Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie

Highlights der gemeinsamen Jahrestagung von ACTRIMS und ECTRIMS

Highlights der gemeinsamen Jahrestagung von ACTRIMS und ECTRIMS

Knapp 9.000 MS-Spezialisten aus aller Welt trafen sich Mitte September 2014 in Boston zum bislang größten MS-Kongress der Geschichte. In über 1.000 Vorträgen, Posters und Abstracts wurden neue Erkenntnisse zur Ätiologie und zur Progression der MS vorgestellt. Neue Ansätze sollen die personalisierte MS-Therapie weiter optimieren – insbesondere wenn entsprechende Biomarker gefunden werden.

Die Idee ist bestechend einfach und gut: Die europäische Multiple- Sklerose-(MS)-Gesellschaft ECTRIMS und ihr amerikanisches Pendant ACTRIMS (Anm.: European/ Americas Committee for Treatment and Research in Multiple Sclerosis) halten in den eigenen Erdteilen ihre jeweiligen Jahrestagungen ab, auch um die Kosten in Grenzen zu halten. Alle drei Jahre gibt es ein gemeinsames großes Meeting, alternierend in Nordamerika oder Europa. In diesem Jahr – von 10. bis 13. September 2014 – wählten die Amerikaner als Gastgeber die historische US-Ostküstenmetropole Boston als Austragungsort (www.msboston2014.org).

9.000 Spezialisten aus 89 Ländern

Knapp 9.000 MS-Spezialisten aus 89 Ländern haben die zum Teil weite Anreise nicht gescheut, die bislang größte Zusammenkunft von MS-Spezialisten überhaupt. In über 1.000 Vorträgen, Abstracts, Posterpräsentationen und Workshops wurden sämtliche Aspekte der MS erörtert, von Invitro- Grundlagenforschung bis hin zum klinischen Erfahrungsaustausch.

Ätiologie der Multiplen Sklerose

Die Ätiologie der MS ist ja nach wie vor nicht vollständig aufgeklärt. Wie bei vielen Erkrankungen scheint der Zusammenhang zwischen genetischer Prädisposition und Umweltfaktoren aber gesichert zu sein, unterstreicht Dr. David Hafler, Yale University, New Haven, CT, USA, in seiner Key-Note-Lecture (PL1.1): „Es geht nicht um ,schlechte Gene‘ oder ,schlechte Umwelt‘. Es geht vielmehr um die ,schlechte‘ Interaktion dieser beiden Faktoren.“ Etabliert sei inzwischen die erbliche Komponente mit einem Cluster von Autoimmunerkrankungen, wobei MS vor allem mit den Signalmolekülen bzw. Transkriptionsfaktoren NFkB, EBF1 und MEF2A assoziiert seien dürfte. Umweltbedingte Stimuli, die mit diesen genetischen Faktoren interagieren, könnte die Aktivierung der myelinreaktiven T-Zellen fördern, so Hafler. Zu diesen Triggerfaktoren zählen nach heutigem Wissensstand insbesondere ein niedriger Vitamin-D-Spiegel, Rauchen, ein höherer Body-Mass- Index, Kontakt mit dem Epstein-Barr- Virus und, so Hafler, „vielleicht auch übermäßiger Salzkonsum“.
Untermauert wird diese These von Dr. Jennifer Graves, University of San Francisco, CA, USA, und Mitglied des „Network of Pediatric MS Centers“. Ihrer Arbeit zufolge (HT1.3) scheint ein niedriger Vitamin-D-Spiegel ein expliziter Triggerfaktor für MS bei Kindern mit einem bestimmten genetischen Merkmal zu sein (HLADRB1* 15:01/03 carrier allele status). „Diese Erkenntnisse könnten eine gezielte Vitamin-D-Substitution ermöglichen“, so die Conclusio der amerikanischen Wissenschaftlerin. Norwegische Forscher sind einen Schritt weitergegangen: Laut Dr. Marianna Cortese von der Universität Bergen haben Jugendliche, die zwischen 13 und 18 Jahren ausreichend Vitamin D (in Form von Lebertran) einnehmen, ein nahezu halbiertes MS-Risiko im Vergleich zu anderen Probanden, die nie oder nicht in dieser Altersspanne Lebertran zu sich genommen hatten.
Gut etabliert ist auch die Beobachtung, dass eine Vielzahl genetischer Varianten mit einem erhöhten MS-Risiko etabliert ist. Dr. Philip de Jager vom Harvard-assoziierten Brigham and Women’s Hospital in Boston bestätigt in einer Late-Breaking-News- Session (LB1.4): „Aus kumulativen Studien mit 80.000 Probanden konnten bislang 159 genetische Variationen identifiziert werden.“ Diese Erkenntnisse könnten das Erstellen einer „epigenetischen Landkarte“ erleichtern, um neue molekulare Signalwege als therapeutische Ziele zu beschreiben.
Bemerkenswert in diesem Zusammenhang ist eine Präsentation von Dr. Noriko Isobe (University of California, San Francisco) in derselben Session (LB1.6): Demnach wurden bei amerikanischen MS-Patienten mit afrikanischen Wurzeln sieben neue Gene (zum Beispiel top SNP: rs2702177 am Chromosom 1) detektiert, die bei kaukasischen MS-Patienten bislang nicht gefunden wurden. Damit könnte zumindest zum Teil erklärt werden, warum MS bei Afroamerikanern oft ungünstiger als bei Kaukasiern verläuft und auch unterschiedliche therapeutische Ansätze für einzelne Populationen nach sich ziehen, folgert Isobe.

Progression und Komorbidität

Nach Diagnose der Erkrankung gilt es die Progression zu verzögern. Doch gibt es Prädiktoren für den Verlauf? Laut Dr. Victoria Leavitt, Manhattan Memory Center, New York, soll die Körpertemperatur aufmerksam beobachtet werden (P910). Denn eine leicht erhöhte Körpertemperatur könnte Hinweis auf einen krankheitsbezogenen Entzündungsprozess und damit auf eine subklinische Exazerbation sein. Einer ergänzenden Untersuchung dieser Arbeitsgruppe zufolge (P930) war die Körpertemperatur von RRMS-Patienten (median 36,96 Grad Celsius) höher als jene von SPMS-Patienten (median 36,77 Grad).
Ein simpler, aber aussagekräftiger Marker für die MS-Progression könnte Cholesterin sein (PS7.1). Dr. Charlotte Teunissen, VU University Medical Center Amsterdam, erinnert, dass Cholesterin ein wichtiger Bestandteil des Myelins sei und „diese neuronale Schutzschicht ja bei MS zerstört wird“. Hohe Serum-Cholesterinspiegel sind aktuellen Arbeiten zufolge mit spezifischen MS-Veränderungen assoziiert, so Teunissen. Statine hätten sich in präklinischen Studien als erfolgversprechender therapeutischer Ansatz erwiesen, die Ergebnisse erster klinischer Untersuchungen hätten die Erwartungen bislang jedoch nicht erfüllt. Zudem könnte ein spezieller Metabolit des Cholesterins, 24S-Hydroxycholesterin, mit dem Gehirnvolumen korrelieren. Ob erhöhte Spiegel dieses Metaboliten als Zeichen einer MS-Progression interpretiert werden können, wird derzeit von der niederländischen Forscherin an einem Mausmodell untersucht.
Einen bemerkenswerten Zusammenhang zwischen MS und Psychosen stellte Dr. Sreeram Ramagopalan, Evidera London, UK, in der Late- Breaking-News-Session vor (LB1.5). Demnach haben Patienten mit MS ein signifikant höheres Risiko, an Schizophrenie und bipolaren Störungen zu erkranken, als körperlich gesunde Kohorten. Diese erhöhte Inzidenz betreffe Männer und Frauen mit MS gleichermaßen, so Ramagopalan und folgert: Zum einen müsse weiter erforscht werden, ob zwischen den beiden Krankheitsbildern – MS und Schizophrenie/bipolare Störungen – ätiologische Gemeinsamkeiten bestünden, zum anderen müsste MSBetreuungspersonal über mögliche Assoziation aufgeklärt werden, um die rechtzeitige Diagnose und Behandlung dieser psychiatrischen Erkrankungen zu sichern.

Schäden reparieren, Funktion wieder herstellen

Für Patienten mit fortgeschrittener MS stellt sich die Frage, ob bestehende Schäden noch repariert und damit Funktionen wieder hergestellt werden können. Große Hoffnung wird, wie in vielen Teilgebieten der Medizin, in Stammzelltherapie gesetzt. Erste Ansätze zumindest zur Sicherheit dieses Verfahrens wurden in Boston präsentiert: In einer kleinen Phase-I-Studie untersuchte eine Arbeitsgruppe um Dr. Jeffrey Cohen, Cleveland Clinic, Cleveland, OH, USA, die Sicherheit einer Stammzelltherapie (PS1.5). Denn mithilfe mesenchymaler Stammzellen könnten, so die Autoren, Immunmechanismen beeinflusst und die natürlichen Reparationsmechanismen von Gewebe verstärkt werden. Teilgenommen haben 24 MS-Patienten (EDSS 3,0-6,5) mit klinischer oder radiologisch nachweisbarer Progression in den letzten zwei Jahren vor Studienbeginn. Fazit: Diese Phase-I-Studie bestätigt die Durchführbarkeit, Sicherheit und Verträglichkeit einer solchen autologen Stammzelltransplantation, es gab auch keinen negativen Einfluss auf die Krankheitsaktivität. Die Wirksamkeit müsse aber in weiterführenden, größeren Studien überprüft werden, so die Autoren.
Das zunehmende Interesse an Stammzelltherapie wirft auch die Frage auf, wie diese in ausreichenden Mengen generiert werden können. In einer experimentellen Arbeit beschreibt eine britisch-italienische Arbeitsgruppe um Dr. Stefano Pluchino (University of Cambridge, UK) eine Methode, Hautzellen oder andere reife Zellen in Stammzellen umzuprogrammieren, die als „induced pluripotent stem cells“ bezeichnet werden (PS1.3). Am Mäusemodell sei es mithilfe neuer Technologien gelungen, Hautzellen in nur einem Arbeitsschritt in Gehirnstammzellen zu transformieren, so Pluchino.
Ein Schlüssel könnte auch Klotho sein. Klotho ist eine 1997 entdeckte Genmutation, die Abnahme von Klotho ist mit einem Myelindefizit assoziiert, wie Dr. Carmela Abraham, Boston University School of Medicine, USA, ausführt (LB1.7). Demnach könnte die Entwicklung von Klothoverstärkenden Substanzen zur Reparatur von Myelinschäden beitragen.

Neue Ansätze bei der MS-Therapie

Neben Studien und Subgruppenanalysen von zugelassenen MS-Therapeutika wurden in Boston auch experimentelle Therapien mit unterschiedlichen Ansätzen vorgestellt. Noch nicht zugelassen, aber im fortgeschrittenen Stadium der Entwicklung befinden sich unter anderem folgende Substanzen: der Immunmodulator Laquinimod, der humanisierte monoklonale CD20-Antikörper Ocrelizumab und der humanisierte IL2-Antikörper Daclizumab. Potenzielle remyelinisierende Substanzen sind beispielsweise Anti-LINGO1 (Phase-II) und rHIgM22 (Phase-II) sowie COG112 und NRx112 – beide noch in sehr frühen Entwicklungsstadien. Die Fülle der bestehenden und zukünftigen Behandlungsmöglichkeiten eröffne jedenfalls weitere Chancen für die heute in vielen Gebieten der Medizin angestrebte personalisierte Therapie, waren sich die Experten in Boston einig. Diese vielfältigen Möglichkeiten stellen aber gleichzeitig die große Herausforderung dar: Wird es in Zukunft möglich sein, jene Patienten punktgenau zu identifizieren, die von der einen oder anderen Therapie am meisten profitieren? Dr. Suhayl Dhib-Jalbut, Ruttgers Robert Wood Johnson Medical School, New Brunswick, NJ, USA, unterstreicht in seiner Präsentation jedenfalls die Notwendigkeit, in Zukunft neue und vor allem verlässliche Biomarker als Maß für die Wirksamkeit der verschiedenen Behandlungsmöglichkeiten bei einzelnen Patienten zu entwickeln (PS7.2).

Autor: Dr. Uli Kiesswetter

„MS-Boston 2014“, gemeinsame Jahrestagung von ACTRIMS und ECTRIMS, Boston, 10–13.9.14

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