{"id":2663,"date":"2018-04-04T15:20:26","date_gmt":"2018-04-04T13:20:26","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2663"},"modified":"2018-04-04T15:20:26","modified_gmt":"2018-04-04T13:20:26","slug":"zwischen-stillstand-und-fortschritt","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2663","title":{"rendered":"Zwischen Stillstand und Fortschritt"},"content":{"rendered":"<p><strong>Zu Jahresbeginn 2018 recherchierte CliniCum neuropsy erneut \u00fcber Erreichtes und bestehende Herausforderungen im Bereich Psychiatrieplanung. (CliniCum neuropsy 1\/18)<\/strong><\/p>\n<p>Im letzten Psychiatriebericht aus dem Jahr 2004 wurde die Psychiatrieplanung auf Bundes- und Landesebenen als \u201evorbildlich\u201c bezeichnet. Als vorbildlich wird hervorgehoben, dass es in allen Bundesl\u00e4ndern Psychiatriepl\u00e4ne gibt, Vergleiche zwischen den L\u00e4ndern sind durch den unterschiedlichen \u201eAusbaugrad\u201c bei ambulanten, mobilen und komplement\u00e4ren Einrichtungen jedoch nur eingeschr\u00e4nkt m\u00f6glich. Weitere Punkte im Psychiatriebericht 2004 sind das erfreuliche Fortschreiten der Dezentralisierung, aber auch das einem optimalen Ressourcen-Einsatz entgegenstehende \u201eFinanzierungswirrwarr\u201c. CliniCum neuropsy widmete zuletzt 2011 der Psychiatrieplanung einen umfangreichen Bericht: der stockende Ausbau aufgrund knapper Ressourcen und zum Teil noch fehlende Kassenstellen im niedergelassenen Bereich waren darin vorrangige Themen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2666\" style=\"width: 133px\" class=\"wp-caption alignleft\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2666\" class=\"wp-image-2666 size-full\" title=\"Foto: R.Ettl\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/Kern.jpg\" alt=\"Kern: \u201eGerade die Optimierung von Schnittstellen ist eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen, wobei die meisten Bundesl\u00e4nder bereits sehr weit sind.\u201c \" width=\"123\" height=\"123\" \/><p id=\"caption-attachment-2666\" class=\"wp-caption-text\">Kern: \u201eGerade die Optimierung von Schnittstellen ist eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen, wobei die meisten Bundesl\u00e4nder bereits sehr weit sind.\u201c<\/p><\/div>\n<p>Auf Bundesebene \u00fcbernimmt die Gesundheit \u00d6sterreich GmbH (G\u00d6G) im Auftrag der Bundesgesundheitsagentur bzw. des Gesundheitsministeriums die Evaluation bestehender Strukturen bzw. der Koordination von Expertengruppen, die wiederum Empfehlungen f\u00fcr die konkrete Planung erarbeiten. Projektkoordinatorin f\u00fcr den Bereich Psychiatrieplanung bei der G\u00d6G ist die Medizin- und Gesundheitssoziologin Mag. Daniela Kern. Im Gespr\u00e4ch mit CliniCum neuopsy hebt Kern unter anderem erfreuliche Entwicklungen bei der integrierten psychosozialen Versorgung von Kindern und Jugendlichen hervor. Im entsprechenden \u201eArbeitsfortschrittsbericht\u201c aus 2015 wird hier etwa das Ziel der Vernetzung der Kinder- und Jugendpsychiatrie mit p\u00e4diatrischen bzw. psychosomatischen Einrichtungen und Ambulatorien betont. \u201eGerade die Optimierung von Schnittstellen ist eine der gr\u00f6\u00dften Herausforderungen, wobei die meisten Bundesl\u00e4nder bereits sehr weit sind\u201c, fasst Kern zusammen.<\/p>\n<h2>Ziel psychische Gesundheit<\/h2>\n<p>Kern verweist zudem auf den 2017 erstellten Bericht der Arbeitsgruppe f\u00fcr das Gesundheitsziel 9 \u201ePsychosoziale Gesundheit bei allen Bev\u00f6lkerungsgruppen f\u00f6rdern\u201c (GZ9). Dementsprechend m\u00fcssten Angebote f\u00fcr Menschen mit psychischen Erkrankungen bedarfs- und bed\u00fcrfnisgerecht und m\u00f6glichst niederschwellig zug\u00e4nglich sein. \u201eDas bedeutet, dass Angebote wohnortnah, finanziell leistbar und kultursensibel sind sowie in einem vielf\u00e4ltigen Spektrum \u2013 abgestuft von niederschwellig bis hochspezialisiert \u2013 und ohne lange Wartezeiten zur Verf\u00fcgung stehen\u201c, so die Arbeitsgruppe GZ9, der rund 50 Personen angeh\u00f6ren, darunter Vertreter der psychiatrischen Fachgesellschaften, des Gesundheitsministeriums und der Sozialversicherungstr\u00e4ger. Im \u201eWirkungsziel 2\u201c befasst sich die GZ9-Arbeitsgruppe mit der Versorgung und macht dabei auf die Auswirkungen des Facharztmangels in der Psychiatrie bzw. Kinder- und Jugendpsychiatrie aufmerksam: mit einer Ausbildungsoffensive soll diesem entgegengetreten werden. Weiters verweist das GZ 9 darauf, dass im Sinne der Chancengleichheit ein \u201eKonzept f\u00fcr eine gesamthafte L\u00f6sung zur Organisation und Finanzierung der psychotherapeutischen Versorgung in \u00d6sterreich entwickelt werden m\u00fcsse. Wie auch Kern betont, w\u00e4re hier die Einrichtung einer \u201eClearing- Funktion\u201c von Vorteil, denn immerhin bestehen nach wie vor gro\u00dfe Unterschiede im Bereich Refundierung durch die Sozialversicherungstr\u00e4ger bei gleichzeitig gedeckelten Budgets.<\/p>\n<h2>Psychiatrieerfahrene involvieren<\/h2>\n<p>Noch in den Kinderschuhen steckt die Einbindung der Betroffenen im Bereich der Planung und Versorgung. Erfreulich sind zwar Aktivit\u00e4ten wie jene des Vereins EX-IN, der in einigen Bundesl\u00e4ndern Betroffene bereits auf professioneller Ebene in der Versorgung integriert. Eine st\u00e4rkere Beteiligung von Betroffenen an der Planung und Entwicklung von Versorgungsstrukturen sowie in gesundheitspolitischen Entscheidungsprozessen wird dar\u00fcber hinaus als ein Aspekt zur Hebung der Qualit\u00e4t in der Versorgung angesehen. \u201eWarum sollten Betroffene nicht wie Vertreter aller psychosozialen Berufsgruppen an der Psychiatrieplanung beteiligt sein\u201c, sagt Kern. Um eine solche Beteiligung von Betroffenen nach internationalen Standards zu erreichen, sind Ma\u00dfnahmen zur St\u00e4rkung der Interessengruppe erforderlich. Die bundesweite Vernetzung von Betroffenenvertretern wird daher seit 2017 vom Gesundheitsministerium besonders gef\u00f6rdert bzw. von der Arbeitsgruppe GZ 9 als Starterma\u00dfnahme ausgew\u00e4hlt.<\/p>\n<h2>Psychiatriekoordination in den Bundesl\u00e4ndern<\/h2>\n<p>Ein wichtiger Fortschritt zur Verbesserung der Situation der Psychiatrieplanung war laut Kern die Einrichtung von Psychiatriekoordinatoren auf L\u00e4nderebene. Gab es 2011 erst drei (Burgenland, Steiermark, Tirol), so sind es mittlerweile sechs. \u201eObwohl die Forderung nach einer entsprechenden Netzwerk-Koordination im \u00d6sterreichischen Strukturplan Gesundheit (\u00d6SG) festgehalten ist, haben die Bundesl\u00e4nder Ober\u00f6sterreich, Salzburg und Wien diese bislang noch nicht erf\u00fcllt\u201c, sagt Kern. Dabei w\u00e4re gerade f\u00fcr die Bundeshauptstadt angesichts der vielen verschiedenen Spitalstr\u00e4ger, aber vor allem f\u00fcr die vielen verschiedenen Tr\u00e4ger der (au\u00dferstation\u00e4ren) psychosozialen Einrichtungen und Dienste, eine koordinierende Stelle ein enormer Vorteil. Die Erfahrung zeige jedenfalls, so Kern, dass mit der Einrichtung von Psychiatriekoordinatoren die Umsetzung der Psychiatrieplanung gut vorankommt.<\/p>\n<h2>Beispiel Tirol<\/h2>\n<p>Im station\u00e4ren Bereich ist im vergangenen Jahr die lang angestrebte Fl\u00e4chendeckung bei der station\u00e4ren und ambulanten Versorgung sowie Rehabilitation erreicht worden. \u201eIn Zams wurde eine neue psychiatrische Abteilung zun\u00e4chst mit einer Tagesklinik und Ambulanz er\u00f6ffnet, 2019 kommen 24 station\u00e4re Betten hinzu\u201c, berichtet Dr. Karl Stieg, der seit rund 20 Jahren in Tirol als Psychiatriekoordinator t\u00e4tig ist. Im Amt der Tiroler Landesregierung wurde j\u00fcngst auch eine gemeinsame Stabstelle f\u00fcr Psychiatrie- und Suchtkoordination eingerichtet, als Suchtkoordinatorin fungiert Mag. Beate Gr\u00fcner. Die verst\u00e4rkte Einbindung von Betroffenen \u2013 auch im Sinne der UNKonvention zur St\u00e4rkung der Rechte von Menschen mit Behinderung \u2013 ist ein zentrales Anliegen: Als eines der ersten Bundesl\u00e4nder arbeitet Tirol daran, EX-IN Mitarbeiter in die Versorgung einzubinden. Geschulte, psychiatrieerfahrene Menschen sollen damit eine professionelle Rolle in der Gesundheitsversorgung einnehmen, wie Stieg erkl\u00e4rt. \u201eDamit werden echte Arbeitspl\u00e4tze geschaffen.\u201c Trotz der Fortschritte will sich Stieg jedoch noch lange nicht zufrieden geben: \u201eGerade im Psychiatriebereich k\u00f6nnen wir nie perfekt sein.\u201c Zu den aktuellen Herausforderungen geh\u00f6ren der Ausbau der vernetzten Kinder- und Jugendpsychiatrie oder des psychiatrischen Krisendienstes. So gebe es in Tirol wie in ganz \u00d6sterreich noch immer zu wenig Kinder- und Jugendpsychiater mit Kassenstellen. Im Suchtbereich verfolgen Stieg und Gr\u00fcner zudem das Ziel, Allgemeinmediziner k\u00fcnftig verst\u00e4rkt in die Fr\u00fcherkennung und f\u00fcr Kurzinterventionen bei alkoholbezogenen Problemen einzubinden.<\/p>\n<h2>Beispiel Wien<\/h2>\n<p>Im Fokus der Psychiatrieplanung steht seit jeher die Regionalisierung und Dezentralisierung, wie das Beispiel Wien unterstreicht. So hei\u00dft es in der auf Anfrage von Clinicum neuropsy von Krankenanstaltenverbund (KAV) und Psychosozialem Dienst (PSD) akkordierten Stellungnahme, dass in acht definierten Regionen je eine station\u00e4re Abteilung des KAV und ein sozialpsychiatrisches Ambulatorium des PSD psychisch erkrankten Menschen versorgen. Im Auftrag von KAV und PSD l\u00e4uft derzeit das Projekt \u201ePsychiatrischer und Psychosomatischer Versorgungsplan Wien (PPV) \u2013 Wiener Krankenanstalten und Ambulatorien\u201c mit dem Ziel, die Angebote von der Kinder- bis zur Erwachsenen- und Behindertenpsychiatrie sowie der Psychosomatik \u201ezukunftsfit\u201c zu machen. Vor allem den Nahtstellen zwischen station\u00e4rem und extrastation\u00e4rem Bereich soll dabei besondere Aufmerksamkeit zukommen.<\/p>\n<div id=\"attachment_2665\" style=\"width: 133px\" class=\"wp-caption alignright\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" aria-describedby=\"caption-attachment-2665\" class=\"wp-image-2665 size-full\" title=\"Foto: Privat\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/03\/David.jpg\" alt=\"David: \u201eEs ist nicht verst\u00e4ndlich, dass Patienten je nach Sozialversicherungstr\u00e4ger f\u00fcr die gleiche Leistung in unterschiedlichem Ausma\u00df f\u00fcr die Therapie aufkommen m\u00fcssen.\u201c \" width=\"123\" height=\"123\" \/><p id=\"caption-attachment-2665\" class=\"wp-caption-text\">David: \u201eEs ist nicht verst\u00e4ndlich, dass Patienten je nach Sozialversicherungstr\u00e4ger f\u00fcr die gleiche Leistung in unterschiedlichem Ausma\u00df f\u00fcr die Therapie aufkommen m\u00fcssen.\u201c<\/p><\/div>\n<p>Der PPV schafft damit einen strategischen Rahmen, in dem drei Fokusgruppen vertiefende Konzepte f\u00fcr die Bereiche Erwachsene, Kinder und Jugendliche sowie Sucht erarbeiten. Begleitet wird das Projekt von einem externen Experten-Beirat, der die Planungs\u00fcberlegungen in Bezug auf Best-Practice-Modelle \u00fcberpr\u00fcfen soll; ebenso sollen Vertreter von Betroffenen- und Angeh\u00f6rigen-Organisationen eingebunden werden. Dass die Dezentralisierung in Wien bereits weiter vorangeschritten sein sollte, meint allerdings MR Dr. Harald David, langj\u00e4hriger Vorstand der Abteilung f\u00fcr forensische Psychiatrie und Alkoholkranke am Otto-Wagner- Spital in Wien und niedergelassener Psychiater. \u201eDas Konzept, dass psychisch Kranke genauso wie somatisch kranke Menschen an Allgemeinspit\u00e4lern m\u00f6glichst wohnortnahe behandelt werden sollten, stammt schon aus dem Jahr 1979\u201c, betont David.<\/p>\n<p>Die Verlegung der mit dem Versorgungsauftrag f\u00fcr definierte Wiener Bezirke aus dem zentralen Otto-Wagner- Spital in das Wilhelminenspital oder in das noch nicht fertig gestellte Sozialmedizinische Zentrum Nord stehen noch bevor. Dar\u00fcber hinaus sieht David bei der Dezentralisierung eine Knappheit an ausreichend qualifiziertem Personal bevorstehen. Eines der brennendsten Probleme sieht David zudem \u00e4hnlich wie G\u00d6GProjektkoordinatorin Kern in der Steuerung der psychotherapeutischen Angebote: \u201eEs ist nicht verst\u00e4ndlich, dass Patienten je nach Sozialversicherungstr\u00e4ger f\u00fcr die gleiche Leistung in unterschiedlichem Ausma\u00df f\u00fcr die Therapie aufkommen m\u00fcssen. Abgesehen davon werden die b\u00fcrokratischen Auflagen f\u00fcr uns als psychiatrisch t\u00e4tige bzw. eine Psychotherapie verordnende \u00c4rzte immer aufw\u00e4ndiger; es ist beinahe so, als ob unsere Kompetenz infrage gestellt wird\u201c, meint David.<\/p>\n<p>Von Mag. Christina Lechner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Zu Jahresbeginn 2018 recherchierte CliniCum neuropsy erneut \u00fcber Erreichtes und bestehende Herausforderungen im Bereich Psychiatrieplanung. 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