{"id":857,"date":"2014-12-16T14:37:10","date_gmt":"2014-12-16T12:37:10","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=857"},"modified":"2014-12-16T14:37:10","modified_gmt":"2014-12-16T12:37:10","slug":"dfp-essstoerungen","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=857","title":{"rendered":"DFP: Essst\u00f6rungen"},"content":{"rendered":"<p><strong>Essst\u00f6rungen sind relativ seltene, aber h\u00e4ufiger werdende, zumeist schwere psychiatrische Erkrankungen, die einen hohen Leidensdruck bei den Betroffenen und ihren Familien erzeugen. Die Betroffenen sind in der Regel M\u00e4dchen und junge Frauen, aber auch Knaben kommen vermehrt zu klinischer Beachtung.<\/strong>  <\/p>\n<p>Essst\u00f6rungen sind definitionsgem\u00e4\u00df keine Ern\u00e4hrungsst\u00f6rungen, sondern schwere psychiatrische Erkrankungen, die h\u00e4ufig mit somatischen Komplikationen einhergehen. Ihre Klassifikation befindet sich mit Erscheinen des amerikanischen Diagnosesystems DSM in der 5. Auflage (APA, 2013) im Umbruch, da es innerhalb von zwei Jahren auch zu einer Ver\u00e4nderung der in \u00d6sterreich g\u00fcltigen WHO-Klassifikation ICD in der 11. Auflage kommen wird. Wurden bisher F\u00fctterst\u00f6rungen der Kindheit und Essst\u00f6rungen in getrennten Kapiteln gef\u00fchrt, f\u00fchrt das DSM-5 diese beiden Bereiche zusammen und benennt ein Kapitel \u201eF\u00fctter- und Essst\u00f6rungen\u201c. Adipositas wird weiterhin nicht in dieses Kapitel einbezogen, da sie nicht als psychiatrische Erkrankung gelten kann.<br \/>\nIn der g\u00fcltigen Klassifikation der WHO (ICD-10) werden im Subkapitel 50.x die St\u00f6rungen Anorexia nervosa (AN; Code: F50.0, Tabelle 1), Bulimia nervosa (BN; F50.2, Tabelle 2), ihre atypischen (weil symptomatisch unvollst\u00e4ndigen) Varianten (AN-atypisch; F50.1 und BN-atypisch; F50.3) sowie Essattacken bei anderen psychischen St\u00f6rungen (z.B. unter Belastungen) (F50.4), Erbrechen bei anderen psychischen St\u00f6rungen (wie z.B. bei dissoziativen St\u00f6rungen) (F50.5), sonstige spezifische Essst\u00f6rungen (z.B. psychogener Appetitverlust) (F50.8) und nicht n\u00e4her bezeichnete Essst\u00f6rungen (F50.9) definiert. St\u00f6rungen der Nahrungsaufnahme und F\u00fctterst\u00f6rungen der Kindheit werden derzeit nicht unter den Essst\u00f6rungen kodiert, sondern unter F98.2 (F\u00fctterst\u00f6rung) und F98.3 (Pica). <\/p>\n<h2>Krankheitsbilder und wichtigste Symptome <\/h2>\n<p>Die drei klinisch bedeutsamsten und am besten charakterisierten Essst\u00f6rungen sind Anorexia nervosa, Bulimia nervosa und Binge-Eating-St\u00f6rung. Ihre diagnostischen Kriterien sind tabellarisch dargestellt (Tabelle 1\u20133).<br \/>\nAnorexia nervosa (\u201eMagersucht\u201c) ist charakterisiert durch Di\u00e4thalten bzw. Vermeiden hochkalorischer Speisen, was in letzter Konsequenz zu gef\u00e4hrlichen k\u00f6rperlichen Folgen bis zum Tode f\u00fchren kann. Die Gleichsetzung des aus dem Griechischen stammenden Begriffs mit \u201enerv\u00f6s bedingter Appetitlosigkeit\u201c ist falsch, da die Betroffenen schon Hunger und Appetit versp\u00fcren, ihn aber unterdr\u00fccken.<br \/>\nBulimia nervosa (\u201eOchsenhunger\u201c, aus dem Griechischen \u201ebous\u201c = Ochse und limos = Hunger) ist eine Essst\u00f6rung, die sich durch Anf\u00e4lle von unkontrolliertem Hei\u00dfhunger auszeichnet, die zu Essattacken (Fressattacken) mit meist nachfolgendem Erbrechen oder Abf\u00fchrmittelabusus (Purging-Verhalten = wieder eliminieren, \u201erausputzen\u201c) f\u00fchrt, was einer Gewichtszunahme entgegenwirkt.<br \/>\nBinge-Eating-St\u00f6rung (aus dem Englischen binge = Hei\u00dfhungeranfall) ist die h\u00e4ufigste Essst\u00f6rung, die durch Hei\u00dfhungeranf\u00e4lle, die nicht mittels gegenregulatorischen Ma\u00dfnahmen entsch\u00e4rft werden, definiert ist. <\/p>\n<h2>Epidemiologie der Essst\u00f6rungen <\/h2>\n<p>Bisher fehlen in \u00d6sterreich f\u00fcr das gesamte Bundesgebiet repr\u00e4sentative Daten \u00fcber die H\u00e4ufigkeit von Essst\u00f6rungen im Kindes- und Jugendalter und im Erwachsenenalter. Wir greifen daher auf Erhebungen in europ\u00e4ischen L\u00e4ndern zur\u00fcck, da anzunehmen ist, dass die Pr\u00e4valenzund Inzidenzzahlen gegen\u00fcber denen in anderen westlichen Staaten nicht wesentlich differieren. Zur H\u00e4ufigkeit der Essst\u00f6rungen liegen Zahlen \u00fcber mehrere Jahrzehnte vor. Die Ergebnisse sind je nach Herkunftsland (Europa, USA, Asien), Geschlecht, Alter und untersuchter Population (Allgemeinbev\u00f6lkerung, Prim\u00e4rversorgung, Sekund\u00e4rversorgung) sehr heterogen. F\u00fcr Anorexia nervosa kann eine Lebenszeitpr\u00e4valenz bei weiblichen Erwachsenen in der Allgemeinbev\u00f6lkerung von 0,9 Prozent, f\u00fcr Bulimia nervosa von 0,9\u20131,5 Prozent, f\u00fcr Binge-Eating-St\u00f6rung von 1,9\u20133,5 Prozent angenommen werden.<br \/>\nEssst\u00f6rungen treten zumeist zuerst im Jugendalter auf. Magersucht kommt am h\u00e4ufigsten bei Jugendlichen ab 14 Jahren vor, Bulimie etwas sp\u00e4ter (16 Jahre), w\u00e4hrend die Binge-Eating-St\u00f6rung im sp\u00e4teren Jugendalter und fr\u00fchen Erwachsenenalter ihre Spitze hat.<br \/>\nNehmen Essst\u00f6rungen in den letzten Jahrzehnten zu? Anorexia nervosa hat seit Jahrzehnten stabile Inzidenzraten in der prim\u00e4ren Versorgung, die Inzidenz der Bulimia nervosa stieg ab 1980, scheint aber derzeit leicht r\u00fcckl\u00e4ufig; zur Binge-Eating-St\u00f6rung, deren Definition erst 1994 erfolgte und zu den anderen spezifischen oder unspezifischen Essst\u00f6rungen liegen entweder wenige oder noch keine konsistenten Daten vor. Ein Anstieg in der Prim\u00e4rversorgung ist aber zu verzeichnen, die altersstandardisierte j\u00e4hrliche Inzidenzrate zwischen zehn und 49 Jahren stieg zwischen 2000 und 2009 von 32 auf 37\/100.000 Einwohner. M\u00e4dchen und Frauen sind h\u00e4ufiger von Magersucht (2009-Inzidenzrate 14 weibliche vs. 1 m\u00e4nnlichen\/ 100.000), Bulimia nervosa (Inzidenzrate 20 weibliche vs. 1,5 m\u00e4nnliche\/100.000) und von \u201eUnspezifischen Essst\u00f6rungen\u201c (Inzidenzrate 28 weibliche vs. vier m\u00e4nnliche\/100.000) betroffen als Knaben oder M\u00e4nner. Auch bei m\u00e4nnlichen Kindern entwickelt sich in den letzten Jahrzehnten (nachweislich zwischen 1993 und 2004 in N\u00d6) vermehrt eine Disposition zu und erste Symptome von Essst\u00f6rungen, die klinisch relevant zu werden beginnen.<br \/>\nDa keine gesamt\u00f6sterreichischen epidemiologischen Daten bei Jugendlichen in \u00d6sterreich vorliegen, wird im Moment eine solche Erhebung im Rahmen des MHAT-Projektes (www.mhat.at) durchgef\u00fchrt, das die wichtigsten psychischen St\u00f6rungen im Jugendalter und deren Risikofaktoren untersuchen und diese L\u00fccke schlie\u00dfen soll. In der Screeningphase, die mit denselben Methoden wie die deutsche KIGGS-Studie vorgegangen ist, wurden 3.615 Jugendliche untersucht. \u00c4hnlich wie in Deutschland 2006 fanden wir in unserer repr\u00e4sentativen \u00f6sterreichischen Erhebung etwa 23 Prozent Verdachtsf\u00e4lle f\u00fcr Essst\u00f6rungen. Anders als in der deutschen Studie folgen nun Interviews zur Diagnosestellung der spezifischen Essst\u00f6rungen. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t1334.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Tabelle\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t1334.png\" alt=\"Tabelle\" width=\"581\" height=\"751\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-149014\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Fr\u00fcherkennung <\/h2>\n<p>Die f\u00fcr Erstversorgung und Weichenstellung des Managements der Essst\u00f6rungen so wichtigen Allgemeinmediziner\/ Schul\u00e4rzte verkennen die Magersucht (AN) bei Jugendlichen in der fr\u00fchen Adoleszenz h\u00e4ufig als \u201eorganische Erkrankung\u201c. Psychosomatische Probleme und depressive Symptome werden erkannt, die spezifischen Symptome der Magersucht aber kaum (acht Prozent bei typischen F\u00e4llen). Die Kenntnis der Klinik der Magersucht ist immer noch unzureichend. Bei nicht so offensichtlichen St\u00f6rungen wie Bulimie oder unspezifischen Essst\u00f6rungen d\u00fcrfte die Erkennungsrate noch geringer ausfallen. <\/p>\n<h2>Diagnosestellung und Differenzialdiagnosen <\/h2>\n<p>Die Diagnosestellung erfolgt zuerst klinisch aufgrund der systematischen Erhebung der vorliegenden Symptome, wie sie in der internationalen Klassifikation ICD-10 dargelegt sind. Strukturierte Interviews werden psychodiagnostisch eingesetzt bzw. sind im Forschungskontext unerl\u00e4sslich. Ihr Einsatz bedarf guter Schulung und ersetzt niemals die klinische Erfahrung. So ist ein diagnostischer Fallstrick, Symptome zu \u00fcbersehen bzw. nicht ausreichend diagnostisch zu w\u00fcrdigen, weil die Betroffenen sie trotz direkter Befragung nicht angeben. Dabei spielt bei einigen Betroffenen eine mitunter radikale Verleugnung ihrer Symptomatik eine Rolle, w\u00e4hrend bei anderen die dem Untersucher augenscheinlichen Symptome der Essst\u00f6rung der eigenen Wahrnehmung nicht zug\u00e4nglich sind. So kann zum Beispiel ein 13-j\u00e4hriges M\u00e4dchen mit schwerer Magersucht vom Binge\/Purging-Typus (BMI weit unter der 3. Perzentile, Gewichtsverlust auf die H\u00e4lfte des K\u00f6rpergewichtes innerhalb von drei Monaten, massive Hei\u00dfhungerepisoden mit nachfolgendem Erbrechen, Elektrolytentgleisungen mit EKG-Ver\u00e4nderungen, Osteoporose, hirnorganisches Psychosyndrom, depressives Syndrom und sozialer R\u00fcckzug) beim diagnostischen Interview auch bei Konfrontation mit diesem Syndrom lediglich eine leichte Konzentrationsschw\u00e4che als st\u00f6rend benennen. Nur die ausreichende Erfahrung in der Diagnostik erm\u00f6glicht es dem Arzt, die richtige Diagnose zu stellen und mit der Betroffenen zu einem (eventuell nur beschr\u00e4nkten) Einverst\u00e4ndnis und einer Therapieplanung zu gelangen.<br \/>\nDifferenzialdiagnostisch kommen f\u00fcr die Essst\u00f6rungen alle Krankheiten infrage, die zu Gewichtsverlust (bis zur Kachexie), zu Erbrechen und fehlender Gewichts- und Gr\u00f6\u00dfenentwicklung f\u00fchren, allerdings ist die Motivation hinter dem gefundenen Verhalten (Angst zuzunehmen, Angst vor Gewichtszuwachs, extreme Bestimmtheit des Selbstwertes durch Figur und Gewicht) das entscheidende Unterscheidungsmerkmal. Zudem sind psychische St\u00f6rungen (insbesondere depressive St\u00f6rungen bei allen Essst\u00f6rungen, Zwangs- und Angstst\u00f6rungen bei Magersucht und Bulimie sowie St\u00f6rungen der Pers\u00f6nlichkeitsentwicklung und Suchterkrankungen beim bulimischen Spektrum) diagnostisch sowohl als Komorbidit\u00e4ten als auch im differenzialdiagnostischen Prozess genauestens zu erfassen. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t2125.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Tabelle\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t2125.png\" alt=\"Tabelle\" width=\"576\" height=\"663\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-149011\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Psychiatrisch klinisches Bild \u2013 Komorbidit\u00e4ten <\/h2>\n<p>Essst\u00f6rungen sind nahezu immer \u2013 sowohl komorbid als auch im Lebenszeitverlauf \u2013 mit anderen St\u00f6rungsbildern bzw. Symptomen anderer St\u00f6rungen verbunden. Insbesondere ein sehr hohes Suizidrisiko, das bei der Magersucht vorliegt (200-fach \u00fcber der Normalbev\u00f6lkerung und doppelt so hoch verglichen mit Patienten mit schwerer depressiver Episode) weist Magersucht als die schwerste und gef\u00e4hrlichste Erkrankung innerhalb der Psychiatrie aus.<br \/>\nDepressive Episoden (30\u201380 Prozent Lebenszeitpr\u00e4valenz), Dysthymia, Zwangsst\u00f6rungen (8\u201335 Prozent), Zwangssymptome, Angstst\u00f6rungen (35\u201370 Prozent), Schlafst\u00f6rungen (fr\u00fchmorgendliches Erwachen), Konzentrationsprobleme, selbstverletzendes Verhalten (bei An und BN), soziale Isolation und Libidoverlust treten im Verlauf h\u00e4ufig auf. Zum Teil sind diese Symptome durch den Hungerzustand, in dem sich die Betroffenen befinden, bedingt bzw. durch ihn verst\u00e4rkt (siehe besonders: A. Keys\u2019 Hunger-Experiment, 1950). Bulimia nervosa geht h\u00e4ufiger als AN mit Erkrankungen aus dem Suchtspektrum einher (bis 50 Prozent), auch diverse Pers\u00f6nlichkeitsst\u00f6rungen kommen bei bis zu 80 Prozent der Betroffenen vor. Die Binge-Eating- St\u00f6rung weist als h\u00e4ufigste Komorbidit\u00e4ten Depressionen (etwa 50 Prozent) und Angstst\u00f6rungen (12\u201349 Prozent) auf. <\/p>\n<h2>Medizinische Folgen und Komplikationen <\/h2>\n<p>Essst\u00f6rungen k\u00f6nnen medizinische Komplikationen verursachen, die \u00fcber zwei Wege zustande kommen: Einerseits kann Unterern\u00e4hrung gepaart mit motorischer Hyperaktivit\u00e4t den Organismus \u00fcberm\u00e4\u00dfig belasten, andererseits k\u00f6nnen Erbrechen und Laxantienabusus zu kardialen und neurologischen Komplikationen f\u00fchren. Bei simultanem Auftreten beider Wege (wie z.B. bei der Diagnose F50.01) sind am h\u00e4ufigsten schwerwiegende Komplikationen zu beobachten. Die Diagnose dieses Subtypes sollte daher die h\u00f6chste medizinische Aufmerksamkeit nach sich ziehen.<br \/>\nWir finden endokrinologisch den Ausfall der Regelblutung (prim\u00e4re oder sekund\u00e4re Amenorrh\u00f6) aufgrund von \u00d6strogenmangel und eingeschr\u00e4nkte Fertilit\u00e4t aufgrund reduzierter Spiegel von FSH und LH (auch bei bulimischen Normalgewichtigen m\u00f6glich), gastrointestinal Obstipation, Bauchschmerzen, verlangsamte Magenentleerung, generelle Symptome eines auf Energiesparen umgestellten Organismus mit K\u00e4ltegef\u00fchl, Frieren, kalte und zyanotische Akren, Energieverlust bei geringen Energie- und Fettreserven besonders in der Kindheit, dermatologisch Auszehrung, Turgorverlust und Trockenheit der Haut, br\u00fcchige Haare und N\u00e4gel, Haarverlust am Haupt, Lanugohaare am Stamm, kardiovaskular\/renal periphere \u00d6deme (besonders w\u00e4hrend einer erw\u00fcnschten Gewichtszunahme), Kn\u00f6chel- und Periorbital\u00f6deme, arterielle Hypotonie, Bradykardie, kardiale Arrhythmien, Perikarderg\u00fcssen, h\u00e4matologisch Petechien aufgrund von Thrombozytopenien, Gelbf\u00e4rbung der Haut vor allem an den Handinnenfl\u00e4chen aufgrund von Hyperkarotin\u00e4mie.<br \/>\nAls gef\u00fcrchtete Langzeitkomplikation tritt Osteopenie bzw. manifeste Osteoporose auf, die aufgrund der Trias Hypokalz\u00e4mie plus \u00d6strogenmangel plus Kortisolerh\u00f6hung relativ rasch eintreten kann. Sie kann im Extremfall zu pathologischen Frakturen f\u00fchren. Ein Stopp des L\u00e4ngenwachstums ist, wenn die Erkrankung nicht vor Abschluss der Epiphysenfugen geheilt ist, letztlich irreversibel. Typisch und pathognomonisch f\u00fcr BN sind Narben am Handr\u00fccken, das sogenannte Russell&#8217;s sign, welches durch Kallusbildung nach regelm\u00e4\u00dfigem Gebrauch der Finger zum Ausl\u00f6sen des Erbrechens entsteht. Weiters f\u00fchren das Erbrechen von Speisebrei zu einer blanden Hypertrophie der Speicheldr\u00fcsen sowie Elektrolytentgleisungen (Hypokali\u00e4mie mit Herzrhythmusst\u00f6rungen und Hyper- oder Hyponatr\u00e4mie mit zerebralen Krampanf\u00e4llen), Schmelzdefekten der Z\u00e4hne, Zahnfleischproblemen und Karies, Mundwinkelrhagaden und Ulcera der Mundschleimhaut, angestrengtes Erbrechen kann zu Petechien und H\u00e4matemesis f\u00fchren. Massive Nahrungsingestion kann die Magenwand perforieren und \u00fcber Peritonitis zum Tod f\u00fchren, Diuretikaabusus wiederum zu akutem renalem Versagen.<br \/>\nIm Rahmen von Konzepten, die die Wiederauff\u00fctterung von schwer kachektischen AN-Patienten zu einem wichtigen und vorrangigen Ziel haben, ist besonders auf die Prophylaxe des gef\u00fcrchteten, aber dem Laien oft unbekannten iatrogenen Refeeding-Syndromes zu achten. Dieses ist durch Symptome der Herzinsuffizienz, neurologische Symptome, periphere \u00d6deme und Schmerzen des Bewegungsapparates gekennzeichnet. Kohlehydrat-lastige Kost sowie Nahrung mit forcierter Kalorienanzahl sind daher (besonders in den ersten drei Wochen) zu vermeiden. <\/p>\n<h2>Pathologische Laborwerte und Untersuchungen <\/h2>\n<p>Die regelm\u00e4\u00dfige Kontrolle der Laborparameter ist als medizinische Begleitma\u00dfnahme der Behandlung wichtig. Bei schweren Verl\u00e4ufen kann es zu Kaliummangel (&lt;2mmol\/l) (!) kommen, Hyponatri\u00e4mie (durch Laxantien und Dursten) kann zu zerebralen Krampfanf\u00e4llen f\u00fchren, Hypophosphat\u00e4mie zu Tetanie, eine Erh\u00f6hung des Bicarbonats (40mmol\/l m\u00f6glich) im Sinne einer metabolischen Alkalose kann ebenfalls zu zerebralen Krampfanf\u00e4llen f\u00fchren. Leukopenie (1000\/ml), H\u00e4moglobin unter 6mmol\/l, Thrombopenie, Eisen-, Mg- und Zinkmangel, Reduktion der Leberfunktion (Cholestaseparameter: AP plus Gamma- GT-Anstieg; Lebersyntheseparameter: CHE reduziert; Lebernekroseparameter: m\u00f6gliche Erh\u00f6hung), Hypercholesterin\u00e4mie (\u00fcber 7mmol\/l m\u00f6glich und paradox. Hypoglucos\u00e4mie kann zusammen mit k\u00f6rperlicher \u00dcberanstrengung mitunter als Todesursache gelten. Die Reduktion der Schilddr\u00fcsenhormone (Low-T3-Syndrom) versetzt den Organismus in die Lage, Energiereserven zu sparen und den Grundumsatz herabzusetzen.<br \/>\nAn Untersuchungen sind obligat: Anamnese, k\u00f6rperliche Untersuchung, neurologische Untersuchung, psychopathologischer Status psychicus, oben genannte Laborparameter, w\u00f6chentliche Bestimmung des K\u00f6rpergewichts, EKG, Messung der Knochendichte, CCT bzw. craniales MRT zum Ausschluss von zerebralen Raumforderungen. An Untersuchungen sind fakultativ: EEG, C\/P R\u00f6ntgen, Echokardiographie, Abdomen-Ultraschall, Gastroskopie. <\/p>\n<p><a href=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t368.png\"><img loading=\"lazy\" decoding=\"async\" title=\"Tabelle\" src=\"https:\/\/medonline.at\/wp-content\/uploads\/t368.png\" alt=\"Tabelle\" width=\"580\" height=\"606\" class=\"alignnone size-full img-border wp-image-149012\" \/><\/a><\/p>\n<h2>Entstehungsbedingungen <\/h2>\n<p>Essst\u00f6rungen haben keine isolierten Ursachen. Immer m\u00fcssen verschiedene Risikofaktoren in einem Leben zusammentreffen, damit die Erkrankung ausbricht. Den Bedingungen der Entstehung kann am besten im Rahmen eines bio-psychosozialen Krankheitsmodelles Rechnung getragen werden.<br \/>\n<strong>Als Risikofaktoren f\u00fcr die Entstehung der Anorexia nervosa gelten:<\/strong> Das weibliche Geschlecht (90\u201395 Prozent Frauen); Biologisch: Genetisch: Zwillingsstudien und Familienstudien zeigen, dass Essst\u00f6rungen in Familien geh\u00e4uft vorkommen. Molekulargenetische Untersuchungen (Assoziationsstudien, Koppelungsstudien) zeigten \u2013 vor Allem bei AN \u2013 erste Muster. Whole-Genome-Assoziationsstudien (bisher vier) ergaben noch kein einheitliches Bild, aber interessante statistische Trends. H\u00f6here Fallzahlen (8.000\u201310.000 \u201eF\u00e4lle\u201c) sind hier aufgrund mangelnder Power der bisherigen Studien zwingend n\u00f6tig. Auff\u00e4lligkeiten der Neurotransmittersysteme, die in der Regulation von f\u00fcr Appetit, Stimmung, Affekten und des Hunger-S\u00e4ttigungs- Gef\u00fchls involviert sind (Serotonin, Dopamin) wurden gefunden. Schwangerschaftskomplikationen sind h\u00e4ufiger.<br \/>\n<strong>Psychologisch:<\/strong> Kindliche Angstst\u00f6rungen, niedriger Selbstwert und perfektionistische Haltung im Leben sind nahezu ubiquit\u00e4re Voraussetzungen f\u00fcr die Entstehung von Essst\u00f6rungen. Hohe Sensitivit\u00e4t f\u00fcr Umwelteinfl\u00fcsse machen sp\u00e4ter Betroffene sehr vulnerabel f\u00fcr negative Einfl\u00fcsse wie z.B. Traumatisierungen. Die Hoffnung ist gem\u00e4\u00df dem Plastizit\u00e4tsmodell begr\u00fcndet, dass die Betroffenen aber auch f\u00fcr positive Umwelteinfl\u00fcsse (wie z.B. Therapie) empf\u00e4nglicher sind.<br \/>\n<strong>Psychosoziale Ausl\u00f6ser und Folgen:<\/strong> Die Familien k\u00f6nnen nicht prinzipiell f\u00fcr die Entstehung der Essst\u00f6rungen verantwortlich gemacht werden. Erstens treten Muster auf, die in allen Familien mit chronisch kranken Kindern auftreten k\u00f6nnen, was auf die mit der Krankheit einhergehende Belastung zur\u00fcckzuf\u00fchren ist. Zweites scheinen die Familien oftmals Probleme mit der Anpassung an die Adoleszenz ihrer Tochter und der damit zunehmenden Unabh\u00e4ngigkeit zu haben. Konflikte um die erwachende Sexualit\u00e4t und eventuell Reaktualisierung fr\u00fcherer sexueller Traumata sind relevante Einflussgr\u00f6\u00dfen von gro\u00dfer individueller ausl\u00f6sender Bedeutung.<br \/>\n<strong>F\u00fcr die Bulimia nervosa stellen folgende Faktoren ein Risiko dar:<\/strong> Weibliches Geschlecht (90% Frauen); AN-Anamnese (1\/3 bis 1\/2 der BN-kranken); Di\u00e4thalten hebt die Auftretenswahrscheinlichkeit von BN um das Achtfache; kindliche Adipositas, St\u00f6rung des Serotoninhaushalts; Selbstwertproblematik; soziale Phobien; Familienbeziehungen: starkes elterliches Kontrollverhalten, Fehlen von W\u00e4rme sind immer wieder nachweisbar; k\u00f6rperlicher und sexueller Missbrauch; affektive St\u00f6rungen, Alkohol und Essst\u00f6rungen bei anderen Familienmitgliedern.<br \/>\nF\u00fcr die Binge-Eating-St\u00f6rung stellen folgende Faktoren ein Risiko dar: sexueller Missbrauch, physische Vernachl\u00e4ssigung; Adipositas w\u00e4hrend der Kindheit; Selbstwertproblematik; negative Lebensereignisse; vermeidendes Coping; geringe soziale Unterst\u00fctzung; Mobbing bzgl. Figur, Gewicht, Essverhalten. <\/p>\n<h2>Integrative Modelle <\/h2>\n<p>Integration biologischer\/genetischer Befunde und psychosozialer ist derzeit ein Desiderat an die Forschenden, um aus der Einengung aus rein biologistischer oder rein psychologischer Sicht herauszukommen. Gen-Umwelt- Interaktionsdaten liegen dazu erstmals vor, die zeigen, dass elterliches Erziehungsverhalten nur unter bestimmten genetischen Bedingungen beim Kind das Risiko, AN zu entwickeln, erh\u00f6ht. Niemals ist die Umwelt alleine verantwortlich, eine sogenannte \u201eanorexiogene Mutter\u201c gibt es nicht. Die neuerdings immer genauer erforschten biologischen Grundlagen der Essst\u00f6rungen (Genetik, Neurotransmission, Bildgebung) erm\u00f6glichen es, integrative Modelle zu entwickeln, die der Wirklichkeit eher gerecht werden als bisherige Modelle. <\/p>\n<h2>Therapieempfehlungen <\/h2>\n<p>Die Behandlung der Essst\u00f6rungen ist multimodal und multidisziplin\u00e4r ausgerichtet. Neben unbedingt n\u00f6tiger allgemeinmedizinischer bzw. p\u00e4diatrischer Diagnostik und regelm\u00e4\u00dfiger fach\u00e4rztlicher Kontrolle ist in allen F\u00e4llen Psychotherapie indiziert. Entscheidend sind die Erstellung eines Gesamtbehandlungsplanes und die Definition eines f\u00fcr die Therapie verantwortlichen \u201eCase-Managers\u201c, wof\u00fcr der Kinder- und Jugendpsychiater\/Psychiater der ideale Facharzt ist. Da die Therapie oft \u00fcber viele Jahre und im Rahmen verschiedener Settings (ambulant, tagesklinisch, station\u00e4r) stattfindet ist Case-Management gerade bei Magersucht und Bulimie sehr wichtig. CAVE: An den Settings\u00fcberg\u00e4ngen kann es im ung\u00fcnstigsten Fall zum Abbruch der Behandlung kommen.<br \/>\nDie besten Erfolge k\u00f6nnen dort verzeichnet werden, wo die Patienten \u2013 zumeist \u00fcber mehrere Jahre \u2013 kontinuierlich durch ein Team behandelt werden. So wird beispielsweise an der Ambulanz f\u00fcr Essst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen am AKH Wien besonders auf diese Nachhaltigkeit geachtet. Beziehungsaufbau (tragf\u00e4hige Arzt-Patienten- Beziehung) vom Beginn des ersten Ambulanzkontaktes, Begleitung w\u00e4hrend station\u00e4rer Behandlungsphasen und Weiterbehandlung in neuerlicher langfristiger ambulanter Therapie durch dieselbe Person bzw. dasselbe Team hat die beste Chance auf Erfolg, insbesondere bei schwerkranken Patienten.<br \/>\nDieser Gesamtbehandlungsplan ist vor allem bei Magersucht von ganz wesentlicher Bedeutung. K\u00f6rpergewichtsnormalisierung und Restitution eines gesunden K\u00f6rpergewichtes durch Etablierung eines geregelten Essverhaltensplanes in unabh\u00e4ngig vom Setting \u2013 gem\u00e4\u00df aller Leitlinien der Therapie \u2013 essenziell, um das durch Mangelern\u00e4hrung funktionell beeintr\u00e4chtigte Gehirn wieder ausreichend mit essenziellen Nahrungsmitteln zu versorgen. Der Einsatz unterschiedlicher Therapieformen (Ern\u00e4hrungsberatung, K\u00f6rpertherapie, Ergotherapie, kreative und Ausdruckstherapien, Musiktherapie, Soziotherapie u.a.) ist dabei neben den klassischen Formen von individueller Psychotherapie und Gruppenpsychotherapien unterschiedlicher Provenienz insbesondere in tagesklinischen und station\u00e4ren Settings \u00fcblich.<br \/>\nIn der Behandlung der Essst\u00f6rungen muss man zwischen medizinischen Ma\u00dfnahmen und psychotherapeutischen, sowie rehabilitativen Zug\u00e4ngen unterscheiden.<br \/>\nJeder von einer Essst\u00f6rung Betroffene ben\u00f6tigt \u00e4rztliche Begleitung. CAVE: Psychotherapie ohne kompetente \u00e4rztliche Begleitung ist ein Kunstfehler! Klinische Erfahrungen mit Essst\u00f6rungen sind daf\u00fcr Voraussetzung. Evidenzbasierte medikament\u00f6se Therapie ist bei Magersucht nur f\u00fcr die komorbiden psychischen St\u00f6rungen sinnvoll einsetzbar, bei Bulimie kann der Einsatz von SSRIs wie z.B. Fluoxetin eine Linderung der Symptomatik bewirken, bei Binge-Eating- St\u00f6rung haben Antidepressiva und Topiramat ein m\u00f6gliches Einsatzgebiet. Der Einsatz von atypischen Antipsychotika f\u00fcr AN ist noch im Erprobungsstadium, im Jugendalter nur unter \u201eTherapeutischem Drug Monitoring\u201c. Rezente Ausf\u00fchrungen dazu finden sich im Heft Clincum Neuropsy 3\/2014; 24-27: Mitterer-Asadi et al. 2014).<br \/>\nZur psychotherapeutischen Behandlung der Essst\u00f6rungen besteht je nach Lebensalter (Jugendliche vs. Erwachsene) und Diagnose (Anorexia nervosa, Bulimia nervosa, Binge-Eating-St\u00f6rung) unterschiedlich gute Evidenz (gem\u00e4\u00df den Leitlinien). F\u00fcr Magersucht bei Jugendlichen besteht die beste Evidenz f\u00fcr familienbezogene Ans\u00e4tze im Sinne des \u201eMaudsley model of care\u201c, f\u00fcr Magersucht bei Erwachsenen gibt es keine international akzeptierte Empfehlung. F\u00fcr Bulimia nervosa gibt es f\u00fcr alle Altersgruppen die Empfehlung, kognitive Verhaltenstherapie einzusetzen, daneben interpersonelle Therapie, in weiterer Folge aber auch dialektische Verhaltenstherapie, Emotionsregulationstherapie und Schematherapie. F\u00fcr die Binge- Eating-St\u00f6rung liegen wirksame Therapiemanuale kognitiv- verhaltenstherapeutischer Provenienz vor.<br \/>\nDa unter prognostischen Gesichtspunkten auch unter erfolgter leitlinienorientierter State-of-the-art-Therapie nicht allen Patienten mit Essst\u00f6rungen ausreichend geholfen werden kann, sind innovative Ans\u00e4tze der Behandlung gefragt. Dazu z\u00e4hlt der erfolgreiche Einsatz von Online- Verfahren zur R\u00fcckfallprophylaxe bei Anorexia nervosa und die Erprobung von neuropsychologisch basierten Verfahren bei schwerer Magersucht wie die \u201eKognitive Remediation Therapy \u2013 CRT\u201c. Der fachgerechten Unterst\u00fctzung der Eltern\/Partner kommt sowohl bei Jugendlichen als auch bei Erwachsenen gro\u00dfe Bedeutung zu. Innovative Ans\u00e4tze zur Therapie der Bulimia nervosa und zur Binge-Eating-St\u00f6rung mittels Online-Verfahren oder CD-ROM-basierten Verfahren erreichen andere Zielgruppen und bieten praktikable Zug\u00e4nge zur Therapie. So konnte rezent ein Selbsthilfe-Manual f\u00fcr Bulimia nervosa, das auf kognitiv-verhaltenstherapeutischen Methoden beruht, in einer Buchversion und einer Internet-basierten Version vergleichend an 150 jungen Frauen randomisiert getestet werden und sowohl f\u00fcr den Kurzzeitverlauf als auch nach eineinhalb Jahren gute und stabile Wirkung bei 70 Prozent der Klienten gezeigt werden.<br \/>\nZwei rezente Arbeiten zur Therapie der Anorexia nervosa, die noch nicht in den Leitlinen Ber\u00fccksichtigung finden konnten, und die in \u201eThe Lancet\u201c erschienen sind, befassen sich mit dem aktuellen Thema der Kosteneffizienz von tagesklinischen Strukturen im Vergleich zu station\u00e4ren Einrichtungen (Herpertz-Dahlmann et al., 2014) und mit der differenziellen Wirksamkeit von psychoanalytisch gepr\u00e4gten und verhaltenstherapeutischen Zug\u00e4ngen im station\u00e4ren Setting in Deutschland (Zipfel et al., 2014).<br \/>\nIm Rahmen der Studie von Herpertz-Dahlmann et al. (2014) wurden jugendliche Patientinnen nach kurzer station\u00e4rer Phase randomisiert entweder in tagesklinischem Arm (n=85) oder in station\u00e4rem Arm (n=87) weiterbehandelt. Nach zw\u00f6lf Monaten erreichten die tagesklinisch weiterbehandelten Patientinnen einen halben BMI-Punkt mehr als die station\u00e4ren Patientinnen. Die tagesklinische Nachbehandlung zeigte sich der station\u00e4ren Therapie nicht unterlegen, allerdings als kosteng\u00fcnstiger. Diese Studie hat hohe praktische Relevanz.<br \/>\nIm Rahmen der Studie von Zipfel et al. (2014) wurden 160 Patienten (Alter im Mittel 28 Jahre) randomisiert entweder mit \u201eEnhanced-Verhaltenstherapie\u201c (n=80) oder mit fokaler psychodynamischer Therapie (n=80) behandelt. Vergleichend erfolgte ein weiterer Arm, der als \u201etreatment as usual\u201c (TAU) benannt wurde (n=82). Ein signifikanter Zuwachs an BMI-Punkten fand sich in allen drei Armen in vergleichbarer Weise, wobei er in der Verhaltenstherapiegruppe etwas schneller erfolgte. Auch der R\u00fcckgang der allgemeinen Psychopathologie war in der Verhaltenstherapiegruppe etwas rascher. Der gute Erfolg in der \u201eTreatment-as-usual-Gruppe\u201c gegen\u00fcber den spezialisierten Therapieangeboten ist auff\u00e4llig, wird aber durch die hohe G\u00fcte der TAU-Condition zum Teil erkl\u00e4rt. Der geringe Unterschied zwischen den Verum-Armen ist eine wichtige neue Erkenntnis von hoher Praxisrelevanz.<br \/>\nUm der elterlichen schweren Belastung durch die Erkrankung und der oft dysfunktionalen Umgangsweise mit dieser bei ihren Kindern gerecht zu werden, haben wir ab Oktober 2014 an der Ambulanz f\u00fcr Essst\u00f6rungen der Kinder- und Jugendpsychiatrie des AKH Wien ein intensives Psychoedukationsprogramm implementiert, das internationale Erfahrungen einbindet und im Rahmen einer randomisiert kontrollierten Studie \u00fcberpr\u00fcft wird (Projekt zur Erfassung zur Angeh\u00f6rigenarbeit bei Jugendlichen mit Essst\u00f6rungen (2014\u20132017): randomisiert kontrollierte Studie am AKH Wien in Kooperation mit der Parklandklinik (<a href=\"www.karwautz.at\/documents\/flyersucceat.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.karwautz.at\/documents\/flyersucceat.pdf<\/a>).<br \/>\nUmfassende Leitlinien zur Therapie wurden von der Amerikanischen Psychiatriegesellschaft (APA, 2006), dem National Institute of Clinical Excellence (NICE, 2004) und rezent durch die deutschen Fachgesellschaften \u2013 (S3-Leitlinien, Herpertz, 2011) herausgegeben. Die World Federation of Societies of Biological Psychiatry ver\u00f6ffentlichte eine Leitlinie zur Psychopharmakotherapie der Essst\u00f6rungen (Aigner et al., 2012; Buchartikel: Karwautz et al., 2011) (alle siehe <a href=\"www.karwautz.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.karwautz.at<\/a>). Sie sind online verf\u00fcgbar. <\/p>\n<h2>Zusammenfassung <\/h2>\n<p>Das Entstehungsgeschehen der Essst\u00f6rungen ist komplex, Komorbidit\u00e4ten und somatische Komplikationen sind h\u00e4ufig, die Therapie ist multimodal und h\u00e4ufig langj\u00e4hrig. Fr\u00fchzeitige und spezialisierte Intervention ist ein Desiderat, um chronifizierende Verl\u00e4ufe zu vermeiden und Lebensqualit\u00e4t und Weiterentwicklung der betroffenen Systeme zu f\u00f6rdern. Dabei kommt f\u00fcr die m\u00f6glichst fr\u00fche Intervention den Allgemeinmedizinern und P\u00e4diatern sowie den Schul\u00e4rzten als ersten Ansprechpartnern gr\u00f6\u00dfte Bedeutung zu. Die Behandlung sollte immer die Kombination von Psychotherapie, medizinischer Versorgung durch P\u00e4diater oder Allgemeinmediziner, fach\u00e4rztlicher psychiatrischer bzw. kinder- und jugendpsychiatrischer sowie di\u00e4tologischer Ma\u00dfnahmen beinhalten. Erg\u00e4nzende Therapien wie K\u00f6rpertherapie, Ergotherapie, Kunst- und Musiktherapie sind je nach Verf\u00fcgbarkeit dringend anzuraten. <\/p>\n<p>Autoren: Univ.-Prof. Dr. Andreas Karwautz, Dr. Gudrun Wagner<br \/>\nAmbulanz f\u00fcr Essst\u00f6rungen bei Kindern und Jugendlichen, Universit\u00e4tsklinik f\u00fcr Kinder- und Jugendpsychiatrie, Wien <\/p>\n<p>Literatur bei den Autoren <\/p>\n<p>Aufbauend auf einem Beitrag, der in der \u00d6sterreichischen \u00c4rztezeitung am 10. Oktober 2013 (Seiten 22\u201331) erschienen ist, wurde dieser Text adaptiert und erweitert. <\/p>\n<p>Lecture Board: Univ.-Prof. Dr. Ursula Bailer, o. Univ.-Prof. Dr. h.c. Dr. Siegfried Kasper <\/p>\n<p>Weiterf\u00fchrende Internet-Ressourcen<br \/>\n\t<a href=\"www.ess-stoerung.eu\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.ess-stoerung.eu<\/a><\/p>\n<p>\t<a href=\"www.mhat.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.mhat.at<\/a><\/p>\n<p>\t<a href=\"www.karwautz.at\/documents\/flyersucceat.pdf\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.karwautz.at\/documents\/flyersucceat.pdf<\/a><\/p>\n<p>\t<a href=\"www.netzwerk-essstoerungen.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.netzwerk-essstoerungen.at<\/a><\/p>\n<p>\t<a href=\"www.oeges.or.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.oeges.or.at<\/a><\/p>\n<p>\t<a href=\"www.essstoerungshotline.at\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.essstoerungshotline.at<\/a><\/p>\n<p>\t<a href=\"www.succeat.at  \" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.succeat.at  <\/a> <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Essst\u00f6rungen sind relativ seltene, aber h\u00e4ufiger werdende, zumeist schwere psychiatrische Erkrankungen, die einen hohen Leidensdruck bei den Betroffenen und ihren Familien erzeugen. 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