{"id":2815,"date":"2018-07-23T14:14:57","date_gmt":"2018-07-23T12:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2815"},"modified":"2018-07-23T14:14:57","modified_gmt":"2018-07-23T12:14:57","slug":"hilferuf-nicht-ueberhoeren","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2815","title":{"rendered":"Hilferuf nicht \u00fcberh\u00f6ren"},"content":{"rendered":"<p><strong>Wenn Menschen direkt oder indirekt mitteilen, dass sie nicht mehr leben wollen, ist dies meist als ein Hilferuf zu verstehen, und dieser sollte keinesfalls \u00fcberh\u00f6rt werden. Daher ist das offene Gespr\u00e4ch \u00fcber die Verzweiflung und die Suizidgedanken sowie die Herstellung einer tragf\u00e4higen Beziehung das zentrale Element jeder Form der Behandlung, sowohl der Krisenintervention als auch der Psychotherapie suizidaler Menschen. (CliniCum neuropsy 3\/18)\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Es gibt keine einheitliche Theorie der Suizidalit\u00e4t. Das liegt daran, dass es f\u00fcr suizidales Verhalten und Erleben unterschiedlichste Gr\u00fcnde biopsycho- sozialer Natur geben kann. Suizidalit\u00e4t kann man nur in Zusammenhang mit der Gesamtpers\u00f6nlichkeit und der jeweils individuellen psychosozialen Situation und Belastung verstehen. Man kommt also nicht umhin, sich jedes Mal aufs Neue darauf einzulassen, gemeinsam mit dem Betroffenen die Bedeutung der suizidalen Fantasien und Handlungen zu ergr\u00fcnden und daraus das richtige therapeutische Handeln abzuleiten. <\/p>\n<h2>Epidemiologie suizidalen Verhaltens <\/h2>\n<p>In \u00d6sterreich nahmen sich 2016 1.204 Menschen das Leben. Das entspricht einer Suizidrate (Anzahl der Suizide pro 100.000 der Gesamtbev\u00f6lkerung) von 14,5\/100.000. Davon waren 907 M\u00e4nner (22,6\/100.000) und 297 Frauen (6,4\/100.000). Auffallend ist, dass M\u00e4nner deutlich h\u00e4ufiger Suizide begehen als Frauen (etwa im Verh\u00e4ltnis 3:1) und \u00e4ltere Menschen deutlich \u00f6fter als J\u00fcngere (ein Drittel aller Suizide betrifft Menschen \u00fcber 65). Seit dem H\u00f6chststand im Jahr 1986 (2.139 Suizide) gibt es einen deutlichen R\u00fcckgang der Suizidh\u00e4ufigkeit um 44 Prozent, allerdings ist die Zahl der Suizidtoten immer noch hoch und mehr als zweieinhalb Mal so hoch wie beispielsweise jene der Verkehrstoten (427 Personen). Im Vergleich mit anderen europ\u00e4ischen L\u00e4ndern liegt \u00d6sterreich im mittleren Bereich. Zus\u00e4tzlich sch\u00e4tzt man, dass etwa zehn bis 25 Suizidversuche auf einen\u00a0 vollzogenen Suizid kommen. Dabei f\u00e4llt auf, dass deutlich mehr Frauen und junge Menschen Suizidversuche begehen. Dies ist ein Hinweis darauf, dass sich die innerseelische Dynamik jener Menschen, die einen Suizid vollzogen haben, in einigen Aspekten von jenen Personen, die Suizidversuche begehen, unterscheidet. <\/p>\n<h2>Ursachen von Suizidalit\u00e4t <\/h2>\n<p>Es zeigt sich, dass es viele Menschen gibt, die aufgrund einer akuten psychosozialen Krisensituation sehr ernsthaft suizidal werden. Oft bleibt dies die einzige suizidale Episode im Leben Betroffener. Krisen werden durch \u00e4u\u00dfere belastende Ereignisse wie Todesf\u00e4lle, Trennungen, Diagnose einer schweren Krankheit oder pl\u00f6tzlicher Arbeitsplatzverlust ausgel\u00f6st. Das Befinden verschlechtert sich rasch, und Bew\u00e4ltigungsm\u00f6glichkeiten, die sonst zur Verf\u00fcgung stehen, gehen verloren. Es entwickeln sich verschiedenste psychische und physische Symptome, Selbstwert und Identit\u00e4t sind infrage gestellt, und das normale psychische Funktionsniveau ist erheblich beeintr\u00e4chtigt. Die Situation kann sich so zuspitzen, dass sich ein Gef\u00fchl von Ausweglosigkeit und Hoffnungslosigkeit entwickelt. Eine suizidale Handlung kann dem Betroffenen dann als letzter Ausweg erscheinen. Krisen sind also Situationen hoher Dringlichkeit, die sowohl sehr ernste Gefahren f\u00fcr den Betroffenen haben als auch bei gegl\u00fcckter Bew\u00e4ltigung die Chance auf Reifung und Weiterentwicklung in sich bergen. <\/p>\n<p>Demgegen\u00fcber geraten etwa 20 bis 30 Prozent jener Menschen, die einen Suizidversuch unternommen haben, wiederholt in suizidale Krisen. Man spricht von chronischer Suizidalit\u00e4t. Das Suizidrisiko von Menschen, die bereits einen oder mehrere Suizidversuche unternommen haben, ist vierzig Mal h\u00f6her als in der Normalbev\u00f6lkerung. Zirka f\u00fcnf bis zehn Prozent sterben innerhalb von zehn Jahren nach dem ersten Versuch durch Suizid. Bei diesen Menschen finden wir oft sehr ernste Psychopathologien. Besonders ausgepr\u00e4gte Zusammenh\u00e4nge gibt es bei affektiven St\u00f6rungen (Depression und manische Depression), bei Schizophrenie, Borderlineund antisozialen Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen, Alkohol-, Drogen- und Medikamentenmissbrauch und Essst\u00f6rungen. Einsame und sozial isolierte Menschen sind eine weitere Risikogruppe. Auch bei schweren, chronisch fortschreitenden k\u00f6rperlichen Erkrankungen finden sich erh\u00f6hte Suizidraten. Untersuchungen legen nahe, dass das Suizidrisiko besonders nach der Diagnosestellung hoch ist. Menschen mit Krebserkrankungen z.B. haben im ersten Jahr nach Diagnosestellung ein dreifach erh\u00f6htes Risiko, durch einen Suizid zu versterben (Vyssoki, 2015). <\/p>\n<h2>Krisenintervention bei akuter Suizidalit\u00e4t <\/h2>\n<p>Bei der Behandlung von Suizidalit\u00e4t ist grunds\u00e4tzlich zwischen Krisenintervention und l\u00e4ngerfristiger Therapie zu unterscheiden. Bei akuter Gef\u00e4hrdung steht nat\u00fcrlich zun\u00e4chst die Frage im Vordergrund, ob eine station\u00e4re oder ambulante Behandlung sinnvoller ist. Bald sollte man auch eine Einsch\u00e4tzung haben, ob die Suizidalit\u00e4t vorwiegend Ausdruck der aktuellen Krise ist, oder ob es sich im Sinne chronischer Suizidalit\u00e4t um ein immer wiederkehrendes Problem handelt, das Teil einer tieferliegenden psychischen Problematik und St\u00f6rung ist. Eine fr\u00fchzeitige differenzialdiagnostische Abkl\u00e4rung erm\u00f6glicht es zu entscheiden, ob die Krisenintervention baldm\u00f6glichst in eine l\u00e4ngerfristige medikament\u00f6s-psychiatrische und\/oder psychotherapeutische Behandlung \u00fcberzuf\u00fchren ist. <\/p>\n<p><strong>Die Beziehungsaufnahme mit dem suizidalen Menschen \u2013 emotionale Entlastung.<\/strong> Um eine tragf\u00e4hige und haltende Beziehung herstellen zu k\u00f6nnen, ist es notwendig, eine ungest\u00f6rte Gespr\u00e4chssituation zu erm\u00f6glichen und ausreichend Zeit zur Verf\u00fcgung zu stellen. Man begegnet dem Betroffenen mit Respekt, Verst\u00e4ndnis und Interesse und nimmt seine Sorgen ernst. Er soll offen und ehrlich \u00fcber seine verzweifelte Situation, etwaige Suizidimpulse und \u00fcber die ausl\u00f6senden kr\u00e4nkenden Ereignisse sprechen k\u00f6nnen. Der Klient soll auch die M\u00f6glichkeit haben, seinen intensiven und oft auch widerspr\u00fcchlichen Gef\u00fchlen wie Kr\u00e4nkung, Trauer, Schuld und Scham, Angst oder Wut Ausdruck zu geben. Dies hilft dabei, in eine emotional hochgespannte Situation etwas Ruhe und Klarheit zu bringen (Stein, 2009). Der Behandler stellt sich zun\u00e4chst gleichsam als Auffangbecken f\u00fcr die unertr\u00e4glichen Gef\u00fchle zur Verf\u00fcgung, einfach indem er das &bdquo;Unertr\u00e4gliche&ldquo; ertr\u00e4gt. <\/p>\n<p>Dies entspricht dem Konzept des Psychoanalytikers Bion, der vom Therapeuten als &bdquo;Container&ldquo; spricht (Bion, 1962). Das Wort &bdquo;Container&ldquo; wird von ihm mit &bdquo;one that contains&ldquo; also &bdquo;jemand, der h\u00e4lt&ldquo;, erkl\u00e4rt. Der Psychoanalytiker Winnicott (1996) wiederum spricht von der &bdquo;holding function&ldquo;, der &bdquo;haltenden Funktion&ldquo; des Therapeuten. Beides beschreibt gleichsam die Haltung der guten Mutter dem kleinen Kind gegen\u00fcber. In einer solchen Atmosph\u00e4re von haltender Zuwendung erlebt der Klient, dass die verzweifelte Situation ernst genommen wird, und trifft gleichzeitig auf ein Gegen\u00fcber, das grunds\u00e4tzlich zuversichtlich bleibt. Hingegen sollte eine Suizidabsicht weder bagatellisiert, z.B. indem man durch vorschnelle Tr\u00f6stung oder L\u00f6sungsvorschl\u00e4ge Verzweiflung und N\u00f6te abtut, noch heroisiert werden. <\/p>\n<p><strong>Einsch\u00e4tzung der aktuellen Suizidgef\u00e4hrdung im Gespr\u00e4ch.<\/strong> Jede Suizidank\u00fcndigung muss ernst genommen werden. Suizidfantasien und Suizidpl\u00e4ne sollen offen und direkt angesprochen werden. Dies gilt auch f\u00fcr alle indirekten Hinweise (z.B. verbale \u00c4u\u00dferungen wie: &bdquo;Ich kann nicht mehr weiter&ldquo;, &bdquo;Alles ist sinnlos&ldquo;). Dies entlastet den Betroffenen meist erheblich und erm\u00f6glicht eine klarere Einsch\u00e4tzung der Gef\u00e4hrdung. Oft hat sich der Klient schon \u00fcber einen l\u00e4ngeren Zeitraum mit diesen Gedanken und den damit verbundenen inneren Konflikten gequ\u00e4lt. Durch die M\u00f6glichkeit, sich gemeinsam und unvoreingenommen mit diesem Thema auseinanderzusetzen, f\u00fchlt sich der suizidale Mensch ernst genommen. Das Beziehungsangebot stellt in den allermeisten F\u00e4llen ein Hoffnungssignal dar und steht somit im Widerspruch zur Selbstt\u00f6tungsabsicht. <\/p>\n<p>Die Risikoabsch\u00e4tzung erfordert im Weiteren die detaillierte Kl\u00e4rung folgender Fragen: Geh\u00f6rt der Klient einer Risikogruppe an, und\/oder gab es fr\u00fchere Suizidversuche oder Suizide in der Familie? Von gro\u00dfer Bedeutung ist, wie konkret die Suizidgedanken sind und ob sie bewusst herbeigef\u00fchrt sind oder sich gegen den Willen aufdr\u00e4ngen. Wichtig ist auch die Frage, wie konkret die Vorbereitung der Suizidhandlung ist, ob das geplante Suizidmittel verf\u00fcgbar ist und ob der Betroffene dazu neigt, impulsiv zu handeln. Die Umst\u00e4nde, die Menschen suizidal werden lassen, machen R\u00e4ume eng \u2013 nicht umsonst ist Erwin Ringels \u00dcberlegung zur Einengung des suizidalen Menschen zu einem zentralen Begriff zum Verst\u00e4ndnis der Situation Betroffener geworden (Ringel, 1953). Einengung hat eine Reihe von unterschiedlichen Aspekten. Situative Einengung bedeutet, dass die pers\u00f6nlichen Handlungsm\u00f6glichkeiten als Folge \u00e4u\u00dferer Umst\u00e4nde oder aufgrund eigenen Verhaltens zunehmend eingeschr\u00e4nkt sind. <\/p>\n<p>Dynamische Einengung hei\u00dft, dass sich die Wahrnehmung der Welt und die Assoziationen nur in eine negative Richtung bewegen. Es dominieren dann Gef\u00fchle von Angst, Depression, Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung, man spricht von affektiver Einengung. Das Ausma\u00df von Hoffnungslosigkeit und Verzweiflung ist ein besonders wichtiger Indikator, wie gef\u00e4hrlich die Situation aktuell ist. Eine Einengung der zwischenmenschlichen Beziehungen entsteht dadurch, dass der Betroffene sich zur\u00fcckzieht, aber auch dadurch, dass die reale Wertsch\u00e4tzung durch die anderen abnimmt. F\u00fcr viele Menschen gibt es zentrale Werte im Leben wie Religion oder Beziehungen, die sie von einer Selbstt\u00f6tung abhalten. Werden diese zentralen Werte infrage gestellt, kann dies ein letzter, sehr ernster Schritt in Richtung Suizid sein. Eine \u00fcberraschende Besserung der Stimmungslage bei weiter bestehender erheblicher Belastung sollte an einen feststehenden Suizidplan denken lassen. Menschen, die den Entschluss gefasst haben, sich das Leben zu nehmen, f\u00fchlen sich unter Umst\u00e4nden entlastet und haben subjektiv das Gef\u00fchl, einen Ausweg f\u00fcr ihre verzweifelte Situation gefunden zu haben, somit sehen sie auch keinen Grund mehr, mit anderen dar\u00fcber zu sprechen. <\/p>\n<p>Wenn sich bei bekannter Suizidgef\u00e4hrdung der Kontakt nicht oder nur schwer herstellen l\u00e4sst, sich das Gef\u00fchl von emotionaler Nichterreichbarkeit einstellt oder der Eindruck entsteht, jemand sei nicht bereit, ehrlich \u00fcber sich und seine Gef\u00fchle zu sprechen und somit die Gespr\u00e4chsbasis fehlt, ist das ein ernstes Alarmsignal. Gegen\u00fcbertragungsgef\u00fchle, also jene Gef\u00fchle, die aufgrund der Interaktion mit dem Patienten im Arzt entstehen, k\u00f6nnen ein \u00fcberaus wichtiges diagnostisches und therapeutisches Instrument darstellen. Nimmt der Behandler also Gef\u00fchle von Angst, Sorge, Ohnmacht und Hoffnungslosigkeit in sich wahr, sollte er diese unbedingt ernst nehmen. In aller Regel sagen sie auch etwas \u00fcber den Zustand des Patienten aus. Andererseits darf aber auch die Frage, was den Klienten im Leben h\u00e4lt (z.B. Beziehungen, Werte) nicht vernachl\u00e4ssigt werden. Wesentlich f\u00fcr die weitere Planung der Intervention ist, ob sich im Gespr\u00e4ch Zukunftsperspektiven entwickeln lassen. Wenn der Betroffene sich entlastet f\u00fchlt, \u00e4ndert sich meist die Atmosph\u00e4re, und es lassen sich gemeinsam Pl\u00e4ne entwickeln, wie es weitergehen k\u00f6nnte. <\/p>\n<p>F\u00fcr die weitere Beurteilung der Situation sind zwei Faktoren besonders bedeutsam: Ist die Beziehung sowohl aus Sicht des Arztes als auch aus der des Klienten tragf\u00e4hig und zuverl\u00e4ssig, und ist der Betroffene in der Lage, auch \u00fcber den unmittelbaren Kontakt hinaus zu kooperieren. Ist die Situation ernst, bedarf es akut f\u00fcrsorglicher und sch\u00fctzender Ma\u00dfnahmen. Unter Umst\u00e4nden ist es notwendig, ein dichtes Kontakt- und Beziehungsnetz zu organisieren, indem man das soziale Umfeld in die Begleitung miteinbezieht. Dabei muss auch darauf geachtet werden, wie belastbar die Bezugspersonen sind. Gelegentlich m\u00fcssen dem Klienten engmaschig Termine angeboten werden. In Ausnahmef\u00e4llen kann dies sogar bedeuten, dass t\u00e4glich zumindest kurze (eventuell telefonische) Kontakte vereinbart werden. In der Folge ist zu entscheiden, ob eine station\u00e4re Behandlung notwendig ist. Nach M\u00f6glichkeit ist dabei immer ein Konsens mit dem Betroffenen und seinen Angeh\u00f6rigen zu suchen. <\/p>\n<p>Wenn es nicht gelingt, eine Beziehung zum suizidalen Klienten herzustellen, oder durch die Beziehungsaufnahme keine deutliche Entlastung eintritt, ist in folgenden F\u00e4llen eine station\u00e4re Aufnahme unumg\u00e4nglich: bei erheblicher Selbstgef\u00e4hrdung des Klienten, bei Fremdgef\u00e4hrdung abh\u00e4ngiger Personen (Gefahr eines erweiterten Suizides), bei einem Missverh\u00e4ltnis zwischen notwendiger Betreuung und der aktuellen Belastbarkeit des Umfeldes und bei fehlender ambulanter Betreuungsm\u00f6glichkeit. Wird aufgrund einer nicht aufl\u00f6sbaren Einengung eine Zwangsma\u00dfnahme gegen den Willen des Betroffenen notwendig, sollte gr\u00f6\u00dftm\u00f6gliche Transparenz bez\u00fcglich der Aufgaben und Absichten des behandelnden Arztes hergestellt werden. Zwangsma\u00dfnahmen stellen f\u00fcr alle Beteiligten eine gro\u00dfe Belastung dar und sollten daher eine absolute Ausnahme bleiben. <\/p>\n<p><strong>Der Kontrakt mit dem suizidalen Klienten \u2013 &bdquo;der Antisuizidpakt&ldquo;.<\/strong> Abgesehen von jenen Vereinbarungen, die im Rahmen einer Krisenintervention jedenfalls zu treffen sind, stellt sich die Frage, ob es sinnvoll ist, einen Antisuizidpakt abzuschlie\u00dfen: &bdquo;Ich w\u00fcrde gerne mit Ihnen vereinbaren, was Sie tun, wenn die Suizidgedanken wieder zunehmen. K\u00f6nnen Sie versprechen, dass Sie mich anrufen (sich melden, sich an die Stelle [&#8230;] wenden), wenn Sie glauben, die Suizidimpulse nicht mehr beherrschen zu k\u00f6nnen?&ldquo; Ein Antisuizidpakt wird f\u00fcr sich genommen vermutlich keinen Suizid verhindern. Eingebettet in eine tragf\u00e4hige Beziehung geht es darum, sich der Folgen einer solchen Vereinbarung f\u00fcr den Klienten, den Behandler und die Beziehung klar zu werden. Eine weitere wichtige behandlungstechnische Frage, die im Zusammenhang mit der Vereinbarung des Kontraktes steht, betrifft die Wahrung der Grenzen des Arztes. Es sollte festgelegt werden, wann und unter welchen Umst\u00e4nden man erreichbar ist. F\u00fcr Zeiten, in denen keine Erreichbarkeit besteht, sollte ein Notfallplan erarbeitet und \u00fcberpr\u00fcft werden, ob der Betroffene in der Lage ist, diese alternativen Hilfsangebote in Anspruch zu nehmen. Ist dies nicht der Fall, muss wiederum eine station\u00e4re Aufnahme in Erw\u00e4gung gezogen werden. Man soll sich klar sein, dass einmal getroffene Vereinbarungen vonseiten des Arztes unbedingt eingehalten werden sollten. <\/p>\n<p><strong>Verstehen des Krisenanlasses und der damit verbundenen Psychodynamik \u2013 Probleml\u00f6sung.<\/strong> Um den betroffenen Menschen darin unterst\u00fctzen zu k\u00f6nnen, einen konstruktiven Weg aus seiner verzweifelten Situation zu finden, muss man die Dynamik im Hintergrund seiner inneren Not verstehen. Dabei stellt sich die Frage, in welcher Weise die Krise oder das den Suizidimpuls ausl\u00f6sende Ereignis ein zentrales, sich m\u00f6glicherweise wiederholendes Kr\u00e4nkungs- und Konfliktthema des Klienten ber\u00fchrt. Die subjektive Bedeutung, also die Frage, wie der Betroffene die Situation kognitiv und emotional bewertet, sollte verstehbar werden. In tiefenpsychologischen Theorien wird Suizidalit\u00e4t nicht nur als ein Zeichen seelischer Dekompensation, sondern dar\u00fcber hinaus als eine psychische Funktion aufgefasst. Diese wird dann eingesetzt, wenn intrapsychische oder interpersonelle Krisen nicht mehr anders handhabbar scheinen. So gesehen kann Suizidalit\u00e4t eine regulierende, manchmal auch stabilisierende Funktion haben. <\/p>\n<p>Die zentralen konflikthaften Themen des suizidalen Menschen sind der Umgang mit Aggression und mit nahen Beziehungen und die Selbstwertregulation. Erfahrungsgem\u00e4\u00df verbirgt sich hinter den Suizidgedanken und -vorstellungen des Betroffenen ein Kommunikationsangebot, eine Mitteilung, die der Klient seiner Umgebung und dem Helfer zu machen versucht. Es empfiehlt sich, gemeinsam diesen Fantasien nachzugehen, um einen Zugang zur symbolischen Bedeutung der Suizidalit\u00e4t zu finden. Dr\u00fccken diese Gedanken eher das dringende Bed\u00fcrfnis nach Aufmerksamkeit und Ernstgenommen- Werden aus, oder hat man es eher mit manipulativen Tendenzen zu tun, die das Ziel haben, in einer Beziehung etwas zu erreichen oder diese zu ver\u00e4ndern bzw. zu halten (vgl. Kind, 2005)? Manchmal drehen sich die Suizidgedanken um Rachefantasien oder Selbstbestrafungstendenzen. Oft geht es aber auch einfach um den Wunsch, eine verzweifelte Situation zu unterbrechen, um sich Ruhe zu verschaffen. Bedrohlicher wird es, wenn die Suizidgedanken nicht mehr beziehungsorientiert sind und die Vorstellung, &bdquo;tot zu sein&ldquo;, definitiv im Vordergrund steht. <\/p>\n<p>Im Gesamtkontext muss auch beachtet werden, ob das suizidale Verhalten einen prim\u00e4ren oder sekund\u00e4ren Gewinn hat, ob z.B. durch die Suiziddrohung erreicht wird, dass der jeweilige Beziehungspartner sich in gew\u00fcnschter Weise verh\u00e4lt, beispielsweise von einer Trennung absieht. Ist der psychodynamische Hintergrund auf diese Weise deutlicher geworden, ist es leichter, konkrete Schritte in Richtung einer Probleml\u00f6sung zu machen. Es ist vielleicht klarer geworden, warum manche Probleml\u00f6sungsstrategien versagt haben und welche erfolgversprechender sein k\u00f6nnten. Sind die Motive verstehbarer geworden, k\u00f6nnen Strategien besprochen und ausprobiert werden, die als Alternative zur Suizidfantasie oder -handlung Entlastung verschaffen k\u00f6nnten. Ein station\u00e4rer Aufenthalt mag z.B. dem Wunsch nach Ruhe entgegenkommen, Verantwortung wird delegiert und eine Pause erm\u00f6glicht. Es wird daran gearbeitet, unm\u00f6glich zu erreichende Ziele aufzugeben und damit verbundene Verluste zu betrauern. Man wird versuchen, den Klienten zu ermutigen, wichtige Beziehungen wiederherzustellen oder Beziehungskonflikte zu kl\u00e4ren. <\/p>\n<p>Oft wird man auch aktiv die Angeh\u00f6rigen oder Freunde, soweit diese noch belastbar sind, in die Behandlung einbeziehen. Auf diese Art und Weise sollten sich die Einengung aufl\u00f6sen und neue Lebensperspektiven entwickeln lassen. Bei qu\u00e4lenden seelischen Beschwerdebildern wie Angst, Unruhe, Schlafst\u00f6rungen oder bei depressiven Verstimmungen kann eine Medikation sinnvoll sein. Die Medikamentengabe ist als eine erg\u00e4nzende Ma\u00dfnahme zum Gespr\u00e4chsangebot zu betrachten und darf dieses keinesfalls ersetzen. Dem Betroffenen muss bewusst sein, dass ein Medikament die Krise nicht beseitigen kann, aber unter Umst\u00e4nden die Auseinandersetzung mit ihr erleichtert. Bei akuter Suizidgef\u00e4hrdung ist es sinnvoll, die notwendige Dosis des Medikaments bis zum n\u00e4chsten Gespr\u00e4ch mitzugeben und weder ein Rezept noch ganze Packungen zur Verf\u00fcgung zu stellen. Wichtiger Teil der Kriseninterventionsarbeit, die ja zeitlich begrenzt ist, ist auch die Motivation zu einer Langzeitpsychotherapie und\/oder einer l\u00e4ngerfristigen psychiatrischen Behandlung und die anschlie\u00dfende Weitervermittlung. Dies gilt insbesondere bei chronisch suizidalen Menschen, die in belastenden Lebenssituationen immer wieder suizidal werden. Die Strategie einer Langzeitbehandlung wird sich prim\u00e4r an der zugrunde liegenden St\u00f6rung orientieren. Psychiatrische und speziell medikament\u00f6se Therapie und Psychotherapie schlie\u00dfen einander keinesfalls aus. Zahlreiche Studien belegen, dass die Kombination beider den chancenreichsten Weg zur erfolgreichen Behandlung darstellt. <\/p>\n<h2>Res\u00fcmee <\/h2>\n<p>Die Arbeit mit suizidalen Menschen stellt f\u00fcr den Arzt oft eine gro\u00dfe Herausforderung dar. Ziel einer Krisenintervention ist es, den Suizidgef\u00e4hrdeten darin zu unterst\u00fctzen, seine Lebensumst\u00e4nde so zu ver\u00e4ndern, dass das Leben wieder lebenswert f\u00fcr ihn wird. Damit dies gelingen kann, ist es zun\u00e4chst notwendig, eine tragf\u00e4hige, belastbare Beziehung herzustellen und darauf aufbauend die Motive und die Dynamik hinter der Suizidabsicht zu verstehen. So kann es gelingen, den verzweifelten Menschen im entscheidenden Moment zu halten, sodass er wieder Sinn in seinem Leben finden kann.<\/p>\n<p><em>Literatur beim Verfasser<\/em><\/p>\n<p><strong><em>Dr. Claudius Stein<\/em><\/strong><em> <br \/>\n <\/em><em>Kriseninterventionszentrum Wien <br \/>\n  E-Mail: claudius.stein@kriseninterventionszentrum.at <br \/>\n  <a href=\"http:\/\/www.kriseninterventionszentrum.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.kriseninterventionszentrum.at<\/a><\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Wenn Menschen direkt oder indirekt mitteilen, dass sie nicht mehr leben wollen, ist dies meist als ein Hilferuf zu verstehen, und dieser sollte keinesfalls \u00fcberh\u00f6rt werden. 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Ein Beitrag von Dr. Claudius Stein (CliniCum neuropsy 3\/18)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2816,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[222,13],"tags":[224,33,171],"class_list":["post-2815","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-222","category-neuropsy","tag-krisenintervention","tag-psychiatrie","tag-suizid"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2815","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2815"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2815\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2815"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2815"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2815"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}