2. ÖGPB Newsletter 2026

PD Dr. med. univ. Dr. scient. med. Lucie Bartova
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien
Schatzmeisterin der ÖGPB

Dr.in med.univ. Dr.in scient.med. Ana Weidenauer
Universitätsklinik für Psychiatrie und Psychotherapie an der Medizinischen Universität Wien

Prim. A.D. Dr. med. Florian Buchmayer
Facharzt für Psychiatrie u. Psychotherapeutische Medizin
ÖGPB Vorstandsmitglied
Long COVID, ME/CFS und PAIS: neurobiologisch fundiert denken, differenziert behandeln
Priv. Doz. DDr. Lucie Bartova, DDr. Ana Weidenauer, Prim. Dr. Florian Buchmayer
Die Österreichische Gesellschaft für Neuropsychopharmakologie und Biologische Psychiatrie (ÖGPB) steht für eine moderne und wissenschaftlich fundierte Behandlung von Erkrankungen, die das Gehirn betreffen. Gerade bei komplexen postinfektiösen Krankheitsbildern wie Long COVID, ME/CFS und anderen postakuten Infektionssyndromen (PAIS) ist eine differenzierte, unvoreingenommene und multidisziplinäre klinische Betrachtung wesentlich.
Long COVID und ME/CFS sind schwerwiegende Multisystemerkrankungen, die mit erheblicher funktioneller Einschränkung, Verlust an Lebensqualität und nicht selten auch mit Erwerbsunfähigkeit einhergehen. Eine adäquate Versorgung setzt voraus, diese Erkrankungen ernst zu nehmen, sorgfältig differentialdiagnostisch einzuordnen und weder zu bagatellisieren noch vorschnell einseitig zu deuten. Ebenso wichtig ist es, neuropsychiatrische Symptome nicht aus Sorge vor sog. „Psychologisierung“ aus dem Blick zu verlieren.
Aus Sicht der ÖGPB ist die Gegenüberstellung von „psychisch“ und „somatisch“ bei diesen Erkrankungen wenig hilfreich. Das Gehirn ist Teil des Körpers und eines seiner zentralen Regulationsorgane. Psychiatrische Erkrankungen und neuropsychiatrische Symptome sind biologisch real und mit Veränderungen zentraler neurobiologischer Systeme verbunden. Eine moderne Psychiatrie und Psychotherapeutische Medizin versteht sie daher nicht als Gegensatz zu somatischer Medizin, sondern als deren integralen Bestandteil.
Klinisch zählen neuropsychiatrische Symptome zu den häufigsten und belastendsten Manifestationen von Long COVID und ME/CFS. Dazu gehören Erschöpfung, kognitive Einschränkungen, Schlafstörungen, depressive Symptome, Angstsymptome, Reizüberempfindlichkeit, Schmerzen sowie vegetative Beschwerden im Sinne einer autonomen Dysregulation. Diese Symptome lassen sich nicht sinnvoll entlang einer künstlichen Grenze zwischen Psyche und Körper aufteilen, sondern spiegeln die Beteiligung zentraler neurobiologischer Regelkreise wider.
Aktuelle Arbeiten zu Long COVID und verwandten postinfektiösen Syndromen beschreiben unter anderem neuroinflammatorische Prozesse, Störungen der Neuroplastizität, zerebrovaskuläre Dysfunktionen, Veränderungen der Stressachsenregulation und Neurotransmitterdysbalancen. Diese Befunde relativieren das Krankheitsbild keineswegs, sondern unterstreichen seine biologische Komplexität und weisen auf therapeutisch sinnvolle Zielstrukturen hin.
Vor diesem Hintergrund erscheint der gezielte Einsatz zentral wirksamer Pharmakotherapien bei ausgewählten Symptomkonstellationen neurobiologisch plausibel. Psychopharmaka sind nicht ausschließlich als Behandlungen klassischer psychiatrischer Diagnosen zu verstehen, sondern als Substanzen, die auf zentrale Regelkreise wirken – etwa auf Neurotransmission, Neuroplastizität, Schlaf-Wach-Regulation, Stressverarbeitung, Schmerzmodulation und inflammatorische Signalwege. Entsprechend können sich neuropsychiatrische Therapiestrategien auch auf Beschwerden wie Schlafstörungen, Schmerz, kognitive Dysfunktion, Fatigue oder autonome Dysregulation positiv auswirken.
In der klinischen Praxis werden bei Long COVID und ME/CFS bereits Psychopharmaka off-label eingesetzt und wissenschaftlich evaluiert, die in der Behandlung depressiver- und Angsterkrankungen seit langem etabliert sind. Dazu zählen unter anderem evidenzbasierte Phytotherapeutika, Antidepressiva sowie ausgewählte Augmentationsstrategien, wie z. B. Silexan, SSRIs, SNRIs, Trazodon, Mirtazapin, Bupropion, Vortioxetin, Tianeptin, Agomelatin, sowie Pregabalin, Aripiprazol, Daridorexant und (Es)Ketamin. Diese Ansätze erfordern neben weiterer wissenschaftlicher Evaluation eine präzise Indikationsstellung, sorgfältige Nutzen-Risiko-Abwägung und engmaschige Verlaufsbeurteilung – und damit jene fachärztlich-psychiatrische Expertise, die für ihren verantwortungsvollen Einsatz wesentlich ist.
Aus Sicht der ÖGPB bedeutet die psychiatrische Behandlung von Menschen mit Long COVID, ME/CFS oder PAIS nicht, diese Erkrankungen zu psychologisieren. Sie bedeutet vielmehr, die Beteiligung des Gehirns ernst zu nehmen. Psychiatrische Expertise ersetzt dabei keine neurologische, immunologische, internistische, rehabilitative oder allgemeinmedizinische Versorgung, sondern ergänzt sie als notwendigen Bestandteil eines multidisziplinären Behandlungskonzepts.
Der öffentliche Wunsch, Betroffene vor Stigmatisierung und Fehlzuschreibungen zu schützen, ist berechtigt und wichtig. Gleichzeitig sollte die Sensibilität gegenüber sogenannter Psychologisierung nicht dazu führen, dass aufgrund potentieller Missverständnisse hilfreiche neuropsychiatrische Behandlungsansätze vorenthalten werden. Eine Versorgung, die psychiatrische Behandlung aus Sorge vor Fehlzuschreibungen grundsätzlich vermeidet, kann unbeabsichtigt dazu beitragen, psychiatrische Medizin als weniger biologisch, weniger legitim oder weniger relevant erscheinen zu lassen als andere medizinische Disziplinen.
Die ÖGPB spricht sich daher klar für eine Versorgung aus, die weder psychologisiert noch entbiologisiert, sondern integriert. Long COVID, ME/CFS und PAIS erfordern wissenschaftliche Redlichkeit, klinische Differenzierung und multidisziplinäre Zusammenarbeit. Wenn das Gehirn im Rahmen einer Multisystemerkrankung betroffen ist, sollen auch seine Symptome fachgerecht diagnostiziert und behandelt werden – verantwortungsvoll, evidenzorientiert und im Sinne der bestmöglichen Lebensqualität und Funktionalität der betroffenen Menschen.
- 92. ÖGPB Newsletter 2026
- 91. ÖGPB Newsletter 2026
- 94. ÖGPB Newsletter 2025
- 93. ÖGPB Newsletter 2025
- 92. ÖGPB Newsletter 2025
- 91. ÖGPB Newsletter 2025
- 92. ÖGPB Newsletter 2024
- 91. ÖGPB Newsletter 2024
- 92. ÖGPB Newsletter 2023
- 91. ÖGPB Newsletter 2023
- 9 3. ÖGPB Newsletter 2022
- 92. ÖGPB Newsletter 2022
- 91. ÖGPB Newsletter 2022
- 93. ÖGPB Newsletter 2021
- 92. ÖGPB Newsletter 2021
- 91. ÖGPB Newsletter 2021
- 94. ÖGPB Newsletter 2020
- 93. ÖGPB Newsletter 2020
- 92. ÖGPB Newsletter 2020
- 91. ÖGPB Newsletter 2020
