{"id":2859,"date":"2018-10-30T18:15:04","date_gmt":"2018-10-30T16:15:04","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2859"},"modified":"2018-10-30T18:15:04","modified_gmt":"2018-10-30T16:15:04","slug":"diagnostik-und-therapie-der-migraene","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2859","title":{"rendered":"Diagnostik und Therapie der Migr\u00e4ne"},"content":{"rendered":"<p><strong>Migr\u00e4ne ist eine h\u00e4ufige, unterdiagnostizierte, untertherapierte und chronisch rezidivierende Krankheit, die die Lebensqualit\u00e4t der Betroffenen erheblich beeintr\u00e4chtigen kann. Eine gezielte Diagnostik und effiziente individualisierte Therapie sind daher unabdingbar und eine zentrale Aufgabe in der allgemeinmedizinischen wie fach\u00e4rztlich neurologischen Versorgung. (CliniCum neuropsy 4\/18) <\/strong><\/p>\n<p>Im j\u00fcngsten Bericht der WHO zur globalen Belastung durch Krankheiten (Global Burden of Disease Study) rangiert die Migr\u00e4ne unter mehr als 300 Krankheiten an siebenter Stelle und bei den unter 50-J\u00e4hrigen sogar an dritter Stelle. Neben der individuellen Belastung hat Migr\u00e4ne erhebliche volkswirtschaftliche Auswirkungen, die f\u00fcr Europa mit j\u00e4hrlich 50 Milliarden Euro berechnet wurden.<\/p>\n<h2>Genetik und Pathophysiologie<\/h2>\n<p>In Anbetracht der Tatsache, dass Migr\u00e4ne oft famili\u00e4r geh\u00e4uft auftritt, wird ein urs\u00e4chlicher oder jedenfalls beg\u00fcnstigender genetischer Faktor postuliert. F\u00fcr die seltene famili\u00e4re hemiplegische Migr\u00e4ne sind bereits mehrere Genloci bekannt. F\u00fcr die h\u00e4ufigen Migr\u00e4neformen, die Migr\u00e4ne ohne Aura und die Migr\u00e4ne mit Aura, wird eine multifaktorielle Vererbung angenommen. Es liegen zahlreiche Linkage- Studien, Studien zu Kandidatengenen und genomweite Assoziationsstudien vor, die Auff\u00e4lligkeiten auf neuronaler, vaskul\u00e4rer und hormonaler Ebene aufzeigen. Die pathophysiologischen Grundlagen der Migr\u00e4ne sind zwar noch nicht restlos gekl\u00e4rt, allerdings sind bereits viele Bausteine bekannt.<\/p>\n<p>Es ist unbestritten, dass Migr\u00e4ne eine neuronal mediierte Erkrankung ist, bei der der Hirnstamm und, einer neueren Studie zufolge, auch der Hypothalamus eine wichtige Rolle spielen d\u00fcrften. Als pathophysiologisches Korrelat der Migr\u00e4neaura gilt die im Tierversuch bereits 1944 nachgewiesene Spreading Depression. Weiters ist gesichert, dass sich \u00fcber Aktivierung des trigeminovaskul\u00e4ren Systems eine neurogene Entz\u00fcndung im Bereich der Duragef\u00e4\u00dfe entwickelt. \u00dcber Afferenzen des N. trigeminus werden vegetative Zentren sowie der Kortex aktiviert. Die fr\u00fcher als zentral erachtete Vasodilatation d\u00fcrfte hingegen keine wesentliche Rolle spielen. Neurophysiologisch zeichnet sich Migr\u00e4ne durch eine ge\u00e4nderte Reizverarbeitung aus, wobei einer mangelnden Habituation eine ma\u00dfgebliche Rolle zukommt. W\u00e4hrend bei Gesunden wiederholte Stimulation z.B. mit einer Abnahme der Amplitude visuell evozierter Potenziale einhergeht, zeigen Migr\u00e4nebetroffene gleich bleibend hohe Amplituden.<\/p>\n<p>Klinisches Korrelat der beeintr\u00e4chtigten Reizverarbeitung sind Photo-, Phono- und Osmophobie, die nicht nur den Migr\u00e4nekopfschmerz begleiten, sondern auch als Vorboten einer Attacke und in der Abklingphase vorhanden sein k\u00f6nnen. Zudem werden bestimmte sensorische Reize oft auch interiktal als unangenehm empfunden oder als Ausl\u00f6ser einer Attacke beschrieben. Auf Rezeptorebene kommen den 5-HT1B- und 5-HT1DRezeptoren sowie dem Calcitonin-Gene-Related Peptide (CGRP) die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung zu. Die Entwicklung der Triptane als 5-HT1B\/1D-Agonisten war ein Quantensprung in der Migr\u00e4nebehandlung. Der vasokonstriktive Effekt der Triptane verbietet jedoch den Einsatz u.a. bei koronarer Herzkrankheit, zerebralen Isch\u00e4mien und arterieller Verschlusskrankheit. Mit monoklonalen Antik\u00f6rpern gegen CGRP wird erstmals eine spezifisch f\u00fcr Migr\u00e4ne entwickelte Prophylaxe zur Verf\u00fcgung stehen.<\/p>\n<h2>Pr\u00e4valenz<\/h2>\n<p>Migr\u00e4ne betrifft 10\u201315 Prozent der Erwachsenen und 3\u201310 Prozent der Kinder, kommt bei Frauen 2,5- bis dreimal h\u00e4ufiger vor als bei M\u00e4nnern und zeigt ihren Erkrankungsgipfel zwischen dem 25. und 55. Lebensjahr. Der Stellenwert der Migr\u00e4ne unter den neurologischen Erkrankungen wird offensichtlich, wenn man diese Zahlen mit der Pr\u00e4valenz anderer wichtiger neurologischer Erkrankung vergleicht. Epilepsie betrifft weniger als ein Prozent der Bev\u00f6lkerung, M. Parkinson und Multiple Sklerose 0,5 bzw. 0,1 Prozent. Lediglich die Pr\u00e4valenz von Demenzerkrankungen bei \u00fcber 65-J\u00e4hrigen erreicht mit knapp zehn Prozent die Gr\u00f6\u00dfenordnung der Migr\u00e4ne.<\/p>\n<h2>Diagnose und Differenzialdiagnosen<\/h2>\n<p>Angesichts der gro\u00dfen Zahl von Patienten mit Migr\u00e4ne und anderen prim\u00e4ren sowie nicht akut bedrohlichen sekund\u00e4ren Kopfschmerzen ist es wichtig, potenziell bedrohliche Kopfschmerzursachen rasch und ad\u00e4quat abzukl\u00e4ren sowie spezifisch zu therapieren. Die Regel, dass eine sorgf\u00e4ltig erhobene Anamnese die Grundvoraussetzung f\u00fcr die Erstellung einer korrekten Diagnose ist, gilt f\u00fcr Kopfschmerz und Migr\u00e4ne in ganz besonderem Ma\u00df. Bei etwa 95 Prozent der Patienten mit dem Leitsymptom Kopfschmerz kann alleine mit Hilfe der Anamnese eine diagnostische Zuordnung getroffen werden. Ein Algorithmus zum Erkennen potenziell bedrohlicher Kopfschmerzen ist in Tabelle 1 dargestellt.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2861\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T1.jpg\" alt=\"\" width=\"511\" height=\"564\" \/><\/p>\n<p>Migr\u00e4ne wird auf Basis der Anamnese und der klinischneurologischen Untersuchung diagnostiziert und bedarf keiner \u201eroutinem\u00e4\u00dfigen\u201c Zusatzdiagnostik. Zum Ausschluss einer zugrunde liegenden Erkrankung kann bei manchen Patienten eine kraniale CT- oder MRT-Untersuchung erforderlich sein. Es ist jedoch auch zu bedenken, dass eine Reihe von Ursachen migr\u00e4ne\u00e4hnlicher Kopfschmerzen einer Routine-CT- oder Routine-MRT-Untersuchung entgehen k\u00f6nnen, wie zum Beispiel ein halbseitiger Kopfschmerz im Rahmen einer Dissektion der Arteria carotis interna oder der Arteria vertrebralis, Kopfschmerzen begleitet von Sehst\u00f6rungen bei der idiopathischen intrakraniellen Drucksteigerung (\u201ePseudotumor cerebri\u201c) oder bei einer Arteriitis temporalis und Kopfschmerzen als Folge einer Sinusvenenthrombose. Bei typischer Migr\u00e4ne ist eine weiterf\u00fchrende apparative Diagnostik \u00fcblicherweise nicht erforderlich.<\/p>\n<p>Die im Alltag wichtigste Differenzialdiagnose der Migr\u00e4ne ist der Kopfschmerz vom Spannungstyp (Tabelle 2). Gerade wenn Patienten prominente Nackenschmerzen oder eine Verspannung der Nackenmuskulatur beschreiben, wenn beidseitige Kopfschmerzen bestehen oder \u00dcbelkeit und Erbrechen verneint werden, besteht die Gefahr, dass die Fehldiagnose eines Spannungskopfschmerzes gestellt wird, obwohl eine Migr\u00e4ne vorliegt. Auch bei wiederkehrenden Kopfschmerzen, die wie ein Spannungskopfschmerz imponieren, aber auf Analgetika und nicht steroidale Antirheumatika nicht ausreichend ansprechen, sollte u.a. eine Migr\u00e4ne erwogen werden. Die Differenzialdiagnose zwischen Migr\u00e4ne und Spannungskopfschmerz kann auch dadurch erschwert werden, dass Kopfschmerzen entlang eines Kontinuums auftreten, an dessen einem Ende nicht beeintr\u00e4chtigende Schmerzen ohne jegliche Begleiterscheinungen und an dessen anderem Ende schwerste Migr\u00e4neattacken mit ausgepr\u00e4gten Begleitsymptomen stehen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2862\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T2.jpg\" alt=\"\" width=\"510\" height=\"513\" \/><\/p>\n<p>Diese Unsch\u00e4rfe einer klaren Trennung von Migr\u00e4ne und Spannungskopfschmerz spiegelt sich auch in der Klassifikation der Internationalen Kopfschmerzgesellschaft wider: Diese umfasst neben den definitiven Diagnosen \u201eMigr\u00e4ne ohne Aura\u201c und \u201eMigr\u00e4ne mit Aura\u201c auch die Diagnose \u201ewahrscheinliche Migr\u00e4ne\u201c, bei der eines der diagnostischen Kriterien nicht erf\u00fcllt ist. Vice versa gibt es neben dem definitiven auch einen wahrscheinlichen Spannungskopfschmerz. Zur besseren Zuordnung leistet ein diagnostisches Kopfschmerztagebuch unsch\u00e4tzbare Dienste. Die Fehldiagnose Spannungskopfschmerz hat f\u00fcr die Patientinnen und Patienten mit migr\u00e4neartigen Kopfschmerzen die Konsequenz, dass potenziell wirksame migr\u00e4nespezifische Therapien unterbleiben. Eine weitere wesentliche Differenzialdiagnose der Migr\u00e4ne stellt sich durch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Medikamentengebrauch dar, der sich bei der Mehrzahl der Patienten auf Basis einer Migr\u00e4ne entwickelt (Tabelle 3).<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2863\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T3.jpg\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"296\" \/><\/p>\n<h2>Modulierende Faktoren und Triggerfaktoren<\/h2>\n<p>Prinzipiell kann sich bei jedem Menschen eine Migr\u00e4neattacke manifestieren. Das rezidivierende Auftreten von Attacken wird mit genetischer Disposition, modulierenden Faktoren und Triggerfaktoren in Zusammenhang gebracht. Modulierende Faktoren k\u00f6nnen endogen und exogen wirken. Unter den endogenen Faktoren kommt den weiblichen Geschlechtshormonen die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung zu (Tabelle 4). In den zwei Tagen vor der Menstruation sowie w\u00e4hrend der Menstruation ist das Migr\u00e4nerisiko betr\u00e4chtlich erh\u00f6ht. Als Ursache wird der physiologische Abfall des \u00d6strogenspiegels vor Einsetzen der Menstruation angenommen. Unter den exogenen Faktoren werden besonders h\u00e4ufig meteorologische Einfl\u00fcsse genannt, wobei allerdings zu ber\u00fccksichtigen ist, dass in kontrollierten Studien die Auswirkungen des Wetters auf die Migr\u00e4ne gering sind, gro\u00dfe individuelle Unterschiede zeigen und nicht nur ung\u00fcnstig, sondern auch g\u00fcnstig sein k\u00f6nnen. Triggerfaktoren, im engeren Sinne, f\u00fchren definitionsgem\u00e4\u00df durch Exposition oder \u201eEntzug\u201c in engem zeitlichem Zusammenhang zu einer Attacke.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2864\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T4.jpg\" alt=\"\" width=\"507\" height=\"335\" \/><\/p>\n<p>Die Liste potenzieller, in der Literatur erw\u00e4hnter Migr\u00e4netrigger ist un\u00fcberschaubar gro\u00df und erlaubt den Patienten kein ad\u00e4quates Handeln. Lebensstilfragen wie einer ausreichenden Fl\u00fcssigkeitszufuhr, regelm\u00e4\u00dfigen Mahlzeiten, Schlaf und Stress kommt auch aufgrund ihrer Beeinflussbarkeit ma\u00dfgebliche Bedeutung zu. Unter den Nahrungs- und Genussmitteln sind Alkoholkonsum und Koffeinentzug als Kopfschmerztrigger am besten belegt. Andere Unvertr\u00e4glichkeiten sollten im Zweifelsfall kritisch \u00fcberpr\u00fcft werden. Kein Triggerfaktor l\u00f6st obligatorisch bei allen Migr\u00e4nepatienten eine Attacke aus. Auch beim individuellen Patienten kann der Einfluss eines bestimmten Triggerfaktors erheblich variieren. Die verl\u00e4sslichste Methode, Triggerfaktoren zu erfassen, ist die individuelle statistische Analyse prospektiver, in ein elektronisches Tagebuch eingetragener Daten.<\/p>\n<h2>Attackenfrequenz<\/h2>\n<p>Die Frequenz der Migr\u00e4neattacken ist sehr variabel. Bei manchen Patienten ereignen sich nur wenige Anf\u00e4lle pro Jahr, bei anderen mehrere Anf\u00e4lle pro Monat. Treten Kopfschmerzen \u00fcber mindestens drei Monate hinweg an mehr als 14 Tagen pro Monat auf und sind die Kopfschmerzen an mindestens acht Tagen migr\u00e4neartig, liegt definitionsgem\u00e4\u00df eine chronische Migr\u00e4ne vor, die h\u00e4ufig mit einem \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Gebrauch von Analgetika oder Triptanen assoziiert ist.<\/p>\n<h2>Vorbotensymptome<\/h2>\n<p>Bei bis zu 60 Prozent der Patienten treten in den Stunden oder Tagen vor einer Migr\u00e4neattacke Vorboten auf, die den bald einsetzenden Migr\u00e4neanfall ank\u00fcndigen. Meistens handelt es sich dabei um psychovegetative Funktionsst\u00f6rungen wie innere Unruhe, Getriebenheit, erh\u00f6hte Reizbarkeit, M\u00fcdigkeit, G\u00e4hnen, Antriebslosigkeit, Konzentrationsst\u00f6rungen, depressive Verstimmung, Verspannung der Nackenmuskulatur oder Hei\u00dfhunger.<\/p>\n<h2>Migr\u00e4ne ohne Aura<\/h2>\n<p>Die Migr\u00e4ne ohne Aura (Tabelle 5) ist die bei Weitem h\u00e4ufigste Manifestationsform einer Migr\u00e4ne. Meistens (aber keineswegs immer) werden einseitige oder einseitig betonte Schmerzen wahrgenommen. Das Schmerzmaximum liegt oft fronto-temporal und orbital, es k\u00f6nnen aber auch okzipito-nuchale Schmerzen vorkommen. Die Schmerzintensit\u00e4t ist m\u00e4\u00dfiggradig bis stark. Besonders hervorzuheben sind der pochende, klopfende bzw. pulsierende Charakter wie auch die Zunahme der Schmerzen im Zusammenhang mit k\u00f6rperlichen Routineaktivit\u00e4ten. Begleitet werden die Kopfschmerzen stets von weiteren Symptomen wie \u00dcbelkeit, Erbrechen, \u00dcberempfindlichkeit gegen\u00fcber Licht, L\u00e4rm und Ger\u00fcchen sowie fakultativ auch zahlreichen anderen Beschwerden, wie Ruhebed\u00fcrfnis, Schl\u00e4frigkeit, Konzentrationsst\u00f6rungen, Fl\u00fcssigkeitsretention, Polyurie, Obstipation, Fr\u00f6steln, Schwitzen, Augenr\u00f6tung, Augentr\u00e4nen oder eine verstopfte Nase, die in unterschiedlicher Auspr\u00e4gung vorkommen k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2865\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T5.jpg\" alt=\"\" width=\"509\" height=\"411\" \/><\/p>\n<p>Als Ausdruck einer zentralen Sensibilisierung kann sich w\u00e4hrend einer Migr\u00e4neattacke eine Allodynie entwickeln, sodass eine Ber\u00fchrung im Kopfbereich oder das K\u00e4mmen der Haare als schmerzhaft empfunden wird. Die Dauer der Kopfschmerzen variiert zwischen einigen Stunden und drei Tagen. Bei einem Teil der Patientinnen ist die Migr\u00e4neattacke mit dem Abklingen der Kopfschmerzen allerdings noch nicht beendet, da in einer meistens stundenlang anhaltenden Abklingphase noch Ersch\u00f6pfung, Abgeschlagenheit, M\u00fcdigkeit oder der Wunsch nach R\u00fcckzug bestehen.<\/p>\n<h2>Migr\u00e4ne mit Aura<\/h2>\n<p>Etwa 15 bis 20 Prozent aller Patienten mit Migr\u00e4ne leiden an einer Migr\u00e4ne mit Aura, die dadurch gekennzeichnet ist, dass es \u2013 in zeitlichem Zusammenhang mit Kopfschmerzen \u2013 zu passageren fokalen zerebralen Funktionsst\u00f6rungen kommt, die im Kortex des Gro\u00dfhirns oder Hirnstamm lokalisiert werden k\u00f6nnen. Meistens entwickelt sich die neurologische Herdsymptomatik innerhalb eines Zeitraumes von 5 bis 20 Minuten, innerhalb von h\u00f6chstens 60 Minuten kommt es zu einer spontanen Remission. Falls es zur Manifestation mehrerer Herdsymptome kommt, treten diese \u00fcblicherweise nicht gleichzeitig, sondern zeitlich versetzt auf. Am h\u00e4ufigsten sind homonyme visuelle Aurasymptome (z.B. Gesichtsfeldeinschr\u00e4nkungen). Zweith\u00e4ufigstes Aurasymptom sind einseitige Sensibilit\u00e4tsst\u00f6rungen, die oft den Arm und\/oder Anteile des Gesichts (Lippen, Zunge, Gaumen, Wange) betreffen. Falls die dominante Hemisph\u00e4re betroffen ist, kann es zu einer (expressiven) Sprachst\u00f6rung kommen. Die Kopfschmerzen setzen w\u00e4hrend oder innerhalb von 60 Minuten nach Remission der Aurasymptome ein und k\u00f6nnen migr\u00e4neartig oder nicht migr\u00e4neartig sein. Zudem kann eine Migr\u00e4neaura isoliert, ohne nachfolgende Kopfschmerzen auftreten, meist bei Patienten die auch eine typische Migr\u00e4ne mit Aura haben.<\/p>\n<h2>Therapie<\/h2>\n<p>Bei der Migr\u00e4nebehandlung unterscheidet man grunds\u00e4tzlich zwischen der Therapie der akuten Attacke und der Prophylaxe, wobei jeweils medikament\u00f6se und nicht medikament\u00f6se Ma\u00dfnahmen zur Verf\u00fcgung stehen. Unabdingbar ist es, die Patienten \u00fcber ihre Erkrankung und deren Therapie aufzukl\u00e4ren und ausf\u00fchrlich zu beraten. Dazu geh\u00f6ren auch das fr\u00fchzeitige Erkennen einer drohenden Attacke und das Herausfinden von Vorboten und Ausl\u00f6sern. Die Therapie muss individuell erfolgen und den spezifischen Bed\u00fcrfnissen des Patienten gerecht werden. Nicht zuletzt sind Komorbidit\u00e4ten zu erfassen, um Synergieeffekte zu n\u00fctzen und Kontraindikationen entsprechend zu beachten. Regelm\u00e4\u00dfige Kontrollen und das F\u00fchren eines Kopfschmerz- Tagebuches sind unerl\u00e4sslich.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2866\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T6.jpg\" alt=\"\" width=\"509\" height=\"564\" \/><\/p>\n<p><strong>Akuttherapie.<\/strong> Unterst\u00fctzende nicht medikament\u00f6se Ma\u00dfnahmen sind Reizabschirmung (z.B. R\u00fcckzug in ein ruhiges, dunkles Zimmer), Schlaf (sofern m\u00f6glich), die Applikation eines Kryogelkissens oder das Aufbringen von kalten Umschl\u00e4gen auf Stirn und\/oder Nacken; im Einzelfall hilft auch eine Tasse Kaffee oder Tee. Behandlungsziel der medikament\u00f6sen Therapie ist eine R\u00fcckkehr zur \u00fcblichen Aktivit\u00e4t innerhalb von zwei Stunden. \u00c4rztliche Empfehlungen zur Akuttherapie erfordern eine genaue Analyse der bisherigen Erfahrungen des Patienten. Die Therapie sollte zum optimalen Zeitpunkt erfolgen, \u00fcblicherweise sobald der Patient erkennt, dass sich eine Migr\u00e4neatacke entwickelt. Die Dosis muss ausreichend hoch sein, die Verabreichungsform den individuellen Bed\u00fcrfnissen entsprechen.<\/p>\n<p>Orale Medikation wird bevorzugt bei Attacken, die sich langsam entwickeln. Bei Attacken, im Rahmen derer sich rasch heftige Kopfschmerzen entwickeln oder die Patienten aus dem Nachtschlaf geweckt werden, kann z.B. die Verwendung eines Nasensprays zweckm\u00e4\u00dfiger sein. Leicht- bis mittelgradige Kopfschmerzattacken werden prim\u00e4r mit Analgetika oder nicht steroidalen Antirheumatika (NSAR) behandelt. Medikamente der ersten Wahl sind Acetylsalicyls\u00e4ure, Ibuprofen und Diclofenac. Als Mittel der zweiten Wahl gelten Ketoprofen, Metamizol und Paracetamol, als Mittel der dritten Wahl Mefenamins\u00e4ure, Naproxen und Piroxicam (Tabelle 6). Prinzipiell besteht bei allen Mitteln zur Akuttherapie der Migr\u00e4ne das Risiko eines Kopfschmerzes durch \u00fcberm\u00e4\u00dfigen Medikamentengebrauch. Deshalb ist zu beachten, dass die Medikation zur Kupierung der Attacken an weniger als zehn Tagen pro Monat eingenommen wird. Falls mit den oben angef\u00fchrten Ma\u00dfnahmen keine ausreichende Attackenkontrolle erreicht wird oder die mangelnde Wirksamkeit schon bekannt ist, werden Triptane eingesetzt.<\/p>\n<p>Triptane sind selektive Agonisten an den Serotonin- 1B- und -1D-Rezeptoren (5-HT1B\/1D-Agonisten). In \u00d6sterreich sind folgende Triptane in der Gr\u00fcnen Box erh\u00e4ltlich: Eletriptan, Frovatriptan, Sumatriptan, Zolmitriptan. Zudem sind Naratriptan und Rizatriptan zugelassen (Tabelle 7). Auch Triptane sollten so fr\u00fch als m\u00f6glich im Verlauf der Migr\u00e4neattacke eingesetzt werden. Ein relativ h\u00e4ufig beobachtbares Ph\u00e4nomen ist das Wiederauftreten einer zun\u00e4chst erfolgreich behandelten Attacke innerhalb von 24 Stunden. M\u00f6gliche therapeutische Strategien sind die Umstellung auf ein Triptan mit l\u00e4ngerer Halbwertszeit, die additive Gabe eines nicht steroidalen Antirheumatikums mit l\u00e4ngerer Halbwertszeit, wie z.B. Naproxen oder \u2013 unter Beachtung der Kumulativgrenzen \u2013 eine zus\u00e4tzliche Triptan-Dosis. \u00dcber m\u00f6gliche Nebenwirkungen der Triptane (insbesondere \u00fcber ein Hitze-, Spannungs- oder Druckgef\u00fchl im Nacken, im Kopf oder in der Brust) sollten die Patienten aufgekl\u00e4rt werden. Die Kontraindikationen (koronare Herzkrankheit, unklarer Thoraxschmerz, Schlaganfall, arterielle Verschlusskrankheit, M. Raynaud, unkontrollierte arterielle Hypertonie und geh\u00e4ufte vaskul\u00e4re Risikofaktoren) sind strikt zu beachten.<\/p>\n<p><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full wp-image-2867\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T7.jpg\" alt=\"\" width=\"508\" height=\"448\" \/><\/p>\n<p>Sprechen \u00dcbelkeit und Erbrechen auf NSAR oder Triptane nicht ausreichend an, k\u00f6nnen zus\u00e4tzlich Antiemetika verordnet werden. Erweisen sich Metoclopramid und Domperidon als unwirksam, kann Ondansetron zum Einsatz kommen, das in der Indikation Migr\u00e4ne allerdings nicht zugelassen ist. Bei prolongierten Attacken bzw. einem Status migraenosus ist \u00fcblicherweise eine parenterale Medikamentengabe erforderlich, wobei 6mg Sumatriptan subcutan, 1g Acetylsalicyls\u00e4ure, 1\u20132,5g Metamizol oder NSAR per infusionem verabreicht werden k\u00f6nnen, gegebenenfalls kombiniert mit einem Antiemetikum. In Einzelf\u00e4llen kann die zus\u00e4tzliche Gabe eines Tranquilizers (z.B. Diazepam) zweckm\u00e4\u00dfig sein.<\/p>\n<p><strong>Prophylaxe.<\/strong> Das Erkennen und der richtige Umgang mit Triggerfaktoren stehen an erster Stelle der vorbeugenden Ma\u00dfnahmen. Bei der Erfassung von modulierenden und ausl\u00f6senden Faktoren ist ein individueller Zugang erforderlich, wobei hormonellen Einfl\u00fcssen, v.a. der Menstruation, die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung zukommt. Die Strategien, die im Umgang mit Triggerfaktoren zur Verf\u00fcgung stehen, umfassen Lebensstilmodifikation, Entspannunsgtechniken, gezielte Vermeidung von Triggern, gegebenenfalls aber auch bewusste Exposition und pharmakologische Ma\u00dfnahmen, z.B. bei menstrueller Migr\u00e4ne oder Schlafst\u00f6rungen. Die Vermeidung bestimmter Nahrungs- und Genussmittel (z.B. Alkohol oder K\u00e4se) ist nur sinnvoll, wenn ein unmittelbarer Zusammenhang mit Migr\u00e4neattacken nachweisbar ist.<\/p>\n<p>Eine medikament\u00f6se Prophylaxe ist indiziert, wenn die Durchschnittsfrequenz der Migr\u00e4neattacken drei pro Monat \u00fcberschreitet oder die Attacken auf die Akutmedikation ungen\u00fcgend ansprechen. Ziel ist es, die Attackenfrequenz um mindestens 50 Prozent zu reduzieren. Auch zur Evaluation der Effizienz der Prophylaxe ist das F\u00fchren eines Kopfschmerz-Kalenders unerl\u00e4sslich. Die medikament\u00f6se Prophylaxe sollte in ausreichender Dosierung \u00fcber mindestens sechs Monate fortgef\u00fchrt werden, sofern keine limitierenden Nebenwirkungen auftreten. Gemeinsam ist allen etablierten Substanzen, dass der Wirkungseintritt erst nach drei bis sechs Wochen zu erwarten ist und somit der allf\u00e4llige Effekt erst nach dieser Zeit absch\u00e4tzbar wird. Eine genaue Information der Patienten \u00fcber den zu erwartenden Erfolg sowie m\u00f6gliche Nebenwirkungen ist unabdingbar.<\/p>\n<p>Mittel der ersten Wahl zur medikament\u00f6sen Prophylaxe sind die Betablocker Propranolol und Metoprolol, der Kalziumkanalblocker Flunarizin sowie die Antiepileptika Topiramat und mit Einschr\u00e4nkung Valproins\u00e4ure (Tabelle 8). Bei allen Pr\u00e4paraten ist auf eine langsame Dosissteigerung zu achten, um das Nebenwirkungsrisiko zu minimieren. Zudem m\u00fcssen begleitende Erkrankungen im Hinblick auf potenzielle Nebenwirkungen wie auch Synergieeffekte erfasst werden. So sind beispielsweise Betablocker bei Patienten mit arterieller Hypertonie oder tachykarder Herzrhythmusst\u00f6rung besonders geeignet, bei Vorliegen eines Asthma bronchiale oder bei Leistungssportlern hingegen kontraindiziert. Unter den Prophylaktika der zweiten Wahl ist Amitriptylin hervorzuheben (initial 10\u201325mg zwei Stunden vor dem Zu-Bett-Gehen, Zieldosis 25\u201375 (150)mg), das sich insbesondere bei Komorbidit\u00e4t von Migr\u00e4ne und Kopfschmerz vom Spannungstyp bzw. Schlafst\u00f6rung und Depression bew\u00e4hrt.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T8.jpg\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone wp-image-2868\" src=\"http:\/\/dizign-projekte.at\/wp-content\/uploads\/2018\/10\/T8-1024x431.jpg\" alt=\"T8\" width=\"730\" height=\"307\" \/><\/a><\/p>\n<p>In der Behandlung der chronischen Migr\u00e4ne erwiesen sich Topiramat und Onabotulinumtoxin A in randomisierten kontrollierten Studien als wirksam. Bei der menstruationsgebundenen Migr\u00e4ne besteht die M\u00f6glichkeit einer Kurzzeit-Prophylaxe \u00fcber etwa sechs Tage, wenn die Attackentherapie aufgrund heftiger oder lange anhaltender Kopfschmerzen nicht ausreichend ist. Aufgrund ihrer langen Halbwertszeit sind Naproxen und Frovatriptan am besten geeignet. Weiters k\u00f6nnen in Zusammenarbeit mit dem Gyn\u00e4kologen hormonelle Therapieoptionen (z.B. \u00d6strogen-h\u00e4ltige Pflaster) \u00fcberlegt werden. F\u00fcr Patienten, die eine t\u00e4gliche Medikamenteneinnahme nicht w\u00fcnschen, stehen Mutterkraut, Riboflavin (400mg pro Tag), Coenzym Q 10 (300mg pro Tag) und Magnesium (600mg pro Tag) zur Verf\u00fcgung.<\/p>\n<p>Unter den nicht medikament\u00f6sen prophylaktischen Ma\u00dfnahmen haben Ausdauersport, Akupunktur, Entspannungstraining, Biofeedback und Verhaltenstherapie die gr\u00f6\u00dfte Bedeutung. Eine ma\u00dfgebliche Erweiterung der medikament\u00f6sen Migr\u00e4neprophylaxe ist mit der Einf\u00fchrung von monoklonalen Antik\u00f6rpern gegen CGRP (Calcitonin Gene-Related Peptide) zu erwarten. Als erstes Pr\u00e4parat ist in \u00d6sterreich seit 1. September 2018 Erenumab zur Prophylaxe der Migr\u00e4ne bei Erwachsenen mit vier oder mehr Migr\u00e4netagen pro Monat erh\u00e4ltlich und prim\u00e4r f\u00fcr den Einsatz bei Patienten vorgesehen, die auf etablierte Medikamente nicht ansprechen. Drei weitere CGRP-Antik\u00f6rper, n\u00e4mlich Fremanezumab, Galcanezumab, Eptinezumab, werden derzeit in randomisierten kontrollierten Studien untersucht.<\/p>\n<p><em>Update aus CliniCum neuropsy 2014; 2:30\u201335<\/em><\/p>\n<p><em>Lecture Board: Dr. Anita Lechner, O\u00c4 Dr. Gabriele Sixt <\/em><\/p>\n<p><em>\u00c4rztlicher Fortbildungsanbieter: Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Neurologie, Medizinische Universit\u00e4t Graz<\/em><\/p>\n<p><em>Literatur beim Autor<\/em><\/p>\n<p><strong>Univ.-Prof. Dr. Christian W\u00f6ber<\/strong><br \/>\nLeiter des Spezialbereiches Kopfschmerz, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Neurologie, Wien,<br \/>\nE-Mail: christian.woeber@meduniwien.ac.at<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Migr\u00e4ne ist eine h\u00e4ufige, unterdiagnostizierte, untertherapierte und chronisch rezidivierende Krankheit, die die Lebensqualit\u00e4t der Betroffenen erheblich beeintr\u00e4chtigen kann. Eine gezielte Diagnostik und effiziente individualisierte Therapie sind daher unabdingbar und eine zentrale Aufgabe in der allgemeinmedizinischen wie fach\u00e4rztlich neurologischen Versorgung.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":2860,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[230,13],"tags":[],"class_list":["post-2859","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-230","category-neuropsy"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2859","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2859"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2859\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2859"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2859"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2859"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}