{"id":869,"date":"2014-12-15T18:57:38","date_gmt":"2014-12-15T16:57:38","guid":{"rendered":"http:\/\/dizign-projekte.at\/?p=869"},"modified":"2014-12-15T18:57:38","modified_gmt":"2014-12-15T16:57:38","slug":"highlights-der-gemeinsamen-jahrestagung-von-actrims-und-ectrims","status":"publish","type":"post","link":"https:\/\/oegpb.at\/?p=869","title":{"rendered":"Highlights der gemeinsamen Jahrestagung von ACTRIMS und ECTRIMS"},"content":{"rendered":"<p><strong>Knapp 9.000 MS-Spezialisten aus aller Welt trafen sich Mitte September 2014 in Boston zum bislang gr\u00f6\u00dften MS-Kongress der Geschichte. In \u00fcber 1.000 Vortr\u00e4gen, Posters und Abstracts wurden neue Erkenntnisse zur \u00c4tiologie und zur Progression der MS vorgestellt. Neue Ans\u00e4tze sollen die personalisierte MS-Therapie weiter optimieren \u2013 insbesondere wenn entsprechende Biomarker gefunden werden. <\/strong> <\/p>\n<p>Die Idee ist bestechend einfach und gut: Die europ\u00e4ische Multiple- Sklerose-(MS)-Gesellschaft ECTRIMS und ihr amerikanisches Pendant ACTRIMS (Anm.: European\/ Americas Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) halten in den eigenen Erdteilen ihre jeweiligen Jahrestagungen ab, auch um die Kosten in Grenzen zu halten. Alle drei Jahre gibt es ein gemeinsames gro\u00dfes Meeting, alternierend in Nordamerika oder Europa. In diesem Jahr \u2013 von 10. bis 13. September 2014 \u2013 w\u00e4hlten die Amerikaner als Gastgeber die historische US-Ostk\u00fcstenmetropole Boston als Austragungsort (<a href=\"www.msboston2014.org\" target=\"_blank\" rel=\"noopener\">www.msboston2014.org<\/a>). <\/p>\n<h2>9.000 Spezialisten aus 89 L\u00e4ndern <\/h2>\n<p>Knapp 9.000 MS-Spezialisten aus 89 L\u00e4ndern haben die zum Teil weite Anreise nicht gescheut, die bislang gr\u00f6\u00dfte Zusammenkunft von MS-Spezialisten \u00fcberhaupt. In \u00fcber 1.000 Vortr\u00e4gen, Abstracts, Posterpr\u00e4sentationen und Workshops wurden s\u00e4mtliche Aspekte der MS er\u00f6rtert, von Invitro- Grundlagenforschung bis hin zum klinischen Erfahrungsaustausch. <\/p>\n<h2>\u00c4tiologie der Multiplen Sklerose <\/h2>\n<p>Die \u00c4tiologie der MS ist ja nach wie vor nicht vollst\u00e4ndig aufgekl\u00e4rt. Wie bei vielen Erkrankungen scheint der Zusammenhang zwischen genetischer Pr\u00e4disposition und Umweltfaktoren aber gesichert zu sein, unterstreicht Dr. David Hafler, Yale University, New Haven, CT, USA, in seiner Key-Note-Lecture (PL1.1): \u201eEs geht nicht um ,schlechte Gene\u2018 oder ,schlechte Umwelt\u2018. Es geht vielmehr um die ,schlechte\u2018 Interaktion dieser beiden Faktoren.\u201c Etabliert sei inzwischen die erbliche Komponente mit einem Cluster von Autoimmunerkrankungen, wobei MS vor allem mit den Signalmolek\u00fclen bzw. Transkriptionsfaktoren NFkB, EBF1 und MEF2A assoziiert seien d\u00fcrfte. Umweltbedingte Stimuli, die mit diesen genetischen Faktoren interagieren, k\u00f6nnte die Aktivierung der myelinreaktiven T-Zellen f\u00f6rdern, so Hafler. Zu diesen Triggerfaktoren z\u00e4hlen nach heutigem Wissensstand insbesondere ein niedriger Vitamin-D-Spiegel, Rauchen, ein h\u00f6herer Body-Mass- Index, Kontakt mit dem Epstein-Barr- Virus und, so Hafler, \u201evielleicht auch \u00fcberm\u00e4\u00dfiger Salzkonsum\u201c.<br \/>\nUntermauert wird diese These von Dr. Jennifer Graves, University of San Francisco, CA, USA, und Mitglied des \u201eNetwork of Pediatric MS Centers\u201c. Ihrer Arbeit zufolge (HT1.3) scheint ein niedriger Vitamin-D-Spiegel ein expliziter Triggerfaktor f\u00fcr MS bei Kindern mit einem bestimmten genetischen Merkmal zu sein (HLADRB1* 15:01\/03 carrier allele status). \u201eDiese Erkenntnisse k\u00f6nnten eine gezielte Vitamin-D-Substitution erm\u00f6glichen\u201c, so die Conclusio der amerikanischen Wissenschaftlerin. Norwegische Forscher sind einen Schritt weitergegangen: Laut Dr. Marianna Cortese von der Universit\u00e4t Bergen haben Jugendliche, die zwischen 13 und 18 Jahren ausreichend Vitamin D (in Form von Lebertran) einnehmen, ein nahezu halbiertes MS-Risiko im Vergleich zu anderen Probanden, die nie oder nicht in dieser Altersspanne Lebertran zu sich genommen hatten.<br \/>\nGut etabliert ist auch die Beobachtung, dass eine Vielzahl genetischer Varianten mit einem erh\u00f6hten MS-Risiko etabliert ist. Dr. Philip de Jager vom Harvard-assoziierten Brigham and Women\u2019s Hospital in Boston best\u00e4tigt in einer Late-Breaking-News- Session (LB1.4): \u201eAus kumulativen Studien mit 80.000 Probanden konnten bislang 159 genetische Variationen identifiziert werden.\u201c Diese Erkenntnisse k\u00f6nnten das Erstellen einer \u201eepigenetischen Landkarte\u201c erleichtern, um neue molekulare Signalwege als therapeutische Ziele zu beschreiben.<br \/>\nBemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Pr\u00e4sentation von Dr. Noriko Isobe (University of California, San Francisco) in derselben Session (LB1.6): Demnach wurden bei amerikanischen MS-Patienten mit afrikanischen Wurzeln sieben neue Gene (zum Beispiel top SNP: rs2702177 am Chromosom 1) detektiert, die bei kaukasischen MS-Patienten bislang nicht gefunden wurden. Damit k\u00f6nnte zumindest zum Teil erkl\u00e4rt werden, warum MS bei Afroamerikanern oft ung\u00fcnstiger als bei Kaukasiern verl\u00e4uft und auch unterschiedliche therapeutische Ans\u00e4tze f\u00fcr einzelne Populationen nach sich ziehen, folgert Isobe. <\/p>\n<h2>Progression und Komorbidit\u00e4t <\/h2>\n<p>Nach Diagnose der Erkrankung gilt es die Progression zu verz\u00f6gern. Doch gibt es Pr\u00e4diktoren f\u00fcr den Verlauf? Laut Dr. Victoria Leavitt, Manhattan Memory Center, New York, soll die K\u00f6rpertemperatur aufmerksam beobachtet werden (P910). Denn eine leicht erh\u00f6hte K\u00f6rpertemperatur k\u00f6nnte Hinweis auf einen krankheitsbezogenen Entz\u00fcndungsprozess und damit auf eine subklinische Exazerbation sein. Einer erg\u00e4nzenden Untersuchung dieser Arbeitsgruppe zufolge (P930) war die K\u00f6rpertemperatur von RRMS-Patienten (median 36,96 Grad Celsius) h\u00f6her als jene von SPMS-Patienten (median 36,77 Grad).<br \/>\nEin simpler, aber aussagekr\u00e4ftiger Marker f\u00fcr die MS-Progression k\u00f6nnte Cholesterin sein (PS7.1). Dr. Charlotte Teunissen, VU University Medical Center Amsterdam, erinnert, dass Cholesterin ein wichtiger Bestandteil des Myelins sei und \u201ediese neuronale Schutzschicht ja bei MS zerst\u00f6rt wird\u201c. Hohe Serum-Cholesterinspiegel sind aktuellen Arbeiten zufolge mit spezifischen MS-Ver\u00e4nderungen assoziiert, so Teunissen. Statine h\u00e4tten sich in pr\u00e4klinischen Studien als erfolgversprechender therapeutischer Ansatz erwiesen, die Ergebnisse erster klinischer Untersuchungen h\u00e4tten die Erwartungen bislang jedoch nicht erf\u00fcllt. Zudem k\u00f6nnte ein spezieller Metabolit des Cholesterins, 24S-Hydroxycholesterin, mit dem Gehirnvolumen korrelieren. Ob erh\u00f6hte Spiegel dieses Metaboliten als Zeichen einer MS-Progression interpretiert werden k\u00f6nnen, wird derzeit von der niederl\u00e4ndischen Forscherin an einem Mausmodell untersucht.<br \/>\nEinen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen MS und Psychosen stellte Dr. Sreeram Ramagopalan, Evidera London, UK, in der Late- Breaking-News-Session vor (LB1.5). Demnach haben Patienten mit MS ein signifikant h\u00f6heres Risiko, an Schizophrenie und bipolaren St\u00f6rungen zu erkranken, als k\u00f6rperlich gesunde Kohorten. Diese erh\u00f6hte Inzidenz betreffe M\u00e4nner und Frauen mit MS gleicherma\u00dfen, so Ramagopalan und folgert: Zum einen m\u00fcsse weiter erforscht werden, ob zwischen den beiden Krankheitsbildern \u2013 MS und Schizophrenie\/bipolare St\u00f6rungen \u2013 \u00e4tiologische Gemeinsamkeiten best\u00fcnden, zum anderen m\u00fcsste MSBetreuungspersonal \u00fcber m\u00f6gliche Assoziation aufgekl\u00e4rt werden, um die rechtzeitige Diagnose und Behandlung dieser psychiatrischen Erkrankungen zu sichern. <\/p>\n<h2>Sch\u00e4den reparieren, Funktion wieder herstellen <\/h2>\n<p>F\u00fcr Patienten mit fortgeschrittener MS stellt sich die Frage, ob bestehende Sch\u00e4den noch repariert und damit Funktionen wieder hergestellt werden k\u00f6nnen. Gro\u00dfe Hoffnung wird, wie in vielen Teilgebieten der Medizin, in Stammzelltherapie gesetzt. Erste Ans\u00e4tze zumindest zur Sicherheit dieses Verfahrens wurden in Boston pr\u00e4sentiert: In einer kleinen Phase-I-Studie untersuchte eine Arbeitsgruppe um Dr. Jeffrey Cohen, Cleveland Clinic, Cleveland, OH, USA, die Sicherheit einer Stammzelltherapie (PS1.5). Denn mithilfe mesenchymaler Stammzellen k\u00f6nnten, so die Autoren, Immunmechanismen beeinflusst und die nat\u00fcrlichen Reparationsmechanismen von Gewebe verst\u00e4rkt werden. Teilgenommen haben 24 MS-Patienten (EDSS 3,0-6,5) mit klinischer oder radiologisch nachweisbarer Progression in den letzten zwei Jahren vor Studienbeginn. Fazit: Diese Phase-I-Studie best\u00e4tigt die Durchf\u00fchrbarkeit, Sicherheit und Vertr\u00e4glichkeit einer solchen autologen Stammzelltransplantation, es gab auch keinen negativen Einfluss auf die Krankheitsaktivit\u00e4t. Die Wirksamkeit m\u00fcsse aber in weiterf\u00fchrenden, gr\u00f6\u00dferen Studien \u00fcberpr\u00fcft werden, so die Autoren.<br \/>\nDas zunehmende Interesse an Stammzelltherapie wirft auch die Frage auf, wie diese in ausreichenden Mengen generiert werden k\u00f6nnen. In einer experimentellen Arbeit beschreibt eine britisch-italienische Arbeitsgruppe um Dr. Stefano Pluchino (University of Cambridge, UK) eine Methode, Hautzellen oder andere reife Zellen in Stammzellen umzuprogrammieren, die als \u201einduced pluripotent stem cells\u201c bezeichnet werden (PS1.3). Am M\u00e4usemodell sei es mithilfe neuer Technologien gelungen, Hautzellen in nur einem Arbeitsschritt in Gehirnstammzellen zu transformieren, so Pluchino.<br \/>\nEin Schl\u00fcssel k\u00f6nnte auch Klotho sein. Klotho ist eine 1997 entdeckte Genmutation, die Abnahme von Klotho ist mit einem Myelindefizit assoziiert, wie Dr. Carmela Abraham, Boston University School of Medicine, USA, ausf\u00fchrt (LB1.7). Demnach k\u00f6nnte die Entwicklung von Klothoverst\u00e4rkenden Substanzen zur Reparatur von Myelinsch\u00e4den beitragen. <\/p>\n<h2>Neue Ans\u00e4tze bei der MS-Therapie <\/h2>\n<p>Neben Studien und Subgruppenanalysen von zugelassenen MS-Therapeutika wurden in Boston auch experimentelle Therapien mit unterschiedlichen Ans\u00e4tzen vorgestellt. Noch nicht zugelassen, aber im fortgeschrittenen Stadium der Entwicklung befinden sich unter anderem folgende Substanzen: der Immunmodulator Laquinimod, der humanisierte monoklonale CD20-Antik\u00f6rper Ocrelizumab und der humanisierte IL2-Antik\u00f6rper Daclizumab. Potenzielle remyelinisierende Substanzen sind beispielsweise Anti-LINGO1 (Phase-II) und rHIgM22 (Phase-II) sowie COG112 und NRx112 \u2013 beide noch in sehr fr\u00fchen Entwicklungsstadien. Die F\u00fclle der bestehenden und zuk\u00fcnftigen Behandlungsm\u00f6glichkeiten er\u00f6ffne jedenfalls weitere Chancen f\u00fcr die heute in vielen Gebieten der Medizin angestrebte personalisierte Therapie, waren sich die Experten in Boston einig. Diese vielf\u00e4ltigen M\u00f6glichkeiten stellen aber gleichzeitig die gro\u00dfe Herausforderung dar: Wird es in Zukunft m\u00f6glich sein, jene Patienten punktgenau zu identifizieren, die von der einen oder anderen Therapie am meisten profitieren? Dr. Suhayl Dhib-Jalbut, Ruttgers Robert Wood Johnson Medical School, New Brunswick, NJ, USA, unterstreicht in seiner Pr\u00e4sentation jedenfalls die Notwendigkeit, in Zukunft neue und vor allem verl\u00e4ssliche Biomarker als Ma\u00df f\u00fcr die Wirksamkeit der verschiedenen Behandlungsm\u00f6glichkeiten bei einzelnen Patienten zu entwickeln (PS7.2).  <\/p>\n<p>Autor: Dr. Uli Kiesswetter <\/p>\n<p>\u201eMS-Boston 2014\u201c, gemeinsame Jahrestagung von ACTRIMS und ECTRIMS, Boston, 10\u201313.9.14  <\/p>\n","protected":false},"excerpt":{"rendered":"<p>Knapp 9.000 MS-Spezialisten aus aller Welt trafen sich Mitte September 2014 in Boston zum bislang gr\u00f6\u00dften MS-Kongress der Geschichte. 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