1. ÖGPB Newsletter 2026

PD Dr. med. univ. Dr. scient. med. Lucie Bartova

PD Dr. med. univ. Dr. scient. med. Lucie Bartova

Schatzmeisterin der ÖGPB

Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinische Universität Wien

em. O. Univ.-Prof. Dr. h. c. mult. Dr. med. Siegfried Kasper

em. O. Univ.-Prof. Dr. h. c. mult. Dr. med. Siegfried Kasper

Präsident-Stellvertreter der ÖGPB

Hirnfoschungszentrum
Abt. für Molekulare Neurowissenschaft
an der Medizinischen Universität Wien

Univ.-Prof. Dr. Dan Rujescu

Univ.-Prof. Dr. Dan Rujescu

Präsident der ÖGPB

Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinische Universität Wien

Ketamin-basierte Therapien in der Psychiatrie: Innovation braucht Evidenz und Expertise

Lucie Bartova, Siegfried Kasper, Dan Rujescu

Die Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) steht für eine moderne, individualisierte und wissenschaftlich fundierte Behandlung psychiatrischer Erkrankungen. Es ist uns ein zentrales Anliegen, dass Patient:innen in Österreich stets eine State-of-the-Art-Therapie erhalten, die sich am aktuellen Stand der Wissenschaft und einer sorgfältigen fachärztlich-psychiatrischen Indikationsstellung orientiert.

Gerade innovative Therapien verdienen besondere Sorgfalt. Im Bereich ketaminbasierter Behandlungen ist festzuhalten, dass in Europa seit 2019 intranasales Esketamin für die antidepressive add-on Behandlung therapieresistenter depressiver Episoden zugelassen ist. Diese Therapie ist an einen klar definierten Anwendungsrahmen gebunden und soll entsprechend der Zulassung, im Rahmen einer adäquaten fachärztlich-psychiatrischen Gesamtbehandlung eingesetzt werden. Die zugelassene Anwendung betrifft also nicht beliebige ketaminbasierte Behandlungsformen, sondern ein klar reguliertes Verfahren mit spezifischen Sicherheits- und Monitoringanforderungen.

Mit Sorge beobachten wir daher Entwicklungen, bei denen von nicht fachärztlich-psychiatrisch ausgebildeten Expert:innen intravenöse Ketamintherapien bei psychiatrischen Erkrankungen außerhalb dieses zugelassenen Rahmens angeboten werden, teils auch in Kombination mit psychotherapeutischen Settings, die den Eindruck einer besonders innovativen oder umfassenden Versorgung vermitteln. Dabei ist klar zu unterscheiden: IV-Ketamin ist nicht mit der zugelassenen intranasalen Esketamintherapie gleichzusetzen. Solche Anwendungen bewegen sich außerhalb der regulären Zulassung und erfordern daher besondere Zurückhaltung, hohe fachliche Verantwortung und eine sehr sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung.

Aus Sicht der ÖGPB sollten Behandlungen von Patient:innen mit therapieresistenten depressiven Erkrankungen und anderen psychiatrischen Erkrankungen nur durch bzw. unter enger Verantwortung von Fachärzt:innen für Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin mit entsprechender Expertise erfolgen. Denn Voraussetzung für einen verantwortungsvollen Einsatz solcher Therapien sind eine präzise psychiatrische Diagnostik, eine differenzierte Indikationsprüfung, die Einbettung in ein evidenzbasiertes Gesamtkonzept sowie eine qualifizierte Begleitung vor, während und nach der Behandlung.

Besonders wichtig erscheint uns auch der Hinweis, dass derzeit keine ausreichende Evidenz besteht, um sogenannte ketamin-assistierte Psychotherapie als Standardempfehlung zu propagieren. Zwar gibt es erste interessante Ansätze und Hypothesen, jedoch ist die Datenlage bislang nicht robust genug, um daraus eine allgemeine Empfehlung für die Routineversorgung abzuleiten.

Wenn vielversprechende Therapien nicht lege artis und nicht in ausreichender psychiatrischer Expertise angewendet werden, kann dies Patient:innen schaden, zu Verunsicherung führen und langfristig auch das Vertrauen in innovative, vielversprechende Therapien untergraben. Gerade in einem weiterhin stigmatisierten Fach wie der Psychiatrie und der Psychotherapeutischen Medizin ist es entscheidend, dass neue Therapien mit hoher fachlicher Kompetenz, klinischer Umsicht und im Einklang mit der Evidenz eingesetzt werden. Die ÖGPB bekennt sich daher ausdrücklich dazu, Innovation und Verantwortung stets gemeinsam zu denken und anzuwenden.