{"id":2637,"date":"2018-04-04T15:20:27","date_gmt":"2018-04-04T13:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2637"},"modified":"2018-04-04T15:20:27","modified_gmt":"2018-04-04T13:20:27","slug":"der-stellenwert-der-phytomedizin-in-der-psychiatrie","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2637","title":{"rendered":"Der Stellenwert der Phytomedizin in der Psychiatrie"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die Anzahl an verf\u00fcgbaren Phytotherapeutika ist sehr umfangreich. Daher wurde in dieser \u00dcbersicht eine Auswahl getroffen. Im Folgenden werden klinische Studien zum Thema Angstst\u00f6rungen und Depression mit Hypericum perforatum (Johanniskraut), Lavandula angustifolia (Lavendel\u00f6l) und Rhodiola rosea (Rosenwurz) zusammengefasst sowie Daten zur Substanz Ginkgo biloba, welche in erster Linie bei kognitiven St\u00f6rungen angewandt wird. (CliniCum neuropsy 1\/18)<\/strong><\/p>\n<p>Affektive Erkrankungen und Angstst\u00f6rungen z\u00e4hlen zu den h\u00e4ufigsten psychiatrischen Erkrankungen weltweit. Laut WHO wurde 2015 der Anteil der an Depression Erkrankten in der Gesamtbev\u00f6lkerung auf 4,4 Prozent (322 Millionen Menschen) und jener an Angstst\u00f6rung Leidenden auf 3,5 Prozent (264 Millionen) gesch\u00e4tzt. Depressive Erkrankungen repr\u00e4sentierten 2015 mit 7,5 Prozent die f\u00fchrende Ursache f\u00fcr die sogenannte globale Behinderung (global disability) gemessen mit dem Indikator YLD (Years Lived with Disability; mit Behinderung gelebte Jahre). Angstst\u00f6rungen reihten sich auf dem 6. Platz und damit ebenfalls in den Top 10 der weltf\u00fchrenden Ursachen f\u00fcr die globale Behinderung ein.<\/p>\n<p>Beachtet man diese schockierenden Zahlen, erscheint es umso beunruhigender, dass laut WHO mehr als 50 Prozent der schweren Depressionen nicht behandelt werden. Dies scheint unter anderem dem Umstand geschuldet, dass viele Betroffene aus Angst vor Stigmatisierung und Diskriminierung den Kontakt zu Institutionen der psychischen Gesundheitsversorgung meiden. Psychopharmakotherapie und Psychotherapie repr\u00e4sentieren die Hauptpfeiler in der Behandlung psychisch Erkrankter, wobei unzureichendes Therapieansprechen und Therapieabbr\u00fcche leider nicht un\u00fcblich sind. Die Angst vor Nebenwirkungen, wie beispielsweise die Entwicklung einer Abh\u00e4ngigkeit unter der gegenw\u00e4rtig angewandten Psychopharmakotherapie, und die unzureichende Verf\u00fcgbarkeit von Psychotherapie-Pl\u00e4tzen tr\u00e4gt zur allgemeinen Skepsis bei und sch\u00fcrt das Interesse an nat\u00fcrlichen, nebenwirkungsarmen, leicht verf\u00fcgbaren und auch oftmals f\u00e4lschlicherweise als \u201eungef\u00e4hrlicher\u201c wahrgenommenen Alternativen.<\/p>\n<p>Tats\u00e4chlich wird jedoch pflanzlichen Substanzen in der medizinischen Versorgung von Depressionen und Angstst\u00f6rungen meist nur ein sehr geringer bis gar kein Stellenwert einger\u00e4umt. Wie aus der phytomedizinischen Literatur im Bereich der Psychiatrie, die im Folgenden zusammengefasst werden soll, ersichtlich ist, scheint der Hauptgrund hierf\u00fcr jedoch nicht eine zu geringe Wirkung der verf\u00fcgbaren Substanzen zu sein, sondern eher ein Unwissen der Evidenzbasis zu Wirkungsweise, unerw\u00fcnschten Nebenwirkungen und Interaktionen der pflanzlichen Mittel vonseiten der Behandler.<\/p>\n<h2>Hypericum perforatum<\/h2>\n<p>Die Pflanze Hypericum perforatum, Johanniskraut, wurde bereits vor mehr als 2000 Jahren von den R\u00f6mern und Griechen zu medizinischen Zwecken genutzt. Die positiven Auswirkungen auf die Psyche wurden jedoch erst im Mittelalter entdeckt, und Paracelsus beschrieb im Jahr 1525 die Wirkung des Johanniskrauts gegen die \u201edollmachenden Geister\u201c in seinem Werk \u201eVon den nat\u00fcrlichen Dingen\u201c. Erste klinische Studien mit Johanniskraut wurden jedoch erst in den 1980er Jahren durchgef\u00fchrt und damit erst 30 Jahre nach dem Beginn der Entwicklung synthetischer Antidepressiva. Inhaltsstoffe des Johanniskrauts, die mit einer antidepressiven Wirkung in Zusammenhang gebracht werden, sind Hyperforin, Hyperosid, Hypericin und Amentoflavon, wobei Hypericin und Hyperforin der Hauptanteil des therapeutischen Effekts zugeschrieben wird.<\/p>\n<p>Entgegen der urspr\u00fcnglichen vereinfachten Ansicht \u201eein aktiver Wirkstoff \uf0e0 ein Wirkungsmechanismus\u201c, wie beispielsweise die vermutete Monoaminooxidase-Hemmung durch Hypericin und die Monoamintransporter-Blockade durch Hyperforin, scheint tats\u00e4chlich das Zusammenwirken der zahlreichen bioaktiven Komponenten des Hypericum perforatum f\u00fcr den antidepressiven Effekt verantwortlich zu sein und es unter dessen Einnahme zu einer nicht selektiven Modulierung von Natriumkan\u00e4len und einer Blockade der synaptosomalen Wiederaufnahme multipler Neurotransmitter zu kommen. In einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie aus dem Jahr 1998 mit 147 leicht bis mittelgradig depressiven Patienten, die \u00fcber den Zeitraum von sechs Wochen entweder Placebo, Hypericum Extrakt WS\u00ae 5573 (enth\u00e4lt 0,5% Hyperforin) oder Hypericum Extrakt WS\u00ae 5572 (enth\u00e4lt 5% Hyperforin) erhielten, konnte eine signifikante Reduktion des Hamilton Depression Rating Scale Scores (HAMD) f\u00fcr den mit Hyperforin h\u00f6her konzentrierten Hypericum Extrakt WS\u00ae 5572 im Vergleich zu Placebo gezeigt werden.<\/p>\n<p>Einige Studien konnten die Wirkung von Hypericum perforatum bei mittelgradiger Depression jedoch nicht best\u00e4tigen. Ein systematischer Cochrane Review von Linde et al., in welchem die Ergebnisse von 29 randomisierten, doppelblinden Studien mit Hypericum perforatum bei Major Depression zusammengefasst wurden, zeigte jedoch, dass Hypericum-Extrakte bei Depression Placebo \u00fcberlegen und ebenso wirksam wie Standard-Antidepressiva mit weniger unerw\u00fcnschten Nebenwirkungen sind. Unter Einbeziehung aktueller Studien wurde in einer 2010 publizierten \u00dcbersichtsarbeit die \u00fcberlegene antidepressive Wirkung von Hypericum perforatum im Vergleich zu Placebo sowie eine vergleichbare Wirkung bei besserer Tolerabilit\u00e4t im Vergleich zu synthetischen Antidepressiva bei leichter bis mittelgradiger Depression erneut best\u00e4tigt. Eine Metaanalyse von drei internationalen, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studien (insgesamt 544 Patienten) zeigte ebenfalls eine signifikante Wirkung von Hypericum Extrakt WS\u00ae 5572 oder WS\u00ae 5570 bei leichter bis mittelgradiger Depression, insbesondere auf die Kernsymptome der depressiven St\u00f6rung wie gedr\u00fcckte Stimmung, Antriebsverminderung, Interessenlosigkeit, Schuldgef\u00fchle sowie allgemeine somatische Symptome.<\/p>\n<p>Hypericum perforatum erwies sich auch in der Erhaltungstherapie \u00fcber sechs Monate Placebo \u00fcberlegen. Extrakt WS\u00ae 5570 zeigte eine bessere Wirkung als Placebo in der R\u00fcckfallsprophylaxe bei Patienten, die sich nach einer akuten depressiven Episode in Remission befanden, bei vergleichbarer Nebenwirkungsrate. Hypericum perforatum \u2013 vermutlich in erster Linie Hyperforin \u2013 wirkt als Induktor von Cytochrom-P450-Enzymen, vor allem der CYP3A4, und f\u00fchrt zu einer vermehrten Expression von Glykoprotein P. In einem systematische Review, welcher 26 Arbeiten einschloss, wurde die CYP3A4-Induktion durch hochdosierte Hyperforin- Extrakte best\u00e4tigt. In der Anwendung ist daher zu beachten, dass gleichzeitig eingenommene Substanzen, welche \u00fcber die CYP3A4 metabolisiert werden, aufgrund einer reduzierten Plasmakonzentration in ihrer Wirkung gehindert sein k\u00f6nnen bzw. es bei Absetzen von Johanniskraut zu toxischen Plasmakonzentrationen von Substanzen mit einer geringen therapeutischen Breite (z.B. Chemotherapeutika) kommen kann (siehe Tabelle 1).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2640\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/T1-e1521408331567.jpg\" alt=\"\" width=\"731\" height=\"329\" \/><\/p>\n<p>Au\u00dferdem wurden auch pharmakodynamische Interaktionen von Johanniskraut und Selektiven Serotonin-Wiederaufnahmehemmern (SSRI) beschrieben, die mit einer erh\u00f6hten Rate an unerw\u00fcnschten Nebenwirkungen, u.a. dem Serotoninsyndrom, vergesellschaftet sein k\u00f6nnen (siehe Tabelle 1). Ein weiterer wichtiger Punkt, den die Behandler in der Verordnung von Johanniskraut beachten m\u00fcssen, ist, dass die Wirkung von Hypericum perforatum f\u00fcr schwere und chronische Depressionen nicht belegt ist. Nachdem in den verf\u00fcgbaren Studien Standardisierungsprobleme mit schwankenden Dosierungen und Konzentrationen an bioaktiven Substanzen bestehen, gelten die Empfehlungen f\u00fcr die Anwendung von Johanniskraut au\u00dferdem ausschlie\u00dflich f\u00fcr qualitativ hochwertige Johanniskrautextrakte. Aufgrund der Unsicherheiten hinsichtlich Dosierung und der m\u00f6glichen Interaktionen mit anderen Medikamenten wird Johanniskraut insgesamt nicht als den verf\u00fcgbaren synthetischen Antidepressiva \u00fcberlegen gesehen, dennoch ist aufgrund der hohen Akzeptanz pflanzlicher Substanzen und der ausgezeichneten Vertr\u00e4glichkeit von Johanniskraut die Gabe als First-Line bei milder bis mittelgradiger Depression m\u00f6glich, sofern eine ausf\u00fchrliche Aufkl\u00e4rung \u00fcber die m\u00f6glichen unerw\u00fcnschten Wirkungen und Interaktionen mit anderen Medikamenten sowie eine \u00e4rztliche Betreuung w\u00e4hrend der Einnahme erfolgt.<\/p>\n<h2>Lavandula angustifolia<\/h2>\n<p>Nat\u00fcrliches Lavendel\u00f6l aus dem sogenannten echten oder schmalbl\u00e4ttrigen Lavendel Lavandula angustifolia ist seit Jahrhunderten f\u00fcr seine entspannende Eigenschaft als Heilpflanze bekannt. Im Mittelalter wurde Lavendel auch eine aphrodisierende und heilende Wirkung bei der Pest zugeschrieben. Dank seines aromatischen Dufts wird Lavendel\u00f6l au\u00dferdem als kosmetisches Produkt topisch angewandt. Lavendel\u00f6l enth\u00e4lt \u00fcber 160 verschiedene Substanzen, wobei die Hauptbestandteile Linalool und Linalylacetat sind. Bei Nagern f\u00fchrt Linalool zu einer Hemmung der Glutamatbindung im zerebralen Kortex, ein Effekt, der unter anderem der beruhigenden Wirkung von Lavendel\u00f6l zugrundeliegen soll. Des Weiteren konnte eine anxiolytische Wirkung und Reduktion von aggressivem Verhalten nach Inhalation von Linalool bei M\u00e4usen erzielt werden. Neben der aromatherapeutischen Anwendung von Lavendel\u00f6l zur Inhalation als adjuvante Therapie von beispielsweise Schmerzen, Verhaltensauff\u00e4lligkeiten bei demenziellem Syndrom oder Angst \u2013 ein Thema, das vor allem in der Krankenpflege einen hohen Stellenwert hat \u2013 steht den Behandlern seit knapp zehn Jahren das rezeptfreie Medikament Silexan zur oralen Verabreichung von Lavendel\u00f6l zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Silexan ist die patentierte aktive Substanz von Lasea\u00ae (WS\u00ae 1265, Dr. Willmar Schwabe GmbH &amp; Co. KG, Karslruhe) mit dem essenziellen \u00d6l von Lavandula-angustifolia-Bl\u00fcten, welches durch Dampfdestillation gewonnen wird. Silexan wird als Weichgelatinekapsel mit 80mg Lavendel\u00f6l eingenommen und ist in Deutschland in der Dosierung einer Tablette t\u00e4glich zur Behandlung innerer Unruhe, Angstgef\u00fchlen und daraus resultierenden Schlafst\u00f6rungen zugelassen. Wie bei Hypericum perforatum ist auch hier der exakte Wirkungsmechanismus noch nicht bekannt, einige Autoren gehen jedoch von einer Benzodiazepin- \u00e4hnlichen Wirkung \u00fcber Gamma-Aminobutters\u00e4ure (GABA) aus. Eine Studie von Schuwald et al. zeigte, dass Silexan spannungsabh\u00e4ngige Kalziumkan\u00e4le (voltage dependent calcium channels, VOCC) in Synaptosomen hippokampaler Nervenzellen und auch anderen den VOCC stabil \u00fcberexprimierenden Zelllinien hemmt. Silexan f\u00fchrte dadurch zu einer nicht selektiven Reduktion des Kalziumeinstroms \u00e4hnlich der ebenfalls angstl\u00f6senden Substanz Pregabalin, jedoch \u00fcber andere Bindungsstellen.<\/p>\n<p>In einer randomisierten, Placebo-kontrollieren Bildungsgebungsstudie mittels Positronenemissionstomographie an gesunden Probanden wurde nachgewiesen, dass entsprechend den Beobachtungen, die unter Gabe von Citalopram gemacht wurden, Silexan nach achtw\u00f6chiger Einnahme zu einer Reduktion des Serotonin-1A-Rezeptorbindungspotenzials f\u00fchrt. Dieser Effekt fand sich unter anderem in Regionen, welche in der Entstehung von Angstst\u00f6rungen eine Rolle spielen, wie dem anterioren cingul\u00e4ren Kortex und dem Hippocampus. Bis dato wurden 15 klinische Studien mit etwa 2.200 Patienten durchgef\u00fchrt, um die Wirksamkeit und Vertr\u00e4glichkeit von Silexan bei verschiedenen Angstsyndromen zu untersuchen. In einer randomisierten, doppelblinden, Placebo-kontrollierten Studie mit 221 Teilnehmern wurde erstmals 2010 die \u00dcberlegenheit von Silexan \u00fcber Placebo unter Anwendung der Hamilton Anxiety Rating Scale (HAMA) bei subsyndromaler Angstst\u00f6rung publiziert. Weiters wurde gezeigt, dass Silexan bei generalisierter Angstst\u00f6rung (GAD) ebenso wirksam wie 0,5mg Lorazepam ist. Die Wirksamkeit bei GAD und sogar \u00dcberlegenheit gegen\u00fcber Paroxetin hinsichtlich der Vertr\u00e4glichkeit wurde in einer 2014 ver\u00f6ffentlichten Studie mit 539 Patienten erneut best\u00e4tigt.<\/p>\n<p>F\u00fcr Silexan wurde eine Verbesserung des Schlafes, der Gem\u00fctslage sowie der Unruhe und Anspannung bei Angstsyndromen nachgewiesen, weiters auch eine positive Wirkung in diesen Bereichen bei Neurasthenie, posttraumatischer Belastungsst\u00f6rung, Somatisierungsst\u00f6rung sowie gemischter Depression und Angstst\u00f6rung. Abgesehen von milden gastrointestinalen Beschwerden (Eruktation) ist Silexan nebenwirkungsfrei, f\u00fchrt in den Dosierungen 80 bis 160mg zu keinen Absetzph\u00e4nomenen, und es besteht kein Interaktionspotenzial mit anderen Medikamenten. Zusammenfassend l\u00e4sst sich daher sagen, dass Silexan f\u00fcr eine langfristige Einnahme bei verschiedenen Angstsyndromen wie subsyndromaler Angstsst\u00f6rung oder der generalisierten Angstst\u00f6rung geeignet ist, vor allem bei Patienten, die h\u00e4ufig unter unerw\u00fcnschten Arzneimittelwirkungen leiden. Dennoch hat die Empfehlung von Lavendel\u00f6l bislang noch nicht Einzug in unsere Therapie- Guidelines gefunden, steht jedoch als Option neben den etablierten Medikamenten der SSRIs und einer spezifischen Psychotherapie bei der Indikation Angstst\u00f6rung zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<h2>Rhodiola rosea L.<\/h2>\n<p>Rosenwurz, Rhodiola rosea L., im Englischen auch Golden Root genannt, ist eine widerstandsf\u00e4hige Hochgebirgspflanze aus der Familie der Dickblattgew\u00e4chse (Crassulacae) und seit Jahrhunderten als Heilpflanze bekannt. Interessanterweise werden der Rosenwurz seit jeher sowohl st\u00e4rkende als beruhigende Eigenschaften zugeschrieben. Insgesamt wurden \u00fcber 140 verschiedene Wirkstoffe im Wurzelstock der Rosenwurz identifiziert, wobei die wirksamkeitsbestimmenden Inhaltsstoffe Salidrosid (auch bekannt als Rhodiolosid, ein Phenylethanolderivat) sowie sog. Rosavine (Rosavin, Rosin und Rosarin, Phenylpropanoide) zu sein scheinen. Das typische Verh\u00e4ltnis beider zeichnet den Rosenwurz-Extrakt aus und unterscheidet ihn von anderen Mitgliedern der Rhodiola- Familie. Der Rosenwurz z\u00e4hlt zudem zu den sogenannten pflanzlichen Adaptogenen.<\/p>\n<p>Laut European Medicines Agency wird ein Adaptogen wie folgt definiert: Ein Adaptogen ist nicht toxisch f\u00fcr den Empf\u00e4nger. Ein Adaptogen ist in seinen pharmakologischen Eigenschaften nicht spezifisch und wirkt \u00fcber eine St\u00e4rkung der Widerstandf\u00e4higkeit des Organismus einem breiten Spektrum von biologischen, chemischen und physikalischen Belastungsfaktoren gegen\u00fcber. Ein Adaptogen wirkt als Regulator normalisierend auf verschiedene K\u00f6rperfunktionen des Empf\u00e4ngers. Die Effekte eines Adaptogens sind umso st\u00e4rker, je tiefgreifender die pathologischen Ver\u00e4nderungen des Organismus sind. Als Adaptogen hat Rosenwurz eine Reihe positiver Wirkungen bei verschiedenen pathophysiologischen Zustandsbildern wie k\u00f6rperlicher und geistiger Erm\u00fcdung (Aufmerksamkeitsst\u00f6rung), Stress-induzierter chronischer Fatigue und Depression. Das pharmakologische Profil von Rosenwurz ist in Tabelle 2 zusammengefasst.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-2641\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/T2.jpg\" alt=\"\" width=\"513\" height=\"362\" \/><\/p>\n<p>Die g\u00fcnstige Stress-mindernde Wirkung von Rhodiola rosea L. bzw. von Adaptogenen im Allgemeinen wurde mit der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrindenachse (eng. HPA Axis) und der Regulation von Schl\u00fcsselmediatoren der physiologischen Stressantwort in Verbindung gebracht, wie beispielweise Cortisol, Glukokortikoidrezeptoren, Hitzeschockproteine (Hsp 70, Hsp 16), Stickstoffmonoxid etc. Im Zentralnervensystem (ZNS) wirkt Rosenwurz direkt stimulierend auf Rezeptoren verschiedener Neurotransmittersysteme (Noradrenalin, Dopamin, Acetylcholin und Serotonin) in der Formatio reticularis des Hirnstamms und \u00fcbt dadurch einerseits Wirkungen auf die Gro\u00dfhirnrinde und kognitive Funktionen wie Aufmerksamkeit, Ged\u00e4chtnis und Lernen (kognitive Stimulation) aus, andererseits beeinflusst Rosenwurz dadurch auch Signalwege des limbischen Systems und damit die Emotionsverarbeitung (emotionale Beruhigung). In Europa ist Rhodiola rosea L. als traditionelles pflanzliches Arzneimittel seit den 80er Jahren zur Linderung von Stress-Symptomen wie M\u00fcdigkeit und Schw\u00e4chegef\u00fchl sowie zur Leistungsverbesserung erh\u00e4ltlich.<\/p>\n<p>Es wurden zahlreiche klinische Untersuchungen, auch mehrere randomisierte kontrollierte Studien, mit Rosenwurz bei Fatigue, Depression und Stress-induzierten Ersch\u00f6pfungssyndromen durchgef\u00fchrt, welche die positive Wirkung auf die k\u00f6rperliche und mentale Leistung von Rhodiola rosea L. best\u00e4tigen. An dieser Stelle muss jedoch erw\u00e4hnt werden, dass aufgrund vager diagnostischer Einschlusskriterien Standardisierungsprobleme der verf\u00fcgbaren Studien bestehen und es zudem an unabh\u00e4ngigen Replikationsstudien mangelt. In einer multizentrischen, offenen klinischen Studie mit 118 Teilnehmern, die entsprechend des Maslach-Burnout-Inventory (MBI-D) ein mittleres Burnout-Level aufwiesen, konnte gezeigt werden, dass eine zw\u00f6lfw\u00f6chige Einnahme von Rosenwurz- Extrakt (WS\u00ae 1357) zu einer Verbesserung psychischer und physischer Beschwerden sowie der Konzentrationsf\u00e4higkeit f\u00fchrt. In einer weiteren offenen klinischen Studie bei 109 Probanden mit erh\u00f6hten Stress-Symptomen in verschiedenen psychologischen Skalen zur Erfassung von Stresslevel, Ersch\u00f6pfungsgrad, Stimmung und Alltagsbeeintr\u00e4chtigung wurde gezeigt, dass es bereits nach drei Tagen unter Einnahme von Rhodiola rosea L. zu einer allgemeinen Verbesserung der oben geannten Symptome kam, die sich auch noch \u00fcber vier Wochen fortsetzte.<\/p>\n<p>Zudem wurde das Arzneimittel sehr gut vertragen, und es kam selten zu milden Nebenwirkungen wie gastrointestinalen Beschwerden. Die gute Vertr\u00e4glichkeit von Rosenwurz-Extrakt wurde in einer randomisierten, Placebo- kontrollierten Studie bei Depression best\u00e4tigt, welche die Wirkung von Rhodiola rosea L. mit Sertralin und Placebo verglich. Obwohl die antidepressive Potenz von Rhodiola rosea L. geringer als jene von Sertralin zu sein scheint, wurden weniger Adverse-Events unter der Einnahme von Rosenwurz dokumentiert. Mit seiner kognitiv stimulierenden und emotional beruhigenden Wirkung stellt Rhodiola rosea als adaptogenes Arzneimittel eine effektive Erg\u00e4nzung derzeitiger Behandlungsm\u00f6glichkeiten psychischer und physischer Stress- Symptome dar, und ihr Einsatz kann bei Stress-assoziierten St\u00f6rungen in Erw\u00e4gung gezogen werden. Das Phytotherapeutikum verf\u00fcgt \u00fcber ein gutes Sicherheits- und Nebenwirkungsprofil, nachdem unter der Einnahme von Rosenwurz im Vergleich zu den g\u00e4ngigen Beruhigungsmitteln aus der Familie der Benzodiazepine keine Tagesm\u00fcdigkeit, kognitive Beeintr\u00e4chtigung und das Risiko der Entwicklung einer Abh\u00e4ngigkeit besteht.<\/p>\n<h2>Ginkgo biloba<\/h2>\n<p>Ginkgo biloba ist eine in China heimische Baumart. Pharmazeutisch genutzt werden ausschlie\u00dflich die Bl\u00e4tter der Pflanze. Besonders gut untersucht ist der aus den Bl\u00e4ttern der Ginkgo-Pflanze isolierte Trockenextrakt, EGb 761\u00ae, der zur symptomatischen Behandlung von \u201ehirnorganisch bedingten geistigen Leistungseinbu\u00dfen bei demenziellem Syndrom\u201c zugelassen ist. In Tierstudien wurde gezeigt, dass Spezialextrakt EGb 761\u00ae neuroprotektive Eigenschaften hat und mit der Upregulation des Vascular Endothelial Growth Factors (VEGF) und der Downregulation inflammatorischer Mediatoren assoziiert ist. Die Gabe von EGb 761\u00ae scheint im Tiermodell zudem zu einer Verminderung der durch die \u03b2-Amyloid-Ablagerungen induzierten hippokampalen Zellapoptose und atherosklerotischer Ablagerungen im Gehirn als Risikofaktor f\u00fcr demenzielle Syndrome zu f\u00fchren.<\/p>\n<p>Noch vor wenigen Jahren wurde die Wirksamkeit von Ginkgo biloba auf die Kognition angezweifelt. In einer Metaanalyse des Cochrane-Instituts aus dem Jahr 2009 von 36 Placebo-kontrollierten Studien wurde festgehalten, dass die Datenlage zur Wirksamkeit von Ginkgo biloba nicht \u00fcberzeugend und inkonsistent sei. Obwohl die Anwendung als sicher gilt und die Nebenwirkungsrate auf Placebo-Niveau liegt, wird in dieser Studie die Gabe von Ginkgo aufgrund des fehlendes Wirkungsbelegs nicht empfohlen. Eine weitere Metaanalyse, durchgef\u00fchrt durch das Institut f\u00fcr Qualit\u00e4t und Wirtschaftlichkeit im Gesundheitswesen (IQWiG), kommt jedoch zu dem Schluss, dass Ginkgo in einer Dosierung von 240mg t\u00e4glich die Aktivit\u00e4ten des t\u00e4glichen Lebens, die Kognition und allgemeine psychopathologische Symptome verbessert. Es muss jedoch ber\u00fccksichtigt werden, dass diese Analyse auf sechs sehr heterogenen randomisierten kontrollierten Studien besteht. Seit der IQWiGAnalyse 2008 wurden jedoch mehrere Placebo-kontrollierte Studien publiziert, die eine \u00dcberlegenheit von Ginkgo biloba EGb 761\u00ae gegen\u00fcber Placebo in der Verbesserung der Kognition \u00fcber 24 Wochen best\u00e4tigten.<\/p>\n<p>In einer gepoolten Analyse mit \u00fcber 1.600 Patienten mit leichter bis mittelgradiger Demenz mit Verhaltensst\u00f6rungen wurde die positive Wirksamkeit von 240mg EGb 761\u00ae auf Kognition, Lebensqualit\u00e4t und Alltagskompetenz best\u00e4tigt. Des Weiteren wurde ein positiver Effekt von EGb 761\u00ae auf Kognition und Lebensqualit\u00e4t bei Mild Cognitive Impairment nachgewiesen. Basierend auf der aktuellen Studienlage wurde die deutsche S3-Leitlinie \u201eDemenzen\u201c aktualisiert, und die Gabe von Ginkgo biloba EGb 761\u00ae bei leichter bis mittelgradiger Alzheimer-Demenz oder vaskul\u00e4rer Demenz mit nicht psychotischen Verhaltenssymptomen kann nun erwogen werden. Die \u00f6sterreichische Alzheimergesellschaft empfiehlt Ginkgo biloba im Falle einer Unvertr\u00e4glichkeit oder Verdacht auf Unwirksamkeit nach Versuch eines Wechsels innerhalb der einzelnen Cholinesterasehemmer bzw. Memantin bei respektive leichter bis mittelschwerer Demenz.<\/p>\n<p>Auch in den Guidelines der World Federation of Societies of Biological Psychiatry (WFSBP) wird die Gabe von Ginkgo biloba EGb 761\u00ae bei leichter bis mittelgradiger Demenz empfohlen. Aufgrund der geringen Nebenwirkungsrate und der guten Vertr\u00e4glichkeit l\u00e4sst sich der Einsatz von Ginkgo biloba als Therapeutikum bef\u00fcrworten. Sehr selten beschriebene Nebenwirkungen unter der Einnahme von Ginkgo biloba sind Kopfschmerzen, Schlafst\u00f6rungen, Hitzegef\u00fchl, Schwindel, Nausea, gastrointestinale St\u00f6rungen und Blutungsgefahr. Letztere wurde in einer Metaanalyse mit 18 randomisierten kontrollierten Studien jedoch nicht best\u00e4tigt. Eine \u00fcberzeugende Wirksamkeit von Ginkgo biloba EGb 761\u00ae wurde in der Dosierung von 240mg pro Tag dokumentiert.<\/p>\n<h2>Zusammenfassung<\/h2>\n<p>Laut WHO kann seit den 90er Jahren ein globales verst\u00e4rktes Interesse an traditioneller Medizin, Komplement\u00e4r- und Alternativmedizin verzeichnet werden. Auch in Europa gewinnen diese Therapien an Popularit\u00e4t, und die Zahl der Anwender steigt stetig, wobei Verordnungen zumeist in Eigeninitiative durch die Anwender oder \u00fcber den praktischen Arzt erfolgen. Das Wissen um die Evidenzbasis h\u00e4ufig angewandter Substanzen scheint daher immer unerl\u00e4sslicher, um eine umfassende Beratung von Patienten mit psychischen St\u00f6rungen gew\u00e4hrleisten zu k\u00f6nnen. In dieser \u00dcbersicht wurde die Datenlage zu Hypericum perforatum, Lavandula angustifolia, Rhodiola rosea L. und Ginkgo biloba zusammengefasst, die effiziente und gut vertr\u00e4gliche Substanzen in der Behandlung vieler psychischer Symptome darstellen. Vor allem wenn Patienten zu Unvertr\u00e4glichkeitsreaktionen neigen, ein hoher Leidensdruck besteht, jedoch eine diagnostische Einordnung aufgrund einer milden Symptomatik nicht sicher getroffen werden kann, sollte die M\u00f6glichkeit einer Phytotherapie in Erw\u00e4gung gezogen werden, auch vor dem Hintergrund, dass viele Patienten einer pflanzlichen Therapie positiver gegen\u00fcberstehen als synthetischen Substanzen. Wie bei jeder anderen gebotenen Therapieform sind die Patienten \u00fcber die m\u00f6glichen Indikationen, Nebenwirkungen und Arzneimittelinteraktionen (v.a. bei Johanniskraut) zu informieren. Die Wirksamkeit von Johanniskraut, Lavendel\u00f6l und Ginkgo biloba wurde im \u00dcbrigen auch f\u00fcr \u00e4ltere Patienten \u00fcber 60 Jahre best\u00e4tigt, und die Pr\u00e4parate bieten daher auch in dieser Altersgruppe eine gut vertr\u00e4gliche Alternative zu synthetischen Therapeutika.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2638 size-full\" title=\"Fotos: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Autoren.jpg\" alt=\"Fotos: Privat\" width=\"450\" height=\"118\" \/><\/p>\n<p><em>Ass.-Prof. Dr. Pia Baldinger-Melich, Dr. Marie Spies, Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Rupert Lanzenberger, O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper Klinische Abteilung f\u00fcr Allgemeine Psychiatrie, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universit\u00e4t Wien\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><em>Literatur bei den Autoren\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><em> Lecture Board: Univ.-Prof. Dr. Dr. Hans-Peter Kapfhammer Prof. Dr. Hans-J\u00fcrgen M\u00f6ller, Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Dietmar Winkler <\/em><\/p>\n<p><em> \u00c4rztlicher Fortbildungsanbieter: Klinische Abteilung f\u00fcr Allgemeine Psychiatrie, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien <\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Im Folgenden werden klinische Studien zum Thema Angstst\u00f6rungen und Depression mit Johanniskraut, Lavendel\u00f6l und Rosenwurz zusammengefasst sowie Daten zur Substanz Ginkgo biloba, welche in erster Linie bei kognitiven St\u00f6rungen angewandt wird. Ein Beitrag von Ass.-Prof. Dr. Pia Baldinger-Melich, Dr. Marie Spies, Assoc.-Prof. Priv.-Doz. Dr. Rupert Lanzenberger und O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper (CliniCum neuropsy 1\/18)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2639,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[191,13],"tags":[55,170,38,206,201,207,203,33,208],"class_list":["post-2637","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-191","category-neuropsy","tag-angststoerungen","tag-demenz","tag-depression","tag-ginkgo-biloba","tag-johanniskraut","tag-lavendl","tag-phytopharmaka","tag-psychiatrie","tag-rosenwurz"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2637","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2637"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2637\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2637"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2637"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2637"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}