{"id":2810,"date":"2018-07-23T14:14:57","date_gmt":"2018-07-23T12:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2810"},"modified":"2018-07-23T14:14:57","modified_gmt":"2018-07-23T12:14:57","slug":"darm-mikrobiota-und-major-depression","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2810","title":{"rendered":"Darm-Mikrobiota und Major Depression"},"content":{"rendered":"<p><strong>In diesem \u00dcbersichtsartikel soll aufgezeigt werden, welche empirischen Daten f\u00fcr einen Zusammenhang zwischen der Darm-Mikrobiota und Major Depression (MD) sprechen und auf welchen Mechanismen dieser Zusammenhang beruhen k\u00f6nnte. Abschlie\u00dfend werden die Limitation der bisherigen Forschung und die m\u00f6glichen therapeutischen Konsequenzen diskutiert, die sich aus Zusammenhang zwischen der Darm-Mikrobiota und MD ergeben k\u00f6nnten. (CliniCum neuropsy 3\/18)\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Mit Beginn des noch jungen Jahrtausends offenbarten genetische Analyseverfahren, dass unser Gastrointestinaltrakt (GIT) von einer komplexen Gemeinschaft von Mikroorganismen, der Darm-Mikrobiota, bewohnt wird. Neben Bakterien sind in der Darm-Mikrobiota Arachea, Viren und Eukaryoten wie Pilze vertreten. Die Anzahl an Mikroorganismen, die den Menschen bewohnen, \u00fcbersteigt die Anzahl an menschlichen Zellen, und mit ca. 1011 Bakterien pro Gramm luminalen Inhalts weist der Dickdarm die h\u00f6chste Konzentration an Mikroorganismen im menschlichen K\u00f6rper auf. Im Darm eines Menschen leben 160 bis 1.000 verschiedene Bakterien-Arten.<\/p>\n<p>Aus Forschungsarbeiten der letzten Jahre geht hervor, dass die Darm-Mikrobiota eine bedeutsame Rolle bei vielen physiologischen und pathologischen Prozessen spielt und damit einen wesentlichen Beitrag zur Gesundheit und Krankheit des \u201eSuperorganismus\u201c Mensch leistet. Der Einfluss der Darm-Mikrobiota beschr\u00e4nkt sich nicht nur auf den GIT, sondern reicht \u00fcber die sogenannte Brain-Gut-Microbiota Axis (BGMA) bis in das zentrale Nervensystem. Die BGMA umfasst alle afferenten und efferenten neuronalen, immunologischen, endokrinologischen und metabolischen Signale zwischen dem zentralen Nervensystem, dem GIT und der Darm-Mikrobiota.<\/p>\n<h2>Welche Hinweise gibt es f\u00fcr einen Zusammenhang zwischen der Darm-Mikrobiota und MD?<\/h2>\n<p>Klinische und pr\u00e4klinische Forschungsarbeiten der letzten zehn Jahre lieferten zahlreiche Hinweise darauf, dass zwischen der Darm-Mikrobiota und MD ein Zusammenhang besteht. In mehreren rezenten Humanstudien wurden signifikante Unterschiede in der Zusammensetzung der f\u00e4kalen Mikrobiota zwischen MD-Patienten und gesunden Kontrollpersonen vorgefunden (u.a. Zheng et al., 2016; Kelly et al., 2016; Jiang et al., 2015). Zudem erbrachten klinische Studien Hinweise darauf, dass eine Manipulation der Darm-Mikrobiota durch Pro- und Pr\u00e4biotika (siehe auch Kasten Begriffserkl\u00e4rungen) Aspekte der Stimmung und Kognition bei Menschen modulieren k\u00f6nnen. In einer randomisierten, doppelblinden Studie erhielten 40 MD-Patienten \u00fcber einen Zeitraum von acht Wochen entweder eine probiotische Mischung aus <em>Lactobacillus acidophilus<\/em>, <em>Lactobacillus casei <\/em>und <em>Bifidobacterium bifidum <\/em>oder ein Placebo.<\/p>\n<p>Die Interventionsgruppe wies zu Studienende einen signifikant niedrigeren Wert im Beck Depression Inventory als die Placebo- Gruppe auf (Akkadesh et al., 2016). F\u00fcr einen Zusammenhang zwischen der Darm-Mikrobiota und MD sprechen auch epidemiologische Daten. Bei Patienten mit chronischen Darmerkrankungen wie Morbus Crohn, Colitis ulcerosa und Reizdarmsyndrom, bei denen eine Dysbiose der Darm-Mikrobiota vorliegt, finden sich im Vergleich zur Durchschnittbev\u00f6lkerungen erh\u00f6hte Pr\u00e4valenzraten von MD. Zudem wurden eine vorangegangene Antibiotika-Einnahme sowie eine durchgemachte Darminfektion mit einem erh\u00f6hten Risiko f\u00fcr das Auftreten von MD und anderen psychischen Erkrankungen in Verbindung gebracht. Zus\u00e4tzlich zu den Humanstudien liegen zahlreiche Tierstudien vor, in denen eine Beeinflussung von depressivem und \u00e4ngstlichem Verhalten durch verschiedene Formen der Darm-Mikrobiota-Manipulation demonstriert wurde.<\/p>\n<p>Besonders eindrucksvoll sind die Ergebnisse von zwei Studien, bei denen die f\u00e4kale Mikrobiota von MD-Patienten auf Versuchstiere \u00fcbertragen wurde. Ein chinesisches Forscherteam \u00fcbertrug die zusammengemischte f\u00e4kale Mikrobiota von f\u00fcnf MD-Patienten oder von f\u00fcnf gesunden Kontrollpersonen auf keimfreie M\u00e4use. Jene Tiere, welche die f\u00e4kale Mikrobiota von MD-Patienten erhielten, zeigten im Vergleich zu Tieren, welche die f\u00e4kale Mikrobiota von gesunden Kontrollpersonen erhielten, ein erh\u00f6htes depressives Verhalten im Forced Swim Test und im Tail Suspension Test (Zheng et al., 2016). Ein irisches Forschungsteam f\u00fchrte ein \u00e4hnliches Experiment durch, in welchem die f\u00e4kale Mikrobiota von drei Patienten mit schwerer MD oder von drei gesunden Kontrollpersonen auf mit Antibiotika behandelte keimfreie Ratten \u00fcbertragen wurde. Auch in diesem Experiment bewirkte die \u00dcbertragung der f\u00e4kalen Mikrobiota von MD-Patienten ein verst\u00e4rktes depressives Verhalten der Tiere im Sucrose Preference Test (Kelly et al., 2016).<\/p>\n<p>Diese beiden Studien zeigen, dass man einen depressiven Ph\u00e4notyp mit f\u00e4kaler Mikrobiota-Transplantation spezies\u00fcbergreifend \u00fcbertragen kann, und liefern damit einen starken Beweis f\u00fcr einen kausalen Zusammenhang zwischen der Darm-Mikrobiota und MD. In weiteren Tierstudien wurde untersucht, ob sich depressives Verhalten von Labortieren durch die Gabe von Pro- und Pr\u00e4biotika (siehe auch Kasten Begriffserkl\u00e4rung) beeinflussen l\u00e4sst. M\u00e4use, die \u00fcber vier Wochen <em>Lactobacillus rhamnosus <\/em>erhielten, zeigten im Vergleich zu M\u00e4usen, die kein Probiotikum erhielten, ein verringertes depressives Verhalten im Forced Swim Test (Bravo et al., 2011). Junge Ratten, die t\u00e4glich f\u00fcr drei Stunden von ihrer Mutter getrennt wurden, zeigten im Forced Swim Test vermehrte Immobilit\u00e4t, was auf depressives Verhalten hinweist. Wenn die von der Mutter getrennten Tiere <em>Bifidobacterium infantis <\/em>erhielten, f\u00fchrte dies zu einer Reduktion des depressiven Verhaltens im Forced Swim Test in einem Ausma\u00df, wie es unter Citalopram beobachtet wurde (Desbonnet et al., 2010).<\/p>\n<p>Bei Ratten, die \u00fcber drei Wochen Zur\u00fcckhaltungsstress ausgesetzt wurden, f\u00fchrte die Gabe von <em>Lactobacillus helveticus <\/em>zu einem erh\u00f6hten freiwilligen Konsum von Saccharose im Vergleich zu Tieren, die kein Probiotikum erhielten (Liang et al., 2015). Neben dem antidepressiven Effekt von Probiotika sind auch antidepressive Eigenschaften von Pr\u00e4biotika beschrieben. M\u00e4use, die \u00fcber sechs Wochen chronischem sozialem Stress ausgesetzt wurden, zeigten im Forced Swim Test und im Tail Suspension Test ein vermehrtes depressives Verhalten. Die kombinierte Gabe von Frukto- und Galakto-Oligosacchariden bewirkte bei diesen Tieren eine Reduktion des depressiven Verhaltens (Burokas et al., 2017).<\/p>\n<div class=\"blue-box\">\n<h3>Infobox<\/h3>\n<p><strong>Mikrobiota: <\/strong>Bezeichnung f\u00fcr eine Mikrobengemeinschaft, die ein bestimmtes \u00f6kologisches Habitat bewohnt.<\/p>\n<p><strong>Mikrobiom: <\/strong>Bezeichnung f\u00fcr das kollektive Genom einer Mikrobiota. Der Begriff wird h\u00e4ufig synonym zum Begriff \u201eMikrobiota\u201c verwendet.<\/p>\n<p><strong>Symbiose: <\/strong>Als Symbiose bezeichnet man das Zusammenleben zweier unterschiedlicher Arten, das f\u00fcr beide Partner von Vorteil ist. Unter physiologischen Bedingungen d\u00fcrfte zwischen dem Menschen und seiner Darm-Mikrobiota eine Symbiose existieren, wenngleich es bislang unklar ist, welche Eigenschaften eine \u201egesunde\u201c Darm-Mikrobiota auszeichnen.<\/p>\n<p><strong>Dysbiose: <\/strong>Eine Unausgeglichenheit der Zusammensetzung oder Funktion der menschlichen Mikrobiota, die mit einer Ver\u00e4nderung der Immunfunktion und Anf\u00e4lligkeit f\u00fcr entz\u00fcndliche Erkrankungen, Autoimmunit\u00e4t und metabolische St\u00f6rungen einhergeht.<\/p>\n<p><strong>Probiotika: <\/strong>Probiotika sind als lebende Mikroorganismen definiert, die einen positiven Effekt auf die Gesundheit des Wirtes aus\u00fcben, wenn sie in ausreichender Menge verabreicht werden. Bislang werden vor allem Lactobacillus- und Bifidobacterium-Arten als Probiotika verwendet.<\/p>\n<p><strong>Pr\u00e4biotika: <\/strong>Pr\u00e4biotika sind f\u00fcr den menschlichen Organismus unverdauliche Nahrungsbestandteile, die nur von bestimmten (probiotischen) Bakterienarten genutzt werden k\u00f6nnen und damit selektiv das Wachstum dieser Mikroben f\u00f6rdern. G\u00e4ngige Pr\u00e4biotika sind Fruktane wie Inulin oder Frukto-Oligosaccharide und Glukane wie Galakto-Oligosaccharide.<\/p>\n<p><strong>Synbiotika: <\/strong>Als Synbiotika bezeichnet man Mischungen aus Probiotika und Pr\u00e4biotika.<\/p>\n<\/div>\n<h2>Auf welchen Mechanismen k\u00f6nnte der Zusammenhang beruhen?<\/h2>\n<p>Die Pathophysiologie der MD ist komplex und bislang nicht vollst\u00e4ndig verstanden. Es existieren mehrere Theorien zur Pathogenese der MD. Zu den wichtigsten geh\u00f6ren die Monoamin-, die Entz\u00fcndungs-, die Stresssowie die Neuroplastizit\u00e4ts- bzw. Neurodegenerationshypothese der MD. Nach der Monoamin-Hypothese der MD ist eine ver\u00e4nderte bzw. abgeschw\u00e4chte monoaminerge Neurotransmission f\u00fcr das Auftreten von MD und die depressiven Symptome verantwortlich. Das st\u00e4rkste Argument f\u00fcr die Monoamin-Hypothese liefern klassische Antidepressiva, die \u00fcber eine Verst\u00e4rkung der serotonergen, noradrenergen und dopaminergen Neurotransmission eine antidepressive Wirkung aus\u00fcben. Zudem zeigen sich bei MD-Patienten Ver\u00e4nderungen der Expression von Rezeptoren f\u00fcr monoaminerge Neurotransmitter, und Polymorphismen von Genen, die f\u00fcr Komponenten der monoaminergen Neurotransmission kodieren, stellen Risikofaktoren f\u00fcr das Auftreten einer MD dar.<\/p>\n<p>Die Entz\u00fcndungshypothese der MD geht auf die Beobachtung zur\u00fcck, dass sich bei MD-Patienten Zeichen einer pathologisch gesteigerten Immunaktivierung finden, und dass ein Zytokin-induziertes Krankheitsgef\u00fchl starke Parallelen zu Symptomen der MD aufweist. Dar\u00fcber hinaus finden sich bei verschiedenen inflammatorischen Erkrankungen erh\u00f6hte Pr\u00e4valenzraten von MD, und einige antiinflammatorische Medikamente weisen antidepressive Eigenschaften auf. Die Stresshypothese der MD tr\u00e4gt dem Umstand Rechnung, dass psychischer Stress der gr\u00f6\u00dfte Risikofaktor f\u00fcr das Auftreten von MD ist, und dass MD-Patienten eine gesteigerte Aktivit\u00e4t der Hypothalamus-Hypophysen-Nebennierenrinden- Achse (HHNA) aufweisen.<\/p>\n<p>Die Neuroplastizit\u00e4ts- bzw. Neurodegenerationshypothese beruht auf der Entdeckung von neurodegenerativen Ver\u00e4nderungen in Gehirnstrukturen von MD-Patienten, die eine entscheidende Rolle bei kognitiven und emotionalen Prozessen spielen. Diese Ver\u00e4nderungen k\u00f6nnten durch eine Verminderung von neurotrophen Faktoren und\/oder durch eine verst\u00e4rkte Neurodegeneration bedingt sein. Bei MD-Patienten wurde wiederholt eine Verminderung von neurotrophen Faktoren wie Brain-Derived Neurotrophic Factor (BDNF) festgestellt. Zudem wird MD mit einem Ungleichgewicht der glutamatergen und GABAergen Neurotransmission zugunsten des potenziell exzitotoxischen Glutamats in Verbindung gebracht. Im Folgenden soll anhand von Beispielen aufgezeigt werden, welchen Einfluss die Darm-Mikrobiota auf die zentralen Pathomechanismen der MD aus\u00fcben k\u00f6nnte (Abbildung).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2812\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/07\/Modell.jpg\" alt=\"\" width=\"685\" height=\"386\" \/><\/p>\n<h2>Beeinflussung der monoaminergen Neurotransmission<\/h2>\n<p>In mehreren Tierstudien wurde demonstriert, dass die Darm-Mikrobiota einen Einfluss auf die zentralen und peripheren Spiegel von monoaminergen Neurotransmittern und die Expression von Enzymen des Monoamin- Stoffwechsels aufweist. In einer Studie an keimfreien M\u00e4usen wurde festgestellt, dass bei diesen Tieren die Expression der Trypthophanhydroxylase 1 im Kolon und der Serumspiegel von Serotonin (5-HT) verringert sind. Wenn man die keimfreien Tiere mit der Mikrobiota von konventionellen M\u00e4usen oder mit bestimmten Bakterien kolonisiert, so kommt es zu einer erh\u00f6hten Expression der Trypthophanhydroxylase 1 im Kolon und zu einem erh\u00f6hten 5-HT-Serumspiegel (Yano et al., 2015).<\/p>\n<p>Lipopolysaccharid, ein zentraler Bestandteil der Zellwand gramnegativer Bakterien und ein starkes Immunstimulans, ist dagegen ein potenter Induktor der Indolamin-2,3-Dioxygenase (IDO), die Tryptophan \u2013 jene Aminos\u00e4ure, aus der 5-HT gebildet wird \u2013 in Kynurenin umwandelt. Durch eine gesteigerte Aktivit\u00e4t der IDO kann es nicht nur zu einer Verknappung von Tryptophan und damit zu einer Verminderung der 5-HT-Synthese kommen, sondern auch zu einer gesteigerten Bildung von Quinolinic acid, einem Kynurenin, das als NMDA-Rezeptoragonist neurotoxische Eigenschaften aufweist. Bei Ratten, die f\u00fcr 14 Tage mit <em>Bifidobacterium infantis <\/em>behandelt wurden, kam es im Vergleich zu Tieren, die kein Probiotikum erhielten, zu einem signifikanten Anstieg des Serumspiegels von 5-HT und Kynurenine acid, einem weiteren Kynurenin, das im Gegensatz zu Quinolonic acid ein NMDA-Rezeptorantagonist ist und neuroprotektive Eigenschaften aufweist.<\/p>\n<p>Zus\u00e4tzlich kam es bei den Tieren die das Probiotikum erhielten, zu verringerten Konzentrationen von Abbauprodukten von monoaminergen Neurotransmittern in verschiedenen Gehirnregionen (Desbonnet et al., 2008). Eine weitere Studie zeigte, dass die Gabe von <em>Lactobacillus helveticus <\/em>die durch Zur\u00fcckhaltungsstress reduzierten Spiegel von 5-HT und Noradrenalin im Hippocampus erh\u00f6hen konnte (Liang et al., 2015). Dar\u00fcber hinaus gibt es Hinweise darauf, dass Probiotika und Pr\u00e4biotika die Expression von Rezeptoren f\u00fcr monoaminerge Neurotransmitter beeinflussen k\u00f6nnen. Schlie\u00dflich sind verschiedene Bakterienarten in der Lage, selbst monoaminerge Neurotransmitter zu produzieren und zu verstoffwechseln, und Bakterien besitzen selbst Rezeptoren f\u00fcr Neurotransmitter, die beispielsweise ihr Wachstum und ihre Virulenz beeinflussen.<\/p>\n<h2>Beeinflussung des Immunsystems<\/h2>\n<p>Zwischen der Darm-Mikrobiota und dem Immunsystem existiert von Geburt an eine komplexe Wechselbeziehung. Studien mit keimfreien Tieren zeigten, dass das komplette Fehlen der Mikrobiota zu Immundefekten auf struktureller und zellul\u00e4rer Ebene f\u00fchrt. Eine Aussetzung von keimfreien Tieren gegen\u00fcber Bakterien oder einzelnen bakteriellen Bestandteilen kann diese Immundefekte r\u00fcckg\u00e4ngig machen. Nicht nur bei der Entwicklung des Immunsystems spielt die Mikrobiota eine entscheidende Rolle, sondern sie moduliert auch \u00fcber das gesamte Leben hinweg die angeborene und adaptive Immunantwort. Von mehreren kommensalen Bakterien ist beispielsweise bekannt, dass sie die Entwicklung von regulatorischen T- Zellen f\u00f6rdern, die eine entscheidende Rolle bei der Toleranz gegen\u00fcber fremden und k\u00f6rpereigenen Antigenen und bei der Abschw\u00e4chung einer \u00fcberschie\u00dfenden Immunantwort spielen.<\/p>\n<p>Die immunregulatorischen Eigenschaften von Bakterien zeigen sich auch darin, dass probiotische Bakterien die Spiegel von proinflammatorischen Zytokinen beeinflussen k\u00f6nnen. Bei Ratten, die f\u00fcr 14 Tage mit <em>Bifidobacterium infantis <\/em>behandelt wurden, kam es nach Mitogen- Stimulation zu einer signifikanten Verminderung der Serumspiegel von IFN\u03b3 (Interferon \u03b3), TNF\u03b1 (tumor necrosis factor \u03b1) und IL-6 (Interleukin 6) im Vergleich zu nicht behandelten Tieren (Desbonnet et al., 2008). In einer anderen Studie zeigte sich, dass die Gabe von <em>Lactobacillus farciminis <\/em>bei Ratten, die Zur\u00fcckhaltungsstress ausgesetzt wurden, die Expression von IL-1\u03b2, IL-6 und TNF\u03b1 im Hypothalamus unterdr\u00fcckte (Ait-Belgnaoui et al., 2012). Auch in Humanstudien zeigte sich, dass probiotische Bakterien zu einer Senkung von C-reaktivem Protein f\u00fchrten.<\/p>\n<p>Die bei MD beobachtete chronische Aktivierung des Immunsystems k\u00f6nnte auf einer gesteigerten Translokation von Bakterien und bakteriellen Bestandteilen \u00fcber eine lecke Darmbarriere beruhen. Maes et al. (2012) konnten zeigen, dass bei MD-Patienten die Serumspiegel von Immunglobulinen gegen gramnegative Darmbakterien im Vergleich zu gesunden Kontrollpersonen erh\u00f6ht sind. Ein erh\u00f6hter \u00dcbertritt von Lipopolysaccharid in die systemische Zirkulation k\u00f6nnte zur Entwicklung von MD beitragen, zumal in Human- und Tierstudien gezeigt wurde, dass Lipopolysaccharid eine depressive Verstimmung bzw. ein depressives Verhalten ausl\u00f6sen kann. Auf der anderen Seite spielt die Darm-Mikrobiota eine wichtige Rolle bei der Regulation der Darmbarriere. Studien zeigten beispielweise, dass Probiotika und Pr\u00e4biotika die Expression von Tight-junction-Proteinen f\u00f6rdern und damit die Darmbarriere st\u00e4rken k\u00f6nnen (Ait- Belgnaoui et al., 2014).<\/p>\n<h2>Beeinflussung der HHNA<\/h2>\n<p>In einer bahnbrechenden Studie von Sudo et al. (2004) wurde gezeigt, dass keimfreie M\u00e4use im Vergleich zu konventionellen M\u00e4usen in Reaktion auf einen Stressor mit einem gesteigerten Spiegel von adrenocorticotropem Hormon (ACTH) und Corticosteron, dem Pendant von Cortisol bei Nagetieren, reagieren. Eine Kolonisation von keimfreien Tieren mit <em>Bifidobacterium infantis <\/em>zu einem fr\u00fchen, nicht jedoch zu einem sp\u00e4teren Entwicklungszeitpunkt f\u00fchrte zu einer Normalisierung der HHNA- Antwort auf Stress. Diese Ergebnisse, die auch von anderen Forschungsgruppen repliziert wurden, deuten darauf hin, dass die Darm-Mikrobiota eine entscheidende Rolle bei der Programmierung und Reaktivit\u00e4t der HHNA spielt. Dar\u00fcber hinaus zeigte sich in Tierstudien, dass auch eine Behandlung von erwachsenen Tieren mit Probiotika einen Einfluss auf die HHNA hat. Bei erwachsenen Ratten, die \u00fcber drei Wochen Zur\u00fcckhaltungsstress ausgesetzt wurden, f\u00fchrte die Gabe von <em>Lactobacillus helveticus <\/em>zu einem verringerten Spiegel von Corticosteron und ACTH im Vergleich zu Tieren, die kein Probiotikum erhielten (Liang et al., 2015).<\/p>\n<p>M\u00e4use, die mit <em>Lactobacillus rhamnosus <\/em>behandelt wurden, zeigten in Reaktion auf einen akuten Stressor eine abgeschw\u00e4chte Corticosteron-Antwort (Bravo et al., 2011). Auch beim Menschen wurde ein Cortisol- senkender Effekt von Probiotika beobachtet. Zus\u00e4tzlich zu einer Beeinflussung der Spiegel von Stresshormonen zeigte sich in Tierstudien, dass eine Manipulation der Darm-Mikrobiota mit Probiotika oder Pr\u00e4biotika eine Auswirkung auf die Expression von Glukokortikoid- und Corticotrophin-releasing-hormone-Rezeptoren hat. Die Darm-Mikrobiota wird ihrerseits von Stress und Stresshormonen beeinflusst, und Stress kann die Darmbarriere schw\u00e4chen, was zu einer gesteigerten Translokation von Bakterien und einer chronischen Immunaktivierung f\u00fchren k\u00f6nnte.<\/p>\n<h2>Beeinflussung von neuroplastischen und neurodegenerativen Prozessen<\/h2>\n<p>Tierstudien liefern Hinweise darauf, dass die Darm-Mikrobiota \u00fcber eine Beeinflussung von neurotrophen Faktoren sowie der glutamatergen und GABAergen Neurotransmission neuroplastische und neurodegenerative Prozesse beeinflussen k\u00f6nnte. In mehreren Studien wurde gezeigt, dass keimfreie M\u00e4use eine reduzierte Menge an BDNF-Protein und -mRNA im Hippocampus und in anderen Gehirnregionen aufweisen (Diaz Heijtz et al., 2011; Clarke et al., 2013; Sudo et al., 2004). Die Gabe von probiotischen Bakterien oder Pr\u00e4biotika an Labortiere f\u00fchrte dagegen zu einer Erh\u00f6hung von BDNF und zeigte auch Effekte auf die hippocampale Neurogenese. Bei M\u00e4usen, die Wasservermeidungsstress ausgesetzt wurden, fand sich eine verminderte Neurogenese im Hippocampus und eine Reduktion von BDNF im Hippocampus. Eine Behandlung dieser Tiere mit <em>Lactobacillus helveticus <\/em>und <em>Bifidobacterium longum <\/em>machte die Stress-induzierte Verminderung der hippocampalen Neurogenese und die BDNF-Reduktion r\u00fcckg\u00e4ngig (Ait- Belgnaoui et al., 2014).<\/p>\n<p>In einer anderen Studie bewirkte die Gabe von <em>L. helveticus <\/em>an Ratten, die \u00fcber 21 Tage Zur\u00fcckhaltungsstress ausgesetzt wurden, eine erh\u00f6hte Expression von BDNF-mRNA im Hippocampus (Liang et al., 2015). Die Darm-Mikrobiota kann nicht nur neurotrophe Faktoren und die Neurogenese, sondern auch Elemente der glutamatergen und GABAergen Neurotransmission beeinflussen. In Studien an keimfreien M\u00e4usen wurde festgestellt, dass diese Tiere im Vergleich zu konventionellen Tieren eine verringerte Expression von NMDA-Rezeptoruntereinheiten in verschiedenen Gehirnregionen aufweisen (Neufeld et al., 2011; Sudo et al., 2004). Die Behandlung von Labortieren mit Pr\u00e4biotika bewirkte dagegen eine Erh\u00f6hung von NMDA-Rezeptoruntereinheiten im Hippocampus (Savignac et al., 2013; Burokas et al., 2017). In weiteren Studien zeigte sich, dass eine Behandlung von Versuchstieren mit Probiotika oder Pr\u00e4biotika einen Einfluss auf die Expression von GABA-Rezeptoren aufweist (Bravo et al., 2011; Burokas et al., 2017).<\/p>\n<h2>Ausblick und Diskussion<\/h2>\n<p>Zwischen der Darm-Mikrobiota und MD scheint es einen Zusammenhang zu geben, und dieser Zusammenhang d\u00fcrfte auf der F\u00e4higkeit der Darm-Mikrobiota beruhen, einen Einfluss auf die zentralen Pathomechanismen der MD zu nehmen. In pr\u00e4klinischen Studien und zum Teil auch in klinischen Studien weisen Probiotika und Pr\u00e4biotika verbl\u00fcffende \u00c4hnlichkeiten zu den Eigenschaften herk\u00f6mmlicher Antidepressiva auf: Sie modulieren die Spiegel monoaminerger Neurotransmitter, ver\u00e4ndern die Expression von Monoamin-Rezeptoren, senken die Spiegel proinflammatorischer Zytokine, reduzieren die Aktivit\u00e4t der HHNA, senken den Cortisolspiegel, erh\u00f6hen neurotrophe Faktoren wie BDNF, reduzieren Neurodegeneration und modulieren Aspekte der glutamatergen und GABAergen Neurotransmission.<\/p>\n<p>Bislang mangelt es leider an einem Nachweis der klinischen Wirksamkeit von Probiotika und Pr\u00e4biotika bei MD-Patienten. Zudem existieren zahlreiche offene Fragen zum Einsatz von Probiotika und Pr\u00e4biotika beim Menschen. Diese betreffen die Wahl, die Dosierung, die Behandlungsdauer sowie die gesundheitliche Unbedenklichkeit von Pro- und Pr\u00e4biotika. Zudem ist es bislang nicht bekannt, welche Gruppe von MD-Patienten von einer gezielten Manipulation der Darm-Mikrobiota profitieren k\u00f6nnte. Ob Appetit- oder Gewichtsver\u00e4nderungen oder gastrointestinale Beschwerden Pr\u00e4diktoren f\u00fcr ein Ansprechen sein k\u00f6nnten, bleibt einstweilen spekulativ. Eine weitere offene Frage betrifft die Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota bei MD. Auch wenn die Mehrheit der bislang durchgef\u00fchrten Studien signifikante Unterschiede in der Zusammensetzung der Darm-Mikrobiota zwischen MD-Patienten und gesunden Kontrollpersonen fanden, so ergibt sich \u00fcber die Studien hinweg kein einheitliches Bild hinsichtlich dieser Unterschiede. Dies k\u00f6nnte darin liegen, dass diese Studien in unterschiedlichen geografischen Regionen durchgef\u00fchrt wurden, nur kleine Stichproben hatten und die vielf\u00e4ltigen Einflussfaktoren auf die Darm-Mikrobiota (z.B. Ern\u00e4hrung oder vorangegangene Antibiotika-Einnahmen) nicht ausreichend ber\u00fccksichtigt haben.<\/p>\n<p>Aus den vorhandenen Daten geht nicht eindeutig hervor, ob eine Dysbiose der Darm-Mikrobiota bei MD vorliegt. Bislang gibt es auch keine verl\u00e4sslichen Hinweise darauf, ob bestimmte Bakterienarten als \u201edepressiogen\u201c oder \u201eantidepressiogen\u201c angesehen werden k\u00f6nnten, wenngleich in Tierstudien probiotische Bakterien antidepressive Eigenschaften aufwiesen. Zudem erm\u00f6glichen die durchgef\u00fchrten Vergleichsstudien keine R\u00fcckschl\u00fcsse auf die Kausalit\u00e4t des Zusammenhangs zwischen der Darm-Mikrobiota und MD. Es ist wohl so, dass nicht nur die Darm-Mikrobiota einen Einfluss auf MD aufweist, sondern dass MD zu Ver\u00e4nderungen der Darm-Mikrobiota f\u00fchrt. MD geht mit Symptomen wie Appetitver\u00e4nderungen, St\u00f6rungen des zirkardianen Rhythmus oder einer verminderten k\u00f6rperlichen Aktivit\u00e4t einher, welche die Darm-Mikrobiota ver\u00e4ndern k\u00f6nnten. Auch wenn viele Aspekte des Wechselspiels zwischen der Darm-Mikrobiota und dem zentralen Nervensystem noch genauer erforscht werden m\u00fcssen, so zeichnen sich auf der Basis der bisherigen Forschungsergebnisse zuk\u00fcnftige Behandlungsm\u00f6glichkeiten der MD ab, die auf einer gezielten Manipulation der Darm-Mikrobiota durch Probiotika und Pr\u00e4biotika beruhen. Eventuell k\u00f6nnte es in der Zukunft sogar m\u00f6glich sein, MD dadurch zu behandeln, dass man die Mikrobiota eines gesunden, nicht depressiven Spenders mittels Stuhltransplantation auf einen depressiven Empf\u00e4nger \u00fcbertr\u00e4gt.<\/p>\n<p><em>Referenzen<br \/>\n\u2022 Ait-Belgnaoui A, Colom A, Braniste V et al., Neurogastroenterol Motil 2014; 26(4):510\u201320<br \/>\n\u2022 Ait-Belgnaoui A, Durand H, Cartier C et al., Psychoneuroendocrinology 2012; 37(11):1885\u201395<br \/>\n\u2022 Akkasheh G, Kashani-Poor Z, Tajabadi-Ebrahimi M et al., Nutrition 2016; 32(3):315\u201320<br \/>\n\u2022 Bravo JA, Forsythe P, Chew MV et al., Proc Natl Acad Sci U S A. 2011; 108(38):16050\u20135<br \/>\n\u2022 Burokas A, Arboleya S, Moloney RD et al., Biol Psychiatry 2017; pii: S0006\u20133223 (17), 30042\u20132<br \/>\n\u2022 Clarke G, Grenham S, Scully P et al., Mol Psychiatry 2013; 18(6):666\u201373<br \/>\n\u2022 Desbonnet L, Garrett L, Clarke G et al., J Psychiatr Res 2008; 43(2):164\u201374<br \/>\n\u2022 Desbonnet L, Garrett L, Clarke G et al., Neuroscience 2010; 170(4):1179\u201388<br \/>\n\u2022 Diaz Heijtz R, Wang S, Anuar F et al., Proc Natl Acad Sci U S A. 2011; 108(7):3047\u201352<br \/>\n\u2022 Jiang H, Ling Z, Zhang Y et al., Brain Behav Immun 2015; 48:186\u201394<br \/>\n\u2022 Kelly JR, Borre Y, O&#8216; Brien C et al., J Psychiatr Res 2016; 82:109\u201318<br \/>\n\u2022 Liang S, Wang T, Hu X et al., Neuroscience 2015; 310:561\u201377<br \/>\n\u2022 Maes M, Kubera M, Leunis JC &amp; Berk M, J Affect Disord 2012; 141(1):55\u201362<br \/>\n\u2022 Neufeld KM, Kang N, Bienenstock J &amp; Foster JA,Neurogastroenterol Motil 2011; 23(3):255\u201364<br \/>\n\u2022 Savignac HM, Corona G, Mills H et al., Neurochem Int 2013; 63(8):756\u201364<br \/>\n\u2022 Sudo N, Chida Y, Aiba Y et al., J Physiol 2004; 558(Pt 1):263\u201375<br \/>\n\u2022 Yano JM, Yu K, Donaldson GP et al., Cell 2015; 161(2):264\u201376<br \/>\n\u2022 Zheng P, Zeng B, Zhou C et al., Mol Psychiatry 2016; 21(6):786\u201396<\/em><\/p>\n<p><strong><em>MMag. Dr. Peter Florian Lintner <\/em><\/strong><em><br \/>\nBasisausbildungsarzt am Landeskrankenhaus Bregenz,<br \/>\nE-Mail: peter.lintner@gmx.at\u00a0 <\/em><\/p>\n<p><strong><em>Univ.-Prof. Dr. Richard Frey<br \/>\n<\/em><\/strong><em>Klinische Abteilung f\u00fcr Allgemeine Psychiatrie, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universit\u00e4t Wien,<br \/>\nE-Mail: richard.frey@meduniwien.ac.at<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Darm-Mikrobiota und Major Depression (MD)? Welche empirischen Daten sprechen daf\u00fcr, und auf welchen Mechanismen beruht dieser Zusammenhang? Ein Beitrag von MMag. 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