{"id":2826,"date":"2018-07-23T14:14:57","date_gmt":"2018-07-23T12:14:57","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2826"},"modified":"2018-07-23T14:14:57","modified_gmt":"2018-07-23T12:14:57","slug":"fussball-risiko-fuers-gehirn","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2826","title":{"rendered":"Fu\u00dfball: Risiko f\u00fcrs Gehirn?"},"content":{"rendered":"<p><strong>Nicht nur aus spieltaktischen Gr\u00fcnden bedeutet vermutlich jeder Kopfball f\u00fcr den Fu\u00dfballer eine Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung. (CliniCum neuropsy 3\/18)\u00a0 <\/strong><\/p>\n<p>Ob als Hochleistungs- oder Freizeitsport betrieben: Fu\u00dfball zu spielen birgt stets das Risiko f\u00fcr Sportverletzungen, wobei nicht nur Knie oder Kn\u00f6chel der Spieler Blessuren erleiden, sondern auch Kopf und Gehirn. Zumindest im Profifu\u00dfball d\u00fcrfte dieses Risiko in den letzten Jahren deutlich gestiegen sein: So berichtet etwa die deutsche Verwaltungs- Berufsgenossenschaft (VBG) als gr\u00f6\u00dfter Tr\u00e4ger der gesetzlichen Unfallversicherung in ihrem Sportreport 2016, dass in der ersten und zweiten Liga bis zu zehn Prozent der Verletzungen den Kopf der Spieler betreffen; gleiches gilt auch im Handball, im Profieishockey ist sogar jede f\u00fcnfte Verletzung eine Kopfverletzung. Die Statistik der \u00f6sterreichischen Allgemeinen Unfallversicherungsanstalt (AUVA) weist f\u00fcr Fu\u00dfball sogar im Schulsport \u00e4hnliche H\u00e4ufigkeiten auf: Unter 1.300 an den AUVA-H\u00e4usern behandelten Verletzungen nach Fu\u00dfballspielen entfielen 120 (9,14%) auf Kopfverletzungen, wobei nach oberfl\u00e4chlichen Wunden Gehirnersch\u00fctterungen die zweith\u00e4ufigste Diagnose darstellen. Bei Profisportlern aus allen Sportarten betrafen im Vorjahr 98 von insgesamt 655 Verletzungen (rund 15%) den Kopfbereich, wobei hier sogar Frakturen die zweith\u00e4ufigste Diagnose sind.<\/p>\n<h2>Torh\u00fcter, Abwehr, Mittelfeld?<\/h2>\n<p>Speziell im Fu\u00dfball gelten Torh\u00fcter (vgl. auch Kasten auf Seite 34) als die Spieler mit dem h\u00f6chsten Risiko f\u00fcr Kopfverletzungen, vor allem wenn sie den Ball nicht rechtzeitig mit den H\u00e4nden abwehren k\u00f6nnen. Doch an anderen Positionen nimmt das Risiko f\u00fcr Kopfverletzungen zu: Immer dynamischer verlaufende Spiele tragen das Ihre dazu bei. \u201eHohe B\u00e4lle auch im Mittelfeld per Kopf zu erobern wird im Profifu\u00dfball zunehmend zum taktischen, mitunter sogar entscheidenden Faktor im Spiel\u201c, erkl\u00e4rt Dr. Thomas Balzer, Allgemein- und Sportmediziner sowie Vereinsarzt beim SK Rapid Wien. \u201eLuftk\u00e4mpfe\u201c mit Ellbogeneinsatz in der Abwehr bergen ebenfalls ein erhebliches Risiko f\u00fcr Kopfverletzungen, die nach den Erfahrungen Balzers in den letzten Jahren zugenommen haben. Beim Management von Kopfverletzungen im Profifu\u00dfball halten sich die medizinischen Betreuerteams an ein standardisiertes Vorgehen, das klare Entscheidungsb\u00e4ume vorsieht.<\/p>\n<p>Als Leitlinie dient das Sport Concussion Assessment Tool (aktuellste Version: SCAT-5). Dieses enth\u00e4lt neben der klinischen Untersuchung nach der Glasgow Coma Scale (GCS) eine Untersuchung der Halswirbels\u00e4ule sowie diagnostische Fragen zur zeitlichen und r\u00e4umlichen Orientierung: \u201eGegen wen spielen wir gerade?\u201c oder \u201eWelche Halbzeit haben wir?\u201c. Als \u201eRed Flags\u201c gelten laut SCAT etwa Erbrechen, auff\u00e4llige Agitiertheit oder zunehmende Kopfschmerzen. Auch der 2016 von der VBG entwickelte \u201eAlgorithmus zum Umgang mit Sch\u00e4del- Hirn-Traumen im Sport\u201c orientiert sich weitgehend am SCAT. Ein schrittweise und multidisziplin\u00e4r gest\u00fctzter Versorgungspfad soll die gefahrlose Wiederaufnahme von Training und Wettk\u00e4mpfen gew\u00e4hrleisten.<\/p>\n<p>Balzer r\u00e4umt jedoch ein, dass es unter dem Adrenalineinfluss w\u00e4hrend des Spiels mitunter viel \u00dcberzeugungsarbeit braucht, um Spieler davon zu \u00fcberzeugen, dass der Zeitpunkt zum verletzungsbedingten Auswechseln gekommen ist. \u201eIn den Stunden und Tagen danach, wenn die Spieler zudem selbst Funktionseinschr\u00e4nkungen bemerken, steigt jedoch die Bereitschaft, auf eine Spielpause und entsprechende rehabilitative Ma\u00dfnahmen einzusteigen\u201c, erg\u00e4nzt Balzer. Breite Unterst\u00fctzung kommt in solchen Situationen jedenfalls durch eine enge Zusammenarbeit zwischen Trainern, \u00c4rzten und Therapeuten. Gerade im Trainerstab, so Balzer, sei in den letzten Jahren das Bewusstsein um die potenzielle Gefahr von Hirnverletzungen und ihren Folgen deutlich gestiegen.<\/p>\n<h2>Standardisiertes Vorgehen<\/h2>\n<p>Als Mitglied des Betreuerteams beim SK Rapid Wien kennt auch Sportphysiotherapeut Wojtek Burzec die Herausforderungen des Managements von Kopfverletzungen bei Profifu\u00dfballern. \u201eAm Spielfeld haben wir maximal zwei Minuten, um zu entscheiden, ob der Spieler fit genug ist, um weiterzuspielen\u201c, berichtet Burzec. Gegebenenfalls kann danach eine weitere Abkl\u00e4rung an der Outlinie erfolgen, die Mannschaft muss dann jedoch vor\u00fcbergehend mit zehn Mann weiterspielen. \u201eBei Rapid vertreten wir insgesamt die Philosophie, eher vorsichtiger zu sein, was den weiteren Matcheinsatz eines Spielers nach einer Kopfverletzung angeht\u201c, sagt Burzec. \u201eEin Fu\u00dfball wiegt immerhin 400 Gramm, und aufgrund der Dynamik des Spiels bzw. durch weite und hohe B\u00e4lle kann es damit zu entsprechenden Krafteinwirkungen kommen\u201c, gibt Burzec zu bedenken. \u201eProfis wissen allerdings, wie sie sich gut darauf vorbereiten k\u00f6nnen: zum laufenden Training der allgemeinen Fitness geh\u00f6rt auch entsprechendes Krafttraining zur St\u00e4rkung der Kopf- und Rumpfmuskulatur.\u201c Ein eigenes \u201eKopfballtraining\u201c gibt es zwar nicht, im Trainingsverlauf werden aber genauso wie im Match hohe B\u00e4lle immer wieder per Kopf gespielt, wei\u00df Burzec.<\/p>\n<h2>Sport-Neuropsychologie<\/h2>\n<p>Mit dem Management von Kopfverletzungen im Sport befasst sich auch die noch junge Disziplin der Sport-Neuropsychologie: Die Wiener Sport-Neuropsychologin und Mitbegr\u00fcnderin der Gesellschaft f\u00fcr Sport-Neuropsychologie (GSNP), Mag. Sylvia Heigl, betreut selbst in ihrer Praxis Profisportler, die oft nach persistierenden Symptomen den Weg zu ihr finden. Die exakte Diagnose einer Gehirnersch\u00fctterung ist allerdings mitunter t\u00fcckisch, vor allem wenn sich individuelle Faktoren wie die Folgen eines \u00dcbertrainings dazu mischen. \u201eEin Cluster aus Kopfschmerzen, M\u00fcdigkeit, Schwindel, visuellen Problemen sowie Licht- und Ger\u00e4uschempfindlichkeit lassen eher den Schluss einer noch nicht erholten Gehirnersch\u00fctterung zu\u201c, betont Heigl. Gemeinsam mit einem ver\u00e4nderten emotionalen Empfinden wie erh\u00f6hte Reizbarkeit und einer subjektiv reduzierten Belastbarkeit deuten diese Symptome eher auf das sogenannte \u201ePost Concussion Syndrome\u201c hin.<\/p>\n<p>In einem genauen diagnostischen Prozess analysiert Heigl neben der Verletzungsanamnese auch die Ergebnisse neuropsychologischer Tests, bei denen unter anderem auch exekutive Funktionen wie das Arbeitsged\u00e4chtnis oder die Aufmerksamkeitssteuerung \u00fcberpr\u00fcft werden. \u201eIdeal ist es, wenn von jedem Profisportler am Beginn der Wettkampf- oder Spielsaison ein Baseline-Test erhoben wird, sodass wir nach Kopfverletzungen kritische Abweichungen erkennen, die dann mit hoher Wahrscheinlichkeit auf die Kopfverletzung zur\u00fcckgef\u00fchrt werden k\u00f6nnen.\u201c Eine Basisuntersuchung durch einen klinischen Neuropsychologen wird \u00fcbrigens auch in der VBG-Leitlinie empfohlen.<\/p>\n<h2>Schrittweise Belastung<\/h2>\n<p>Im weiteren Management orientiert sich Heigl an der Beschwerdeliste des SCAT und r\u00e4t in Absprache mit Medizinern und Trainern dazu, die Sportler nach der ersten absoluten Ruhephase schrittweise bis zur Symptomgrenze wieder zu belasten. \u201eEin l\u00e4ngeres absolutes Trainingsverbot birgt f\u00fcr Profisportler das Risiko einer Chronifizierung bzw. depressiver Verstimmungen\u201c, gibt Heigl zu bedenken. Regelm\u00e4\u00dfige standardisierte Checks mittels Beschwerdeliste geben zudem eine gute Orientierung \u00fcber den Verlauf der Rehabilitation bzw. die zunehmende Belastbarkeit der Sportler. Ob und welche Sp\u00e4tfolgen durch h\u00e4ufige Kopfverletzungen im Sport zu erwarten sind, dazu gibt die Literatur bislang keine eindeutige Antwort: \u201eWir kennen zwar den Begriff der Chronic Traumatic Encephalopathy, kurz CTE, die fr\u00fcher auch als \u201eBoxer- Demenz\u201c bezeichnet wurde. Definitiv ist sie allerdings erst post mortem feststellbar.\u201c Klinische Auff\u00e4lligkeiten wie Konzentrationsschwierigkeiten, Depression, Suchtgef\u00e4hrdung und\/ oder erh\u00f6hte Suizidalit\u00e4t sind als Folge h\u00e4ufiger und\/oder schwerer Kopfverletzungen laut Heigl jedenfalls nicht auszuschlie\u00dfen.<\/p>\n<h2>Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung<\/h2>\n<p>Prim. Dr. Nikolaus Steinhoff, Facharzt f\u00fcr Neurologie sowie \u00c4rztlicher Leiter des OptimaMed Neurologischen Rehabilitationszentrums Kittsee und Pr\u00e4sident der \u00d6sterreichischen Gesellschaft f\u00fcr Sch\u00e4del-Hirn-Trauma, vertritt jedenfalls die Ansicht, dass sich Fu\u00dfballer dar\u00fcber im Klaren sein m\u00fcssten, dass \u201ebei jedem Kopfball das Gehirn mehr oder minder stark durcheinander ger\u00fcttelt wird\u201c. Eine zumindest vor\u00fcbergehende St\u00f6rung der Funktion sei immer m\u00f6glich, und Symptome wie kurzzeitige Verwirrung, Schwindel, \u00dcbelkeit oder Schwarzwerden vor den Augen sprechen daf\u00fcr. \u201eZus\u00e4tzlich wird beim Aufeinanderprallen von Kopf und Fu\u00dfball meist die Halswirbels\u00e4ule in Mitleidenschaft gezogen, und Verschiebungen der Wirbel k\u00f6nnen ebenfalls entsprechende Symptome hervorrufen\u201c, erkl\u00e4rt Steinhoff.<\/p>\n<p>Mit hoher Wahrscheinlichkeit gehen je nach St\u00e4rke des Aufpralls auch Hirnzellen verloren, genauso wie nach einem Alkoholrausch \u2013 wie viele es sind, l\u00e4sst sich aber kaum absch\u00e4tzen, wie Steinhoff betont. Angesichts der hohen Pr\u00e4mien, die im Profifu\u00dfball bezahlt werden, r\u00fcckt f\u00fcr Profispieler auf dem H\u00f6hepunkt ihrer Karriere die Frage nach m\u00f6glichen Langzeitsch\u00e4den aber nicht leicht ins Bewusstsein. Lange nach dem Karriereende auftretende Funktionseinschr\u00e4nkungen lie\u00dfen sich dann r\u00fcckblickend nur schwer mit der Anzahl harter Kopfb\u00e4lle korrelieren und kaum von neurologischen Ver\u00e4nderungen aufgrund anderer Prozesse unterscheiden. Es gilt laut Steinhoff jedenfalls, bei den Spielern ein Risikobewusstsein zu erreichen und ihnen \u2013 so schwierig es w\u00e4hrend eines im Spiels auch sein mag \u2013 zu einer Kosten-Nutzen-Bewertung im Hinblick auf neurologische Folgen zu verhelfen. Das kann bedeuten, in Sekundenbruchteilen zu entscheiden, einen Ball mit dem Kopf oder doch lieber mit den Beinen anzunehmen.<\/p>\n<div class=\"blue-box\">\n<h3>Tormann mit Helm<\/h3>\n<p>Wer in den letzten Jahren den internationalen Fu\u00dfball verfolgt hat, kennt den tschechischen Torh\u00fcter Petr \u010cech: Als Mitglied der Mannschaft von FC Arsenal, Welttorh\u00fcter des Jahres 2005 und bis 2016 Stammtorwart der tschechischen Nationalmannschaft gilt \u010cech als einer der besten Torm\u00e4nner der Welt. 2006 zog sich \u010cech in einem Premier- League-Spiel 16 Sekunden nach Anpfiff bei einem Zusammensto\u00df mit einem Gegenspieler einen Sch\u00e4delbasisbruch zu und wurde noch am selben Tag operiert. Drei Monate sp\u00e4ter stieg er wieder in das Mannschaftstraining ein, spielte jedoch lange Zeit mit einem speziellen Helm aus Kunststoff. Au\u00dferdem setzt sich der Fu\u00dfballprofi seit seiner Verletzung f\u00fcr die Rechte der Torh\u00fcter ein und bem\u00e4ngelt unter anderem, Torh\u00fcter w\u00fcrden zu wenig Schutz durch die Schiedsrichter erhalten. 2008 erlitt \u010cech erneut eine Gehirnersch\u00fctterung und fiel f\u00fcr acht Wochen aus. Sein Vertrag bei Arsenal l\u00e4uft bis 2019; 2009 betrug sein Marktwert 28 Millionen Euro, der aktuelle Transferwert wird mit sechs Millionen Euro angegeben. <em><br \/>\nQuelle: Wikipedia; transfermarkt.at<\/em><\/p>\n<\/div>\n<p>Von Mag. Christina Lechner<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Nicht nur aus spieltaktischen Gr\u00fcnden bedeutet vermutlich jeder Kopfball f\u00fcr den Fu\u00dfballer eine Kosten-Nutzen-Abw\u00e4gung. (CliniCum neuropsy 3\/18)<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2827,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[222,13],"tags":[28,228,229],"class_list":["post-2826","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-222","category-neuropsy","tag-neurologie","tag-sportverletzungen","tag-traumatologie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2826","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2826"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2826\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2826"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2826"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2826"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}