Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

Suizidprävention bei älteren Menschen

Suizidprävention war das Thema des World Mental Health Day 2019. Denn nach wie vor ist Suizid ein globales Problem der öffentlichen Gesundheit und betrifft jedes Alter, insbesondere jedoch jüngere und ältere Menschen. Suizide sind die zweithäufigste Todesursache bei den 15- bis 29-Jährigen. Jedoch am häufigsten betroffen sind Menschen im höheren Lebensalter, wobei Männer viel häufiger betroffen sind als Frauen. Insgesamt betrifft ein Drittel aller Suizide Menschen über 65 Jahre und das Suizidrisiko steigt mit dem Alter an. Suizidversuche hingegen werden häufiger von jüngeren Menschen und von Frauen begangen.[1]

Die weltweit erste Studie zu Suizid in Pflegeeinrichtungen wurde in Australien durchgeführt und ergab, dass das Suizidrisiko bei Menschen in den ersten 12 Monaten nach der Aufnahme besonders hoch ist. Die Mehrheit der BewohnerInnen, die durch Suizid starben, waren Männer (~70%) und hatten eine psychische Erkrankung (~76%), insb. Depression (66%). Außerdem kam es bei den Betroffenen vor dem Suizid zu einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes (~80%), sie waren sozial isoliert und einsam (43%) und hatten Schwierigkeiten, sich an das Leben im Pflegeheim anzupassen (~30%). Die häufigsten Suizidmethoden waren Erhängen (~32%), Stürze aus der Höhe (~17%) und Ersticken (mittels Plastiktüte; ~14%).[2]

Die wichtigsten Risikofaktoren für Suizid bei älteren Menschen sind (neben dem Geschlecht):[3]

  • Psychische Erkrankungen, insb. (unbehandelte) Depression, als unabhängiger Hauptrisikofaktor (auch komorbide Angsterkrankung; Alkohol-/Medikamentenmissbrauch)
  • Körperliche Erkrankungen und chronischer Schmerz; psychisch-körperliche Komorbidität & auch Angst vor/zu Beginn einer schweren Erkrankung (insb. Demenz)
  • Psychosoziale Belastungen: Einsamkeit und soziale Isolation; Verlust geliebter Menschen, der gewohnten Umgebung; Erleben steigender Abhängigkeit (insb. Pflegebedürftigkeit)

Damit assoziiert sind auch unsere weit verbreiteten negativen Altersbilder, individuell wie gesellschaftlich, die zu einem erhöhten Suizidrisiko im Alter beitragen. Doch obwohl wir immer älter werden und es bereits jetzt schon mehr ältere als jüngere Menschen in unserer Gesellschaft gibt, ist Suizid im Alter weiterhin ein vernachlässigtes Tabuthema — und scheint als vermeintlich rationale Reaktion auf die „Last des Alters“ akzeptiert zu werden.[4]

Doch Suizidhandlungen älterer Menschen entstehen „fast immer aus seelischen Leidenszuständen, häufig im Zusammenhang mit äußerer Not, und sind nicht als Endpunkt einer nüchternen, rationalen Entscheidung anzusehen“ (nach Martin Teising, 2001).

Suizidprävention bei älteren Menschen kann deshalb nur gelingen, wenn sie nicht nur den genannten Risikofaktoren entgegenwirkt, sondern auch dieser gleichsam selbstverständlichen Akzeptanz von Suizid im Alter: Es braucht ein „Weg mit dem doppelten Stigma“, das mit alt sein, und psychisch krank sein, verbunden ist — für eine „psychische Gesundheit für alle“, ein Leben lang.

  • Suizidprävention bei älteren Menschen sollte umfassen:[5]
  • Vorbereitung auf das Alter (frühzeitige Auseinandersetzung mit und Akzeptanz von Älterwerden und Sterblichkeit)
  • Förderung der sozialen Teilhabe
  • Förderung des Zugangs zu und der Annahme von Hilfen bei Krankheit (psychisch wie körperlich) und in psychosozialen Belastungs-/Krisensituationen
  • Unterstützung bei Pflegebedürftigkeit
  • Hilfen am Lebensende (Palliativmedizin & -psychiatrie, Hospizarbeit, Sterbebegleitung)
  • Hilfen für Angehörige

 

Autor:
Dr. Georg Psota, Chefarzt der PSD Wien

 

[1] WFMH (2019) Mental Health Promotion and Suicide Prevention; BMASGK (Hg.) (2019) Suizidbericht 2018. Bundesministerium für Arbeit, Soziales, Gesundheit und Konsumentenschutz, Wien.

[2] Murphy B et al (2018) Suicide among nursing home residents in Australia. International Journal of Geriatric Psychiatry 33:786-96.

[3] Zeppegno P et al (2019) Psychosocial Suicide Prevention Interventions in the Elderly. Frontiers in Psychology 9:2713; Conejero I et al (2018) Suicide in Older Adults. Clinical Interventions in Aging 13:691-9; Van Orden K & Deming C (2018) Late-life Suicide Prevention Strategies. Current Opinion in Psychology 22:79-83. Schaar Y & Schipper M (2017) Suizid und Alter. Public Health Forum 25:177-9; Wolfersdorf M et al (2011) Suizidalität im Alter. CliniCum neuropsy 4/2011.

[4] de Leo D (2018) Ageism and Suicide Prevention. The Lancet Psychiatry 5:192-3.

[5] Zeppegno et al (2019); Van Orden & Deming (2018); Lindner R et al (2014) Suizidgefährdung und Suizidprävention bei älteren Menschen (Berlin: Springer); WHO (2014) Preventing Suicide, Genf; Kriseninterventionszentrum Wien (2014) „Ich will so nicht mehr weiterleben!“ Suizidprävention im Alter (www.krisen-im-alter.at); Konsensus-Statement Suizidalität (2011) CliniCum neuropsy April.

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