{"id":589,"date":"2014-09-03T11:00:05","date_gmt":"2014-09-03T09:00:05","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=589"},"modified":"2014-09-03T11:00:05","modified_gmt":"2014-09-03T09:00:05","slug":"schlaganfall-genderspezifische-aspekte","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=589","title":{"rendered":"Schlaganfall: Genderspezifische Aspekte"},"content":{"rendered":"<p><strong>Der Schlaganfall ist eine der h\u00e4ufigsten Ursachen f\u00fcr eine vorzeitige Invalidit\u00e4t im Erwachsenenalter. Mehr als die H\u00e4lfte aller Schlaganfallpatienten ben\u00f6tigt nach dem Ereignis dauerhafte Hilfe bei den Aktivit\u00e4ten des t\u00e4glichen Lebens. Zudem ist der Schlaganfall haupts\u00e4chlich eine Erkrankung des h\u00f6heren Lebensalters: Etwa 75 Prozent aller Schlaganfallpatienten sind \u00e4lter als 65 Jahre, und vor allem bei diesen \u00e4lteren Patienten \u00fcberwiegt der Anteil an Frauen deutlich. Deren mittleres Erkrankungsalter liegt um ca. f\u00fcnf Jahre h\u00f6her als bei M\u00e4nnern. In den letzten Jahren wurden viele Studien zu dem Thema \u201egeschlechtsspezifische Unterschiede\u201c durchgef\u00fchrt, vor allem Unterschiede in der Symptompr\u00e4sentation, Pathogenese, Risikofaktoren und Outcome betreffend.<\/strong><\/p>\n<p>Untersuchungen zeigen, dass, in Analogie zum Herzinfarkt, die Symptome bei Frauen nicht immer eindeutig sind. Symptome wie Bewusstseinsst\u00f6rungen, Verwirrtheit oder sogar Schmerzen treten bei weiblichen Schlaganfallpatienten h\u00e4ufiger auf als bei m\u00e4nnlichen. Allerdings weist die Studienlage hier unterschiedliche Ergebnisse auf. Wenn es zum Auftreten solcher atypischen Symptome kommt, kann es durchaus l\u00e4nger dauern, bis die Patientin die spezielle Schlaganfalleinrichtung erreicht.<\/p>\n<p><strong>Pathogenese\u00a0<\/strong><br \/>\nDie h\u00e4ufigste Ursache f\u00fcr eine transitorisch isch\u00e4mische Attacke oder einen isch\u00e4mischen Schlaganfall bei Frauen ist eine kardiale Embolie. Dies h\u00e4ngt mit der Verteilung der Risikofaktoren zusammen. In ca. 30 Prozent der F\u00e4lle besteht ein Vorhofflimmern, dies ist fast doppelt so h\u00e4ufig wie bei M\u00e4nnern.<br \/>\nBei j\u00fcngeren Frauen spielen andere Risikofaktoren eine gro\u00dfe Rolle: Migr\u00e4ne mit Aura, Einnahme von Hormonpr\u00e4paraten, vor allem in Kombination mit Rauchen und Adipositas, f\u00fchren zu einer erh\u00f6hten Schlaganfallinzidenz.<\/p>\n<p><strong>Outcome\u00a0<\/strong><br \/>\nAufgrund der aktuellen Datenlage scheinen Frauen ein ung\u00fcnstigeres funktionelles Outcome nach drei Monaten zu haben als M\u00e4nner. Das Risiko, nach einem Jahr in einer Pflegeeinrichtung weiterversorgt zu werden, ist bei Frauen ca. sechsmal h\u00f6her als bei M\u00e4nnern.<br \/>\nGeschlechtsspezifische Unterschiede beeinflussen wahrscheinlich das pr\u00e4klinische Management dieser Patienten sowie den Zeitpunkt der Diagnosestellung und Behandlungsoptionen. Bisher gibt es aber nur wenige Daten zur Versorgungsqualit\u00e4t bei Frauen und M\u00e4nnern, speziell im Stroke-Unit-Setting. In \u00d6sterreich gibt es derzeit 35 Stroke Units, welche in 45 bis 60 Minuten f\u00fcr die Mehrheit der Bev\u00f6lkerung erreichbar sind. Zur Qualit\u00e4tssicherung und Qualit\u00e4tsverbesserung in der Behandlung von Schlaganfallpatienten, die in \u00f6sterreichischen Stroke Units behandelt werden, werden seit 2003 alle diese Patienten in ein Register (\u00d6sterreichisches Stroke-Unit-Register) eingegeben. Dokumentiert werden unter anderem epidemiologische, diagnostische und klinische Daten wie auch klinische Skalen. Nach drei Monaten wird entweder telefonisch oder im Rahmen einer Visite ein Follow-up durchgef\u00fchrt. Bisher wurden \u00fcber 100.000 Patienten in das Register eingegeben.<\/p>\n<p><strong>Stroke Unit &#8211; \u00f6sterreichische Daten<\/strong><br \/>\nGattringer und Kollegen haben sich anhand dieser Registerdaten geschlechtsspezifische Unterschiede in der Versorgungsqualit\u00e4t von Schlaganfallpatienten im Stroke- Unit-Setting angeschaut. Analysiert wurden Daten von mehr als 47.000 Patienten, die zwischen 2005 und 2012 in einer der 35 Stroke Units behandelt worden waren. Knapp die H\u00e4lfte (47,3%) waren Frauen. 23,3 Prozent der Frauen und 22,8 Prozent der M\u00e4nner hatten eine transitorisch isch\u00e4mische Attacke. Die Frauen waren im Schnitt um sieben Jahre \u00e4lter als M\u00e4nner (77,9 versus 70,3 Jahre). Daher wurden alle Berechnungen auch mit einer Alterskorrektur durchgef\u00fchrt. Es konnte gezeigt werden, dass nach Alterskorrektur noch folgende klinische Parameter statistisch signifikant zwischen den Geschlechtern blieben: Frauen hatten eine h\u00f6here vorbestehende funktionelle Beeintr\u00e4chtigung, h\u00e4ufiger einen Schlaganfall in der vorderen Zirkulation und eine h\u00f6here Rate an Vorhofflimmern. Die \u00c4tiologie betreffend hatten Frauen deutlich mehr kardiogen- embolische Ereignisse als M\u00e4nner. In weiterer Folge wurden pr\u00e4klinische und klinische \u201eQuality of care\u201c-Parameter analysiert (siehe Tabelle). In einer univariaten Auswertung zeigte sich, dass Frauen eher mit der Rettung (mit oder ohne Notarztbegleitung) an die Stroke Unit gebracht wurden, M\u00e4nner hingegen eher mit einem privaten Transport. Der Zeitpunkt des Ereignisbeginns war bei Frauen h\u00e4ufiger nicht eruierbar. Diese zwei Parameter blieben auch nach Alterskorrektur in einer multivariaten Analyse unterschiedlich.<br \/>\nDie durchschnittliche Zeit, bis die Patienten nach Eintreffen im Spital eine Bildgebung erhielten, war mit 30 Minuten gleich f\u00fcr beide Geschlechter. Insgesamt mehr M\u00e4nner erhielten als erste Bildgebung ein MRT. Die Rate an i.v. Thrombolysen war ident zwischen den Gruppen (14,5%). Die mittlere Zeit vom Eintreffen im Spital bis zur Applikation der Thrombolyse (DNT=door to needle time) war vergleichbar zwischen den Geschlechtern (Frauen 49 Minuten, M\u00e4nner 48 Minuten, p=0,989). Die durchschnittliche Liegedauer auf der Stroke Unit betrug drei Tage.<br \/>\nBei knapp 40 Prozent der Patienten waren Daten eines 90-Tage-Follow-up (entweder telefonisch oder als Visite) verf\u00fcgbar. Univariat wiesen Frauen eine h\u00f6here Mortalit\u00e4t, ein schlechteres funktionelles Outcome (modified ranking scale von drei bis f\u00fcnf), eine h\u00f6here Abh\u00e4ngigkeit von Pflegeeinrichtungen und eine geringere Rate an Rehabilitation nach drei Monaten auf. Interessanterweise gab es keinen Unterschied in der H\u00e4ufigkeit der Einnahme oraler Antikoagulantien trotz der deutlich erh\u00f6hten Rate an Vorhofflimmern in der weiblichen Kohorte. Eine multivariate Analyse wurde durchgef\u00fchrt und konnte eindeutig zeigen, dass sich die Rate an nachfolgender Rehabilitation bei beiden Geschlechtern die Waage h\u00e4lt, Frauen zwar einen h\u00f6heren Behinderungsgrad, aber auch eine erniedrigte Mortalit\u00e4t aufwiesen.<br \/>\nZusammenfassend zeigt diese Studie also, dass im Stroke- Unit-Setting Frauen im Falle eines akuten Schlaganfalls oder einer transitorischen isch\u00e4mischen Attacke nicht anders versorgt wurden als M\u00e4nner, obwohl sie unterschiedliche Voraussetzungen mitbrachten. Frauen waren zum Zeitpunkt des Schlaganfalls im Durchschnitt sieben Jahre \u00e4lter als M\u00e4nner, wiesen in einem h\u00f6heren Ausma\u00df bereits bestehende Behinderungen auf und hatten schwerere Schlaganf\u00e4lle. Trotz identer Akutversorgung und einer vergleichbaren Neurorehabilitationsrate fiel bei den Frauen das funktionelle Behandlungsergebnis schlechter aus, ihre Sterblichkeit war allerdings geringer.<br \/>\nEine sehr gro\u00dfe amerikanische Studie aus dem \u201eGet with the guidelines stroke program\u201c (\u00fcber 380.000 Patienten aus 1.139 L\u00e4ndern wurden von 2003 bis 2008 eingeschlossen) untersuchte sieben vordefinierte \u201eQuality of care\u201c- Parameter und fanden interessanterweise eine erniedrigte Rate an verabreichter i.v. Thrombolyse bei Frauen. Die \u00f6sterreichische Studie und auch eine rezente weitere Analyse (PRACTISE) konnten hier keinen Unterschied finden. Das d\u00fcrfte haupts\u00e4chlich daran liegen, dass die Thrombolyserate insgesamt \u00fcber die letzten Jahre deutlich angestiegen ist, speziell bei Patienten mit relativen Einschr\u00e4nkungen laut Zulassung, wie z.B. Patienten \u00fcber 80 Jahre.<br \/>\nEinige Studien \u00fcber geschlechtsspezifische Unterschiede beim Schlaganfall zeigten, dass Frauen bei der Diagnosestellung einen Nachteil erfahren, speziell die Bildgebung betreffend. Dies konnte anhand der \u00f6sterreichischen Daten nicht gefunden werden. In der univariaten Analyse wurde bei m\u00e4nnlichen Patienten zwar h\u00e4ufiger eine Magnetresonanztomographie durchgef\u00fchrt, nach Alterskorrektur war dieser Unterschied aber nicht mehr ersichtlich. Dies ist sicherlich unter anderem dadurch erkl\u00e4rbar, dass Frauen sich bekannterweise h\u00e4ufiger mit atypischen Symptomen pr\u00e4sentieren und dies zur Diagnosefindung eher eine Magnetresonanztomographie erfordert.<br \/>\nEine aktuell in der Fachzeitschrift \u201eneurology\u201c publizierte Arbeit, ebenfalls mit Daten aus dem \u201eGet with the guideline\u201c- Register, untersuchte geschlechtsspezifische Unterschiede in QoL (Quality of Life) nach einem Schlaganfall und ber\u00fccksichtigte auch sozio\u00f6konomische Aspekte wie Familienstand, Bildungsniveau, Arbeitssituation und Einkommen. 1.370 Patienten wurden eingeschlossen und QoL nach drei und zw\u00f6lf Monaten evaluiert. Es zeigte sich, dass Frauen bei den Qualit\u00e4tsfaktoren schlechter abschnitten, auch nach Korrektur von sozio\u00f6konomischen und klinischen Parametern. Speziell Probleme mit der Mobilit\u00e4t, mit gew\u00f6hnlichen T\u00e4tigkeiten, Schmerz, \u00c4ngstlichkeit und Depression traten in der weiblichen Gruppe geh\u00e4uft auf.<br \/>\n<a href=\"http:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t1278.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-140674\" title=\"Quelle: Stroke 2014 (Epub ahead of print)\" src=\"http:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t1278.png\" alt=\"Tabelle\" width=\"508\" height=\"641\" \/><\/a><\/p>\n<p><strong>Medikament\u00f6se Sekund\u00e4rpr\u00e4vention<\/strong><br \/>\nDie medikament\u00f6se Sekund\u00e4rpr\u00e4vention betreffend zeigten sich in der \u00f6sterreichischen Kohorte zwei interessante Aspekte: Trotz der deutlich erh\u00f6hten Rate an Vorhofflimmern nahmen nach drei Monaten etwa gleich viele Frauen wie M\u00e4nner eine Therapie mit oralen Antikoagulantien ein. Die Rate an OAK m\u00fcsste ja bei den weiblichen Patienten zur Vorbeugung eines weiteren kardioembolischen Ereignisses deutlich h\u00f6her sein. Dies k\u00f6nnte zum einen an einer unzureichenden Aufkl\u00e4rung der verschreibenden \u00c4rzte liegen, zum anderen an der erh\u00f6hten Komorbidit\u00e4tsrate der Frauen, wie z.B. kognitive Defizite. Der zweite Punkt ist, dass Frauen anscheinend weniger h\u00e4ufig eine Therapie mit Statinen nach drei Monaten einnehmen, dies zeigt sich auch nach Korrektur von Schlaganfallpathogenese und vaskul\u00e4ren Risikofaktoren inklusive Hypercholesterin\u00e4mie. Eine m\u00f6gliche Erkl\u00e4rung hierf\u00fcr k\u00f6nnte die generell bei Frauen im Gegensatz zu M\u00e4nnern erniedrigte Rate an Artherosklerose und vorbestehenden kardiovaskul\u00e4ren Ereignissen sein.<br \/>\nZusammenfassend kann festgestellt werden, dass es zwar geschlechtsspezifische Unterschiede bei Schlaganfallpatienten im Bereich der Symptompr\u00e4sentation, der Pathogenese, der Risikofaktoren und des funktionellen Outcomes nach drei Monaten gibt, dass es aber speziell im Stroke Unit-Setting keinen Unterschied in der Versorgungsqualit\u00e4t zwischen den Geschlechtern gibt, vor allem was die Akuttherapie nach einem Schlaganfall und die Neurorehabilitation betrifft. Dennoch ist das funktionelle Behandlungsergebnis nach drei Monaten bei Frauen etwas schlechter, die Mortalit\u00e4t hingegen geringer. Eine \u00dcberlegung w\u00e4re sicherlich, ob genderspezifische Behandlungskonzepte die Therapieerfolge in Zukunft weiter verbessern k\u00f6nnen.<\/p>\n<p><em>Autorin: OA Dr. Julia Ferrari Abteilung f\u00fcr Neurologie, KH der Barmherzigen Br\u00fcder, Wien<\/em><\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Der Schlaganfall ist eine der h\u00e4ufigsten Ursachen f\u00fcr eine vorzeitige Invalidit\u00e4t im Erwachsenenalter. Mehr als die H\u00e4lfte aller Schlaganfallpatienten ben\u00f6tigt nach dem Ereignis dauerhafte Hilfe bei den Aktivit\u00e4ten des t\u00e4glichen Lebens. 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