das Buch &bdquo;Spannungsfelder  in der Krisenintervention&ldquo; (Kohlhammer). <\/p>\n<p><em>Kriseninterventionszentrum: <\/em><em>Lazarettgasse 14 A, 1090 Wien, Tel.:  01\/406 95 95 Web: <a href=\"http:\/\/www.kriseninterventionszentrum.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kriseninterventionszentrum.at<\/a><\/em><\/p>\n<p>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Mag. Christina Lechner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Seit 40 Jahren bietet das Kriseninterventionszentrum in Wien ein einzigartiges psychosoziales und medizinisches Angebot zur Bew\u00e4ltigung akuter Krisensituationen. Ein Schwerpunkt liegt zudem auf der Suizidpr\u00e4vention, wo etwa durch Gatekeeper-Schulungen verschiedene Berufsgruppen eingebunden werden, berichtet der \u00c4rztliche Leiter Dr. Claudius Stein. 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