{"id":581,"date":"2014-09-02T17:13:23","date_gmt":"2014-09-02T15:13:23","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=581"},"modified":"2014-09-02T17:13:23","modified_gmt":"2014-09-02T15:13:23","slug":"interview-wir-werden-kuenftig-ein-staging-der-depression-benoetigen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=581","title":{"rendered":"Interview: &#8222;Wir werden k\u00fcnftig ein Staging der Depression ben\u00f6tigen&#8220;"},"content":{"rendered":"<p><strong>Einen \u201eLabortest\u201c zur Diagnose einer Depression werde es in Zukunft zwar nicht geben, bestimmte Marker k\u00f6nnten jedoch in ein \u201eStaging\u201c der Depression einflie\u00dfen, meint O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien. Aktuelle, an der Wiener Klinik gewonnene Forschungsergebnisse liefern neue Daten zum Zusammenhang zwischen Serotonin-Transporter-Mechanismen und der Funktion neuronaler Netzwerke.<\/strong><\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>Ist es nicht ein lange gehegter Traum in der Psychiatrie, seelische Erkrankungen ganz einfach anhand eines Blutbefundes zu diagnostizieren? Sie sind nun Ko- Autor einer aktuellen Studie zum Zusammenhang zwischen der Geschwindigkeit des Serotonin-Wiederaufnahme-Mechanismus am Serotonintransporter an Thrombozyten und der Funktionsweise des Ruhe-Aktivit\u00e4tsnetzwerkes im Gehirn (Scharinger et al., siehe Kasten). K\u00f6nnte diese Studie den Schluss zulassen, dass ein solcher Test in greifbarer N\u00e4he ist?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Tats\u00e4chlich gibt es seit den 70er Jahren in der Psychiatrie den Wunsch, einen solchen Test zu finden. Ganz entscheidend f\u00fcr den Einsatz von Labortests ist allerdings ihre Sensitivit\u00e4t, also die Genauigkeit, mit der sich eine ganz bestimmte Erkrankung daraus erkennen l\u00e4sst, sowie ihre Spezifit\u00e4t. Letztere meint, wie genau ein diagnostischer Test zwischen der gesuchten Krankheit von anderen Diagnosen unterscheidet. Wenn wir diese beiden Werte kennen, l\u00e4sst sich die diagnostische Sicherheit berechnen. Selbst wenn wir heute wissen, dass die Funktion des Serotonin-Transporters an Thrombozyten messbar ist \u2013 das ist lange bekannt \u2013 und auch dass seine Funktion prinzipiell bei Depressiven ver\u00e4ndert ist, so haben wir noch lange keine Hinweise auf Sensitivit\u00e4t oder Spezifit\u00e4t des Tests. Entscheidend ist bei der Studie, die an gesunden Kontrollen durchgef\u00fchrt wurde, dass ein Zusammenhang zwischen einem Blutmesswert und einer Hirnfunktion gefunden wurde, die bei depressiven Patienten ver\u00e4ndert ist. Dennoch ist es wichtig zu verstehen, dass es sich dabei um einen statistischen Zusammenhang handelt im Sinne eines \u201eProof of Principle\u201c und noch um keinen fertigen Test. Das Hauptproblem liegt jedoch gegenw\u00e4rtig in der Erfassung von psychiatrischen Diagnosen, wie auch der Depression, die nicht auf biologischen Kriterien basierend diagnostiziert werden und daher biologisch heterogen sind. Sollte die psychiatrische Diagnostik in der Zukunft biologisch stratifiziert werden, ist es durchaus denkbar, dass es einen engeren Zusammenhang zwischen Blut und Hirnfunktion gibt, der die notwendigen Spezifit\u00e4tsund Sensitivit\u00e4tsgrenzen zeigt, die f\u00fcr die klinische Anwendbarkeit gefordert sind.<\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>Welche Rolle k\u00f6nnen solche Laborbefunde \u00fcberhaupt in der Psychiatrie spielen?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Vergleichen Sie es mit einem Modell aus der Onkologie: Bei der Diagnose Brustkrebs spielt es z.B. f\u00fcr Verlauf und Therapie eine wesentliche Rolle, ob es sich um einen \u00d6strogen-\/Progesteron-positiven Tumor handelt. In \u00e4hnlicher Weise k\u00f6nnte ein \u201eBluttest\u201c im Zusammenhang mit Depressionen wie im Fall unserer Studie m\u00f6glicherweise darauf hindeuten, dass bei Patienten eine St\u00f6rung der Suppression des Ruhe-Aktivit\u00e4tsnetzwerkes vorliegt, was klinisch mit vermehrtem Gr\u00fcbeln einhergeht. Daher k\u00f6nnte man mit diesem potenziellen Test eine Subgruppe in der biologisch heterogenen Gruppe depressiver Patienten definieren, die m\u00f6glicherweise ein spezifisches Ansprechen auf Medikamente oder Psychotherapie zeigen, was klinisch n\u00fctzlich sein k\u00f6nnte. Diese Studien m\u00fcssten jedoch noch durchgef\u00fchrt werden. Unsere Studie soll einen derartigen Forschungsansatz motivieren.<\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>Was sagt die aktuelle Studie nun im Detail aus?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Es war seit L\u00e4ngerem bekannt, dass der Serotonin-Transporter nicht nur im Gehirn, sondern auch an Thrombozyten vorhanden ist. Ebenso bekannt war, dass die Blutpl\u00e4ttchenfunktion bei depressiven Patienten ver\u00e4ndert ist. Neu ist nun die Erkenntnis, dass es bei Gesunden einen Zusammenhang zwischen einer verminderten Serotoninaufnahme-Geschwindigkeit an Thrombozyten und der Funktionsweise gewisser Schaltkreise im Gehirn gibt, die mittels funktioneller Magnetresonanztomographie (fMRT, Anm.) untersucht wurden. Wir k\u00f6nnen daher vermuten, dass ein solcher Zusammenhang zwischen dem Serotonin-Transporter an Blutpl\u00e4ttchen und bestimmten Gehirnfunktionen auch bei Depressionen gegeben ist. Vermutlich ist er bei Depressiven unterschiedlich stark ausgepr\u00e4gt, das muss aber erst an Patienten untersucht werden.<\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>Wof\u00fcr steht das untersuchte \u201eRuhe-Aktivit\u00e4tsnetzwerk (Default Mode Network: DMN)\u201c im Detail?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Wie der Name schon sagt, handelt es sich dabei um ein Netzwerk von zahlreichen Hirnregionen, die in Ruhe aktiv und w\u00e4hrend der Durchf\u00fchrung von kognitiven Aufgaben supprimiert sind. Die Suppression ist notwendig, um entsprechende Ressourcen f\u00fcr die pr\u00e4frontalen Exekutivregionen bereitzustellen. Auf psychologischer Ebene ist das aktive Netzwerk mit selbstreferenziellen Prozessen wie Tagtr\u00e4umen und Rumination in Verbindung gebracht worden. Depressive Patienten haben h\u00e4ufig Probleme in der Suppression dieses Netzwerkes, was sich durch vermehrtes Gr\u00fcbeln und Konzentrationsprobleme \u00e4u\u00dfert.<\/p>\n<p><a href=\"http:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t1277.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone  img-border wp-image-140663\" title=\"Scharinger C, Rabl U, Kasess CH, Meyer BM, Hofmaier T, Diers K, Bartova L, Pail G, Huf W, Uzelac Z, Hartinger B, Kalcher K, Perkmann T, Haslacher H, Meyer-Lindenberg A, Kasper S, Freissmuth M, Windischberger C, Willeit M, Lanzenberger R, Esterbauer H, Brocke B, Moser E, Sitte HH, Pezawas L.: Platelet Serotonin transporterfunction predicts default-mode network activity; PLoS One 2014; 9: e92543\" src=\"http:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t1277.png\" alt=\"Tabelle\" width=\"838\" height=\"582\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>Welche sind nun die n\u00e4chsten Schritte zur Erforschung des Netzwerkes und des Serotonin-Transporters bei depressiven Patienten?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Es gilt nun, entsprechende Studien zu planen und durchzuf\u00fchren, bei denen zus\u00e4tzlich klinische Charakteristika erfasst werden: So muss dokumentiert werden, ob es sich um eine Erstmanifestation oder um ein Rezidiv handelt. Ebenso m\u00fcssen vorherige Behandlungen, das Ansprechen darauf und genetische Variationen des Serotonin- Transporters mituntersucht werden. Schlie\u00dflich wissen wir, dass Variationen des Serotonin-Transporter-Gens mit einem kurzen Allel bei Depressiven h\u00e4ufiger vorkommen als jene mit einem langen Allel. In Zukunft werden wir dann vielleicht gar nicht mehr von \u201eDepression\u201c sprechen, sondern von einem Stadium einer Erkrankung, die noch n\u00e4her zu benennen ist.<\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>Wer sind dabei ihre wichtigsten Kooperationspartner?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Wir sind in ein internationales Forschungsnetzwerk eingebunden, wobei die jeweiligen Partner einzelne Forschungsfragen zu beantworten versuchen. Darunter sind unter anderem die Freie Universit\u00e4t Br\u00fcssel oder die Universit\u00e4ten in Paris, Athen, Tel Aviv und Bologna. Eine Herausforderung besteht allerdings darin, dass wir die Ergebnisse der Bildgebung nur eingeschr\u00e4nkt vergleichen k\u00f6nnen, da jedes Zentrum andere Ger\u00e4te einsetzt. Wesentlich einfacher ist es dagegen, die Laborbefunde sowie die genetischen Befunde zu vergleichen, da die Tests standardisiert sind bzw. an einem Zentral- Labor durchgef\u00fchrt werden.<\/p>\n<p><strong>CliniCum neuropsy: <\/strong>K\u00f6nnte die Untersuchung des Serotonin-Transporters an Thrombozyten also eines Tages in die Routinediagnostik einflie\u00dfen?<\/p>\n<p><strong>Kasper: <\/strong>Als Einzelbefund wird das Ergebnis vermutlich nicht in die Routinediagnostik einflie\u00dfen, solange psychiatrische Diagnosen ausschlie\u00dflich auf subjektiver und Fremdbeobachtung beruhen. Wohl aber ist es denkbar, dass dieser Befund gemeinsam mit vielen anderen Untersuchungsergebnissen hilft, Cluster zu bilden \u2013 wie erw\u00e4hnt im Sinne eines Stagings und nicht anders, als dies bei organischen Erkrankungen der Fall ist. Wir m\u00fcssen einfach damit aufh\u00f6ren, das Gehirn als allzu kompliziert zu betrachten, denn im Grunde genommen ist seine Funktionsweise gut \u00fcberschaubar. Keinesfalls sollten einzelne Forschungsergebnisse jedoch den Anlass geben, in der \u00d6ffentlichkeit bzw. unter Patienten Erwartungen auf \u201eeinfache\u201c Diagnosen oder gar Therapien zu wecken.<\/p>\n<p><strong>Vielen Dank f\u00fcr das Gespr\u00e4ch!<\/strong><\/p>\n<p><em>Das Gespr\u00e4ch f\u00fchrte Mag. Christina Lechner<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Einen \u201eLabortest\u201c zur Diagnose einer Depression werde es in Zukunft zwar nicht geben, bestimmte Marker k\u00f6nnten jedoch in ein \u201eStaging\u201c der Depression einflie\u00dfen, meint O. Univ.-Prof. Dr. h.c. mult. Dr. Siegfried Kasper, Vorstand der Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Psychiatrie und Psychotherapie, Wien. Aktuelle, an der Wiener Klinik gewonnene Forschungsergebnisse liefern neue Daten zum Zusammenhang zwischen Serotonin-Transporter-Mechanismen und [&hellip;]<\/p>\n","protected":false},"author":7,"featured_media":586,"comment_status":"closed","ping_status":"open","sticky":false,"template":"","format":"standard","meta":{"_et_pb_use_builder":"","_et_pb_old_content":"","_et_gb_content_width":"","footnotes":""},"categories":[24,13],"tags":[38,39,33],"class_list":["post-581","post","type-post","status-publish","format-standard","has-post-thumbnail","hentry","category-24","category-neuropsy","tag-depression","tag-marker","tag-psychiatrie"],"_links":{"self":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/581","targetHints":{"allow":["GET"]}}],"collection":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts"}],"about":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/types\/post"}],"author":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/users\/7"}],"replies":[{"embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcomments&post=581"}],"version-history":[{"count":0,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=\/wp\/v2\/posts\/581\/revisions"}],"wp:attachment":[{"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fmedia&parent=581"}],"wp:term":[{"taxonomy":"category","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Fcategories&post=581"},{"taxonomy":"post_tag","embeddable":true,"href":"https:\/\/oegpb.at\/index.php?rest_route=%2Fwp%2Fv2%2Ftags&post=581"}],"curies":[{"name":"wp","href":"https:\/\/api.w.org\/{rel}","templated":true}]}}