{"id":2909,"date":"2018-10-31T11:49:21","date_gmt":"2018-10-31T09:49:21","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=2909"},"modified":"2018-10-31T11:49:21","modified_gmt":"2018-10-31T09:49:21","slug":"bipolare-stoerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=2909","title":{"rendered":"Bipolare St\u00f6rungen"},"content":{"rendered":"<p>Liebe Leserinnen und Leser!<\/p>\n<p>Bipolare St\u00f6rungen sind im klinischen Alltag eine besondere Herausforderung: von der notfallm\u00e4\u00dfigen station\u00e4ren Aufnahme bis zur Therapie im Langzeitverlauf mit seinen charakteristischen Komorbidit\u00e4ten.<\/p>\n<p>Die letzten Jahre sind gekennzeichnet gewesen von einem R\u00fcckgang der therapeutischen Innovationen. Im Bereich der bipolaren St\u00f6rungen ist als einzige grunds\u00e4tzlich neue Strategie die Verwendung von Ketamin in der Behandlung der akuten Depression zu nennen (Kraus et al. 2017). Im Vordergrund der klinischen und der Forschungs-Bem\u00fchungen stand die Konsolidierung und umfassende Bewertung der zahlreichen Impulse der letzten Jahrzehnte. Die vor 20 Jahren neuen Stimmungsstabilisierer (Bowden 1998) haben ihren Platz in der Basis-Behandlung bipolarer Patienten gefunden ohne das weiterhin als state-of-the-art der bipolar-I-Phasenprophylaxe geltende Lithium zu verdr\u00e4ngen. W\u00e4hrend es bei der Pharmakotherapie der Schizophrenie keine wesentliche Evidenz f\u00fcr die Kombination unterschiedlicher Antipsychotika gibt, ist die Kombination unterschiedlicher Stimmungsstabilisierer bei komplizierten bipolaren Verl\u00e4ufen sinnvoll und \u00fcblich. Die add-on-Behandlung von schweren manisch\/psychotischen und depressiven Episoden (einschlie\u00dflich R\u00fcckfallprophylaxe f\u00fcr etwa ein Jahr) mit Antipsychotika bzw. Antidepressiva ist gut untersucht und empfehlenswert.<\/p>\n<p>Welche Themen stehen nun aktuell im Vordergrund?<\/p>\n<p>Nicht nur in der Psychiatrie, auch in der gesamten Medizin ist in den letzten Jahren eine gewisse Verschiebung (um nicht zu sagen: ein Perspektivenwechsel) zu beobachten: Im Fokus steht weniger die kurzfristige Bew\u00e4ltigung krisenhafter Ereignisse mit nachfolgender restitutio ad integrum (das gibt es nat\u00fcrlich im Einzelfall weiterhin), sondern die Erkenntnis, dass Menschen \u2013nicht zuletzt durch die steigende Lebenserwartung- fr\u00fcher oder sp\u00e4ter unvermeidlich unter chronischen Einschr\u00e4nkungen ihrer Gesundheit leiden werden. Die Rolle des Arztes (sowohl in seiner eigenen Wahrnehmung als auch in der des Patienten) mutiert also vom kurzfristigen \u201eReparateur\u201c und \u201eHeiler\u201c zum langfristigen, nachhaltig denkenden Begleiter einer die Lebensqualit\u00e4t potentiell einschr\u00e4nkenden, manchmal auch progredienten, chronisch verlaufenden Erkrankung (arterielle Hypertonie, COPD, Diabetes Typ II, Arteriosklerose, degenerative Ver\u00e4nderungen der Wirbels\u00e4ule, affektive St\u00f6rungen, chronische Angstst\u00f6rungen, neurokognitive St\u00f6rungen).<\/p>\n<p>Bez\u00fcglich der bipolaren St\u00f6rung bedeutet dies: die Behandlungsoptionen f\u00fcr die akute Manie, die akute Depression, den akuten affektiven Mischzustand sind gut definiert. Verbesserungsbed\u00fcrftig sind die langfristigen Strategien, die zu einer guten Reintegration in die Gesellschaft, zu einer hohen Lebensqualit\u00e4t, zu einer funktionellen Wiederherstellung und dadurch zu einer Stabilisierung f\u00fchren, die per se wieder die beste Phasenprophylaxe darstellt (\u201eEs gibt nichts Stabilisierenderes als Stabilit\u00e4t\u201c, Charles L. Bowden).<\/p>\n<p>Interessant ist eine rezente Arbeit von Rosenblat et al. (2018), an der 449 bipolar depressive und 447 unipolar depressive Patientinnen und Patienten teilnahmen. Sie wurden im Verlauf der Behandlung gefragt, aus welchem Grund sie der Meinung waren, dass ihre Medikation gut wirke. Bipolare Patienten gaben statistisch h\u00e4ufiger an, dass ihnen die gelungene Wiederherstellung ihrer kognitiven Funktionen und ihrer Entscheidungsf\u00e4higkeit besonders wichtig waren. Beide Gruppen gaben an, dass die \u00dcberwindung von Angst, Agitation und Irritabilit\u00e4t der wichtigste Faktor ihres Behandlungserfolges war. Die Arbeit zeigt, wie wichtig das Ernstnehmen kognitiver Beschwerden (Sachs et al. 2007, Gitlin 2018) und der Agitation (Erfurth 2017) bei bipolaren Patienten f\u00fcr den Behandlungsverlauf ist. Die Erfassung kognitiver Dysfunktionen bei bipolaren Patienten und die Untersuchung der Effekte von kognitiver Remediation als add-on-Ma\u00dfnahme sind ein interessantes Forschungsfeld (Sachs et al. 2017, Ott et al. 2018).<\/p>\n<p>Eine k\u00fcrzlich publizierte Studie zeigte, dass die Kognition bei bipolaren St\u00f6rungen negativ mit dem Entz\u00fcndungsmarker Interleukin-6 korreliert (Barbosa et al. 2018). Dieses Ergebnis verdeutlicht nicht zuletzt, dass k\u00f6rperliche Faktoren und Komorbidit\u00e4ten (Patel et al. 2018) eine gro\u00dfe Rolle im Verlauf bipolarer St\u00f6rungen spielen k\u00f6nnen. Diese Komorbidit\u00e4ten zu vermeiden (z.B. durch die Gabe von gewichtsneutralen Pharmaka), bzw. ganzheitlich zu therapieren (z.B. bipolare St\u00f6rung bei manifestem metabolischem Syndrom) ist eine zentrale Herausforderung. Auch wenn konklusive Daten zur physischen Aktivit\u00e4t als grunds\u00e4tzlicher add-on-Therapie bei bipolarer St\u00f6rung (etwa im Vergleich zur unipolaren Depression, f\u00fcr die es Evidenz gibt) fehlen (Stubbs et al. 2018), so sei die k\u00f6rperliche Aktivit\u00e4t als Bestandteil eines umfassenden Therapiekonzeptes \u00fcbergewichtiger Patienten nach bipolarer Depression schon jetzt empfohlen (Gillhoff et al. 2010, de S\u00e1 Filho et al. 2015, Thomson et al. 2015).<\/p>\n<p>Zusammenfassend ist bei bipolaren Patienten -auch im Sinne einer personalisierten Medizin (Fountoulakis et al. 2018)- eine umfassende Bewertung aller diagnostischen Merkmale und Komorbidit\u00e4ten im Verlauf notwendig, um ein holistisches Therapiekonzept mit und f\u00fcr den Patienten zu entwickeln. In der Durchf\u00fchrung der Therapie steht das Erzielen einer hohen Lebensqualit\u00e4t sowie einer funktionellen Wiederherstellung im Vordergrund: dieses ist nur unter Ber\u00fccksichtigung kognitiver und k\u00f6rperlicher Aspekte zu erreichen.<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Mit freundlichen kollegialen Gr\u00fc\u00dfen<\/p>\n<p>Ihre Prim. Priv. Doz. Dr. Andreas Erfurth<sup>1<\/sup>\u00a0&amp;\u00a0Univ. Prof. Dr. Dr. Gabriele Sachs<sup>2<\/sup><\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>1\u00a0 Abteilung f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin, Krankenhaus Hietzing, 1130 Wien<\/p>\n<p>2\u00a0 Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Medizinische Universit\u00e4t Wien, 1090 Wien<\/p>\n<p>&nbsp;<\/p>\n<p>Barbosa IG, de Almeida RF, Rocha NP, Mol GC, da Mata Chiaccjio Leite F, Bauer IE, Teixeira AL. Predictors of cognitive performance in bipolar disorder: The role of educational degree and inflammatory markers. J Psychiatr Res. 2018 Sep 17;106:31-37.<\/p>\n<p>Bowden CL. New concepts in mood stabilization: evidence for the effectiveness of valproate and lamotrigine. Neuropsychopharmacology. 1998;19(3):194.<\/p>\n<p>de S\u00e1 Filho AS, de Souza Moura AM, Lamego MK, Ferreira Rocha NB, Paes F, Oliveira AC, Lattari E, Rimes R, Manochio J, Budde H, Wegner M, Mura G, Arias-Carri\u00f3n O, Cheniaux E, Yuan TF, Nardi AE, Machado S. Potential Therapeutic Effects of Physical Exercise for Bipolar Disorder. CNS Neurol Disord Drug Targets. 2015;14(10):1255-9.<\/p>\n<p>Erfurth A. Agitation: a central challenge in psychiatry. World J Biol Psychiatry. 2017 Feb;18(1):3-4.<\/p>\n<p>Fountoulakis KN, M\u00f6ller HJ, Kasper S. Personalised and precision psychiatry: what do the CINP bipolar guidelines suggest? Int J Psychiatry Clin Pract. 2018 May 15:1-2.<\/p>\n<p>Gillhoff K, Gaab J, Emini L, Maroni C, Tholuck J, Greil W. Effects of a multimodal lifestyle intervention on body mass index in patients with bipolar disorder: a randomized controlled trial. Prim Care Companion J Clin Psychiatry. 2010;12(5).<\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Bipolare St\u00f6rungen sind im klinischen Alltag eine besondere Herausforderung: von der notfallm\u00e4\u00dfigen station\u00e4ren Aufnahme bis zur Therapie im Langzeitverlauf mit seinen charakteristischen Komorbidit\u00e4ten.<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":0,"comment_status":"closed","ping_status":"closed","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[230],"tags":[],"class_list":["post-2909","post","type-post","status-publish","format-standard","hentry","category-230"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2909","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=2909"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/2909\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=2909"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=2909"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=2909"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}