{"id":2657,"date":"2018-04-04T15:20:27","date_gmt":"2018-04-04T13:20:27","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2657"},"modified":"2018-04-04T15:20:27","modified_gmt":"2018-04-04T13:20:27","slug":"wenn-stress-besonders-schadet","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2657","title":{"rendered":"Wenn Stress besonders schadet"},"content":{"rendered":"<p><strong>Die biologische Psychiatrie entschl\u00fcsselt immer genauer die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt. Sie erkl\u00e4rt damit auch, warum Stressoren wie Vernachl\u00e4ssigung oder Missbrauch in der Kindheit nachhaltig die seelische Gesundheit beeintr\u00e4chtigen. (CliniCum neuropsy 1\/18)<\/strong><\/p>\n<p>Bei einer Fortbildung an der Wiener Universit\u00e4tsklink f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie pr\u00e4sentierte Prof. Dr. Thomas Frodl von der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Otto-von-Guericke-Universit\u00e4t Magdeburg, ein dickes B\u00fcndel an wissenschaftlichen Beweisen f\u00fcr die enge Verflechtung von Umweltstress und genetischen Ver\u00e4nderungen. &bdquo;Selbstverst\u00e4ndlich gehen wir davon aus, dass Stress sehr individuell erlebt und verarbeitet wird, wir verstehen jedoch immer besser, auf welche Weise chronischer Stress und Ver\u00e4nderungen in der Stress-Hormon-Achse im Zusammenhang mit psychiatrischen Erkrankungen stehen&ldquo;, betont Frodl. Vernachl\u00e4ssigung oder Missbrauch in der Kindheit ebenso wie kritische Lebensereignisse und das daraus resultierende &bdquo;Konglomerat an Stressfaktoren&ldquo; st\u00f6ren die Regulationsmechanismen von Nerven- und Hormonsystem empfindlich. Beispiele daf\u00fcr sind die Hypersekretion des Corticotropin Releasing Factor (CRF), die Hypersekretion proinflammatorischer Zytokine oder die Inhibition der neuronalen Wachstumsfaktoren sowie deren Auswirkung auf die emotionale Entwicklung. &bdquo;Diese Erkenntnisse geben uns Anlass, die biologischen Zusammenh\u00e4nge zwischen kindlichem Missbrauch oder Vernachl\u00e4ssigung mit psychiatrischen Erkrankungen n\u00e4her zu beleuchten&ldquo;, sagt Frodl. <\/p>\n<h2> Stress und Depression <\/h2>\n<p> Untersuchungen mithilfe von Stresstests zeigen beispielsweise, dass Personen, die in der fr\u00fchen Kindheit entsprechenden Stressoren ausgesetzt waren, \u00fcberschie\u00dfende Stressantworten auf biologischer Ebene zeigen \u2013 ihre Befunde \u00e4hneln jenen, die bei\u00a0 depressiven Patienten beobachtet werden. &bdquo;Fr\u00fchkindlicher Stress scheint sich zudem nicht nur als ein Faktor in der Krankheitsentstehung zu best\u00e4tigen, sondern gerade bei Depressionen auch das Risiko einer Chronifizierung zu erh\u00f6hen.&ldquo; Hinzu kommt laut Frodl die enge Verzahnung mit dem Immunsystem bzw. proinflammatorischen Prozessen, die wiederum das Risiko f\u00fcr Herzinfarkt oder Schlaganfall erh\u00f6hen. Ohne Zweifel haben depressive St\u00f6rungen eine multifaktorielle Genese: Es gilt daher auch die durch Stress hervorgerufenen Ver\u00e4nderungen in Kombination mit Polymorphismen des Serotonintransporter-Gens und ihre Rolle f\u00fcr Entstehung und Verlaufsform zu beleuchten. &bdquo;Aber nicht alleine die Genetik, sondern wahrscheinlich auch die Epigenetik \u2013 also etwa das Abschalten von bestimmten Genen und damit relevanten Funktionen infolge von Umwelteinfl\u00fcssen \u2013 sind in dieser Hinsicht bedeutsam&ldquo;, berichtet Frodl. <\/p>\n<p>Gerade fr\u00fchkindlicher Stress scheint eine starke Signalwirkung im Sinne einer Hemmfunktion in der Regulation des Serotoninhaushalts zu haben. Ein interessantes &bdquo;Stressgen&ldquo;, das von der Arbeitsgruppe in Magdeburg seit geraumer Zeit erforscht wird, ist das mit der Regulation des Stresshormon- Rezeptors in Zusammenhang stehende FKBP5-Gen. Je mehr fr\u00fchkindlichem Stress und damit erh\u00f6hten Glukokortikoid-Spiegeln Personen ausgesetzt waren, umso eher l\u00e4sst sich eine Demethylierung des FKBPF-Gens nachweisen. Zugleich zeigen bildgebende Untersuchungen, dass bei Personen mit fr\u00fchkindlichem Stress eher eine Verminderung der grauen Substanz im orbitofrontalen Kortex (Stirnhirn) zu erwarten ist, die wiederum mit einer erh\u00f6hten Vulnerabilit\u00e4t im emotionalen Bereich zusammenh\u00e4ngt. <\/p>\n<h2> Stresstheorien <\/h2>\n<p> Frodl gibt weiters auch zu bedenken, dass aus klinischer Sicht derzeit unterschiedliche Hypothesen \u00fcber das Zusammenwirken von Stressfaktoren im Hinblick auf die Entstehung von Depressionen diskutiert werden. Eine davon ist die &bdquo;Stressamplifikations- Theorie&ldquo;, derzufolge Stressoren gleicherma\u00dfen direkt proportional die Wahrscheinlichkeit f\u00fcr eine depressive St\u00f6rung erh\u00f6hen. Laut der &bdquo;Stressinokulations-Theorie&ldquo; k\u00f6nnten hingegen Personen mit erh\u00f6hter Stressbelastung in der Kindheit auch gelernt haben, im sp\u00e4teren Leben besser damit umzugehen, sodass das Depressionsrisiko bei weiteren Stressoren im Alter nicht proportional zunimmt. Auf biologischer Ebene scheinen psychisch gesunde Personen, die fr\u00fchkindlichem Stress ausgesetzt waren, besser in der Lage zu sein, negative Emotionen zu verarbeiten \u2013 dies zeigt sich etwa an Aktivierungsmustern im dorsolateralen Kortex, die mit kognitiven Kompensationsmechanismen einhergehen. Dar\u00fcber hinaus gibt es aus bildgebenden Untersuchungen konkrete Hinweise darauf, dass ein reduziertes Volumen im Hippocampus nicht nur die Vulnerabilit\u00e4t f\u00fcr Depressionen erh\u00f6ht, sondern auch mit einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr chronische Verlaufsformen verkn\u00fcpft ist, erkl\u00e4rt Frodl. &bdquo;In einer Verlaufsuntersuchung \u00fcber drei Jahre sahen wir zudem, dass bei Patienten mit Depressionen, die \u00fcber drei Jahre behandelt wurden, die Volumina im Hippocampus zunahmen \u2013 es scheint also die Therapie auch positive Effekte auf die Hirnstrukturen zu haben.&ldquo;<\/p>\n<p><em>&bdquo;Stress und Epigenetik&ldquo;, Wissenschaftliches Seminar, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien, 7.12.17<\/em><\/p>\n<p>Von Mag. Christina Lechner<\/P><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Die biologische Psychiatrie entschl\u00fcsselt immer genauer die Wechselwirkung zwischen Genen und Umwelt. 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